# taz.de -- Neonazis, Soldaten und Polizisten: Das radikale Netzwerk des Johannes K.
       
       > Bei Hannover treibt ein Neonazi mutmaßlich eine Vernetzung einer
       > paramilitärischen Gruppe voran. Die Behörden ließen den „Nordbund“ lange
       > gewähren. Wie kann das sein?
       
 (IMG) Bild: Spezialkräfte, Polizisten in zivil und ein Entschärfer: Durchsuchungen bei Johannes K. in Altenhagen am 16. September 2025
       
       Springe taz | Einen Tag [1][nach der großen Razzia] zeigt sich das
       Dorfleben in der 1.200-Seelen-Siedlung Altenhagen I, die zur Stadt Springe
       bei Hannover gehört, fast schon wieder unbeeindruckt. Ein Mann werkelt an
       seinem Wohnwagen, ein Pärchen spaziert über einen Feldweg an einer Anhöhe.
       Nur das Haus von Johannes K. trägt noch Spuren. Zwei Transporter einer
       regionalen Baufirma parken in der Einfahrt vor dem gelben, mit Mauern
       umzogenen Gebäudekomplex. Drei Handwerker sind dabei, die beschädigte
       Haustür zu reparieren.
       
       Auch Johannes K. lässt sich kurz blicken. Mit kurzen grauen Haaren steht er
       in Stoffhose und schwarzer Jacke vor der Garage, am Hals hat er
       Tätowierungen. Er hält zwei Hunde im Zaum, augenscheinlich Huskys, die an
       langen Leinen zerren. Das Kennzeichen des weißen SUV in der Einfahrt mit
       den Zahlen „8128“ gibt einen Hinweis darauf, mit wem man es hier zu tun
       hat: Die „81“ steht szeneintern als Code für die Rockerbande Hells Angels,
       die „28“ für die internationale Neonazi-Organisation Blood & Honour.
       
       Johannes K. ist nicht irgendwer, sondern wohl einer der gefährlichsten
       Neonazis des Landes. Einer mit langer politischer Vorgeschichte.
       
       Am Tag zuvor, Dienstag den 16. September, reihten sich hier vor dem
       Grundstück an der Landstraße zwischen Hannover und Hameln noch
       Mannschaftswagen der Polizei. Bilder zeigen vermummte Spezialkräfte und
       Polizisten in zivil, eine Hundeführerin, einen Uniformierten, auf dessen
       Jacke „Entschärfer“ steht. Auch zweihundert Meter die Straße herunter waren
       die Beamten bei einem Baumaschinenverleih von Alexander S. im Einsatz.
       
       Der großgewachsene Mann mit Glatze lebt inzwischen im
       nordrhein-westfälischen Hummersen bei Lügde. Auch dort erschienen
       Dienstagfrüh etwa 20 Beamte, um einen großen Hauskomplex zu durchsuchen,
       wie Anwohnende berichten. „Ganz freundlich“ sei der, erzählt einer, aber
       wegen seiner Statur und seinem kriminellen Ruf „auch furchteinflößend“.
       
       ## Rechtsradikale bewaffnete Gruppe unter Verdacht
       
       Johannes K., Alexander S. und sechs weiteren Beschuldigten im Alter von 32
       bis 57 Jahren wird vorgeworfen, eine rechtsradikal ausgerichtete bewaffnete
       Gruppe gebildet zu haben. Die Hausdurchsuchungen vom 16. September fanden
       im Enzkreis in Baden-Württemberg und im Kreis Lippe in Nordrhein-Westfalen
       statt, sowie vor allem an zwölf Orten in und um Hannover – darunter auch in
       Johannes K.s Tattoo-Studio Last Resort in Hildesheim.
       
       Die Zentralstelle Terrorismusbekämpfung der Generalstaatsanwaltschaft Celle
       ermittelt mit dem Landeskriminalamt Niedersachsen und sucht nach
       Kriegswaffen und vollautomatischen Schusswaffen. Waffen, die nach dem
       Kriegswaffenkontrollgesetz verboten wären, fanden die Ermittler am Dienstag
       nicht. Dafür stellten sie scharfe Kurz- und Langwaffen sicher, Munition
       unterschiedlichen Kalibers, Bargeld sowie, laut einer Mitteilung,
       „Gegenstände, die als Sprengmittel geeignet“ sind. Die
       Generalstaatsanwaltschaft Celle machte zu weiteren Hintergründen auf
       taz-Anfrage keine näheren Angaben.
       
