# taz.de -- Russische Autorin über das Exil: „Brutalität verändert Menschen irreparabel“
> Die nach Berlin emigrierte russische Autorin Marija Stepanova verhandelt
> in „Der Absprung“ Schuldgefühle im Exil. Der Roman versteht sich als
> Fabel.
(IMG) Bild: Ferne, betrauerte Heimat: der Rote Platz in Moskau im Winternebel
taz: Frau Stepanova, kann man vor seinem Land, seiner nationalen Identität
fliehen?
Marija Stepanova: Ich glaube, dass man weder seiner Herkunft noch seiner
Identität entkommen kann. Aber in manchen historischen Situationen ist der
Gedanke sehr verführerisch.
taz: Dabei sind Sie 2022 vor allem aus politischen Gründen aus Russland
geflohen.
Stepanova: Es war keine Flucht, sondern eine bewusste Entscheidung. Es wäre
unmoralisch, meine Situation mit der all jener zu vergleichen, die [1][vor
Bombardierungen fliehen mussten] und ihre Behausungen verloren. Für mich
war es eine Frage der Ethik. Ich begriff, dass ich im aktuellen Russland
weder als Journalistin noch als Autorin oder Verlegerin funktionieren kann.
Ich bin nicht fähig, unter Zensur zu veröffentlichen.
taz: Wurden Sie in Russland bedroht?
Stepanova: Nein. Aber [2][colta.ru], die von mir edierte größte kulturelle
Online-Tageszeitung in Russland, wurde zwei Wochen nach der
[3][Ukraine-Invasion] von der Regierung geschlossen. Das war nicht nur ein
symbolischer Akt, sondern das Ende unserer journalistischen Aktivitäten.
taz: Was erwarteten Sie vom Exil in Deutschland?
Stepanova: Ich hatte keine Erwartungen, denn ich hatte nie emigrieren
wollen. Trotz allem hoffte ich auf eine Wendung zum Besseren. Ganz neu war
die Exilsituation aber nicht, denn ich hatte schon viel im Ausland gelebt.
Ich lehrte an Universitäten, veröffentlichte, fand hier Freunde. An den
Gedanken, dass ich nicht zurückkann, musste ich mich allerdings erst
gewöhnen.
taz: Wie änderte sich die Stimmung nach dem Angriff auf die Ukraine?
Stepanova: Die Invasion begann mit der [4][Annexion der Krim 2014], im
Februar 2022 folgte die Vollinvasion. Danach veränderte sich das politische
Klima in Russland. Kritische Stimmen sind verstummt, die Menschen werden
verhaftet oder ins Exil gezwungen. Die einzig unzensierten Stimmen kommen
aus dem Exil.
taz: Die Protagonistin Ihres Buchs „Der Absprung“, eine Autorin im Exil,
fühlt sich allerdings verantwortlich gemacht.
Stepanova: Ja, das ist eins ihrer Probleme. Ein anderes ist die subjektiv
empfundene Bürde von Schuld. Denn abgesehen davon, dass man sie als
Repräsentantin des Staates sieht, aus dem sie floh, fühlt sie sich selbst
schuldig. Sie fragt sich, inwieweit sie Teil der Gesellschaft des
angreifenden Landes war. Gibt es etwas in ihr, das sie auf unbewusste Art
brutal macht? Auch deshalb reagiert sie sensibel auf die Frage „Woher
kommst du?“. Nicht die Zuschreibung von außen ist ihr Problem, sondern ihre
Selbstwahrnehmung.
taz: Sie kämpft auch mit einem bizarren, mörderischen Tier. Wofür steht es?
Stepanova: Es ist nicht Putin oder die russische Nation insgesamt. Ich
würde sagen, es ist die Brutalität, die ihr Heimatland durchdringt. Die die
Menschen auf irreparable Art verändert.
taz: Welche Rolle spielt Sprache in diesem Prozess?
Stepanova: Ich bin dagegen, Sprache verantwortlich zu machen oder bestimmte
Nationen oder Sprachen als besonders anfällig für Grausamkeit zu
betrachten. Die Geschichte zeigt, dass jedes Land unter gewissen Umständen
zu Brutalität fähig ist. Daher ist mein Roman – wie eine Fabel angelegt –
zugleich eine universelle Geschichte. Sprache ist eher ein Opfer. Die
offizielle Presse in Russland etwa übt gerade einen Akt der Brutalität
gegenüber der Sprache.
taz: Ihr Buch erschien im Ausland und auch in Russland, obwohl Sie darin
den Krieg benennen. Wie war das möglich?
Stepanova: Die Moskauer Version wurde [5][zensiert.] Im Buch steht zwar nur
„ein Land für Krieg gegen ein anderes Land“, aber auch das ist zu direkt.
Der Verlag wollte die Passage löschen, aber ich lehnte ab. Also haben wir
diese Sätze geschwärzt und die Zensur transparent gemacht.
15 Jan 2026
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## AUTOREN
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