# taz.de -- Tagebuch aus Kirgistan: Wie schnell ein Land absteigen kann
> Kirgistan galt lange Zeit als einer der freiesten Staaten Zentralasiens.
> Doch nun werden Journalisten verfolgt. Meist hängt es mit Russland
> zusammen.
(IMG) Bild: Demonstranten solidarisieren sich mit dem Journalisten Bolot Temirov, der 2022 verhaftet wurde
Kollegen und Freunde von mir wurden jüngst ganz offiziell als „Extremisten“
eingestuft. Das hat auch Folgen für mich. Jetzt kann ich nämlich ihre
Recherchen nicht mehr teilen. Sie hatten über Korruption und Diebstahl in
Kirgistan recherchiert, darüber, wie Sanktionen gegen Russland via
Kirgistan umgangen werden, über Kinder von Spitzenpolitikern, die ganz
plötzlich zu erfolgreichen Geschäftsleuten aufgestiegen sind – und über
viele andere aktuelle Probleme.
Ich kann diese Recherchen nicht nur nicht mehr teilen. Ich darf nicht
einmal einen Like unter einen solchen Beitrag setzen, denn sonst werde ich
selbst wegen „Beteiligung an extremistischen Aktivitäten“ strafrechtlich
verfolgt.
Es ist der erste Fall in Kirgistan, in dem ein Gericht Medien als
„extremistische Organisationen“ eingestuft hat. Es hat damit die
Verbreitung der Arbeiten von gleich drei Redaktionen verboten:
„[1][Kloop]“, „Temirov Live“ und „Ait Ait Dese“.
Auch die Aktivitäten der Gründer dieser Medienfirmen, [2][Rinat
Tukhvatschin] und [3][Bolot Temirov], wurden verboten. Die Verhandlung fand
ohne ihre Anwesenheit statt, da beide im Ausland im Exil leben.
## Auf dem Pressefreiheitsindex um 50 Punkte gepurzelt
Die kirgisischen Behörden haben sich deshalb an Interpol gewandt - mit der
Bitte um Ausstellung eines sogenannten „[4][roten Haftbefehls]“ gegen
Tukhvatschin. So etwas verpflichtet die Behörden aller Mitgliedsländer, den
Gesuchten für eine mögliche Auslieferung festzunehmen. Doch Interpol lehnte
den Antrag ab und bezeichnete ihn als politisch motiviert.
Trotz Repressionen und erzwungener Vertreibung setzen die Journalisten von
„Kloop“ und „Temirov Live“ ihre Arbeit fort. Kürzlich veröffentlichten sie
eine umfangreiche Recherche darüber, wie über Kirgistan und über
Kryptowährungen Systeme zur Umgehung der Sanktionen gegen Russland
organisiert werden, an denen Personen beteiligt sind, die mit dem
russischen Geheimdienst FSB und dem prorussischen Politiker [5][Ilan Șor
aus Moldau] in Verbindung stehen.
Heute wagt sich in Kirgistan niemand mehr an solche Themen heran.
Jahrelange Repressionen sind eben nicht ohne Spuren geblieben. Unabhängige
Medien gibt es in Kirgistan fast nicht mehr, Selbstzensur und Angst sind
sehr verbreitet. Im Jahr 2024 fiel das Land im [6][Pressefreiheitsindex]
der „Reporter ohne Grenzen“ um 50 Plätze zurück.
Internationale Organisationen stellen eine gravierende Verschlechterung der
Meinungsfreiheit in dem Land fest. Dabei galt Kirgistan noch bis vor Kurzem
als das freieste Land in Zentralasien.
[7][Mahinur Niyazova] ist freie Journalistin und stammt aus Bischkek in
Kirgistan. Sie war Teilnehmerin eines Osteuropa-Workshops der [8][taz
Panter Stiftung].
Aus dem Russischen von [9][Tigran Petrosyan].
Durch Spenden an die [10][taz Panter Stiftung] werden unabhängige und
kritische Journalist:innen vor Ort und im Exil im Rahmen des Projekts
„Tagebuch Krieg und Frieden“ finanziell unterstützt.
28 Nov 2025
## LINKS
(DIR) [1] /Repressionen-gegen-Medien-in-Kirgistan/!6125436
(DIR) [2] https://www.frontlinedefenders.org/en/profile/rinat-tukhvathsin
(DIR) [3] https://www.reporter-ohne-grenzen.de/artikel/pressemitteilungen/689/kirgistan-schiebt-bolot-temirow-ab
(DIR) [4] https://www.interpol.int/How-we-work/Notices/Red-Notices/View-Red-Notices
(DIR) [5] /Tagebuch-aus-Moldau/!6113759
(DIR) [6] https://www.reporter-ohne-grenzen.de/rangliste
(DIR) [7] /Mahinur-Niyazova/!a144056/
(DIR) [8] /taz-panter-stiftung/die-taz-panter-stiftung/!v=e4eb8635-98d1-4a5d-b035-a82efb835967/
(DIR) [9] /Tigran-Petrosyan/!a22524/
(DIR) [10] /Panter-Stiftung/Spenden/!v=95da8ffb-144e-4a3b-9701-e9efc5512444/
## AUTOREN
(DIR) Mahinur Niyazova
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