# taz.de -- Orthodoxe Kirche der Ukraine: „Wenn die Kirche nicht liefert, sind die Menschen enttäuscht“
       
       > Der ukrainische Priester Serhiy Dmytriyev fährt oft an die Front, um
       > Trost zu spenden. Die russisch-orthodoxe Kirche vergleicht er mit der
       > Hisbollah.
       
 (IMG) Bild: Serhiy Dmytriyev ist Priester der Orthodoxen Kirche der Ukraine und kümmert sich auch um Soldaten an der Front in Donezk
       
       taz: Serhiy Dmytriyev, Sie sind Priester der Orthodoxen Kirche der Ukraine
       (PZU). Sie wurde 2019 von dem ökumenischen Patriarchen Bartholomäus I. von
       Konstantinopel als eigenständig anerkannt. Was hat Ihre Entscheidung,
       Priester werden zu wollen, motiviert?
       
       Serhiy Dmytriyev: Ich bin in einer religiösen Familie aufgewachsen. In der
       Sowjetunion galten religiöse Menschen, aber auch ihre Kinder, als Gegner
       des kommunistischen Regimes und der Sowjetmacht. Da Priester verhaftet
       wurden und sich nicht äußern durften, galt Religion als Widerstand gegen
       das Regime. In der Ukraine wurde Religion daher in den 1990er Jahren von
       vielen auch als eine Art Kampf für Freiheit und Demokratie wahrgenommen.
       Natürlich wollte auch ich mich gegen dieses Regime wehren, weil meine
       Familie darunter gelitten hatte. Priester zu werden bedeutete für mich eine
       Rückkehr zur Demokratie, zur Unabhängigkeit der Ukraine.
       
       taz: Religion ist im postsowjetischen Raum von jeher ein Politikum, auch in
       der Ukraine. Nehmen wir die Russisch-Orthodoxe Kirche (RPZ) …
       
       Dmytriyev: Die RPZ würde ich nicht als politisierte Struktur bezeichnen,
       sondern als radikale religiöse Organisation, ähnlich der Hisbollah. Die RPZ
       dient einem autoritären Regime und ist in die Vertuschung von Morden,
       Korruption und die Vernichtung des Volkes in der Ukraine verwickelt. Sie
       versucht, Russlands Präsidenten Wladimir Putin heiligzusprechen. Man muss
       nicht unbedingt selbst abdrücken. Aber wenn man zulässt, dass jemand
       anderes abdrückt, dann ist das für mich eine religiöse Terrororganisation.
       
       taz: Es gibt auch die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche unter Moskauer
       Patriarchat in der Ukraine (UPZ), die 1990 entstand und lange Teil der
       Russisch-Orthodoxen Kirche war. Aber die UPZ hat sich nach der Vollinvasion
       2022 doch von ihrer Mutterkirche losgesagt?
       
       Dmytriyev: Lächerlich. [1][Wir sehen die russischen Pässe der Bischöfe],
       wir sehen, was in den russisch besetzten Gebieten geschieht, was ihre
       Priester dort tun. Sie sind absolute Propagandisten der russischen Welt.
       Wenn wir ein autoritäres Regime wären, wären sie innerhalb von 72 Stunden
       nicht mehr hier. Wir sind jedoch ein demokratisches Land und versuchen, uns
       an das Gesetz zu halten. Nennen Sie mir nur eine einzige ukrainische Kirche
       in den russisch besetzten Gebieten, die die Russen angeblich befreien
       wollen. Sie werden keine einzige finden, dafür aber festgenommene Priester
       und geschlossene Kirchen.
       
       taz: Dem ukrainischen Parlament liegt jetzt ein Gesetz vor, [2][das die UPZ
       verbietet]. Was halten Sie davon?Dmytriyev: Sie sollten sagen, wer sie
       sind: die Russisch-Orthodoxe Kirche. Ich finde es unehrlich, wenn
       Russ:innen sich als ukrainische Kirche bezeichnen. Und dann sagen sie
       auch noch, sie würden architektonische Denkmäler befreien, von Ukrainern
       erbaute Gotteshäuser. Was die Ukrainer erbaut haben, gehört den Ukrainern.
       Das Wort „Kirche“ bedeutet „Gemeinde“, eine Versammlung von Menschen. Diese
       Gebäude gehören dem Volk, nicht einem Priester oder einem Patriarchen und
       schon gar nicht dem Patriarchen von Moskau.
       
       taz: Um das noch einmal klarzustellen: Sollte die UPZ in der Ukraine tätig
       sein dürfen?
       
