# taz.de -- Psychotherapeutin über Integration: „Angst lähmt nur“
       
       > Mit Migration kennt sich Saher Khanaqa-Kükelhahn aus. Sie kam als
       > Jugendliche aus dem Irak nach Deutschland, jetzt hilft sie anderen beim
       > Ankommen.
       
 (IMG) Bild: Will gestalten: Saher Khanaqa-Kükelhahn
       
       taz: Was ist das für ein Bällchen, Frau Khanaqa-Kükelhahn? 
       
       Saher Khanaqa-Kükelhahn: Ach, ich brauche immer was zum Spielen, wenn ich
       nachdenke. Deshalb habe ich diesen Ball, um ihn von der einen in die andere
       Hand zu werfen. Und dann ist es auch toll, wenn jemand reinkommt, dem
       schmeiße ich den Ball zu und schon ist man miteinander im Gespräch.
       
       taz: In dem man sich gegenseitig die Bälle zuwirft? 
       
       Khanaqa-Kükelhahn: Ja, aber das ist gar nicht so psychologisch gedacht. Es
       macht einfach viel Spaß! Also das Kind in mir ist nicht tot. Gott sei Dank.
       
       taz: Das Nicht-psychologisch betonen Sie auch, weil Sie neben der Firma
       Face2Face hier eine Praxis als Psychotherapeutin führen … 
       
       Khanaqa-Kükelhahn: Ja, meine eigene Praxis habe ich seit 1994 und ich liebe
       diesen Job, auch wenn ich ihn nicht mehr komplett ausüben kann, weil ich so
       viel anderes zu tun habe: Ich finde es total schön, präventiv zu arbeiten,
       rauszugehen und Sachen aufzufangen, bevor die Leute eine Therapie brauchen.
       Dafür entwickle ich Konzepte und trage sie durch Projekte mit
       Einrichtungen, Schulen und dem Gesundheitssystem in die Gesellschaft rein,
       um Räume für Demokratieverständnis zu schaffen.
       
       taz: Eben dafür haben Sie 2024 die Firma Face2Face gegründet … 
       
       Khanaqa-Kükelhahn: Ja, und [1][den Lichtgrenze-Verein]. Den brauchen wir,
       um Projektgelder für die gemeinnützige Arbeit einzuwerben, und die GmbH war
       nötig, um unsere Weiterbildungsmaßnahmen zertifizieren zu lassen. Vorher
       war rund 14 Jahre das [2][Bürgerzentrum Vahr] unser Träger. Aber wir waren
       dann am Ende einfach zu groß geworden: Wir hatten als Abteilung über 100
       Beschäftigte, gegenüber 9 Verwaltungsmitarbeitern des Bürgerzentrums, das
       ist ja ein ziemliches Ungleichgewicht.
       
       taz: In dem Bremer Stadtteil Vahr sind Sie aber weiter aktiv? 
       
       Khanaqa-Kükelhahn: Ja, wir betreiben hier die pädagogische Mensa der
       Oberschule an der Kurt-Schumacher-Allee, dafür haben wir einen
       Fünfjahresvertrag. Da kochen Frauen, die vorher arbeitslos waren und super
       glücklich sind, wieder am Leben teilnehmen zu können. Und Kochen lernen ist
       in der neunten Klasse im Curriculum verankert: Die Kids lernen bei uns also
       kochen, mit frischen Biozutaten.
       
       taz: Die Vahr ist zwar ein bekannter Stadtteil, aber einer mit
       Armutsproblem? 
       
       Khanaqa-Kükelhahn: Ja. Also wir haben da viel Kinderarmut. Es gibt einen
       sehr großen Anteil an Familien, bei denen das Geld einfach nur bis zum 20.
       vom Monat reicht. Da gibt es dann kein vernünftiges Essen mehr zu Hause,
       und das in der Pubertät! In dem Alter essen die ja wie Scheunendrescher!
       Wir haben deshalb im ersten Jahr versucht, das komplett kostenlos
       anzubieten. Jetzt im zweiten Jahr hatten wir nicht mehr so viel Geld und
       mussten überlegen, wie kriegen wir das denn hin? Wir dürfen ja auch kein
       Minus machen.
       
       taz: Sie hatten aber Ideen, wie Sie das Problem lösen? 
       
