# taz.de -- Debütroman von Jegana Dschabbarowa: Eine perfekte Feindin
> Jegana Dschabbarowa blickt in ihrem Debütroman auf konservative
> aserbaidschanische Gemeinschaften in Russland. Sie lebt in Deutschland im
> Exil.
(IMG) Bild: Jegana Dschabbarowa musste sich als Autorin von den Erwartungen anderer befreien
Jegana Dschabbarowa spricht über ihre Flucht aus Russland. „Ich bin der
perfekte Feind, in vielerlei Hinsicht“, sagt sie. Anfang 2024 musste die
Lyrikerin, Essayistin und Literaturwissenschaftlerin das Land verlassen.
Als Angehörige einer ethnischen Minderheit, Feministin, queere Person und
Kriegsgegnerin bot sie viel Angriffsfläche, es wurde zu gefährlich für sie.
Dschabbarowa wurde 1992 in Jekaterinenburg in Russland geboren und wuchs
innerhalb der aserbaidschanischen Community in der russischen Diaspora auf.
In einem Café in Hamburg, wo sie seit Juni 2024 mit ihrer Frau lebt,
erzählt sie von dem Literaturfestival Mesha, das sie organisiert hatte und
das Ende Februar 2022 stattfand. Sie spricht Englisch, denn in der
deutschen Sprache fühlt sie sich noch nicht sicher genug.
„Während der ersten Tage des russischen Angriffskriegs waren wir alle
geschockt“, sagt sie. Spontan entschied man sich, Gedichte ukrainischer
Lyriker*innen vorzutragen. Das eigentliche Programm des Festivals
verhandelte feministische und dekoloniale Perspektiven in Russland, Themen,
mit denen sich Dschabbarowa schon lange beschäftigt – und mit denen sie im
heutigen Russland schnell als Gegnerin markiert ist. Insbesondere die
Thematik der kolonialen Gewalt, die Auseinandersetzung mit ihren Folgen,
habe viel mit dem zu tun, was heute in der Ukraine passiere, erläutert sie.
Mit der Herausgabe zweier Sammelbände im Rahmen des Festivals habe sie
weiteren Hass auf sich gezogen: „Diese Leute sagten, die Bücher und das
ganze Festival richteten sich gegen die Regierung. Sie sehen im
Kolonialismus etwas Positives.“ Zudem habe sie nie versteckt, dass sie
gegen den Krieg sei, und das allein sei sehr gefährlich geworden.
## Frage nach Zugehörigkeit
Doch 2023 konnte ihr Debütroman „Die Hände der Frauen in meiner Familie
waren nicht zum Schreiben bestimmt“ in Russland erscheinen. Jetzt liegt er
in deutscher Übersetzung vor und sie sagt, dass er stark autobiografisch
sei. Es geht um ihre Familie, [1][um Herkunft] und die Frage nach
Zugehörigkeit.
Der Grund für die Themenwahl liege in ihrer Existenz, sagt sie mit
Nachdruck: „In Russland war ich kein russisches Mädchen, jeder hat das
betont. In den 90er Jahren war ich mit viel Gewalt gegen mich konfrontiert.
Und in den Urlauben in Aserbaidschan wurde ich wegen meines russischen
Akzents ausgelacht und gehörte auch dort nicht dazu. So stelle ich mir die
wichtige und machtvolle Frage: Wohin gehöre ich? Sie verfolgt mich seit
Jahren, schon lange bevor ich den Roman schrieb.“
Im Buch schlägt der alltägliche Rassismus der Ich-Erzählerin in der Schule
und auf der Straße entgegen, in einer Szene wird sie als Schülerin von
Skins verfolgt: „Damals spürte ich die Todesnähe zum ersten Mal mit meiner
Haut, eine echte animalische Gefahr, damals verstand ich, dass fremd sein
heißt, gehasst zu werden, ein Gefäß für Jähzorn zu sein.“
## Radikalisierung der Gesellschaft
Mit dem Zerfall der Sowjetunion erklärte Aserbaidschan 1991 seine
Unabhängigkeit. Die Beziehung zur ehemaligen Kolonialmacht Russland ist
seither von Spannungen geprägt. Doch lebt eine große aserbaidschanische
Minderheit in der russischen Diaspora. Laut Volkszählung von 2010 sind es
etwa 600.000 Menschen, ihre tatsächliche Zahl wird höher geschätzt.
Die Diskriminierungen, von denen Dschabbarowa im Roman erzählt, spielten
sich in den 1990er und frühen 2000er Jahren ab. Heute sei die Situation
aber noch schlimmer: „Der Fremdenhass und der Rassismus nehmen rasant zu.
Man kann Menschen körperlich angreifen und beschimpfen, nur weil sie nicht
slawisch aussehen oder eine andere Sprache sprechen, es bleibt ohne
Konsequenzen.“
Im Unterschied zu damals würden rechtsextreme und nationalistische Gruppen
jetzt von staatlichen Strukturen unterstützt. Migrant*innen würden per
se als kriminell diffamiert. Die Radikalisierung der Gesellschaft, die
Legitimierung von Gewalt erfüllen Dschabbarowa mit großer Sorge, auch um
ihre eigene Familie.
