# taz.de -- Mentale Gesundheit: Was Arbeit kostet
       
       > Immer dienstags geht Ronald Engert zu den Anonymen Unterverdienern. Erst,
       > weil er mehr Geld verdienen will. Dann, um seinen Selbstwert aufzubauen.
       
 (IMG) Bild: Ronald Engert zuhause in seiner Wohnung in Berlin-Schöneberg
       
       Wie alle im Meeting stellt sich Ronald Engert vor, bevor er sagt, was er zu
       sagen hat: „Hi, I’m Ron, I’m an underearner and I’m in Berlin.“ Knapp 15
       Stimmen antworten mehr oder weniger synchron aus dem Laptop: „Hi Ron.“
       Ronald Engert sitzt auf einem Sofa in einem gemütlichen Seminarraum mit
       Holzmöbeln und Teeküche im [1][HeileHaus], einem Gesundheitszentrum mit
       ganzheitlichem Ansatz in Berlin-Kreuzberg. Die Sonne scheint ihm an diesem
       Augustnachmittag ins Gesicht – bis eine der anderen beiden Teilnehmerinnen
       hier im Raum die Gardinen zuzieht. Ronald Engerts dreiminütige Redezeit
       beginnt.
       
       Jeden Dienstagnachmittag findet im HeileHaus das Treffen der Anonymen
       Unterverdiener statt. Die Anonymen Unterverdiener folgen dem
       Zwölfschritteprogramm der Anonymen Alkoholiker und wurden 2005 in den USA
       gegründet. Ein paar Jahre später schloss sich auch in Deutschland eine
       Gruppe zusammen: Menschen, die in schlecht bezahlten Jobs festhängen, denen
       die Selbstständigkeit missglückt ist oder die arbeitslos sind. Viele von
       ihnen leiden unter Stress, Erschöpfung, an Suchtkrankheiten und unter einem
       geringen Selbstwertgefühl.
       
       Bei den Treffen in Berlin wird Deutsch und Englisch gesprochen, man kann
       vor Ort teilnehmen oder online von überall auf der Welt. Als sich Ronald
       Engert und die zwei weiteren Vor-Ort-Teilnehmerinnen an diesem Dienstag
       dazuschalten, ist es schon wenige Minuten nach fünf. Die Uhr, die über der
       Tür am anderen Ende des Raums hängt, geht nach und zeigt kurz vor fünf.
       
       Als Engert das bemerkt, erschrickt er und packt hektisch seinen Laptop aus,
       um ihn auf einen Stuhl zu stellen. Pünktlichkeit ist wichtig: Um Punkt 17
       Uhr fängt das Meeting an, und um Punkt 18 Uhr hört es auf. Das sei streng
       getaktet, denn Unterverdiener*innen würden zu Unstrukturiertheit
       neigen, sagt Ronald Engert.
       
       ## Wochenziele definieren
       
       Engert, Jahrgang 1961, weiße Haare und eckige Brille, möchte ein Buch
       veröffentlichen. Er erzählt den anderen Unterverdiener*innen, dass ihm der
       Fokus fehle, geschrieben habe er das Buch zwar schon, aber das
       Veröffentlichen falle ihm sehr schwer. „Ich habe Angst, meine eigene
       Kreativität zu zeigen. Ich möchte mich am liebsten verstecken“, sagt er auf
       Englisch mit südhessischem Akzent. Die zwei Frauen im Raum und die Menschen
       auf etwa 15 Zoom-Kacheln, davon acht mit Bild, hören Engert aufmerksam zu.
       
       Eine Frau, die heute die Rolle der Zeitwächterin übernimmt, weist Engert
       nach exakt zwei Minuten darauf hin, dass ihm nur noch eine Minute bleibt.
       Engert nickt und sagt, dass er als „Schattenkünstler“ aktuell lieber die
       Kunst seiner Freundin unterstütze, anstatt sich um sein eigenes Werk zu
       kümmern. Eines der zwölf Symptome, die Unterverdiener*innen an sich
       wahrnehmen: „Verschenken unserer Zeit“. Das möchte Engert nun ändern. Sein
       nächstes Wochenziel: Exposés an Verlagshäuser schicken. Nach der dritten
       Minute unterbricht ihn die Zeitwächterin. Engerts Zeit ist um. Einige
       Stimmen bedanken sich.
       
