# taz.de -- Widerstand gegen russische Propaganda: Der Kampf um die Gedanken
       
       > Mit gezielter Desinformation nagt Russland an der Solidarität mit der
       > Ukraine. Die Auswirkungen bekommen Ukrainer:innen in Berlin direkt zu
       > spüren.
       
 (IMG) Bild: Parolen für und gegen die Unterstützung der Ukraine
       
       Vladyslava Vorobiova lebt seit 2017 in Berlin. Seitdem hat sich die
       Stimmung gegenüber Menschen aus der Ukraine gleich mehrmals verändert – von
       Gleichgültigkeit über großen Enthusiasmus bis zu stiller Unterstützung –
       und manchmal sogar offener Abneigung. Unlängst hat sie allerdings an einer
       Mauer etwas gelesen, was sie nicht mehr loslässt: „Das ist nicht unser
       Krieg“. Die Parole gegen die Unterstützung der Ukraine gegen den russischen
       Angriffskrieg ist nämlich nicht nur eine Meinung. Sie ist auch Teil des
       russischen Informationskriegs.
       
       Vorobiova ist eine der Gründerinnen von [1][Vitsche], einer Organisation,
       die Ukrainerinnen und Ukrainer in Berlin unterstützt und sich für eine
       freie Ukraine einsetzt. Die Aktivistin beobachtet, wie die Solidarität mit
       der Ukraine bröckelt. „Mit der Zeit sind andere innen- und außenpolitische
       Themen stärker in den Vordergrund gerückt und haben die Aufmerksamkeit vom
       russischen Krieg in der Ukraine weg verschoben.“, sagt sie. „Viele Menschen
       sind der Meinung, dass sie der Krieg nicht direkt betrifft.“
       
       Eine grobe Fehleinschätzung, findet Vorobiova. „Die Ukraine verteidigt
       nicht nur ihr Land, sie schützt auch Europa“, sagt sie. „In Deutschland
       haben gerade viele Panik wegen der Wehrpflicht, was verständlich ist, weil
       der Krieg etwas Entsetzliches ist. Auf der anderen Seite wissen wir, dass
       das Leben in einem freien Land ein goßes Privileg ist.“
       
       Der Stimmungsumschwung fordert inzwischen auch Opfer. Im Juni 2025 wurde in
       Charlottenburg ein Ukrainer mit einem Messer [2][angegriffen]. Er sagt,
       dass die Angreifer gehört hätten, wie er auf Ukrainisch etwas zu seinem
       Hund gesagt hätte. Sie hätten ihn nach seiner Nationalität gefragt, und als
       er antwortete, er sei Ukrainer, wurde er attackiert. „Ich habe von vielen
       Fällen gehört, bei denen Ukrainer verbal angegriffen wurden und als
       Faschisten beschimpft wurden, nur weil sie Ukrainisch sprachen“, sagt
       Vladyslava Vorobiova.
       
       Unterdessen nimmt die russische Propagandamaschine nicht nur Einfluss auf
       die deutsche Unterstützung der Ukraine an der Front. Sie konzentriert sich
       auch auf die Ukrainer, die in Deutschland leben – mit Folgen für ihr
       Alltagsleben.
       
       ## Propaganda gleich um die Ecke
       
       Eine Stunde Zugfahrt vom Büro von Vitsche entfernt, zeigt sich die Parole
       „Das ist nicht unser Krieg“ im brandenburgischen Erkner nicht nur in
       Gestalt von Graffiti, sondern eines Woche für Woche stattfindenden Rituals.
       Jeden Montagabend mobilisiert eine Bürgerinitiative zum Marsch durch die
       Straßen der Kleinstadt. Die Demonstranten tragen Transparente mit
       Friedenstauben, russische Flaggen, Plakate Parolen gegen die Nato. Neben
       den Friedenstauben und den Forderungen nach einem Ende der Gewalt sind auch
       die Parolen von Impfgegnern zu hören sowie jene der „Opas für Rechts“.
       
