# taz.de -- Buch über Eugenik in Deutschland: „Unser Blut komme über euch!“
       
       > Die US-amerikanische Historikerin Dagmar Herzog hat eine
       > Geistesgeschichte der Eugenik der letzten 150 Jahre in Deutschland
       > vorgelegt.
       
 (IMG) Bild: Einübung in Eugenik: Eröffnung der Ausstellung „Erbgesund – erbkrank“ in Berlin, 1934
       
       Die Lektüre von Dagmar Herzogs „Eugenische Phantasmen. Eine deutsche
       Geschichte“ ist stellenweise nahezu unerträglich. Das hat nichts mit der
       Qualität des Buches zu tun – es handelt sich im Gegenteil um eine
       brillante Studie –, sondern vielmehr mit dessen Themenstellung.
       
       [1][Die New Yorker Historikerin] geht darin dem nationalsozialistischen
       Genozid an Menschen mit Behinderung nach und kartiert dessen Vorgeschichte
       ab dem ausgehenden 19. Jahrhundert sowie Kontinuitäten bis in unsere
       Gegenwart hinein.
       
       Unerträglich ist die Lektüre zuweilen, weil Herzog anhand umfangreichen,
       auch bildlichen Materials mit dokumentarischer Schärfe herausarbeitet,
       welches unvorstellbare Grauen sich ereignet, wenn einer Gruppe Menschen ihr
       Menschsein abgesprochen wird und die Ideologie einer „Nützlichkeit“ und
       „Brauchbarkeit“ von Menschen dieser Dehumanisierung noch einen
       pseudolegitimen Anstrich verleiht, der bis heute nicht gänzlich gebrochen
       ist.
       
       Alleinstellungsmerkmal von Herzogs Buch ist zum einen, dass sie den
       „Euthanasie“-Genozid nicht isoliert und begrenzt auf die Jahre 1939 bis
       1945 darstellt, sondern das dahinterliegende „eugenische“ Gedankengut in
       gesellschaftliche Entwicklungen und Vorstellungsbestände einbettet, die in
       beide zeitliche Richtungen weit darüber hinausreichen.
       
       ## Vorgeschichte zum NS-Massenmord
       
       Die Abwertung und Entmenschlichung von Menschen mit Behinderung erweist
       sich als tief in die kollektive DNA der modernen deutschen Gesellschaft
       verstrickt und nicht bloß auf die Naziideologie beschränkt.
       
       Zum anderen ist bemerkenswert, dass Herzog einen interdisziplinären Zugang
       wählt, um sich den spiegelbildlichen Phänomenen von „Euthanasie“ (guter
       Tod) und „Eugenik“ (gute Geburt) anzunähern. Sie greift Deutungs- und
       Theoriebestände aus Philosophie, Soziologie und Psychologie auf, um das
       Phänomen der Behindertenfeindlichkeit und seine obsessive Besetzung zu
       rekonstruieren.
       
       Die Vorgeschichte zum Massenmord der Nazis, die Herzog im ersten Kapitel
       ausleuchtet, macht vor allem die Verwobenheit von eugenischem und
       rassistischem Gedankengut deutlich. Der Topos der Nützlichkeit von Menschen
       beherrscht die einschlägigen Diskurse des ausgehenden 19. Jahrhunderts und
       schlägt sich nieder in Debatten über die Abgrenzung von brauchbarem und
       unbrauchbarem Leben und dem Bestreben, letzteres zu vermeiden.
       
       Obwohl Behinderungen in dieser Zeit vermehrt in sozioökonomisch schwachen
       Milieus auftauchten und durch Infektionskrankheiten, schlechte
       hygienische Zustände und Ernährungsmangel mitbedingt waren, lag der Fokus
       nicht auf einer Verbesserung dieser Bedingungen, sondern Ärzte, Ökonomen
       und Theologen interessierten sich mehr für die angebliche Bedrohung, die
       von dieser biologischen „Minderwertigkeit“ für die Gesellschaft ausging.
       
       ## Rassismus und Antisemitismus
       
       Diese Biologisierung bildet dabei eine direkte Parallele zu rassistischen
       und antisemitischen Vorstellungen, die eine homogene deutsche „Rasse“ durch
       abweichende oder „minderwertige“ Elemente gefährdet sahen. Gleichzeitig
       waren diesen Deutungen patriarchalen Sittlichkeitsvorstellungen
       eingeschrieben, indem Behinderung als Ergebnis eines ausschweifenden und
       außerehelichen Sexuallebens von Frauen angesehen wurde.
       