       Eine der sogenannten zwölf Traditionen der Anonymen Alkoholiker – und damit
       auch der Anonymen Unterverdiener – legt fest, dass die Teilnehmenden „stets
       ihre persönliche Anonymität gegenüber Presse, Radio und Film wahren“. So
       steht es auf der Website. Dass eine Journalistin an einem dieser Meetings
       teilnehmen darf, hat Engert zuvor mit allen besprochen. Er möchte sich
       zeigen und darüber reden, wie es ist, nicht „im Reinen mit sich selbst zu
       sein und sich vor Schmerz in die Sucht zu flüchten“. Er spricht damit für
       sich allein und explizit nicht im Namen der Anonymen Unterverdiener.
       
       Sein Problem sei, sagt Engert, dass er seinen „eigenen Wert nicht
       anerkennen kann“. Deshalb gehe er zu den Anonymen Unterverdienern. Nicht
       mehr aus den finanziellen Gründen, die ihn 2016 zu der Gruppe führten.
       
       Nicht gut mit Kritik umgehen können, Ablehnung über Anerkennung stellen
       oder mal mit einem geringen Selbstwert durch den Tag gehen, das kennen
       viele Menschen. Das Unterverdienen aber, sagt Ronald Engert, ist „ein
       umfassendes Problem, das sich auf der psychischen sowie ökonomischen Ebene
       zeigt“. Auf der Website der Selbsthilfegruppe heißt es: „Es geht um
       Untererfüllung und Unter-Sein, egal wie viel Geld wir verdienen.“
       
       ## Die Folgen mentaler Gesundheit
       
       Statt bei einer Substanzsucht wie zum Beispiel bei Alkoholabhängigkeit
       handele es sich hier um eine Prozesssucht. Es zeigen sich zwanghafte
       Verhaltensweisen, „sein eigenes Potenzial nicht auszuschöpfen“, sagt
       Engert. Als „Rückfälle“ gelten hier: „Geld verbaseln, Zeit verplempern oder
       Jobs ablehnen.“ Wenig Geld zu verdienen, sei dabei eher das Resultat der
       Sucht. Eine Person mit geringem Einkommen ist also nicht automatisch ein*e
       Unterverdiener*in.
       
       Die mentale Gesundheit kann drastische Auswirkungen auf die
       Arbeitsfähigkeit und somit das Einkommen haben, sagt Felix Hussenöder vom
       Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health der
       Universität Leipzig. „Personen mit diagnostizierter psychischer Erkrankung
       haben eine geringere ‚Workability‘ “, sagt der Psychologe. Denn die
       psychischen Ressourcen seien Kernbestandteil der Arbeitsfähigkeit.
       Andersherum [2][würden Arbeitslosigkeit oder schlechte Arbeitsbedingungen
       die mentale Gesundheit] beeinträchtigen. Studien zeigten klar, dass es in
       beiden Richtungen einen Zusammenhang gebe, sagt Hussenöder.
       
       Dass Personen mit mentalen Problemen Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt
       haben, liege vor allem am Arbeitsmarkt, sagt hingegen die
       Politikwissenschaftlerin [3][Roswitha Pioch]. Sie lehrt als Professorin an
       der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Kiel. „Die kapitalistische
       Arbeitswelt, die auf Leistung und Effizienz ausgerichtet ist, ist
       grundsätzlich sehr schlecht in der Integration von Menschen, die von der
       Normvorstellung der Arbeitnehmenden abweichen, die entweder nicht die volle
       Stundenzahl arbeiten oder die nicht die volle Leistung bringen können.“ Da
       wollen die Treffen der Anonymen Unterverdiener Hilfe leisten. Selbsthilfe.
       
       ## In zwölf Schritten zum Selbstwertgefühl
       
       Zu Beginn des Berliner Meetings liest eine Teilnehmerin die zwölf Schritte
       der sogenannten Genesung vor. Eine Frau aus Kanada hat in dieser Sitzung
       eine leitende Funktion. Diese wechselt alle paar Wochen. Für alle Neuen
       empfiehlt die Frau mit überschwänglicher Stimme sechs Sitzungsteilnahmen,
       um einen Eindruck von der Gruppe und vom Programm zu bekommen, und weist
       auf die gemeinsame Whatsapp-Gruppe hin.
       
       Als Nächstes stellen sich alle einzeln vor: Vorname, Problem und Ort. Viele
       sind in den USA, manche in Litauen oder Finnland, und auch aus deutschen
       Städten schalten sich Menschen zu. Die Regeln während der Meetings: Nicht
       dazwischenreden und keine anderen Themen außer dem Unterverdienen
       ansprechen. Reaktionen oder Kommentare soll es keine geben. Das sei ein
       wichtiges spirituelles Prinzip des Zwölfschritteprogramms: Alle
       Teilnehmenden finden ihre Bedürfnisse selbst heraus. Sie lernen zwar aus
       den Erfahrungen der anderen, aber „Ratschläge sind auch Schläge“, sagt
       Ronald Engert.
       