       Für Dietmar Pichler, einen österreichischen Experten für Desinformation im
       deutschsprachigen Raum, sind diese Verbindungen kein Zufall. Er weist
       darauf hin, dass das Thema Frieden seit Jahrzehnten zum Vokabular Moskaus
       und seiner Verbündeten gehört. Schon zu Zeiten des Kalten Kriegs hätten die
       DDR-Staatssicherheit und der KGB Friedensbewegungen unterstützt, die nicht
       selten unter dem Deckmantel des Pazifismus prorussische Stimmungen in
       Westeuropa verstärkt haben. „Es geht dabei nicht um die Forderung nach
       Frieden an sich, das ist nicht das Problem“, sagt Pichler. „Das Problem
       beginnt, wenn damit gemeint ist, dass sich die Ukraine nicht wehren soll.
       Das dient nichts anderem als dem Interesse des Aggressors.“
       
       Pichler hat inzwischen mehr als hundert Interviews mit Ukrainerinnen und
       Ukrainern geführt, die im Ausland leben – und alle von ihnen sind in
       Kontakt mit russischer Desinformation gekommen. Die Themen der
       Desinformation sind dabei sehr unterschiedlich. Pichler nennt drei, die ihm
       besonders häufig aufgefallen sind. Das erste betrifft die Nato als Bündnis,
       das Russland provoziert habe und damit für den Krieg verantwortlich sei.
       Das zweite beschäftigt sich mit angeblichen Repressionen gegen die
       russischsprachige Bevölkerung der Ukraine, die als nationalistischer und
       repressiver Staat dargestellt wird. Die dritte Erzählung lautet, dass die
       Ukraine zu korrupt sei, um Hilfe aus Europa bekommen zu können. „Die Rede
       von der Korruption in der Ukraine steht womöglich im Zusammenhang mit der
       Debatte um ihre Zukunft in der Europäischen Union“, sagt Pichler. „Wenn sie
       aber dazu führt, die Invasion zu bagatellisieren oder die Hilfe
       einzuschränken, ist es ganz einfach russische Propaganda.“
       
       Die Fragen, die Pichler aufwirft, reihen sich ein in ein Schema, auf das
       bereits ukrainische Forscher wie Olena Shevchenko und Anatoliy Yakovets
       hingewiesen haben. Beide haben die antiukraininischen Narrative im globalen
       Informationsraum [3][analysiert]. Sie haben festgestellt, dass die
       russische Propaganda regelmäßig die ukrainische Staatlichkeit in Frage
       stellt, Ukrainer und Russen als „eine Nation“ bezeichnet, die Ukraine als
       Aggressor oder Marionette des Westens karikiert oder die westliche
       Öffentlichkeit davor warnt, dass die Untersützung Kyjiws zu einer ernsten
       Krise oder sogar zum Zerfall der EU führen könne.
       
       ## Nicht nur Russland
       
       Russland ist ein Meister des Informationskriegs geworden und [4][führt
       Desinformationskampagnen inzwischen an vielen Fronten durch.] Schnell
       verbreiten sich die Inhalte in den sozialen Medien, durch Fakeaccounts oder
       ein Netz von Trollen und Bots, die die einen Beiträge verstärken und andere
       verdrängen.
       
       Dietmar Pichler betont allerdings, dass viele der einschlägigen Narrative
       bereits im deutschen Diskurs angelegt sind. Die russischen Aktivitäten
       verstärken dabei die Emotionen, verknüpfen die Narrative und schaffen aus
       ihnen eine schlüssige Erzählung – etwa dass „Russland unser Freund ist“ und
       „ein Teil Europas bleiben muss“.
       