       Khanaqa-Kükelhahn: Ideen und Leute, die uns unterstützen. Zum Beispiel den
       Spitzenkoch Philipp Probst aus Bremerhaven. Der ist total nett. Den haben
       wir gefragt, ob er mal für uns kochen könnte. „Klar, mach ich“, hat der
       gesagt. „Ich komme mit dem gesamten Küchenteam.“ Mit dem veranstalten wir
       also ein Charity-Essen: Dafür stellt uns das Theater Bremen die Bühne zur
       Verfügung und dann kocht Philipp da ein veganes Drei-Gänge-Menü. Wir kochen
       selbst in der Theaterkantine ja auch möglichst vegan. Wenn dazu so 200
       Leute kommen und jeder zahlt 100 Euro, können wir damit wieder ein Halbjahr
       das Essen umsonst abgeben. Und für danach haben wir in unserer
       Upcycling-Werkstatt so viele Taschen genäht, dass …
       
       taz: Die Upcyclingwerkstatt im Einkaufszentrum neben dem Bürgerzentrum? 
       
       Khanaqa-Kükelhahn: Da haben wir unseren Laden, direkt neben dem Eiscafé.
       Und außer Kleidung, die wir im Shop anbieten, nähen wir da aus alten
       Bannern Kulturbeutel und andere Taschen. Da habe ich mit Firmen gesprochen.
       Die würden die als Geschenk für ihre Mitarbeiter abnehmen, und mit dem
       Erlös sponsern wir wieder ein Jahr lang das Schulessen.
       
       taz: Also Projekt und Projekt und Projekt sind bei Ihnen alle miteinander
       verzahnt? 
       
       Khanaqa-Kükelhahn: Ja, alle. Ich glaube, wir haben mehr als 30 Projekte,
       die miteinander verzahnt sind.
       
       taz: Auch die erwähnte Theaterkantine … 
       
       Khanaqa-Kükelhahn: Genau.
       
       taz: Da arbeiten Geflüchtete in der Küche? 
       
       Khanaqa-Kükelhahn: Die bekommen da eine Gastronomieausbildung, und außerdem
       haben wir dort montags und freitags das Global Café. Da kommen
       Bremer*innen, die meisten sind Rentner, die trinken zusammen mit
       Geflüchteten Kaffee und schnacken mit denen und helfen ihnen vielleicht
       auch, Formulare auszufüllen. In den Sprachkursen an der Volkshochschule
       sind die Migrant*innen ja meistens unter sich, und es fehlt die
       Möglichkeit, ein Alltagsgespräch zu führen. Oft trauen die sich halt nicht,
       rauszugehen und anzuwenden, was sie gelernt haben. Die Barrieren und die
       Angst sind einfach zu groß.
       
       taz: Sie dagegen erlebe ich als eine angstfreie Person. Oder täusche ich
       mich? 
       
       Khanaqa-Kükelhahn: Nein, das stimmt schon. Ich bete natürlich dafür, dass
       meine Kinder gesund bleiben oder so. Aber Angst, nein, das lasse ich nicht
       zu. Angst lähmt nur, und ich will ja gestalten. Eigentlich müsste mir
       [3][die politische Entwicklung in Deutschland Angst machen], weil ich aus
       einer Diktatur komme und ja nun auch hier als Migrantin gelesen werde.
       Viele meiner Freunde wollen deshalb mittlerweile raus aus Deutschland. Aber
       da sage ich: Nein, jetzt erst recht nicht. Ich bleibe hier! Ich werde doch
       mein Deutschland und mein Bremen davor schützen, dass es total abdriftet.
       Also Angst auf keinen Fall. Ich habe null Angst.
       
       taz: Wie kommt das? 
       
       Khanaqa-Kükelhahn: Ich glaube, das hat mit meiner Erziehung und meiner
       Familie zu tun. Wir sind alle so sehr durch Gefahren durchgegangen für
       unsere Gesinnung oder das Ziel, kurdische Politik zu betreiben. Ich glaube,
       dass wir einfach von Anfang an die Angst abgelegt haben.
       
       taz: Die Diktatur, aus der Sie kommen, war die von Saddam Hussein im Irak:
       Welche Vorstellung von Deutschland hatten Sie, als Sie damals in den
       Achtzigern hier ankamen? 
       
       Khanaqa-Kükelhahn: Na ja, wir kannten das schon. Mein Vater hatte in
       Deutschland in den 1970ern seine Doktorarbeit geschrieben und wir haben ihn
       da auch einmal besucht. Lustiger war die Vorstellung der Deutschen vom
       Irak. Das war für die eine einzige Wüste. Ich bin damals allen Ernstes
       gefragt worden, ob ich einen Kulturschock bekommen hätte, als ich einen
       Kühlschrank gesehen habe!
       
       taz: Bei uns kam der Irak damals nur als Kriegsschauplatz vor. 
       
