# taz.de -- Dokumentarfilm „Stille Beobachter“: Die Maßstäbe verschieben sich
       
       > Im Dokumentarfilm „Stille Beobachter“ stehen Tiere eines bulgarischen
       > Bergdorfs im Zentrum. Die Regisseurin Eliza Petkova inszeniert deren
       > Perspektive.
       
 (IMG) Bild: Und wen guckt die Katze in „Stille Beobachter“ an?
       
       „Die Katze ist über den Toten gesprungen!“ – „Oh Gott. Jetzt wird sie zum
       Vampir!“ In einem bulgarischen Bergdorf eröffnen Tiere den Blick auf die
       geheimnisvolle Welt des Aberglaubens. Eine Katze wird zur Inkarnation des
       verstorbenen Ehemannes, ein Esel soll durch Ausräucherung von einem Fluch
       befreit werden, ein Hund wird ebenfalls als verhext angesehen. Auch der
       Alltag ist von Ritualen durchzogen. Die Regisseurin Eliza Petkova zeichnet
       in ihrem Dokumentarfilm „Stille Beobachter“ so eine dichte Studie über das
       Zusammenleben von Mensch und Nutztier.
       
       Soweit die Handlung. Der eigentliche Zauber des Films liegt in seiner
       Erzählweise. Denn Menschen bleiben nur randständige Erscheinungen,
       flankiert durch Fenster und Zäune im Hintergrund zu sehen. Ganz nah sind
       dagegen die Tiere. Petkova komponiert ihre Szenen so, dass der Standort des
       Tiers zum Mittelpunkt der filmischen Welt wird.
       
       Der Blick wandert über Fellstrukturen, sich beim Atmen weitende
       Rippenbögen, zitternde Nüstern, glänzende Augen zwischen weißen Wimpern.
       Tiere werden gemolken, gefüttert, gestreichelt und dabei als Protagonisten
       inszeniert, fast vermenschlicht, während menschliche Hände und Stimmen von
       außen in das Bild und ihren Raum eindringen. Das ermöglicht ein fast
       anthropologisches Mitsehen.
       
       ## Sehen und hören wie Tiere
       
       Der Film behauptet die Perspektive der Tiere auch, indem er die Wahrnehmung
       der Zuschauer an ihre angleicht. Ein formaler Kunstgriff, der die
       Hierarchie zwischen Mensch und Tier für einen Moment aushebelt. So
       verschieben Makroaufnahmen von sich langsam voran schiebenden Raupen, von
       Spinnennetzen und Ameisen die Maßstäbe.
       
       Das Kleine wirkt monumental, das Große wird beobachtend in Szene gesetzt.
       Die präzise Bildkomposition legt dadurch immer wieder offen, dass Tiere
       nicht nur Objekte sind, sondern aktiv wahrnehmende Subjekte. Wir wiederum
       beobachten sie, während sie ihre Umgebung betrachten.
       
       Auch akustisch wird auf zwei Ebenen wahrgenommen. Geräusche wirken tierisch
       geschärft: Es raschelt, knabbert, scharrt und kratzt ungewöhnlich laut. Das
       tieffrequente Schnurren einer Katze erscheint dadurch weniger wie ein Ton
       und mehr wie eine körperliche Empfindung. Geräusche gewinnen eine nahezu
       haptische Qualität. Umgekehrt wirkt sprudelndes Wasser aus einem Hahn
       plötzlich schneidend und viel zu laut. Diese akustische Irritation lässt
       erahnen, wie anders Tiere hören.
       
       Natur- und Dorfgeräusche – Bachplätschern, Wind, Glockengeläut, Holzknarzen
       – verschmelzen mit klassischen Streichern und perkussiven, tippenden
       Rhythmen. Darin mischen sich mal schabende, mal quietschende Töne, die
       unterschwellig für eine Grundspannung sorgen.
       
       ## Zuneigung und Ausbeutung
       
       Im Zentrum steht das ambivalente Verhältnis der Menschen zu den Tieren, in
       dem Zuneigung und Brutalität keine Gegensätze bilden. Die Dorfbewohner
       füttern ihre Tiere, streicheln sie, kümmern sich um sie – und schlachten
       und verkaufen sie am Ende doch. Dabei strukturieren abergläubische Rituale
       die Handlungen ebenso wie die ökonomischen Zwänge. Ob sie nun ausgeräuchert
       oder gemolken werden, angenehm ist für die Nutztiere wohl keines.
       
       Im Schicksal der Tiere spiegelt sich so das sterbende Dorfökosystem, eine
       Lebensweise, die vielleicht im Verschwinden begriffen ist. „Stille
       Beobachter“ zeigt dieses fragile Gleichgewicht, ohne es zu kommentieren.
       
       Eliza Petkova legt die Wahrnehmung von Zuschauern und Tieren formal
       übereinander, während das reale Machtverhältnis unausgewogen bleibt. Aus
       dieser Spannung entsteht der hybride Charakter des Films: „Stille
       Beobachter“ ist zugleich ethnografische Beobachtung einer asymmetrischen
       Beziehung und poetischer Essay über Wahrnehmung.
       
       Indem der Film die Perspektive der Tiere zeigt und sie mit menschlichen
       Eingriffen – ob durch Arbeit oder abergläubische Rituale – kontrastiert,
       [1][stellt sich die Frage, ob die Tiere souveräne Subjekte oder
       unfreiwillige, prominent platzierte Statisten sind].
       
       ## Man muss viel Geduld mitbringen
       
       Petkova vertraut stark, manchmal zu stark, auf die visuelle Metapher. Das
       stille, beobachtende Kino verschreibt sich der Form so sehr, dass es in
       einzelnen Momenten an inhaltlicher Schärfe einbüßt.
       
       Wie aber entsteht ein solcher Film? Wie arbeitet man mit tierischen
       Darstellern? „Liebe, Geduld und Futter“, so die Regisseurin beim DOK.fest
       München, seien die wichtigsten Mittel gewesen. Die Tiere mussten lernen,
       Kamera und Mikrofon nicht als Störung wahrzunehmen. Gemeinsam mit ihrer
       Kamerafrau Constanze Schmitt arbeitete die Regisseurin bewusst „klein“: Sie
       versteckte sich hinter Zäunen oder wartete in Nebenräumen, bis die Tiere
       sie nicht mehr registrierten.
       
       Diese Geduld prägt den Rhythmus des Films. Die Wahrnehmung verlangsamt
       sich, Szenen entfalten einen kontemplativen Sog. Wer sich auf dieses andere
       Tempo einlässt, wird mit einer immersiven Erfahrung belohnt, die im Kino
       selten so entschieden im Zentrum steht.
       
       12 Dec 2025
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Luca Klander
       
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