# taz.de -- Tanztheater über das Fremdsein: Gesten der Angst und der Hoffnung
> Im Tanzstück „All Our Stories“ am Theater Osnabrück geht es um Aufbrüche,
> Fremdheit, Heimweh. Dazu erklingt Musik des Komponisten Kinan Azmeh.
(IMG) Bild: „All our Stories“ von der Dance Company Osnabrück
Als innere und äußere Bewegung ist Migration per se ein Sujet fürs
zeitgenössische Tanztheater, häufig aber nur als Nebenprojekt zur
kulturellen Teilhabe von Geflüchteten zu erleben. Am [1][Theater Osnabrück]
kommt es nun mit „All Our Stories“ auf die große Bühne.
Die Musik dazu kommt nicht aus der Retorte: Das Symphonieorchester spielt
Werke des gebürtigen Syrers und heute in New York lebenden [2][Kinan
Azmeh]. Er eignet sich spätromantische Klangvolumina mit elegischer
Melodieführung an, konfrontiert und amalgamiert das diatonisch-chromatische
Tonsystem der abendländischen mit der Mikrotonalität der morgenländischen
Musik, lässt auch seine Jazz-Lust spüren, das Kompositionskorsett mit
aufschwingenden Passagen einzelner Instrumente zu sprengen. Eine
freundliche Einladung, es sich auf dem [3][west-östlichen Divan] gemütlich
zu machen. Aber es geht ja um Migration.
Die Choreografie des englischen, aber in Barcelona beheimateten Thomas
Noone will das Thema allgemein angehen. Also ans Publikum anbinden.
Schließlich wisse doch jeder, so Dramaturgin Britta Horwath, wie es sei,
aus dem Elternhaus zum Studium in eine andere Stadt zu ziehen oder wegen
eines Jobs oder der Liebe den Wohnort zu wechseln.
Darum soll es gehen, den Aufbruch von zu Hause, sich anderswo neu zu
finden, zu integrieren – anzukommen. Wozu vielleicht auch das 13-köpfige,
aus neun Nationen stammende Ensemble etwas konkret beitragen könnte,
diesbezüglich aber stumm bleibt, eher entindividualisiert in die
Gruppenchoreografie eingeht, die vor Konkretionen abstrahierend
zurückschreckt. Daher ist auch die Bühne leer, nur durch Lichtzauberei
gestaltet.
## Motionspartikel wie Gedanken
Zuerst kommt die „Ibn Arabi Suite“ (2013) zu Gehör. Das raumgreifend
wildbewegte Ensemble deutet mit körperlichen diverse seelische Bewegungen
an. Motionspartikel einzelner Tänzer:innen greifen wie Gedanken immer
wieder auf die ganze Gruppe über, die bald in eine allgemeine Drehwirbelei
verfällt. Ein physischer Dynamo zur Erzeugung von Befreiungsenergie?
Aufbruchspathos? Konterkarierend dazu wird nach Halt gesucht, nach
Haltungen. Auch im schönen Wechselspiel von Fallenlassen und
Aufgefangenwerden.
Anschließend winden sich Paare umeinander. In großen wie kleinen
Gruppenbildungen werden zudem Berührungen gesucht und gefunden. Im
ständigen Befingern bleiben alle einander verbunden. Lösen sich Gruppen
oder Pas de deux auf, ist das nur eine Übergabe der Tänzer:innen an neue
Gruppenbildungen und Pas de deux. Sehr ideenreich, mit teilweise
akrobatischen Miniaturen entwickelt Noone ein breites, partiell originelles
Spektrum an Bewegungen, Bildern und Gesten der Angst, des Zauderns, der
Hoffnung, des Loslassens, Miteinanders und der Enttäuschungen. Die
temporeich dynamisierte Choreografie kommt in fließender Eleganz daher und
ist präzise aus den Impulsen der Partitur heraus geformt.
Da die Eröffnung des Abends, vermutlich, den Entscheidungsfindungsprozess
zum Aufbruch illustriert, gilt es im Folgenden, sich in der Fremde zu
orientieren. Tänzer:innen klopfen an eine bereitgestellte Wand, Fenster
öffnen sich, Einlass wird erst mal nicht gewährt, doch irgendwie ein leeres
Zimmer gefunden und eine Holzpritsche ausgeklappt.