       Khanaqa-Kükelhahn: Das war der Iran-Irak-Krieg, ja: Wir sind 1983 hier
       angekommen. Meine Eltern konnten einfach nicht aufhören, politisch zu
       arbeiten, dabei war mein Vater deswegen gerade erst wieder in Haft gewesen.
       Es gab alle paar Stunden Fliegeralarm, das heißt, alle mussten in den
       Bunker, man konnte sich also auch nicht gut verstecken. Dass wir weggehen,
       hatten unsere Eltern heimlich organisiert. Eines Tages war mein Vater nach
       Hause gekommen und er sah total gestresst aus: Wir mussten ganz schnell ein
       paar Sachen packen, dann hat uns ein Auto abgeholt und ist mit uns von
       Kirkuk nach Bagdad gefahren, zum Flughafen. Da hat uns dann jemand durch
       eine Seitentür reingeschmuggelt.
       
       taz: Und dann? 
       
       Khanaqa-Kükelhahn: Mein Vater hatte alles verkauft, was wir hatten, und hat
       den Männern am Flughafen Geld gegeben, und die immer nur so: „Schnell!,
       schnell!“, so haben die uns da durchgeschleust, bis ins Flugzeug rein, alle
       mit Herzklopfen. Und dann sind wir in Frankfurt gelandet. Als wir
       ausgestiegen sind, hat meine Mama echt Panik bekommen. Vorher nicht, aber
       dieses Gefühl, es geschafft zu haben, und das alles wieder verlieren zu
       können, da ist sie regelrecht panisch geworden, hat bei allen
       schwarzhaarigen Personen auf dem Flughafen gedacht, das sind jetzt Leute
       von Saddam, die uns doch noch schnappen.
       
       taz: Das hat Sie damals stark beschäftigt? 
       
       Khanaqa-Kükelhahn: Diese Angst der Erwachsenen, die werde ich nie
       vergessen. Das war schon etwas Besonderes. Ich habe nie wieder so viele
       verängstigte Erwachsene gesehen wie damals im Irak. Für uns Kinder war das
       anders. Für uns war es oft fast aufregend: Ich weiß noch, einmal kamen wir
       nicht nach Hause, weil wir über eine Brücke mussten und die war gesperrt.
       Und da standen wir bei irgendwelchen Idioten von Soldaten, die mit ihren
       Kalaschnikows gegen Hubschrauber geschossen haben, völlig plemplem. Wir
       haben dann die Patronenhülsen gesammelt, weil wir es cool fanden. Später
       haben wir uns vom Automechaniker im Dorf Löcher reinstanzen lassen in die
       Hülsen und uns Ketten daraus gemacht. Als Kind machst du halt immer das
       Beste daraus. Ich glaube, es war eine ganz normale Kindheit, nur, dass sie
       halt mit Krieg behaftet war. Vermutlich kann der Mensch Extremsituationen
       gar nicht so lange aushalten. Also muss er sich dran gewöhnen und trotzdem
       seinen Alltag leben, als wäre es normal.
       
       taz: Aber geprägt hat Sie die Situation doch? 
       
       Khanaqa-Kükelhahn: Sicher. Später, als ich Psychologie studiert habe, habe
       ich darüber nachgedacht. Wir haben uns zum Beispiel morgens alle
       voneinander so verabschiedet, egal, ob wir zur Schule oder einkaufen
       gegangen sind, als ob es ein Abschied für immer wäre, von der Oma, von den
       Tanten, von Mama, vom Papa, von den Geschwistern. Und zugleich, wenn man in
       so einer Situation gelebt hat, ist das Vertrauen Müll. Du vertraust
       niemandem mehr, keinem Nachbarn, auch den Freundinnen nicht, weil du ja
       weißt, die Leute werden eingeschüchtert und erpresst oder bestochen, um
       andere zu verraten. Es kam ja auch vor, dass ein Klassenkamerad und die
       ganze Familie auf einmal weg waren und keiner wusste, sind sie nach Süden
       deportiert oder gleich umgebracht worden. Das ist ja vielen kurdischen
       Familien so ergangen. Später hat man dann die Massengräber gefunden.
       
       taz: Die Lehrkräfte boten auch keinen Halt? 
       
