# taz.de -- Immunität von Ilaria Salis besteht fort: Das Europaparlament stellt sich gegen Ungarn
       
       > Ungarn wirft der Europaabgeordneten Ilaria Salis Angriffe auf Neonazis in
       > Budapest vor. Das EU-Parlament aber lehnt eine Aufhebung ihrer Immunität
       > ab.
       
 (IMG) Bild: Ihr bleibt vorerst eine Auslieferung nach Ungarn erspart: die Linken-Abgeordnete Ilaria Salis
       
       Berlin taz | Es war [1][Viktor Orbán] persönlich, der sich in den Fall
       Ilaria Salis eingeschaltet hatte. Ungarns Ministerpräsident warf der linken
       italienischen Europaabgeordneten vor, vor zwei Jahren in Budapest
       Demonstrierende schwer angegriffen zu haben – sie gehöre in ein Gefängnis,
       nicht in ein Parlament. [2][Schon im Oktober 2024 beantragte Ungarn deshalb
       die Aufhebung der Immunität der 41-Jährigen.]
       
       Am Dienstag nun entschied der Rechtsausschuss des Europaparlaments über
       diesen Antrag, nach monatelanger interner Diskussion und in geheimer
       Abstimmung. Und laut eines Sprechers der Vize-Ausschussvorsitzenden Marion
       Walsmann (CDU) sowie des Linken-Europaabgeordneten Martin Schirdewan lehnte
       der Ausschuss die Aufhebung ab. Nach taz-Information erfolgte dies mit sehr
       knappem Votum. Das EU-Parlament wird nun am 7. Oktober final über die
       Immunität von Salis abstimmen. Bisher folgte das Parlament immer dem Votum
       des Ausschuss.
       
       Welche Abgeordneten sich für das Ersuchen Ungarns entschieden und welche
       dagegen, bleibt wegen der geheimen Abstimmung offen. Auch CDU-Frau Walsmann
       wollte sich dazu nicht weiter äußern. Zuletzt aber hatten sich
       Sozialdemokraten, Linke, Grüne und Liberale gegen die Aufhebung von Salis'
       Immunität ausgesprochen – wegen Zweifeln an einer rechtsstaatlichen
       Strafverfolgung in Ungarn. Konservative und extrem rechte Abgeordnete
       hatten dagegen für die Aufhebung plädiert.
       
       ## 15 Monate saß Salis in Ungarn in Haft
       
       Ilaria Salis wird vorgeworfen, mit anderen Autonomen, auch aus Deutschland,
       [3][im Februar 2023 mehrere Teilnehmende des rechtsextremen „Tags der Ehre“
       in Budapest mit Schlagstöcken angegriffen zu haben], einem Aufmarsch, zu
       dem Neonazis aus ganz Europa anreisen. Noch vor Ort wurde die Lehrerin
       festgenommen, saß danach 15 Monate in Ungarn in Haft. In Budapest begann
       auch ein Prozess gegen sie, in dem ihr bis zu 24 Jahre Haft drohten und wo
       sie in Handschellen und an einer Leine vorgeführt wurde. Dann aber wurde
       [4][Salis für eine italienische linke Liste, die Alleanza Verdi e Sinistra,
       ins Europaparlament gewählt – und kam frei].
       
       Salis sprach am Dienstag von einem „wichtigen und positiven Signal“, dass
       dem Antrag des „ungarischen Regimes“ im Rechtsausschuss des
       Europaparlaments widersprochen wurde. „Damit wird die zentrale Bedeutung
       der Rechtsstaatlichkeit und der demokratischen Garantien bekräftigt.“
       
       Auch der Linken-Abgeordnete Schirdewan sprach von einer Entscheidung, die
       „im Einklang mit den Grundwerten der Europäischen Union steht“. Es sei
       wichtig, dass Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in allen
       EU-Mitgliedstaaten gewahrt würden, so Schirdewan. „Und auch Orban muss dies
       verstehen.“
       
       ## Ungarn zürnt
       
       Der ungarische Regierungssprecher Zoltan Kovacs nannte es dagegen
       „unverständlich und empörend, dass das Europaparlament linksextremen
       Terrorismus legitimiert“. Salis und ihre Mitstreiter seien vorsätzlich nach
       Ungarn gereist, um „willkürlich“ und politisch motiviert Menschen zu
       verprügeln. Mit ihrer Entscheidung würden die Europaabgeordneten nun eine
       „Terroristin“ in Schutz nehmen und beherbergen. „Wir werden nicht vergessen
       und wir werden nicht aufgeben“, drohte Kovacs. „Ilaria Salis ist eine
       gefährliche Kriminelle, die ins Gefängnis gehört.“
       
       Bisher ist allerdings nicht nachgewiesen, dass Salis tatsächlich an den
       Angriffen in Budapest beteiligt war. Und die 41-Jährige betonte am Dienstag
       erneut, dass die Entscheidung des Rechtsausschuss nicht bedeute, dass sie
       sich der Justiz entziehen werde. „Den italienischen Behörden steht es
       weiterhin frei, ein Gerichtsverfahren gegen mich einzuleiten, was ich
       selbst hoffe und nachdrücklich fordere.“ Eine politische Verfolgung durch
       das Orbán-Regime aber müsse verhindert werden, so Salis.
       
       Wegen der Angriffe im Februar 2023 in Budapest steht derzeit auch [5][die
       deutsche Antifaschist*in Maja T. in der ungarischen Hauptstadt vor
       Gericht]. Auch der nonbinären Thüringer*in drohen bis zu 24 Jahre Haft.
       Maja T. war im Juni 2024 von Deutschland nach Ungarn ausgeliefert worden –
       rechtswidrig, wie das Bundesverfassungsgericht nachträglich feststellte.
       
       Einem weiteren Linken, [6][dem Nürnberger Zaid A.], droht wegen der
       Budapest-Angriffe weiterhin die Auslieferung nach Ungarn. Die
       Bundesanwaltschaft sieht sich für seinen Fall nicht zuständig, weil er
       syrischer Staatsbürger ist.
       
       Im Fall einer weiteren Beschuldigten, [7][Hanna S.], läuft in München ein
       Prozess. Am Freitag wird dort ein Urteil fallen, die Bundesanwaltschaft
       fordert neun Jahre Haft. Auch bei sechs weiteren deutschen Linken, denen
       ebenfalls die Attacke vorgeworfen wird, wurde eine Auslieferung zuletzt
       abgelehnt. [8][Gegen sie beginnt demnächst ein Prozess vor dem
       Oberlandesgericht Düsseldorf].
       
       Ungarn hatte dagegen zuletzt auch anderweitig gegen Antifaschist*innen
       Druck gemacht. [9][Nach US-Vorbild kündigte Orban an, „die Antifa“ in
       Ungarn als Terrororganisation einstufen zu wollen]. Welche Gruppen genau er
       damit meint, blieb unklar. Orbans Aussagen dürften auch auf das Frühjahr
       2026 zielen – wenn in Ungarn Parlamentswahlen anstehen.
       
       23 Sep 2025
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) Konrad Litschko
       
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