Immer mehr Menschen suchen genau diesen Schlafplatz. Es entsteht eine sich
auf Bett und Fußboden drängelnde WG-Notgemeinschaft – enttäuscht, in
Ungewissheiten gefangen. Aber Liebe geht immer? Ein Paar ertanzt sich Nähe,
kuschelt aneinander. Das Ensemble drückt Ablehnung gegen diese Verbindung
aus, woraufhin sich die frisch Liierten wieder entpartnern. Aber auch
vertrauensbildende Maßnahmen sind zu sehen, denn das gegenseitige Anfassen
feiert einen Neustart.
## Hommage an die neue Heimat
Die final gespielte „[4][Suite for Improvisor and Orchestra]“ (2007)
beginnt mit einer Hommage an Azmehs neue Heimat, die multikulturelle
Vitalität Harlems. Auf der Bühne wird dies mit freudigem Durcheinander
gefeiert. Zur vertonten Melancholie von Azmehs Heimweh nach Damaskus flirrt
die Compagnie wie Erinnerungsfiguren durch die Szene.
Zum dritten Teil des Werks, einer Hochzeitsmusik, hebt ein lebensfrohes
Springen, Armeschwingen und Herumtollen an. Aus dem Orchester heraus
jubiliert die Klarinette mit klarem, forschem Ton. Partystimmung. Alle
finden zueinander. Furcht, Fremdheit, Einsamkeit lösen sich im neuen
sozialen Kontext auf.
Dass „All Our Stories“ so enden, mag sich als realistisch ausmalen, wer aus
einem anderen Bundesland nach Osnabrück zieht. Von den Entbehrungen,
Gefahren und [5][Traumata] aktuell lebensbedrohlicher Migrationsbewegungen
aus existenzieller Not, weiß der Abend allerdings nichts zu erzählen.
6 Nov 2025
## LINKS
(DIR) [1] /Debatte-ueber-Machtstrukturen-gefordert/!6115351
(DIR) [2] /Syrisches-Musiktheater-in-Osnabrueck/!5854889
(DIR) [3] /Syrisch-deutscher-Musiktransfer/!5472047
(DIR) [4] /Syrisches-Musiktheater-in-Osnabrueck/!5854889
(DIR) [5] /Psychologische-Hilfe-fuer-Gefluechtete/!6098152
## AUTOREN
(DIR) Jens Fischer
## TAGS
(DIR) Tanz
(DIR) Migration
(DIR) Schwerpunkt Syrien
(DIR) Musik
(DIR) Orchester
(DIR) Theater Osnabrück
(DIR) Tanz
(DIR) Orient
(DIR) Musiktheater
(DIR) Musiktheater
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Tanzperformance in Osnabrück: Die diffuse Hektik des Daseins
Ein Tanz um Leben und Tod in der vermuteten Unendlichkeit: Die Dance
Company Osnabrück schlängelt sich in Johanna Nuutinens „Æon“ durch Zeit und
Raum.
(DIR) Berliner Premiere der Akram Khan Company: Sie führt in eine Welt vor unserer Zeit
So hinreißend der Tanz, so düster die mythischen Rituale: „Thikra: Night of
Remembering“ der Akram Khan Company bei den Berliner Festspielen.
(DIR) Gründer über das Morgenland-Festival: „Ein Ort des Respekts“
Osnabrücks Morgenland-Festival präsentiert die Musikkultur Westasiens
zwischen Tradition und Avantgarde. Nun hört Festival-Gründer Michael Dreyer
auf.
(DIR) Syrisches Musiktheater in Osnabrück: Saat für eine bessere Zukunft
Der syrische Klarinettist und Komponist Kinan Azmeh hat für das Osnabrücker
Morgenland Festival ein Musiktheater mit rund 100 Beteiligten verfasst.
(DIR) Musiktheater beim Morgenland-Festival: Der Untergang des Morgenlandes
Eine wortreiche, aber dürftige Handlung: Mit Kinan Azmehs „Songs for Days
to Come“ scheitert Osnabrücks Intendant Ulrich Mokrusch kläglich.