       Die Gruppe, die die Terrorermittler hier im Visier haben, nennt sich selbst
       „Nordbund“. Als Erkennungszeichen haben sie ein Logo mit Thorshammer und
       Tiwazrune, ein germanisches Symbol für den Kriegsgott Tyr, das bereits die
       Nationalsozialisten verwendeten. Unter den aktuell Beschuldigten sind
       mindestens zwei aktive wie auch zwei ehemalige Soldaten und ein
       Bundespolizist.
       
       Nicht nur Johannes K., sondern auch weitere Männer aus dem Netzwerk haben
       Verbindungen zu der kriminellen Rockerbande Hells Angels und zur verbotenen
       Neonazi-Gruppe Blood & Honour. Und: Mehrere Namen von
       „Nordbund“-Mitgliedern und deren engem Umfeld tauchten bereits vor Jahren
       im Zusammenhang mit dem NSU-Terrornetzwerk als mögliche Unterstützer auf.
       Anklage wurde nicht erhoben.
       
       ## Antifa-Recherche bringt die Ermittlungen ins Rollen
       
       Allein die Aufzählung einer Verbindung aus Rockern, Neonazis, Militärs und
       Polizisten sollte aufhorchen lassen. Doch jahrelang blieb die Truppe
       weitgehend unbehelligt. Erst eine Antifabroschüre über das Netzwerk führte
       im März 2022 zur Befragung verdächtiger Soldaten in mehreren Kasernen durch
       den Militärgeheimdienst MAD und schob damit auch die aktuellen Ermittlungen
       an. Im Großraum Hannover scheint ein paramilitärisches Netzwerk krimineller
       Neonazis entstanden zu sein, das Verfassungsschutz und Polizei jahrelang
       ignorierten.
       
       Die taz hat sich vor Ort in Altenhagen I umgeschaut, mit Anwohner*innen
       gesprochen, Akten gelesen, Fotos verglichen und sich mit ortskundigen
       Kolleg*innen der [2][Hildesheimer Allgemeinen Zeitung] sowie der
       [3][Pforzheimer Zeitung] ausgetauscht. Und: Wir haben die
       Antifaschist*innen getroffen, die bereits vor Jahren vor dem
       „Nordbund“-Netzwerk warnten.
       
       Nach Informationen der taz handelt es sich bei dem aktuell beschuldigten
       Bundespolizisten um Oliver M. Er ist vor allem am Hauptbahnhof in
       Hildesheim sowie in Hannover im Einsatz. Zu seinen dienstlichen Aufgaben
       gehörte es unter anderem auch, Demonstrationen von anderen
       Rechtsextremisten abzusichern. Fotos zeigen ihn beispielsweise im März 2017
       uniformiert – damals noch als sächsischer Landespolizist – am Rande eines
       Aufzugs des Magdeburger Pegida-Ablegers.
       
       Privat war der Polizist mit seinen „Nordbund“-Kameraden unterwegs, wie
       zahlreiche Fotos aus den sozialen Medien belegen, die der taz zugespielt
       wurden. Bei einem weiteren ehemaligen Soldaten soll es sich um Christian R.
       handeln, einen Personenschützer und Feldjäger aus Baden-Württemberg. Er
       soll mittlerweile suspendiert worden sein.
       
       ## Auf den Fotos ist auch der ehemalige Soldat Thomas W.
       
       Thomas W. wohnt ebenfalls in Altenhagen I. Sein Haus grenzt an das
       Firmengelände von Alexander S. Thomas W. ist ehemaliger Hauptfeldwebel der
       Bundeswehr und auf vielen Abbildungen in den sozialen Medien mit den
       Beschuldigten zu sehen. Womöglich waren die Polizisten am Dienstag auch bei
       ihm? Im Gespräch mit der taz macht er am Telefon dazu keine Angaben,
       verneint das auf mehrfache Nachfrage aber auch nicht.
       