       Dann liest eine Person die zwölf Symptome und die zwölf Werkzeuge vor. Für
       die heutige Sitzung wählt eine andere Person das Werkzeug Nummer sechs: „
       ‚Goals Pages‘ – Wir setzen Ziele für alle Bereiche unseres Lebens,
       schreiben sie auf, erfassen Fortschritte und belohnen den Erfolg.“ Alle,
       die möchten, können etwas zu diesem Thema sagen, niemand muss.
       
       Eine Person, die zum zweiten Mal teilnimmt, erzählt, dass sie
       alkoholabhängig sei, aber seit zehn Monaten nüchtern. Ronald Engert hebt
       jubelnd seine Faust. Aktuell hänge die Person in einem schlecht bezahlten
       Job. Ihr Ziel: mehr Geld verdienen. Weitere Personen sprechen von
       Schlafproblemen, Prokrastination oder Angst vorm Schreiben von Bewerbungen.
       Die Stimme einer Frau zittert, sie wischt sich Tränen aus dem Gesicht. Eine
       weitere Person teilt ihre Sehnsucht nach dem „American Dream“. Ronald
       Engert sagt lachend und mit ausgeschaltetem Mikrofon: „Typisch USA.“
       
       Nachdem etwa zehn Personen erzählt haben, was sie beim Thema „Zielsetzung“
       bewegt, benennen alle reihum ein Ziel für die kommende Woche. Es geht von
       ganz konkreten Aufgaben wie eine Bewerbung abschicken oder einen Finanzplan
       erstellen zu weniger konkreten Dingen wie „love myself“. Es sei eine sehr
       heterogene Gruppe mit unterschiedlichen Motivationen und Zielen, sagt
       Engert. Jede Person könne sich das Programm unterschiedlich auslegen. Je
       nach Situation ist die finanzielle Not größer oder kleiner. Einige sind
       aktuell joblos.
       
       Der Psychologe Felix Hussenöder sagt: „Arbeitslose Menschen sind häufiger
       von psychischen Erkrankungen betroffen.“ Die große finanzielle Belastung
       kann zu Existenzängsten und Stress führen. Faktoren wie die Tagesstruktur,
       das soziale Umfeld und das Gefühl der Selbstwirksamkeit, die häufig mit dem
       Job zusammenhängen, fallen weg. Hinzu kommt die [4][Stigmatisierung auf
       gesellschaftlicher und politischer Ebene.] „Arbeitslosen Personen wird oft
       Faulheit oder Unfähigkeit unterstellt“, sagt Hussenöder.
       
       Der Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und psychischen Krankheiten ist
       schon lange ein Thema. Die Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ hatte
       das schon 1933 beschrieben. Als Ende der zwanziger Jahre im Zuge der
       Weltwirtschaftskrise in einer Arbeiter*innensiedlung nahe Wien eine
       Fabrik schloss, wurden die Bewohner*innen plötzlich arbeitslos. Die
       Studie untersuchte die Folgen dieser andauernden Arbeitslosigkeit. Das
       Ergebnis: Sie führte nicht wie angenommen zur Revolte, sondern zu
       depressiven Erscheinungen wie Zurückgezogenheit, Resignation und
       Antriebsverlust. Symptome, die es erschweren, überhaupt in einen Job zu
       kommen.
       
       ## Wie Arbeit die Psyche beeinflusst
       
       Ronald Engert kennt das. Er wuchs in Südhessen auf. Sein Elternhaus
       bezeichnet er als „dysfunktional“: Verlust, Ausgrenzung, verdrängte
       Gefühle. Früh starben zwei seiner drei Geschwister. Einer der beiden hatte
       Trisomie 21 und starb mit 13 Jahren an Leukämie. Da war Ronald Engert elf
       Jahre alt. „So was ist natürlich eine Riesenhypothek“, sagt er.
       
       Engerts Eltern waren selbstständig, hatten eine Gärtnerei und einen
       Blumenladen, arbeiteten sehr viel. Sein Großvater, Alkoholiker, konnte
       nicht mit Geld umgehen. Engert bezeichnet ihn rückblickend auch als einen
       Unterverdiener. Denn sein Verhalten brachte die Familie in finanzielle
       Nöte. Engerts Großmutter sei „co-abhängig und jähzornig“ gewesen. „Manchmal
       hat sie uns angeschrien, gedemütigt und geschlagen“, sagt er.
       