       Die Desinformation stammt nicht nur von Trollfarmen, die irgendwo in
       Russland liegen. Dietmar Pichler betont, dass die Realität viel
       beklemmender ist. „Die Leute lieben es, über Trollfarmen und Bots zu reden,
       doch das viel größere Problem ist die Propaganda im wirklichen Leben, von
       realen Menschen verbreitet: Akademiker, Journalisten, die Aktivisten der
       Friedensbewegung, kirchliche Gruppen“, sagt er. „In Westeuropa sind viele
       Einflussagenten aktiv und ebenso viele nützliche Idioten, die die
       Propaganda verbreiten.“
       
       Pichler hat auch festgestellt, dass die extreme Rechte in Deutschland die
       Ukrainer als Sozialleistungsbetrüger brandmarkt, die gleichzeitig teure
       Autos fahren. Dazu kommt die Bewunderung Wladimir Putins als entschlossenem
       Führer. Auf der anderen Seite steht ein Teil der Linken, die in der Sprache
       des Antiimperialismus und Antikolonialismus das Geschäft Russlands
       betreibt.
       
       Eine Ausnahme sind die Grünen. Anfang der achtziger Jahre war die damals
       linksalternative Partei ein wichtiger Teil der Friedensbewegung. Inzwischen
       verteidigen sie das Recht der Ukraine auf Selbstverteidigung. Aus genau
       diesem Grund sind auch die Grünen zum Ziel einer Desinformationskampagne
       geworden. 2024 etwa kam es in einigen deutschen Städten, darunter Berlin,
       zu einer Welle von Sachbeschädigungen an Autos. An mindestens 270
       Fahrzeugen wurde Schaum in den Auspuff gesprüht. An den Autos wurden
       Aufkleber mit der Aufschrift „Sei Grüner“ und ein Konterfei des damaligen
       Wirtschaftsministers Robert Habeck hinterlassen. Obwohl zunächst vermutet
       wurde, dass hinter der Aktion Umweltaktivisten stecken, schlossen Ermittler
       auch nicht aus, dass [5][russische Einflussagenten] dahinterstecken.
       
       ## Das Russische Haus in Berlin
       
       Nach der russischen Invasion in der Ukraine wurden viele russische
       Kulturaktivitäten in Berlin eingefroren. Manche Institutionen aber sind bis
       heute aktiv. Eine von ihnen [6][ist das Russische Haus, ein von der
       staatlichen Agentur Rossotrudnitschestwo betriebenes Kulturzentrum]. Die
       Agentur unterliegt seit 2022 den Sanktionen der Europäischen Union.
       
       Am 9. Dezember hat das Russische Haus eine Weihnachtsfeier organisiert. Das
       Haus in der Friedrichstraße war festlich mit einem Weihnachtsbaum
       geschmückt, mit goldenen Leuchten, Kunstschnee – alles unter Polizeischutz.
       Ein Mann, der mit einem gelb-blauen Schirm unterwegs war, wurde von der
       Polizei angehalten und von fünf Wachleuten umzingelt, die ihn anwiesen,
       sich auf die andere Straßenseite zu begeben. Offenbar kann ein gewöhnlicher
       Regenschirm von IKEA eine solche Erregung auslösen, sagte er nach einer
       Weile.
       
       Nach Ansicht von Vitsche ist das Gebäude kein harmloser Ort für
       Sprachkurse, Filmabende oder Ausstellungen. Vielmehr stehe es für die
       Ausweitung der Softpower des Kreml. In einer [7][Erklärung] bezeichnete die
       Organisation das Russische Haus als ideologische, politische und
       logistische Plattform, die den Plänen Moskaus zur Destabilisierung des
       Westens diene. Dort fänden regelmäßig Treffen Rechtsradikaler und
       prorussischer Aktivsten statt.
       
       Während der Weihnachtsfeier gab es vor dem Russischen Haus keine größere
       Demonstration. Nur ein paar ukrainische Aktivisten haben sich eingefunden.
       In Berlin, das für seine Demos und zivilgesellschaftlichen Aktivitäten
       bekannt ist, fällt auf, wie wenig Unterstützung die Ukraine inzwischen
       bekommt. „Berlin hat eine Unzahl an zivilgesellschaftlichen Aktivitäten“,
       sagt Dietmar Pichler, „aber wenn es um die Ukraine geht, ist von dieser
       Energie nicht mehr viel geblieben.“
       
       Jeden Tag durchhalten 
       
       Für die Ukrainer in Berlin besteht der Alltag nicht nur darin, sich gegen
       die russische Desinformation zur Wehr zu setzen, sondern auch mit den
       Schwierigkeiten auf dem Weg zur Integration umzugehen.
       