       W. sagt, er habe seit etwa sechs Jahren keinen Kontakt mehr zu Johannes K.
       und seinem Nachbarn Alexander S. gehabt. Und früher? „Man geht zusammen
       wandern, trinkt Bier zusammen“, sagt der ehemalige Soldat. „Dann erzählt
       einem keiner: ‚Ich habe das und das in meinem Schrank versteckt.‘ Und wenn
       man solche Sachen mitbekommt, dann distanziert man sich oder halt nicht.“
       
       Hört man sich weiter in Altenhagen I um, so haben die Razzien in der
       Siedlung zwar für Aufregung gesorgt, aber wirklich überrascht haben sie
       wohl niemanden. Die Clique der kräftigen Männer ist hier durchaus
       berüchtigt. Nicht für ihre rechtsextreme Ideologie, wohl aber im
       Zusammenhang mit Wohnwagenprostitution, von der bekannt ist, dass sie in
       dieser Region in der Hand der Hells Angels ist. Dass die Männer um K.
       kriminell seien, das wussten alle, so reden die Anwohner.
       
       Der mutmaßliche Kopf des „Nordbunds“ ist Johannes K., der tätowierte Mann
       mit den Hunden und dem Auto mit dem markanten Nummernschild in der
       Einfahrt. Dass es in der vergangenen Woche bei ihm erstmals eine größere
       Razzia im Rahmen struktureller Ermittlungen gab, ist umso bemerkenswerter,
       je mehr man sich mit ihm beschäftigt.
       
       ## Scharfschütze, Reservist und Neonazi
       
       K. genoss eine Scharfschützenausbildung bei der Bundeswehr, war
       Panzergrenadier, Söldner und Reservist. Im Rahmen der Combat & Survival
       School und Warrior Survival School mit Sitz in Hildesheim und Munster
       veranstaltete er bis vor ein paar Jahren Kampf- und Schießtrainings,
       paramilitärische Übungen im Gelände und Scharfschützenausbildungen für
       Soldaten, Reservisten und „Interessierte“.
       
       Auf Fotos dieser Wehrsportübungen sind zu sehen: organisierte Neonazis von
       nah und fern. Die Übungen fanden teilweise auf einem Truppenübungsplatz in
       der Lüneburger Heide bei Munster statt. Dort betrieb K. auch jahrelang das
       Ladengeschäft Dezentral, das militärische Ausrüstung „von Soldaten für
       Soldaten“ anbot und einen Rabatt für Behörden anbot.
       
       Der taz liegen Belege vor, dass Ermittler im Jahr 2011 davon ausgingen,
       dass K. Vollmitglied der Rockerbande Hells Angels ist.
       
       Vor allem war Johannes K. nach taz-Recherchen vermutlich über lange Jahre
       einer der wesentlichen Strippenzieher der seit dem Jahr 2000 verbotenen
       Neonazi-Vereinigung Blood & Honour in Deutschland. Diese Einschätzung geben
       mehrere Experten gegenüber der taz ab, die Johannes K. seit Jahren
       beobachten. International vertreibt die Organisation Blood & Honour bis
       heute Rechtsrockmusik, Merchandise und veranstaltet Neonazi-Konzerte, die
       zur Rekrutierung dienen.
       
       Die inzwischen in Deutschland verbotene Vereinigung Blood & Honour galt als
       zentrale Unterstützungsstruktur für die NSU-Terroristen. Sie war und ist
       ausgerichtet auf einen militanten Kampf für eine imaginierte „weiße Rasse“.
       In Schriften der international weiterhin tätigen Organisation wird unter
       anderem zu dezentralen Attentaten und Anschlägen aufgerufen. Unter anderem
       heißt es in einem Buch von Blood & Honour:,,Unsere revolutionäre Bewegung
       sollte sich darauf konzentrieren, politische Soldaten zu rekrutieren, die
       bereit sind, auch wirklich zu kämpfen.“
       
       ## Hinweise auf Kriegswaffen schon vor Jahren
       
       Im Jahr 2008 wird K. zu einer Geldstrafe verurteilt, weil er die in
       Deutschland verbotene Organisation Blood & Honour unter anderem Namen
       weiterführte. Der taz liegen Belege vor, dass die Ermittler*innen
       bereits damals Hinweise darauf hatten, dass K. über Kriegswaffen verfügen
       und in Waffengeschäfte verwickelt sein könnte. Auch pflegten K. und seine
       Truppe Anfang der 2000er Jahre anscheinend gute Kontakte zu
       Ermittlungsbehörden: Über einen Mittelsmann erhielt K. offenbar von einer
       Polizistin die Information, dass man ihn aus dem gegenüberliegenden Haus
       observierte.
       
