# taz.de -- Antideutsche und Nahostkonflikt: Antifa gespalten
> Der linke Stadtteil Connewitz in Leipzig ist auch für seine
> „antideutsche“ Szene bekannt. Propalästinensische Aktivist*innen
> gehen gegen sie am 17. Januar auf die Straße.
(IMG) Bild: Leipzig-Connewitz: Hier könnten die verfeindeten Fraktionen der Antifa am 17. Januar aufeinandertreffen
Ein Konflikt, der in Leipzig schon lange gärt, wird bald auf der Straße
ausgetragen werden: Für Samstag, den 17. Januar rufen verschiedene
antiimperialistische Bündnisse zu einer Demo unter dem Motto „Antifa heißt
Free Palestine“ im Stadtteil Connewitz auf. In Connewitz, bundesweit
bekannt als linksradikales Szeneviertel, ist die „antideutsche“ Szene stark
vertreten – eine sich als linksradikal verstehende Strömung, die sich
besonders durch ihre Solidarität mit dem Staat Israel auszeichnet.
Gegenproteste von dieser Seite sind bereits angekündigt.
Connewitz entwickelte sich in den 90er Jahren durch Hausbesetzungen von
Punks und Autonomen zu einer antifaschistischen Hochburg, einer linken
Insel in einem ansonsten durch rechte Hegemonie geprägten Sachsen. 2016
machte das Viertel Schlagzeilen, als einige Hundert Neonazis den Ort
überfielen, Einwohner*innen bedrohten und randalierten. Heute verbinden
viele den Stadtteil im Leipziger Süden mit linken Silvesterkrawallen, dem
Club Conne Island oder mit der Antifaschistin Lina E., die dafür verurteilt
wurde, gemeinsam mit anderen Linken sächsische Neonazis angegriffen zu
haben.
Die zu erwartende Konfrontation zwischen propalästinensischen
Demonstrierenden und „antideutschem“ Gegenprotest in Connewitz ist die
bisher beispiellose Zuspitzung [1][eines Streits zwischen zwei Lagern, die
mit Blick auf den Nahostkonflikt über linke Deutungshoheit streiten]. Noch
brisanter wird die Situation dadurch, dass die rechtsextreme Kleinpartei
Freie Sachsen die Palästinademo wohlwollend [2][als Schlag gegen die
„Antifa-Hochburg Connewitz“ kommentiert hat].
## "Weiße Zone" Connewitz
„Connewitz gilt im Verständnis vieler seiner Bewohner als
antifaschistisches Viertel. Zugleich ist es der Stadtteil mit den meisten
Übergriffen auf palästinasolidarische Menschen in Leipzig“, heißt es im
Aufruf zur Palästinademo, organisiert von der Connewitzer Aktionsgruppe
Lotta Antifascista. In den letzten Jahren sei in Leipzig jedoch eine „neue
Linke“ entstanden: „Für sie ist, wie überall sonst auf der Welt, jenseits
von weißen Zonen wie Connewitz, konsequenter Antifaschismus
antikapitalistisch, antiimperialistisch, antizionistisch.“
Tatsächlich ist die „antideutsche“ Position eine bundesdeutsche
Besonderheit. Die Strömung entstand Anfang der 90er Jahre in Reaktion auf
den erstarkenden Nationalismus im Zuge der deutschen Wiedervereinigung. Aus
der Ablehnung des Nationalsozialismus und des Verbrechens der Schoah zog
man den Schluss, es brauche bedingungslose Unterstützung für den Staat
Israel als Zufluchtsort für Jüd*innen. Als wichtige Medien gelten die
Zeitschrift Bahamas oder die Jungle World – das Label „antideutsch“ wird
inzwischen jedoch häufig als Fremdzuschreibung oder Verkürzung abgelehnt.
International verbreiteter ist unter Linken eine antiimperialistische
Haltung, die sich durch eine Kritik sowohl an den USA als Hegemonialmacht
als auch am Staat Israel auszeichnet, der aus dieser Perspektive als
Ethnostaat gesehen wird, der für die völkerrechtswidrige Besatzung,
Vertreibung und Unterdrückung der palästinensischen Bevölkerung
verantwortlich ist.
In Leipzig stehen sich das antiimperialistische und das „antideutsche“
Lager seit der Eskalation des Nahostkonflikts durch den Überfall der Hamas
auf Israel am 7. Oktober 2023 und den darauffolgenden Gazakrieg besonders
unversöhnlich gegenüber. Zu den propalästinensischen Gruppen, die zur
Beteiligung an der kommenden Demo aufrufen, gehören unter anderem Handala
Leipzig, Students for Palestine Leipzig und Migrantifa Leipzig. Sie
beklagen in den sozialen Medien Anfeindungen, denen sie und migrantische
Personen in den vergangenen Jahren vonseiten der „antideutschen“ Szene
ausgesetzt gewesen seien.
