# taz.de -- Außenpolitik von Donald Trump: Durch und durch einseitig
> Der US-Angriff auf Venezuela und die Entführung Maduros waren nicht nur
> völkerrechtswidrig, sondern vor allem auch strategisch fragwürdig.
(IMG) Bild: Happy Oil, happy Trump: Der US-Präsident hält bei einem Meeting mit Köpfen der Öl-Industrie einen „Happy Trump“-Pin in die Kamera
Nicolás Maduro ist nun der ehemalige Präsident Venezuelas, ein Gefangener
in US-Gewahrsam. Seine [1][Entmachtung durch US-Spezialeinheiten] ist
jedoch eher als das Ende des Anfangs denn als der Anfang vom Ende zu
verstehen. Sicherlich werden nur wenige Menschen in Venezuela oder anderswo
Maduros Absetzung betrauern. Er war ein Autokrat, der Wahlen manipulierte,
sein Volk unterdrückte, die Wirtschaft seines Landes trotz enormer
Ölreserven zugrunde richtete und mit Drogen handelte.
Das bedeutet jedoch nicht, dass diese Militäroperation gerechtfertigt oder
klug war. Der Angriff ist [2][eindeutig völkerrechtswidrig]. Aber mehr
noch: Ihr strategischer Wert ist fragwürdig. Maduro stellte kaum eine
unmittelbare Bedrohung für die Vereinigten Staaten dar. Man sollte sich
nichts vormachen: Es gab keine militärische Notwendigkeit für die
Operation.
Es gibt einige oberflächliche Ähnlichkeiten zwischen dem Angriff auf
Venezuela und der von Präsident George H. W. Bush 1989 gestarteten
Operation zur Absetzung des panamaischen Machthabers Manuel Noriega. Aber
gegen Noriega gab es stärkere rechtliche Argumente, die nicht nur Drogen,
sondern auch die Ermordung eines US-Soldaten betrafen. Und es gab
berechtigte Bedenken hinsichtlich der Bedrohung für in Panama stationiertes
US-Militärpersonal und der Sicherheit des Panamakanals selbst.
Die Entscheidung, Venezuela ins Visier zu nehmen, offenbart die
geopolitischen Motive von Präsident Donald Trump. Die Hauptpriorität, so
Trump während seiner Pressekonferenz nach der Operation, sei der Zugang der
USA zu den Ölreserven Venezuelas –den größten Ölreserven der Welt. Zu den
sekundären Zielen gehörten, so behauptete es Trump zumindest, die
Beendigung der Beteiligung Venezuelas am Drogenhandel, die Unterstützung
derjenigen, die das Land verlassen haben, bei der Rückkehr in ihre Heimat
und die Verschärfung des Drucks auf Kuba, das stark von subventioniertem
venezolanischem Öl abhängig ist, um seine angeschlagene, sanktionierte
Wirtschaft zu stützen.
## Wir haben es kaputt gemacht, jetzt gehört es uns
Es wäre jedoch äußerst voreilig, die Operation als Erfolg zu bezeichnen. Es
ist eine Sache, eine Person aus ihrem Amt zu beseitigen. Eine grundlegend
andere und schwierigere Aufgabe ist es, ein Regime zu beseitigen und durch
etwas dauerhaft Besseres zu ersetzen. In Bezug auf Venezuela gilt die
„Pottery Barn Rule“ des ehemaligen Außenministers Colin Powell: Wir haben
es kaputt gemacht, also gehört es jetzt uns.
Trump hat erklärt, dass die USA „Venezuela regieren“ würden. Details sind
rar, und [3][ob dies eine Besatzungsarmee erfordern würde, ist unklar.]
Eines ist zumindest derzeit sicher: Die Trump-Regierung zieht es vor, mit
den Überresten des bestehenden Regimes zusammenzuarbeiten (sie scheint eine
Einigung mit Maduros Vizepräsidenten erzielt zu haben, der nun die
Regierung leitet), anstatt die Opposition zu stärken. Dies steht im
Einklang mit einer Politik, die von der Aussicht auf wirtschaftliche
Gewinne motiviert ist und nicht vom Wunsch, die Demokratie zu fördern und
die Menschenrechte zu schützen.
Selbst wenn man alle potenziellen Probleme außer Acht lässt, aber das
Hauptproblem – ein [4][Zusammenbruch der politischen Ordnung] – sollte
offen anerkannt werden. Regimefreundliche Kräfte in Venezuela werden
weiterhin aktiv sein, die Opposition ist alles andere als geeint und könnte
sich gegen eine Ausgrenzung wehren. Solche Unbekannten könnten die USA vor
schwierige politische Entscheidungen stellen. Was wären sie bereit zu tun,
um entsprechende Entwicklungen zu beeinflussen, sollten diese außer
Kontrolle geraten.
Trumps Militäroperation verkörpert das Wesen seiner Außenpolitik. Sie ist
durch und durch einseitig. Sie schenkt der Legalität oder der
internationalen Meinung wenig Beachtung. Sie legte den Schwerpunkt eher auf
die amerikanische Hemisphäre als auf Europa, den indopazifischen Raum oder
den Nahen Osten. Das Ziel ist wirtschaftlicher Gewinn, in diesem Fall der
Zugang zu Ölreserven, und die Stärkung der inneren Sicherheit, was die
Besorgnis über Drogen und Einwanderung widerspiegelt. Zu diesen
geostrategischen Zwecken setzt Trump Militärgewalt ein, aber in begrenztem
Umfang.
## Der Präzedenzfall, den es schafft
Der größte Nachteil des US-Angriffes in Venezuela [5][könnte der
Präzedenzfall sein], den sie schafft, indem sie das Recht der Großmächte
bekräftigt, in ihrem Hinterhof gegen Führer zu intervenieren, die sie als
illegitim oder als Bedrohung ansehen. Man kann sich nur vorstellen, wie der
russische Präsident Wladimir Putin, der die „Entnazifizierung“ der Ukraine
und die Absetzung von Präsident Wolodymyr Selenskyj fordert, zustimmend
nickt. Trumps Militäroperation in Venezuela macht eine Verhandlungslösung
für den Krieg zwischen Russland und der Ukraine noch unwahrscheinlicher als
ohnehin schon.
Eine ähnliche Reaktion ist in China zu erwarten, das Taiwan als abtrünnige
Provinz und dessen Regierung als illegitim betrachtet. Das bedeutet nicht,
dass Präsident Xi Jinping plötzlich seine Ambitionen in Bezug auf Taiwan in
die Tat umsetzen wird, aber die Ereignisse in Venezuela könnten sein
Vertrauen stärken, dass er Erfolg hätte, wenn er die Insel invadieren,
belagern oder auf andere Weise unter Druck setzen würde.
Die Operation zur Absetzung Maduros macht deutlich: Die kürzlich
veröffentlichte [6][Nationale Sicherheitsstrategie] der USA sollte absolut
ernst genommen werden. Die Trump-Regierung bestrachtet die westliche
Hemisphäre als eine Region, in der die Interessen der USA Vorrang haben.
Russland und China werden dies als Zeichen dafür begrüßen, dass Trump ihre
Vision einer in Einflusssphären aufgeteilten Welt teilt, in der die
Regierungen in Moskau und Peking jeweils in Teilen Europas und im
Indopazifik die Oberhand haben. Eine seit 80 Jahren bestehende Weltordnung
steht kurz davor, durch drei regionale Ordnungen ersetzt zu werden, die
alles andere als geordnet – oder frei – sein dürften.
11 Jan 2026
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## AUTOREN
(DIR) Richard Haass
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