       Im Zusammenhang mit Blood & Honour taucht der Name Johannes K. auch
       explizit im Zuge von NSU-Ermittlungen auf. Zur Beweiserhebung wurde unter
       anderem dem ersten NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestags, der von 2012
       bis 2013 tagte, vom Bundesverteidigungsministerium der komplette
       Aktenbestand zu dem Soldaten Johannes K. übermittelt – viele hundert Seiten
       an Dokumenten, von der Personalakte bis zu Disziplinarverfahren.
       
       Demnach wurde K. 2011 sein Dienstgrad aberkannt, nachdem das ZDF-Magazin
       „Frontal 21“ 2008 über die Verbindungen von Blood & Honour zu Soldaten und
       Reservisten berichtet hatte. Auch flog er danach aus dem
       Reservistenverband. Angeblich erhielt die Bundeswehr durch den
       Fernsehbericht erstmals Kenntnis von K.s rechtsextremer Gesinnung.
       
       K. ist dabei nicht der einzige aus der Clique mit mutmaßlichen Verbindungen
       zum NSU-Terrornetzwerk. Der Name eines Kameraden stand in der Kontaktliste
       des Telefons der Rechtsterroristin Beate Zschäpe. Auch über den
       verurteilten NSU-Unterstützer Holger Gerlach sind Kontakte zu der Truppe um
       Johannes K. bekannt: Mindestens einmal besuchte Gerlach ein Treffen von
       Blood & Honour in Hildesheim und wurde als Ehrengast gefeiert.
       
       ## Ein Netzwerk aus Soldaten, Rockern, Neonazis und Polizisten
       
       Um K. und den „Nordbund“ herum spannt sich ein Netz aus Verbindungen zu
       Soldaten und Polizisten in die bundesweite und auch internationale
       Neonazi-Szene, zur verbotenen völkischen „Artgemeinschaft“, zum ehemaligen
       Anführer der 1995 verbotenen Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei,
       Thorsten Heise, zur organisierten Kriminalität sowie ins Unternehmermilieu
       der Region.
       
       Zu diesem Milieu gehört auch der Anwalt Marcus Bartscht aus Hannover. Er
       hat bereits einige „Nordbund“-Mitglieder vertreten – ebenso wie einen
       Neonazi aus Hannover, der sich laut Antifarecherchen im Umfeld der Gruppe
       bewegt und sehr gut mit dem verurteilten NSU-Unterstützer Holger Gerlach
       befreundet sein soll. Eine Krankenkassenkarte der Ehefrau des
       Bartscht-Mandanten wurde von der Rechtsterroristin Beate Zschäpe benutzt.
       
       Doch Bartscht ist nicht einfach nur als Rechtsanwalt für die Clique tätig,
       sondern auch geschäftlich mit zwei Männern verbandelt gewesen, die sich in
       den sozialen Medien auf vielen Fotos als Teil der Truppe um Johannes K.
       zeigten. 2022 gründete er mit ihnen und einem weiteren Mann eine
       haftungsbeschränkte Unternehmergesellschaft für Künstlervermarktung und
       Mediendienstleistungen, die bereits wenige Monate später wieder aufgelöst
       wurde.
       
       Gegenüber dem [4][Nachrichtenportal t-online erklärte er auf Anfrage], der
       „Nordbund“ sei nie nach außen tätig gewesen oder in Erscheinung getreten
       und seit mehreren Jahren aufgelöst. Zu den Durchsuchungen mutmaßt er: „Es
       wird vermutet, dass persönliche Motive im Spiel sind, die zu falschen
       Verdächtigungen geführt haben könnten.“ Genaues lasse sich erst nach
       gewährter Akteneinsicht sagen.
       
       Gegenüber der taz erklärte Bartscht: „Nach meinen Recherchen handelte es
       sich beim,Nordbund' nicht um eine politische Organisation.“ Gleichsam
       vertrete er weder Johannes K. noch Christian R. in dieser Angelegenheit. Er
       selbst habe mit der Gruppe nichts zu tun. „Dass es den Nordbund einmal
       gegeben hat, habe ich erst ganz erheblich nach dessen Auflösung
       mitbekommen.“ Seine Kenntnisse dazu hätten sich aus seiner anwaltlichen
       Tätigkeit ergeben, involviert sei er nicht gewesen.
       