       Khanaqa-Kükelhahn: Die waren total verängstigt: Einmal, nach den
       Sommerferien, war auf einmal die kurdische Sprache komplett verboten und
       man hatte unsere Lehrer durch arabische Leute aus dem Süden ersetzt. Die
       hatten keinerlei Ausbildung. Die bekamen einfach ein Auto, ein Haus und
       30.000 Dinar Prämie für den Umzug und sollten uns dann unterrichten, auf
       Arabisch, obwohl wir alle kein Arabisch sprachen.
       
       taz: Wie war denn dann hier in Deutschland der Sprachunterricht
       organisiert? 
       
       Khanaqa-Kükelhahn: Es gab doch keinen Sprachunterricht! Gar nichts gab es!
       Friss oder stirb, das war das Motto. Aber letztlich war das nicht so
       schlimm. Ich habe mich ziemlich gut integriert.
       
       taz: Und drei Jahre später Abi gemacht?! 
       
       Khanaqa-Kükelhahn: Ich bin keinmal sitzengeblieben oder so! Es war sehr
       schwer. Also diese Sprache zu lernen und dann in einem Schulsystem zu
       existieren, wo die Sprache einerseits so präsent ist, aber andererseits
       jede Unterstützung fehlte: Es gab ja noch nicht mal ein
       Kurdisch-Deutsches-Wörterbuch. Es gab nur Arabisch-Deutsch, also musste ich
       Deutsch über eine Fremdsprache lernen. Der größte Clou war aber: Ab der
       elften Klasse musste ich auch noch Französisch lernen, weil ohne zweite
       Fremdsprache konnte man kein Abi machen.
       
       taz: Arabisch galt nicht? 
       
       Khanaqa-Kükelhahn: Nein, damals in den 1980ern sowieso nicht. Ich kann auch
       noch Türkisch.
       
       taz: … galt aber auch nicht? 
       
       Khanaqa-Kükelhahn: Nein. Ich habe jedenfalls mein Abi geschafft. Ich
       glaube, ich hatte sogar eine 2,7, obwohl mir bei der Kurvendiskussion 2,5
       Punkte abgezogen worden waren wegen Rechtschreibfehlern. Das fand ich voll
       gemein. Aber egal. Ich habe dann Psychologie studiert. Das war schon im
       Irak mein Wunsch gewesen.
       
       taz: Das ist ein Beruf, in dem es immer um Lebensgeschichten geht. Ist
       Erzählen Ihnen wichtig? 
       
       Khanaqa-Kükelhahn: Ja, absolut. Wir Kurden haben nur überlebt, weil wir uns
       Geschichten erzählen. Die schlimmsten Nächte, die schlimmsten Verfolgungen,
       die Zeiten, in denen man am meisten hätte Angst haben müssen, haben wir
       durchgestanden, weil unsere Leute einander Geschichten erzählt haben, von
       früher, von diesem oder jenem, Mythen und Erlebnisse. Ich glaube, das ist
       allgemein ein starkes Bedürfnis: Die Menschen wollen erzählen, von sich und
       von dem, was sie erlebt haben.
       
       taz: Ermutigen Sie in Ihrer Präventionsarbeit Geflüchtete auch aus diesem
       Grund, ihre Geschichten zu erzählen? 
       
       Khanaqa-Kükelhahn: Es geht darüber hinaus. Die meisten Menschen mit
       Fluchterfahrung, gerade Frauen und Kinder, haben auf ihrem Weg emotionale
       Desaster erlebt, Erniedrigungen, man hat sie in Kofferräume gesperrt über
       Stunden, sie sind in diese Boote gesteckt worden, ohne Schutz. Diese
       Menschen müssen das erzählen.
       
       taz: Wenn man das nicht erzählt, wird man krank? 
       
       Khanaqa-Kükelhahn: Ja, psychosomatisch, oder man verbittert. Ich kann mir
       nur ein neues Zuhause aufbauen, wenn ich gelernt habe, gnädig mit mir und
       meiner Geschichte zu sein. Wer das alles in sich drin behalten muss, stellt
       irgendwann in Frage, was er auf sich genommen hat, um hierherzukommen. Weil
       er den Lohn dafür nicht bekommt. Was man bekommt, ist weitere Unsicherheit,
       es dauert ewig, bis man aus den Heimen in eine Wohnung kommt und die Kinder
       richtig in die Schule gehen können. Die fangen hier alle von null an. Die
       sind gesellschaftlich, finanziell, überall ganz unten. Das ist total
       bitter. Deshalb ist es wichtig, dass sie die Möglichkeit haben, das
       loszuwerden, zu erzählen.
       
       17 Nov 2025
       
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