       Nach der Schule fing Engert an, Germanistik und Philosophie in Frankfurt am
       Main zu studieren. Mit Mitte 20 rutschte er in die Sucht. Sie wurde zu
       seiner Bewältigungsstrategie. Wenn er kiffte oder trank, ging es ihm gut,
       fühlte er sich selbstbewusst, war der Schmerz weg. Zumindest für den
       Moment. Nach 13 Semestern brach er sein Studium ab. „Ich war in einer
       schweren psychischen Krise“, sagt Engert. Danach machte er ein paar Jahre
       „nichts“, lebte in einer Kommune, lenkte sich ab und kiffte, bis er eine
       Ausbildung zum Verlagsbuchhändler beim Verlag Neue Kritik begann. Seit 2008
       ist er jetzt clean, leidet aber noch immer an depressiven Phasen und einem
       geringen Selbstwertgefühl, wie er sagt.
       
       Depressionen sind eine der häufigsten psychischen Krankheiten in
       Deutschland. Der aktuelle Gesundheitsatlas Deutschland zeigt, dass im Jahr
       2023 etwa 12 Prozent der Bevölkerung an Depressionen erkrankt waren. In der
       nationalen Mental Health Surveillance vom Robert-Koch-Institut steht, dass
       im September 2024 knapp 17 Prozent der Erwachsenen an depressiven Symptomen
       litten. Das können mitunter Antriebsmangel und erhöhte Ermüdbarkeit oder
       Interessen- und Freudeverlust sein. „Für die Arbeit kann das unter anderem
       mehr Pausen, weniger Belastbarkeit und weniger Motivation bedeuten“, sagt
       Psychologe Felix Hussenöder. Weitere Symptome, die auftreten könnten, seien
       eingeschränkte Konzentration und Aufmerksamkeit sowie ein vermindertes
       Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen. „Gerade in einem Job, in dem man vor
       anderen auftreten muss, kann das natürlich zum Problem werden“, sagt er.
       
       Doch auch im Job gibt es psychische Gefahren. Ein geringes Einkommen und
       schlechte Arbeitsbedingungen können negative Auswirkungen auf die mentale
       Gesundheit haben. Konkret zum Beispiel die „Imbalance zwischen dem, was ich
       reinstecke, und dem, was ich rausbekomme“, sagt Felix Hussenöder. Was eine
       Person reinsteckt, ist die Arbeitszeit, aber auch Anstrengung und
       Engagement. Und was dabei rauskommt, ist der Lohn, die Anerkennung oder
       auch Karrieremöglichkeiten und Jobsicherheit. „Wenn da ein dauerhaftes
       Ungleichgewicht ist, dann ist das etwas, das zu Depressionen oder anderen
       psychischen Erkrankungen führen kann.“
       
       ## Verantwortung liegt nicht bei Individuen
       
       So war es viele Jahre bei Ronald Engert. Nach seiner Ausbildung gründete er
       mit 33 Jahren seine eigene Zeitschrift, die Tattva Viveka. „Das war immer
       ein idealistisches Projekt“, sagt Engert. Lange Zeit verdiente er etwa
       1.500 Euro im Monat. Dafür arbeitete er 40 bis 50 Stunden die Woche, sagt
       er. Das wollte Ronald Engert nicht mehr, also schloss er sich den Anonymen
       Unterverdienern an. „Die Selbsthilfegruppe hat mir da rausgeholfen“, sagt
       Engert. Er habe dadurch Chancen ergriffen, die er sonst nicht mal
       wahrgenommen hätte.
       
       Doch für viele andere ist eine Selbsthilfegruppe keine Option. Und die
       Verantwortung bei Themen [5][wie Armut und psychische Gesundheit liegt
       nicht allein bei den Individuen]. Die Politikwissenschaftlerin Roswitha
       Pioch von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Kiel sagt: „Neben
       dem Narrativ, dass ein armer Mensch individuell seine Armutsprobleme lösen
       muss, muss man immer auch sehen, dass es in unserem Sozialstaat eine
       solidarische Verantwortung gibt, dafür zu sorgen, dass Menschen, die in
       Armut geraten sind, die Teilhabe ermöglicht wird.“
       
       Verschiedene Gruppen in der Gesellschaft könnten dem individuellen Anspruch
       der Arbeitsmarktintegration nicht gerecht werden. Darunter zum Beispiel
       alte Menschen, Studierende, Personen mit Pflegeaufgaben und (psychisch)
       Erkrankte. „Für diese Menschen müssen die Armutsprobleme gelöst werden,
       indem man als Sozialstaat genug Geld zugunsten der armen Menschen
       umverteilt“, sagt Pioch. Sie sieht den Sozialstaat auch in der
       Verantwortung, „das Problem der Versorgung psychisch kranker Menschen zu
       lösen, um weitere Armutsgefährdungslagen zu vermeiden“.
       