       ## Treffen mit Antifa-Rechercheuren an geheimem Ort
       
       Das meiste, was heute zu Johannes K., der Gruppe „Nordbund“ und seinem
       Umfeld bekannt ist und bislang in den Medien veröffentlicht wurde, basiert
       auf einer Broschüre, die im November 2021 von einer antifaschistischen
       Recherchegruppe veröffentlicht wurde. Sie hat die Ermittlungen erst
       ausgelöst. Auf 64 Seiten reihen sich Namen, biografische Fakten,
       Jahreszahlen und Beweisfotos. Die Broschüre gehört wohl zu den
       akribischsten Recherchen, die bisher ehrenamtlich aus der Zivilgesellschaft
       entstanden ist.
       
       Will man die Autor*innen kennenlernen, fordern sie Sicherheitsmaßnahmen
       ein. Die Kommunikation kann nur verschlüsselt über E-Mail und Messenger
       laufen. Niemand soll erfahren, wer sie sind, wie viele zum Team gehören, wo
       sie herkommen. Leute wie Johannes K., mit denen sie sich bei ihrer
       Recherche beschäftigen, seien unberechenbar, erklären sie. Und: Die
       Broschüre zog nicht nur Ermittlungen gegen die Rechtsextremisten nach sich,
       sondern auch in Richtung der Autor*innen: Sie haben alle Schlüsselpersonen
       in ihrer Broschüre mit vollem Namen benannt.
       
       Wir treffen die Autor*innen in der vergangenen Woche in einer
       mittelgroßen Stadt an einem geheimen Ort. Es gibt Leitungswasser und viel
       Filterkaffee. Sie brennen für die Recherche zu Johannes K. und dem
       „Nordbund“. Seit fast einem Jahrzehnt säßen sie nun an diesem Thema,
       berichten sie.
       
       ## Gruppenfotos vor Hakenkreuz
       
       K. und seine Bande waren über viele Jahre hinweg nicht gerade vorsichtig.
       Sie posteten über ihre Treffen in den sozialen Medien, stellten
       Gruppenbilder ins Netz, auf denen sie in „Nordbund“-T-Shirts posieren, und
       von Wanderungen, in denen bärtige Männer vor historischen Steinhaufen
       stehen, die mit Hakenkreuzen verziert sind. Auch ein olivgrüner
       Geländewagen mit Forstabzeichen und „Nordbund“-Logo auf der Tür wird
       präsentiert. K. versteckte weder sich noch seine Aktivitäten.
       
       „Das ist für uns eine der großen Fragen, die wir bis heute haben“, sagt
       eine*r der Antifa-Rechercheure*innen: „Warum Johannes K. so lange
       unbehelligt blieb.“
       
       Noch im Oktober 2022 erklärte [5][die Niedersächsische Landesregierung auf
       Anfrage der Grünen]: „Der Polizei Niedersachsen liegen keine eigenen
       Erkenntnisse zu einer Neonazi-Gruppe ‚Nordbund‘ vor.“ Dass es sich beim
       „Nordbund“ um eine rechtsextremistische Vereinigung handeln könnte, dazu
       lägen auch dem Verfassungsschutz keine Anhaltspunkte vor. Und ermittelt
       wurde zu jenem Zeitpunkt offenbar ebenfalls noch nicht. Selbst eine
       eigenständige Gruppe Blood & Honour Niedersachsen war laut Landesregierung
       angeblich 2022 „bislang nicht bekannt“ – obwohl diese Jahre zuvor in den
       eigenen Verfassungsschutzberichten auftauchte.
       
       ## Was machte Johannes K. in Südafrika?
       
       Tatsächlich hätte der Name von Johannes K. den Sicherheitsbehörden, dem MAD
       oder dem BND seit Jahrzehnten bekannt sein müssen. Schon 1993, nach seiner
       Zeit als Bundeswehrsoldat, reiste K. nach Südafrika. Zu jener Zeit kämpften
       weiße rassistische Farmer dort für die „weiße Vorherrschaft“ und wurden
       dabei auch von deutschen Neonazis unterstützt. Die rassistische Afrikaner
       Weerstandsbeweging verübte Mord- und Bombenanschläge.
       