Im Oktober 2023 etwa wurde das migrantische Hausprojekt Casa im Leipziger
Westen angegriffen, indem Scheiben mit Gläsern voll Schweinefett
eingeworfen wurden – „als gezielte islamfeindliche Demütigung“, heißt es
von den palästinasolidarischen Gruppen.
Ein Jahr später, im Oktober 2024, kursierten Videoaufnahmen von einem
Infostand der Students for Palestine Leipzig vor der Hochschule für
Technik, Wirtschaft und Kultur. Darin ist zu sehen, wie einige schwarz
gekleidete und vermummte Personen schubsend und teils schlagend in die
Menge der am Infostand Versammelten dringen.
Als zentrale Treffpunkte für „antideutsche“ Personen und Gruppen markieren
die propalästinensischen Bündnisse vor allem das Connewitzer Projekt- und
Linke-Abgeordnetenbüro linXXnet und das Conne Island, den Club im Süden von
Connewitz, der aufgrund proisraelischer Positionen in den vergangenen
Jahren zunehmend Ziel von Boykottaufrufen wurde. Die baldige Demonstration
soll deshalb bewusst an diesen beiden Orten entlangführen.
Auch die Linke-Politikerin Juliane Nagel, sächsische Landtagsabgeordnete
und Mitglied im Leipziger Stadtrat, wird von den Organisator*innen der Demo
beschuldigt, gewaltsame Aktionen gegen palästinasolidarische Projekte und
Personen zumindest zu relativieren. Als Reaktion veröffentlichte Nagel
gemeinsam mit linXXnet ein Statement, in dem wiederum den
antiimperialistischen Bündnissen vorgeworfen wird, Spaltung zu betreiben.
„Die Mobilisierung am 17. Januar richtet sich gezielt gegen linke Orte,
einen gesamten Stadtteil und seine Bewohner*innen“, heißt es in dem
Statement. „Wer linke Räume bedroht und Gewalt oder Denunziation
normalisiert, handelt nicht antifaschistisch, sondern betreibt Spaltung im
Sinne von Rechten und Staat.“ Die Mobilisierung zum 17. Januar arbeite mit
Falschdarstellungen und setze auf Einschüchterung, heißt es weiter.
Abgeschlossen wird mit der Ankündigung, dass das linXXnet auch während der
Demo geöffnet sein werde.
## Aufruf zur Gegendemo von der AG "Shalom"
Die Landesarbeitsgemeinschaft Shalom der Linkspartei Sachsen ruft zu einer
Gegendemo auf: „Am 17. Januar mobilisieren autoritäre und antisemitische
Gruppen nach Leipzig-Connewitz“, so ihre Einschätzung. Die
Arbeitsgemeinschaft rufe „alle dazu auf, sich am Protest gegen die
Antisemit:innen zu beteiligen“.
Den Antisemitismusvorwurf findet Max Klindt, der seinen wirklichen Namen
nicht in der Zeitung lesen will, falsch. Er gehört zum Connewitzer Bündnis
Lotta Antifascista, das die Palästinademo organisiert. „Nur weil man eine
deutliche Kritik am Staat Israel hat, ist man noch lange kein Antisemit“,
sagt er zur taz. Wenn sich jemand an einer der palästinasolidarischen
Gruppen beteiligen wolle, „der tatsächlich irgendeinen antisemitischen Müll
redet, dann wird der sofort rausgeworfen“, so Klindt.
Er selbst sei in Connewitz geboren und aufgewachsen, sei dort auch lange
zufrieden gewesen. „Seit dem 7. Oktober ist es für Menschen, die sich hier
im Viertel irgendwie palästinasolidarisch zeigen, aber besonders
schwierig“, erklärt er. Klindt selbst sei bereits mehrfach in gewalttätige
Auseinandersetzungen geraten, weil er oder seine Begleitung eine Kufija
getragen habe: „Ich selbst habe mal einen Faustschlag ins Gesicht bekommen.
An einem anderen Abend war ich dabei, als jemand mit einem Fahrradschloss
geschlagen wurde – die Angreifer wirken dabei oft alkoholisiert.“
Der Aktivist erklärt, dass es nicht die Absicht der Demonstration sei, den
Stadtteil oder Personen wie Juliane Nagel „anzugreifen“. „Bei in der
Öffentlichkeit stehenden Politiker*innen scheint es uns aber legitim, auch
Protest zu üben“, sagte er. Das Bündnis rechne mit etwa 1.000
Demonstrierenden, die teilweise auch aus Städten wie Berlin, Dresden oder
Hamburg anreisen würden, sagt Max Klindt. Ob es angesichts der
angekündigten Gegenproteste zu gewalttätigen Auseinandersetzungen komme,
hänge seiner Einschätzung nach auch vom Polizeiaufgebot ab.
10 Jan 2026
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## AUTOREN
(DIR) Anselm Mathieu
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