       Zu diesem Ergebnis kam zuletzt eine Untersuchung zum Thema
       Lebensbedingungen und Teilhabe in Deutschland lebender Ukrainer. Zum einen
       steigt die Zahl der berufstätigen Menschen aus der Ukraine.
       [8][Gleichzeitig] gibt es immer noch große Probleme bei der Anerkennung von
       Qualifikationen. Die Prozeduren sind teuer und langwierig. Auch seien
       Sprachkurse nicht immer verfügbar, psychische Belastungen und
       Zukunftsängste seien weit verbreitet. Viele der Befragten haben angegeben,
       dass się in Deutschland bleiben wollen, gleichzeitig aber auch betont, dass
       sie sich dazu oft nicht in der Lage fühlen.
       
       Vladyslava Vorobiova meint, dass sich einige Dinge in Deutschland ändern
       müssten, damit sich die Ukrainer im Land sicher und integriert fühlen
       können. Ihr Rechtsstatus muss stabil bleiben, Abschlüsse müssen anerkannt
       und Hilfsorganisationen sollten finanziell unterstützt werden. Viele von
       ihnen haben derzeit mit großen finanziellen Problemen zu kämpfen.
       
       Statt sich um die Hilfe für Bedürftige zu kümmern, um medizinisches Gerät
       oder Generatoren, müssen die Organisationen Crowdfunding-Kapagnen starten,
       um die Miete zahlen zu können“, sagt Vorobiova. „Es ist nicht einfach Hilfe
       zu leisten, wenn die Parolen, dass die Migranten den Deutschen zur Last
       fallen, immer lauter werden.“
       
       „Die Abwehr von Desinformation ist mehr als die Einführung rechtlicher
       Regeln, auch wenn diese unerlässlich sind“, sagt Dietmar Pichler.
       Trollfabriken zu behindern, bekämpfe das Problem nicht an der Wurzeil.
       Wichtig seien deshalb Bildungsprojekte zum Thema russischer Imperialismus,
       der Geschichte der Sowjetunion und eine kritische Betrachtung der Rolle
       Russlands in Europa. Vladyslava Vorobiova glaubt, dass in Deutschland nicht
       mehr länger die Sowjetunion ausschließlich mit Russland gleichgesetzt
       werden dürfe. Das habe zur Folge, dass die leidvollen Erfahrungen der
       anderen Nationen, unter ihnen der Ukraine, ignoriert werden.
       
       „Die Parole, dass der Krieg in der Ukraine nicht unser Krieg sei, ist
       besonders gefährlich“, meint Dietmar Pichler. „Sie dient der
       Entsolidarisierung mit der Ukraine. Aber diese Krieg wird so lange dauern,
       solange sich die Ukraine für uns, die europäische Gemeinschaft entscheidet,
       und nicht für Moskau.“
       
       Aus dem Polnischen von Uwe Rada
       
       19 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://vitsche.org/de/
 (DIR) [2] https://www.berlin.de/polizei/polizeimeldungen/2025/pressemitteilung.1569971.php
 (DIR) [3] https://journals.umcs.pl/we/article/viewFile/14394/pdf
 (DIR) [4] /Russische-Propaganda-in-der-Geschichte/!6142151
 (DIR) [5] /Fake-News-ueber-beschaedigte-Autos/!6067635
 (DIR) [6] /Das-Russische-Haus/!6140195
 (DIR) [7] https://vitsche.org/news/statement-against-the-continued-operation-of-the-russian-house-in-berlin/
 (DIR) [8] https://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/EN/Forschung/Forschungsberichte/fb51-ukr-gefluechtete.html?nn=447174
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Maria Dybcio
       
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