# taz.de -- Tagebuch aus Estland: Wenn nur der Mensch ins Exil geht, nicht aber sein Konto
> Sanktionen der EU treffen nicht nur das Regime des Wladimir Putin. Auch
> Russen, die geflohen sind, können betroffen sein. Unser Autor hat Angst.
(IMG) Bild: Schwierige Geschäfte: Bankautomat in Russland
Auch dieser Dezember ist eine traurige Zeit für jeden Russen und jede
Russin. Besonders traurig ist er für die Gegner:innen [1][Wladimir
Putins]. Der Krieg in der [2][Ukraine] eskaliert weiter, und Moskau wie
auch Washington drohen einander offen mit dem Einsatz von Atomwaffen. Aus
Angst vor Protesten im eigenen Land verschärft die russische Regierung ihre
repressiven Maßnahmen.
Man kann es kaum anders als Terror bezeichnen, wenn etwa junge Musiker der
Band [3][Stoptime] bereits zum dritten Mal in Folge wegen desselben
„Verbrechens“ verhaftet werden: Sie spielen Lieder von Künstler:innen, die
in der Russischen Föderation als „ausländische Agenten“ eingestuft sind –
und das auf den Straßen von St. Petersburg. Der Hammer der Putin-Justiz
schlägt unerbittlich zu.
Auf der anderen Seite sieht sich Putin jedoch den [4][europäischen
Sanktionen] gegenüber – die nicht nur ihn treffen. Seit 2022 habe ich, der
als Emigrant in der Europäischen Union lebt, noch nie solche Angst um mein
eigenes Schicksal gehabt wie heute. Dabei geht es nicht einmal um die
Gefahr einer Invasion durch Putins Truppen in die baltischen Staaten, die
mittlerweile durchaus realistisch erscheint.
Es geht um den Druck, den die EU unterschiedslos auf alle Inhaber:innen
eines russischen Passes ausübt. Das jüngste Paket europäischer Sanktionen
gegen die Russische Föderation – es ist schon [5][das 19.] – hat gerade für
Russ:innen, die in Europa leben, eine Vielzahl von Problemen geschaffen.
Unter dem Vorwand, die Einhaltung der Sanktionen besser kontrollieren zu
wollen, hat die populäre Neobank [6][Revolut] damit begonnen, Konten von
Russ:innen zu schließen, die mit einem Visum in der EU leben. Betroffen
waren unter anderem Inhaber:innen humanitärer Visa –
Journalist:innen und Menschenrechtsaktivist:innen. Obwohl Revolut die
massenhafte Kontenschließung später als technischen Fehler bezeichnete,
sind selbst diejenigen Russ:innen beunruhigt, die ihr Bankkonto behalten
haben.
## Gefängnis für den Besitz einer russischen Girokarte
Ein noch härterer Schlag könnte die neue Auslegung der finanziellen
Einschränkungen sein, wonach bereits der bloße Besitz und die gelegentliche
Nutzung der Karte einer russischen Bank, gegen die Sanktionen verhängt
wurden, als Verstoß gegen diese Sanktionen gelten kann.
Einige Jurist:innen weisen darauf hin, dass dies in Europa für
Russ:innen unter Umständen eine Gefängnisstrafe bedeuten könnte. Hier
bliebe niemand verschont: Die Sanktionen sind umfassend und betreffen fast
alle größeren Banken der Russischen Föderation. Doch beinah alle
Bürger:innen haben Konten bei diesen Banken. Von diesen Konten aus
zahlen Emigrant:innen beispielsweise Steuern auf ihr in Russland
verbliebenes Vermögen, überweisen oder erhalten Hilfe von Verwandten, die
noch in Russland leben, beteiligen sich an Wohltätigkeitsaktionen und so
weiter. Tatsächlich kann nun jeder oder fast jede:r russische
Staatsbürger:in in Europa wegen Verstoßes gegen die Sanktionen
inhaftiert oder zumindest angeklagt werden.
In diese Reihe schlechter Nachrichten gehört auch das von der Europäischen
Kommission beschlossene [7][Verbot der Erteilung von Mehrfachvisa] für
Russland. Formal betrifft es mich als EU-Bürger nicht, aber es erschwert
beispielsweise meine Treffen mit Verwandten. Ich werde hier nicht die
Argumente der Befürworter:innen und Gegner:innen dieses Verbots
wiederholen – im Internet wurde bereits viel darüber diskutiert.
Das Wichtigste, was ich sagen möchte, ist: Ich, ein Russe, ein
Kriegsgegner, der Geld an die Streitkräfte der Ukraine spendet, ein
Journalist für unabhängige Medien, habe Angst, in Europa zu leben. Ich habe
das Gefühl, dass man mich, wenn nicht morgen, dann in ein oder zwei Jahren
wegschicken wird und alle Bemühungen und Errungenschaften zunichte machen
wird.
Nach St. Petersburg werde ich nicht zurückkehren. Wo könnte also mein neues
Zuhause sein? Vielleicht Algerien, Marokko oder El Salvador? Nie zuvor
erschien mir der Globus so eng und unwirtlich. Vielleicht gibt es irgendwo
auf der Welt eine Macht, die bereit ist, Russ:innen wie mir eine Insel
irgendwo in neutralen Gewässern zuzuweisen.
[8][Alexey Schischkin] ist Journalist aus St. Petersburg. Seit der
russischen Invasion in die Ukraine lebt und arbeitet er im Exil in Estland.
Er war Teilnehmer eines [9][Osteuropa-Workshops der taz Panter Stiftung].
Aus dem Russischen von [10][Tigran Petrosyan].
Durch Spenden an die [11][taz Panter Stiftung] werden unabhängige und
kritische Journalist:innen vor Ort und im Exil im Rahmen des Projekts
„Tagebuch Krieg und Frieden“ finanziell unterstützt.
12 Dec 2025
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(DIR) [6] https://de.wikipedia.org/wiki/Revolut
(DIR) [7] https://www.deutschlandfunk.de/visa-vergabe-fuer-russische-staatsbuerger-eingeschraenkt-100.html
(DIR) [8] /Alexey-Schischkin/!a123125/
(DIR) [9] /taz-Panter-Stiftung/!v=e4eb8635-98d1-4a5d-b035-a82efb835967/
(DIR) [10] /Tigran-Petrosyan/!a22524/
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## AUTOREN
(DIR) Alexey Schischkin
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