# taz.de -- Mieten in Berlin: Man muss es sich leisten können
> Wohnen ist ein Muss, der Mietmarkt ist umkämpft: In seiner Fotoserie
> „Raum und Zahl“ dokumentiert Florian Scheible, was Berlinern ihre Wohnung
> wert ist.
(IMG) Bild: Aus der Serie „Raum und Zahl“, die das Subjektive ins Verhältnis setzt: Vezas Wohnung in Berlin-Neukölln, 46 Prozent für 37 Quadratmeter (10 Quadratmeter Flur)
Ist da auch ein bisschen Trotz im Spiel? Eine Frau schaut aus dem Fenster
ihrer Neuköllner Wohnung, die Lippen zusammengepresst, sie sitzt in der
Ecke zwischen Heizung und einer Kommode. Die [1][Fotografie von Florian
Scheible] zeigt nur diesen Ausschnitt, alles andere muss sich der
Betrachter oder die Betrachterin dazudenken. Ist das die Küche? Gibt es
einen Esstisch? Wo schläft sie?
Es braucht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie der Alltag von Lisa aus
Neukölln aussieht. 20 Quadratmeter klein ist ihre Wohnung. Wie bewegt man
sich auf engstem Raum, wie richtet man sich ein? Steckt hinter dem Blick
aus dem Fenster die Sehnsucht nach Weite? Oder hat sich Lisa bwusst für
eine Miniwohnung entschieden. Nur 20 Prozent ihres Einkommens zahlt sie für
diese 20 Quadratmeter. Das unterscheidet sie von Há, die ebenfalls nur auf
21 Quadratmetern lebt, dafür aber 70 Prozent ihres Einkommens aufbringen
muss.
Wohnen, das ist eine der Botschaften von Scheibles Fotoserie „Raum und
Zahl“, ist zunächst etwas zutiefst Individuelles. Man richtet sich ein. Im
Raum, der einem zur Verfügung steht, im Budget, das nicht überschritten
werden darf. In den eigenen vier Wänden, auch wenn die dicht an dicht
stehen.
Politisch wird das Wohnen erst, wenn deutlich wird, welchen Preis es hat.
25 Prozent ihres Einkommens zahlen Mieterinnen und Mieter im Schnitt in
Deutschland. Wie aussagekräftig ist diese Zahl, wenn man erfährt, dass eine
Familie mit zwei Kindern in Berlin-Mitte auf 60 Quadratmetern zusammenrückt
– aber nur 18 Prozent ihres Einkommens für die Miete zahlt? Haben sie, als
die Kinder kamen, nach einer größeren Wohnung gesucht und keine gefunden?
Zumindest keine bezahlbare?
## Wie viel Wohnen können wir uns leisten?
Florian Scheible lässt seine Protagonistinnen und Protagonisten nur über
die Kamera sprechen. Die Geschichte hinter den Fotos bleibt unerzählt. Das
Politische an den Fotografien entsteht im Blick des Betrachtenden. Und es
ist bewusst uneindeutig. Keine Anklage, kein Elend, kein Zille.
Eher vermitteln die Fotos des in Berlin und Innsbruck lebenden Fotografen
eine Frage: Wie viel Wohnen können wir uns leisten?
In Berlin, das wie kaum eine andere Stadt in Deutschland unter
explodierenden Mieten leidet, hat die Politik darauf eine Antwort: Für
Menschen mit wenig Einkommen gelten 6,50 Euro pro Quadratmeter Kaltmiete
als „leistbar“.
Darüber hinaus haben der Senat und seine landeseigenen Wohnungsunternehmen
[2][ein „Leistbarkeitsversprechen“] formuliert. Übersteigt die
Nettokaltmiete 27 Prozent des Haushaltseinkommens, kann ein Antrag auf
Mietreduzierung gestellt werden.
Was aber ist mit Menschen, die nicht in einer landeseigenen Wohnung leben?
Was sagt die Politik Karen aus Friedrichshain, die für ihre 66 Quadratmeter
große Wohnung 46 Prozent ihres Einkommen zahlt? Dass sie in eine kleinere
Wohnung soll?
„Raum und Zahl“ setzt etwas zueinander ins Verhältnis, ohne dass die Reihe
Antworten geben kann. Die Frage aber steht im Raum: Was ist mit denen, die
sich das Grundrecht Wohnen nicht mehr leisten können? Und wie radikal
müssen die Antworten auf diese Frage ausfallen?
13 Nov 2025
## LINKS
(DIR) [1] https://florian-scheible.com/
(DIR) [2] /Landeseigene-Wohnungsbaugesellschaften/!5959618
## AUTOREN
(DIR) Uwe Rada
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