       Bei den Anonymen Unterverdienern bleibt die Verantwortung bei den Einzelnen
       – und bei einer „höheren Macht“, die laut Ronald Engert alles sein könne,
       ein Gott oder auch die Gruppe selbst. „Wir haben eine Eigenständigkeit und
       sorgen für uns selbst, aber es gibt Dinge, die wir nicht selbst
       kontrollieren können, und da tritt dann die höhere Macht ein“, erklärt er.
       
       Dass an die Stelle der höheren Macht auch die politischen und
       gesellschaftlichen Strukturen oder ein kapitalistisches System treten
       könnten – das sei ein „blinder Fleck“ in der Selbsthilfegruppe, sagt er. Im
       Zwölfschritteprogramm werde diese Ebene generell nicht berücksichtigt. „Das
       ist ein Abwägen zwischen dem politischen und dem psychospirituellen Pol“,
       sagt er. Man müsse zwar aufpassen, „dass man keine Dinge der Psyche
       aufbürdet, wofür sie gar nichts kann, denn man wird zu einem
       funktionierenden Rädchen innerhalb des Kapitalismus gemacht“, ergänzt er.
       
       Dennoch seien die konkreten Handlungsstrategien durch die zwölf Schritte
       hilfreich. Und unterschiedliche politische Weltanschauungen könnten der
       Genesung im Wege stehen. Sich auf den strukturellen Problemen ausruhen
       wolle er auch nicht. Aber: „Wir brauchen eine Kombination aus beidem: die
       Synthese aus Spiritualität und Politik“, sagt Engert. Ihm sei es ein
       Anliegen, dass das Programm der Anonymen Unterverdiener auch den
       politischen Blick auf die Verhältnisse einbezieht.
       
       Die Politikwissenschaftlerin Roswitha Pioch meint auch: „Selbsthilfegruppen
       könnten dafür da sein, dass Betroffene Handlungs- und
       Bewältigungsstrategien unter den gegebenen Verhältnissen entwickeln.“ Denn
       so lange warten, bis sich die Verhältnisse ändern, gehe auch nicht, sagt
       Pioch. Solche Gruppen seien gut, um Betroffene aus der sozialen Isolation
       herauszuholen. In einem anonymen Kontext mit Rücksicht auf Scham könnten
       Menschen vielleicht leichter eine Lösung für akute Probleme finden.
       Gleichzeitig „können wir Armutsprobleme nur lösen, wenn wir sie nicht
       verstecken“, sagt die Politikwissenschaftlerin.
       
       ## Sich gehört fühlen und daran wachsen
       
       Zurück im HeileHaus in Berlin-Kreuzberg. Was ziehen die
       Teilnehmer*innen aus den Meetings der Anonymen Unterverdiener? Eine
       Frau antwortet: „Das Nicht-allein-Sein, sich gehört fühlen, daran wachsen
       und das Zurückgeben an die anderen aus der Gruppe.“ Hier gebe es das, was
       man in der Apotheke nicht findet, sagt sie. Engert nickt. Er fühle sich
       nach den Meetings zentriert. „Sie bringen mich wieder in eine Balance, und
       das trägt mich noch ein paar Tage“, sagt er.
       
       Am Ende des hybriden Meetings beten alle zusammen, jubeln und sprechen im
       Chor: „Wir sind es wert.“ Alle verabschieden sich, nach und nach
       verschwinden die Kacheln auf dem Bildschirm. Noch vor der ritualisierten
       Verabschiedung bedankt sich die anleitende Person und weist auf das
       PayPal-Spendenkonto hin. Im nächsten Satz sagt sie: „Ihr seid wichtiger als
       euer Geld.“
       
       Kurz nach dem Meeting der Anonymen Unterverdiener schreibt Ronald Engert
       ein Exposé und ein Anschreiben für die Veröffentlichung seines Buchs. Er
       macht eine Liste mit 25 Verlagen, an die er die Dokumente schicken will.
       Während der Recherche der E-Mail-Adressen stößt er bei den meisten Verlagen
       auf eine Druckkostenbeteiligung. Das bremst ihn aus. „Ich habe noch kein
       einziges Ding rausgeschickt, ich prokrastiniere, stagniere“, klagt er eine
       Woche später. Er hätte das Geld, aber es investieren? Das sind er und sein
       Werk ihm im Moment nicht wert.
       
       Ein paar Wochen später lächelt Ronald Engert, als er sagt, dass drei
       Verlage sein Buch veröffentlichen wollen. „Das baut mich richtig auf.“
       
       4 Jan 2026
       
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