## Die Existenz schreibend zurückfordern
Um von ihrer Familie literarisch zu erzählen, entwickelt die Autorin keinen
Plot, sie erzählt nicht linear, nicht chronologisch. In assoziativen,
fließenden Verknüpfungen, in einer so klaren wie poetischen Sprache
schreibt sie nicht nur über ihre eigenen Erfahrungen als Tochter und Frau
in einer aserbaidschanischen Familie, sondern über die vieler
aserbaidschanischer Frauen.
Sie hat dafür eine ganz besondere Form gefunden: Jedes der elf Kapitel
trägt den Namen eines Körperteils. Augen oder Mund, Hände oder Schultern
sind jeweils Ausgangspunkt. Für diese Entscheidung gebe es verschiedene
Gründe, erzählt Dschabbarowa. Zuallererst habe das damit zu tun, dass sie
einer Minderheit angehöre. Das Recht der eigenen Existenz sei immer infrage
gestellt. So wollte sie ihre Existenz schreibend zurückfordern, und zwar
durch ihren Körper.
Denn, so führt sie aus, „dein Körper ist einerseits durchsichtig, du wirst
nicht wahrgenommen. Andererseits markiert er das Anderssein, das nicht
zugehörig sein. Deshalb ist es so wichtig, diesen Körper sichtbar zu
machen. Ich möchte, dass andere Menschen meinen Körper fühlen, wenn sie das
Buch lesen. Es ist ein Weg, mein Recht zu existieren zu behaupten.“
## Eingesperrt in ihrem Körper
Jegana Dschabbarowa spricht sehr klar, in ihren Worten liegt Dringlichkeit.
Ein weiterer Grund dafür, die Erzählung am Körper auszurichten, ist die
schwere Erkrankung, die die Autorin mit ihrer Erzählerin teilt:
Generalisierte Dystonie lautet die Diagnose, hinter der sich eine
neurologische Bewegungsstörung verbirgt. Beine, Arme, nach und nach alle
Muskeln verkrampfen, es kommt zu unerträglichen Schmerzen. Rettend ist
schließlich eine OP, bei der ein kleines Gerät implantiert wird, das
elektrische Impulse ins Gehirn schickt, die sogenannte tiefe
Hirnstimulation.
Auch von dieser tiefgreifenden Erfahrung handelt Dschabbarowas Debüt.
Letztlich sei sie, eingesperrt in ihrem Körper, allein mit dem Tod
konfrontiert gewesen. Das habe ihr aber deutlich gemacht, dass sie auch
ganz allein dafür verantwortlich sei, wie sie ihr Leben lebe. Und darin lag
„ein Moment der Befreiung von den Erwartungen anderer“.
So wird der Körper auch Ausgangspunkt, um von der Unterdrückung der Frauen
in der stark patriarchal geprägten aserbaidschanischen Gesellschaft zu
erzählen. „Der Mund war nicht zum Sprechen bestimmt“, heißt es etwa. Und
weiter: „Alle Frauen, die ich um mich herum sah, sagten niemals, was sie
wirklich sagen wollten, keine mischte sich je in die Gespräche der Männer
ein, weil sich das für Frauen nicht gehörte. Der Mund war dazu da, Essen zu
probieren, Essen zu verspeisen, Kinder in den Schlaf zu singen und Regeln
auszusprechen.“ Ansonsten sollen Frauen schweigen.
## Von Kontrolle zu kolonialer Gewalt
Auch körperliche Gewalt von Männern gegen Frauen beschreibt Dschabbarowa im
Buch als hingenommene Normalität. Doch ist es ihr sehr wichtig, dass die
Gewalt nicht als der aserbaidschanischen Kultur inhärent angesehen werde.
Wer das tue, exotisiere ihre Kultur, zeichne sie als rückständig und
aggressiv und mache so jene, die ihr angehören, zu Feinden.
„Gewalt ist nie Teil einer Kultur“, sagt sie. „Es ist eine große Lüge, dass
sie Teil des kulturellen Erbes ist. Auf das Männer sich dann berufen, wenn
sie Gewalt ausüben. Es ist eine Manipulation, um andere, um Minderheiten,
um Frauen zu kontrollieren.“ Jede*r könne und müsse sich entscheiden. Sie
gehöre zur aserbaidschanischen Kultur und habe sich gegen die Gewalt
entschieden, akzeptiere sie nicht.
Über den Aspekt der Kontrolle schlägt sie nochmals einen Bogen zur
kolonialen Gewalt. Viel davon stecke in der russischen Sprache – die ihr
zugleich den Zugang zur Literatur eröffnet habe. Daher „benutze ich
Russisch, aber ich versuche, es so zu nutzen, dass es nicht Russisch ist“:
Jegana Dschabbarowa möchte mit der russischen Sprache das (bisher) durch
sie Ausgeschlossene in ihre Literatur holen, die zum Schweigen gebrachten
Stimmen hörbar machen. In ihrem beeindruckenden Roman gelingt ihr das, in
einem warmen Ton, weit entfernt von Bitterkeit.
22 Jan 2026
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## AUTOREN
(DIR) Carola Ebeling
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