       Dmytriyev: Wir sind ein freies Land. Wir können niemandem verbieten, zu
       glauben oder nicht zu glauben. Die Frage des Glaubens, das ist ein schmaler
       Grat. Wenn Menschen Putin glauben wollen, sollen sie weiter an Putin und
       seinen Moskauer Patriarchen Kyrill glauben und zu ihrem Gott beten. Aber
       diese Kirche sollte nicht die gleiche Vorzugsbehandlung, ich meine
       Steuerbegünstigungen, wie andere religiöse Organisationen erhalten.
       
       taz: Kritiker*innen des Gesetzes sprechen von einer Einschränkung der
       Gewissens- und Religionsfreiheit … 
       
       Dmytriyev: Ich frage Sie: Wenn ein russischer Priester der Russischen
       Kirche in der Ukraine Waffen verkauft und spioniert, wird er festgenommen.
       Ist das eine Verfolgung dieser Kirche? Nein, denn es geht um ein
       Verbrechen, um Personen, die eine Soutane tragen und behaupten, alle seien
       vor dem Gesetz gleich, und das sind sie in der Ukraine auch. Dürfen Lügen,
       das Böse und die Propaganda von Gewalt toleriert werden? Nein. In
       demokratischen Staaten haben sie kein Recht auf Freiheit, dafür gibt es
       Gefängnisse.
       
       taz: Haben sich nach dem Beginn der vollumfänglichen Invasion Russlands in
       der Ukraine mehr Menschen der Kirche zugewandt? 
       
       Dmytriyev: Die Ukraine ist traditionell eher ein religiöses Land, aber das
       bedeutet nicht, dass die Menschen regelmäßig in die Kirche gehen und ihren
       Glauben praktizieren. Der Krieg kann Gefühle verstärken, aber auch den
       Glauben eines Menschen zerstören. Heute ist jemand gläubig, morgen
       ungläubig und wird fragen: „Wozu brauche ich das alles?“ Das ist eine
       Herausforderung für alle religiösen Organisationen, denn die Menschen
       erwarten konkrete Taten und Hilfe von der Kirche. Wenn die Kirche nicht
       liefert, sind die Menschen enttäuscht.
       
       taz: Dennoch bleibt die Frage: Hat sich nach dem 24. Februar 2022 etwas
       geändert? 
       
       Dmytriyev: Ich würde sagen, die Kirche hatte die Gelegenheit, sich zu
       beweisen. Und viele Priester meiner Kirche tun das. Nicht alle, aber die
       meisten. Die Menschen nehmen das wahr. Deshalb genießt die Kirche als
       Institution ein hohes Maß an Vertrauen.
       
       taz: Wie sehen Sie Ihre Rolle als Priester in Zeiten des Krieges? 
       
       Dmytriyev: Ein Priester muss die Menschen vereinen. Er muss Trost und
       Hoffnung spenden, zeigen, dass es sich lohnt zu kämpfen und dass die
       Wahrheit sich durchsetzen wird. Das stärkt das Gerechtigkeitsempfinden. Und
       es ist wichtig, richtige Worte des Trostes zu finden, denn wir blicken dem
       Tod jeden Tag ins Auge.
       
       taz: Finden Sie immer die richtigen Worte? 
       
       Dmytriyev: Es ist meine Berufung als Priester, die richtigen Worte zu
       finden.
       
       taz: Sie fahren oft auch an Front, in die Region Donezk. Sind Sie auch
       direkt an Kämpfen beteiligt? 
       
