# taz.de -- Fotoausstellung im Hamburger MK&G: Alltag in der Fremde
> Was heißt es, fern der Heimat zu leben? Die Ausstellung „Früher hießen
> wir Gastarbeiter“ zeigt, wie Migrant*innen ihr Leben in Deutschland
> sahen.
(IMG) Bild: Konzertsituation: Migration, das hieß auch die Erweiterung der Klangskalen
Die Fotocollage ohne Titel von Mehmet Ünal spricht für sich. Eine Hand hält
Spielkarten mit Gesichtern von türkischstämmigen Menschen in die Höhe, über
ihren Köpfen stehen Wörter wie „nicht willig“ oder „integrationsfähig“.
Eine Sprechblase fordert auf: „Zieh!!“.
Allein schon diese Arbeit aus dem Jahr 1982 lässt keinen Zweifel daran,
dass sich der 1951 in Canakkale in der Türkei geborene Journalist und
Fotograf der Satire bedient. Ihm geht es darum, die teils unwürdige
Behandlung der Zugewanderten in Deutschland anzuprangern.
Nicht nur die Exponate des ehemaligen Schauspielers, der 1976 nach Mannheim
gekommen ist, sind bis zum 17. Mai 2026 in der Ausstellung „Früher hießen
wir Gastarbeiter“ im [1][Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg] MK&G zu
sehen.
Für die Kuratorin Esther Ruelfs, Leiterin der Sammlung Fotografie und neue
Medien, lag es irgendwann auf der Hand, ihre Abteilung mit Werken von
migrantischen (Amateur-)Fotograf:innen aufzustocken. Neben Mehmet Ünals
Arbeiten schließen nun also Aufnahmen von Muhlis Kenter, [2][Nuri
Musluoğlu], Asimina Paradissa und Mehmet Ünal eine Lücke.
## Kleinformatige Selbstporträts
Was die Vier eint, ist ihr Interesse an der Arbeiter:innenfotografie. Mit
ihren Fotos oder Collagen rücken sie das Thema Migration in den
Vordergrund. Was bedeutet es eigentlich, fernab der Heimat zu leben? Wie
sind die Wohnverhältnisse oder die Arbeitsbedingungen? Mit kleinformatigen
Selbstporträts liefert Asimina Paradissa, Jahrgang 1945, einen Eindruck.
Die gebürtige Griechin hat sich ab 1968 immer wieder von Verwandten oder
Kolleginnen ablichten lassen. Ursprünglich hatten diese Aufnahmen quasi
Selfie-Charakter, die Fabrikarbeiterin schickte ihrer Familie Fotos, um sie
zumindest ein bisschen an ihrem Alltag in der Fremde teilhaben zu lassen.
Aus heutiger Sicht haben sie jedoch einen völlig anderen Stellenwert. Sie
machen [3][Arbeitsmigration aus einer weiblichen Perspektive] sichtbar. Das
hat Seltenheitswert. Dabei waren in den 1960er- und 1970er-Jahren etwa ein
Drittel der sogenannten „Gastarbeiter:innen“ Frauen.
Asimina Paradissa erzählt deren Geschichte aus der Ich-Perspektive. Egal,
ob man sie im Wohnheim für unverheiratete Frauen in Wilhelmshaven oder bei
der Arbeit in einer Fabrik in Wuppertal sieht: Sie blickt stets offen in
die Kamera, ohne Frage präsentiert sie sich ziemlich selbstbewusst.
Sogar wenn sie ihr Zimmer reinigt, lacht sie. Sie posiert wie eine
Ballerina, ihren Putzlappen hält sie wie eine Trophäe hoch. In ihrer
Freizeit wirkt sie fröhlich, an ihrem Arbeitsplatz deutlich ernster.
Während Asimina Paradissa in erster Linie ihre eigenen Stimmungen visuell
umgesetzt hat, dokumentierte Nuri Musluoğlu zwischen 1975 und 1988 das
öffentliche Leben. Vor allem in seinem Wohnort Heilbronn. Mit seiner Kamera
tauchte der 1951 geborene Istanbuler bei Streiks für eine 35-Stunden-Woche,
bei Protesten gegen die Stationierung von Pershing II-Raketen oder bei
türkischen Hochzeiten gleichermaßen auf.
Mitte der 1980er führte er die Lebensbedingungen in Asylunterkünften
unmissverständlich vor Augen. Ein junger Mann steht hinter einem
Maschendrahtzaun, sehnsüchtig schaut er auf die Welt dahinter. Auf einem
anderen Foto beziehen zwei Schwarze eine Bettdecke. Ein drittes Bild zeigt
ein „Geld statt Schweinefraß“-Graffiti auf einer Hauswand.
## Der Betriebsleiter hat alle im Blick
Exemplarisch für Muhlis Kenters Fotografie wiederum stehen in der rund 80
Exponate umfassenden MK&G-Schau zum Beispiel Aufnahmen aus einer
Textilfabrik in Alsdorf. Sie sind 1979 entstanden.
Ein Foto unterstreicht, dass der Betriebsleiter die Arbeiterinnen ständig
überwacht. Das nächste veranschaulicht, wie die Frauen an ihren
Arbeitsplätzen isoliert werden. Sie sollen sich nicht miteinander
unterhalten. Es fällt nicht schwer, darin Kritik an den Arbeitsbedingungen
zu erkennen.
„Solche Aufnahmen könnte ich heute nicht mehr machen“, bekennt Muhlis
Kenter. „Die Betriebe würden mich gar nicht fotografieren lassen.“ Der
gebürtige Istanbuler, Jahrgang 1952, ist 1972 nach Deutschland gekommen, um
in Aachen Maschinenbau zu studieren.
## Zwei Jahre bis zur Foto-Genehmigung
Weil er zweisprachig aufgewachsen war und bereits Deutsch sprach, fremdelte
er weniger als andere in seiner neuen Heimat. An der Uni schloss er sich
einer Gruppe an, die für die Zeitschrift „Arbeiterfotografie“ aktiv war.
Sie hatte einen klar definierten Plan – durch die Kameralinse wollte sie
einen Kampf gegen soziale Ungleichheit führen.
Mit oft anonymen Beiträgen, erstellt im Kollektiv. Es sei nicht immer
leicht gewesen, ans Ziel zu kommen, erinnert sich der Professor im
Ruhestand aus Bremen: „Erst nach zwei Jahren haben wir die Genehmigung
erhalten, in einem Bergwerk fotografieren zu dürfen.“
Damals hat er begriffen, was es bedeutet, unter Tage zu arbeiten: „Wenn man
in einen 75 Zentimeter hohen Flöz kriechen muss und abgesehen von einer
Stirnlampe kein Licht hat, kriegt man ein beklemmendes Gefühl. Das habe ich
am eigenen Leib erfahren.“
5 Jan 2026
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## AUTOREN
(DIR) Dagmar Leischow
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