       Von enormer Wirkkraft für das Kippen von solchen rassehygienischen
       Überlegungen zu konkreten Mordfantasien (und deren späterer Verwirklichung)
       erwies sich ein 1920 publiziertes [2][Buch des Juristen Karl Binding und
       des Psychiaters Alfred Hoche mit dem Titel „Die Freigabe der Vernichtung
       lebensunwerten Lebens“].
       
       Die darin propagierte Idee, aus ökonomischen und emotionalen Gründen gelte
       es, sich „lebensunwerten“ Lebens zu entledigen, stieß auf breite Zustimmung
       in der Bevölkerung, an die die Nazis ab 1939 mit der sogenannten Aktion T4
       direkt anknüpfen konnten – zeitlich vor dem Einsetzen der Schoah, deren
       technische „Umsetzung“, der Massenmord mittels des Giftgases Zyklon B, an
       Menschen mit Behinderung erprobt wurde.
       
       Interessanterweise widmet sich Herzog im zweiten Kapitel, das die Phase
       unter dem Nationalsozialismus abbildet, nur indirekt den Tätern der
       Ermordung von behinderten Menschen während der Aktion T4 und einer zweiten
       dezentralen Tötungsphase zwischen 1941 und 1945. Stattdessen lässt sie
       zunächst die Opfer der „Krankenmorde“ zu Wort kommen, etwa die Anklage
       eines „Euthanasie“-Opfers, das bei seiner Deportation rief: „Unser Blut
       komme über euch!“
       
       ## Rechtfertigung der Eugenik
       
       Herzog räumt hier auch auf mit einem langlebigen Mythos, dem zufolge die
       Kirchen durch ihren Widerstand zur Beendigung der „Euthanasie“ beigetragen
       hätten. Sie zeigt stattdessen auf, dass Theologen eifrig an einer
       Rechtfertigung der Eugenik mitwirkten und sich vor allem Vertreter der
       protestantischen Kirche und deren karitativer Institutionen komplizenhaft
       bei Zwangssterilisationen und Tötungen verhielten.
       
       Die Tragweite und Menschenverachtung der nationalsozialistischen Verbrechen
       wird erst im dritten Kapitel thematisiert, das sich dem schwierigen Versuch
       einer juristischen Verfolgung widmet. Eine wichtige Rolle spielte hier der
       [3][Frankfurter Generalstaatsanwalt Fritz Bauer], dessen Bestrebungen, in
       Anlehnung an die Auschwitzprozesse einen – noch größer angelegten –
       Prozess zu den „Krankenmorden“ in Gang zu setzen, scheiterten.
       
       Bezeichnenderweise reagierte ein Großteil der deutschen Gesellschaft in den
       1960er Jahren unwillig auf Bauers Bemühungen, und seine 800-seitige
       Anklageschrift verschwand zunächst in der Vergessenheit.
       
       In den letzten beiden Kapiteln beschreibt Herzog die weiteren Entwicklungen
       im Umgang mit „behinderten“ Menschen und das langsame Aufbrechen ihrer
       Separierung vom öffentlichen Leben in Westdeutschland und der DDR. Obwohl
       der „Antipostfaschismus“ der 1970er und 1980er Jahre dafür sorgte, ein
       anderes Menschenbild zu etablieren, sind die titelgebenden „eugenischen
       Phantasmen“ bis in unsere Gegenwart hinein spürbar.
       
       ## Rechtsextremismus heute
       
       Das Nachwort von Herzogs Buch wirkt deswegen in manchen Zügen allzu
       optimistisch – etwa wenn sie von einer steilen und beeindruckenden
       Lernkurve seit dem „umwälzenden Perspektivwechsel“ der 1970er spricht oder
       diagnostiziert, dass behindertenfeindliche Äußerungen von führenden
       Vertretern der AfD auf „energische Zurückweisung“ stießen.
       
       Rechtsextremistisch motivierte Angriffe auf Wohneinrichtungen für Menschen
       mit Behinderungen wie etwa jüngst in Mönchengladbach und ein medizinisches
       Vorsorgesystem, das auf eine Detektierung von genetischen Auffälligkeiten
       und selektive Schwangerschaftsabbrüche angelegt ist, sprechen eine andere
       Sprache.
       
       Zum Verlernen eugenischer Phantasmen und einem Bekenntnis zu radikaler
       Gleichwertigkeit menschlicher Differenz bietet Dagmar Herzogs Buch und
       dessen Lektüre aber einen entscheidenden Schlüssel. Denn sie führt uns
       zutiefst eindrücklich vor, dass entmenschlichende Denkfiguren und
       Ideologien mörderische Konsequenzen haben und ein anderes Handeln deswegen
       zuallererst bei einem radikal anderen Denken ansetzen muss.
       
       13 Sep 2024
       
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