       Dmytriyev: Kämpfe bestehen doch nicht nur aus Fäusten und Kugeln, sondern
       auch aus Worten. Wenn wir die Bibel aufschlagen, das Evangelium, das wir zu
       Ostern lesen, sehen wir, dass am Anfang das Wort stand. Krieg beginnt mit
       Worten und irgendwann genügen Worte nicht mehr. Dann bricht die Gewalt aus.
       Deshalb sind Worte so wichtig.
       
       taz: Angesichts des Kriegsgrauens in der Ukraine, fragen sich viele
       Gläubige, warum Gott das alles zulässt … 
       
       Dmytriyev: Es ist nicht Gott, der das zulässt. Gott ist die absolute Liebe,
       Gott lehrt uns die Liebe. Denn die Menschen sind von Gott als freie Wesen
       erschaffen. Sie können den Weg der Liebe oder den Weg des Bösen und des
       Krieges wählen. Die Verbrechen in der Ukraine haben einen Namen,
       zuallererst den von Wladimir Putin. Es war nicht Gott, der nach Butscha
       gekommen ist und angefangen hat, Menschen zu vergewaltigen und zu töten. Es
       waren bestimmte russische Bürger. Ich betrachte sie als Ungläubige, weil
       ihre Kirche schweigt.
       
       taz: So schweigsam ist der Moskauer Patriarch Kyrill aber nicht, im
       Gegenteil. Er befeuert diesen Krieg … 
       
       Dmytriyev: Man stelle sich vor, Kyrill wäre ein gläubiger Mensch und seine
       Kirche frei. Da wäre es die Pflicht eines jeden Priesters in Moskau, mit
       den Gläubigen auf den Roten Platz zu gehen und sich gegen den Krieg
       auszusprechen. Da kämen eine Million Menschen zusammen. Das ist der Weg
       eines wahren Hirten. Doch da, wo kein Gott ist und kein Evangelium,
       erscheint der Teufel in Menschengestalt, um zu töten. Gott verbietet Krieg.
       Wenn wir heute fragen: „Wo ist Gott?“, dann ist er in den Händen
       ukrainischer Soldat*innen, die ihre Landsleute beschützen. In den Händen
       von Freiwilligen, unseren Partnern, die heute hier das Leben verteidigen.
       
       taz: Russlands Krieg gegen die Ukraine dauert schon fast zwölf Jahre. Sind
       die Menschen nicht schon längst mit ihren Kräften am Ende?
       
       Dmytriyev: Ich sehe da eher eine grenzenlose Motivation. Die
       Ukrainer*innen sind bereit, für ihre Freiheit, ihre Unabhängigkeit und
       ihr Land zu kämpfen. Bis der Feind besiegt ist. Egal, wie lange es dauert.
       
       taz: Derzeit laufen [3][sogenannte Friedensverhandlungen], um den Krieg in
       der Ukraine zu beenden. Welche Perspektiven sehen Sie?
       
       Dmytriyev: Alle Imperien sterben, das ist ein historisches Gesetz. Früher
       oder später wird auch das babylonische Zarenreich Russland untergehen. Die
       Ukraine ist ein historisches Instrument des Zusammenbruchs dieses
       totalitären Regimes, das Europa in Angst versetzt und die Demokratie in
       Europa zerstört.
       
       taz: Sind Sie manchmal von den westlichen Politiker*innen enttäuscht?
       
       Dmytriyev: In Europa fehlt es immer noch an Wissen über die Ukraine. Dabei
       war sie schon immer Teil der europäischen Kultur und der europäischen
       Familie. Deshalb hat die Ukraine es auch verdient, dorthin zurückzukehren.
       Die Frage ist doch, was für ein Land, was für einen Nachbarn sich der
       Westen wünscht. Ein Land, das bereit ist, für menschliche Werte, für Rechte
       und Freiheiten zu kämpfen? Oder einen totalitären Staat? „Unsere Großväter
       haben gekämpft und wir können es wieder tun“, sagen die Russen. Die
       Ukrainer werden das niemals sagen.
       
       taz: Sie haben zwei erwachsene Kinder. Was wünschen Sie sich für sie? 
       
       Dmytriyev: Meine Tochter lebt in Freiburg und studiert an der Hochschule
       für Musik. Seit vier Jahren hat sie einen deutschen Freund. Vielleicht
       bleibt sie. Wenn es ihr dort gut geht, ist das doch wunderbar. Mein
       27-jähriger Sohn ist Künstler. Derzeit kämpft er an der Front und hebt
       Schützengräben aus. Er ist ein durch und durch friedlicher Mensch, aber
       jetzt schläft er mit einem Maschinengewehr neben sich. Er träumt von dem
       Tag, an dem dieser Krieg endlich aufhört.
       
       31 Dec 2025
       
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