       Was K. in dieser Zeit in Südafrika trieb, ist nicht bekannt. Belegt sind
       Kontakte zu mindestens einem gut vernetzten und bewaffneten Neonazi in
       Pretoria. Der taz liegt ein Vernehmungsprotokoll aus einem deutschen
       Ermittlungsverfahren vor, in dem ein Beschuldigter auch über K.s Zeit in
       Südafrika spricht. Laut seiner Aussagen sei bekannt gewesen, dass K. in
       Südafrika mit Waffen herumgelaufen sei und in Haft saß, weil er für die
       Apartheid gekämpft hatte.
       
       Das ist Jahrzehnte her. Johannes K. machte seitdem in Deutschland weiter,
       veranstaltete paramilitärische Trainings, organisierte rechte Treffpunkte
       und Rechtsrock-Konzerte, war mutmaßlich in Waffengeschäfte verwickelt, und
       er radikalisierte Mitstreiter. Ohne dass die Behörden ihn aufhielten.
       
       ## Militärgeheimdienst ermittelt gegen Feldjäger
       
       Ernsthafte, strukturierte Ermittlungen gegen K. und sein Umfeld jedenfalls
       begannen erst [6][im März 2022, rund vier Monate nach Veröffentlichung der
       umfangreichen Antifarecherche]. Der Militärgeheimdienst MAD hatte
       anscheinend auf den Fotos in der Broschüre zehn Soldaten erkannt, darunter
       mehrere Personenschützer der Feldjäger, die unter anderem im
       Verteidigungsministerium für den Schutz von Staatssekretären und Generälen
       eingesetzt wurden.
       
       Befragungen fanden dann vor allem im Raum Hannover statt, wobei der
       Militärgeheimdienst dazu wiederum Feldjäger zur Absicherung mitnahm, da die
       Mitglieder des Netzwerks aktive Kampfsportler seien und „ein hohes
       Aggressionspotenzial“ hätten. Ein Mann, den der MAD auf dem Fliegerhorst
       Wunstorf wegen seiner „Nordbund“-Aktivitäten befragte, soll der Präsident
       eines Rockerclubs sein, der als Vorfeldorganisation der Hells Angels
       fungiert. Drei Ermittlungsverfahren wurden nach den MAD-Befragungen
       eingeleitet.
       
       [7][Erst Monate später wurden die MAD-Ermittlungen überhaupt öffentlich
       bekannt]: Denn einer der Feldjäger, der die Befragungen seiner Kameraden
       hatte absichern müssen, zeigte an, eventuell illegal im Inland eingesetzt
       worden zu sein. [8][Alles war rechtmäßig, wie die Staatsanwaltschaft später
       klarstellte].
       
       Politiker von CDU und AfD witterten jedoch einen Skandal. Wohlgemerkt:
       Wegen des Einsatzes des Feldjägers, und nicht etwa wegen möglicher
       neonazistischer Netzwerke in der Bundeswehr und der Polizei.
       
       Sie haben Hinweise zu rechten Netzwerken oder anderen Missständen? Schicken
       Sie uns Ihre Hinweise! Direkte Kontaktdaten des Investigativteams der taz
       finden Sie unter [9][taz.de/investigativ]
       
       25 Sep 2025
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Razzia-bei-Neonazis/!6114033
 (DIR) [2] https://www.hildesheimer-allgemeine.de/
 (DIR) [3] https://www.pz-news.de/
 (DIR) [4] https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/innenpolitik/id_100916816/rechtsradikale-gruppe-nordbund-razzia-an-13-orten-in-deutschland.html
 (DIR) [5] https://www.landtag-niedersachsen.de/drucksachen/drucksachen_18_12500/11501-12000/18-11801.pdf
 (DIR) [6] https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/militaer-verteidigung/id_100051912/personenschuetzer-unter-extremismusverdacht-mad-chef-soll-klartext-reden.html
 (DIR) [7] /Razzia-gegen-rechtsextreme-Soldaten/!5877862
 (DIR) [8] /Feldjaeger-duerfen-gegen-rechts-helfen/!5889376/
 (DIR) [9] /investigativ/
       
       ## AUTOREN
       
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