# taz.de -- Käthe Kollwitz im MoMA: Heilmittel für Zorn und Trauer
       
       > Im Museum of Modern Art wird seit April eine Werkschau von Käthe Kollwitz
       > ausgestellt. Warum wirbelt die Ausstellung gerade New York auf?
       
 (IMG) Bild: Ein Realismus, der plötzlich unsentimental wirkt: Käthe Kollwitz, „Frau mit totem Kind“, 1903 (Ausschnitt)
       
       An den New Yorker Universitäten sind seit ein paar Wochen Semesterferien.
       Der Campus der Columbia, wo [1][im Mai landesweite propalästinensische
       Proteste] ihren Ausgang nahmen und die Demonstranten heftig mit der Polizei
       aneinandergerieten, ist zu seinem idyllischen Normalzustand zurückgekehrt.
       Midtown samt Times Square, der Fifth Avenue und dem MoMA – Museum of Modern
       Art – gehört erneut ganz den Büroangestellten und den Touristen. New York
       hat sich wohl wieder seiner kommerziellen Kernidentität zugewandt.
       
       Ganz ist die Politik allerdings nicht aus dem öffentlichen Raum
       verschwunden. Mitte vergangener Woche gingen die New Yorker auf die Straße,
       um für die Einführung einer Mautgebühr für die vom Verkehrsinfarkt
       geplagten Straßen von Manhattan zu demonstrieren.
       
       Gleichzeitig kam es zu hässlichen antisemitischen Zwischenfällen. Das Haus
       von Anne Pasternak, der Direktorin des Brooklyn Museum, wurde mit
       Hamas-Symbolen beschmiert, und in der U-Bahn forderten propalästinensische
       Aktivisten alle „Zionisten“ dazu auf, den Zug zu verlassen. Es war eine
       deutlich erkennbare Variante wohl bekannter „Juden raus“-Parolen.
       
       Diese Vorfälle erinnerten daran, dass sich die zerrissenen USA gerade nur
       in der Sommerpause befinden. Die Spaltung, die sich in den vergangenen
       Monaten vor allem an der Frage entzündete, wie mit dem Krieg in Gaza
       umzugehen sei, aber eigentlich alle gesellschaftlichen Bereiche berührt,
       brodelt weiterhin dicht unter der Oberfläche.
       
       Auch die bildende Kunst ringt dabei um eine angemessene Reaktion. Die
       [2][Whitney-Biennale wurde gemeinhin als vage und zahm rezipiert.] Die
       Werkschau von Jenny Holzer am Guggenheim war zwar gewohnt politisch, doch
       ihre 80er-Jahre-Konzeptkunst wirkt im Jahr 2024 wie eine Stimme aus der
       Vergangenheit, selbst wenn Holzer mit neuen Werken Donald Trump aufs Korn
       nimmt.
       
       ## Der Weg des Widerstandes
       
       Viel zeitgemäßer scheint da paradoxerweise eine Ausstellung aus einer
       fernen Ära und einem anderen Land zu sein. Wie keine andere Schau trifft
       die [3][Werkschau von Käthe Kollwitz] in New York den Nerv der Zeit. So
       empfiehlt die New York Times als das beste Heilmittel für den Zorn und die
       Trauer, die derzeit viele Menschen von New York bedrücken, einen Besuch im
       vierten Stock des MoMA, wo seit April die Drucke von Kollwitz (1867–1945)
       gezeigt werden.
       
       Das Frieze Art Magazine sieht in ihren Selbstporträts ein Dokument der
       seelischen Kosten eines Widerstands gegen den Faschismus ihrer Zeit, liest
       daraus aber auch geradezu eine moralische Verpflichtung, trotz allem den
       Weg ebendieses Widerstandes zu wählen.
       
       Die düstere Bildsprache von Kollwitz erfasst nicht nur den jetzigen
       Augenblick der USA. Die Unmittelbarkeit, mit der Kollwitz Hilflosigkeit und
       Schmerz angesichts des Weltgeschehens persönlich macht und mit der sie sich
       gegen die Verzweiflung stemmt, trifft überall einen Nerv. Aber vielleicht
       rüttelt sie New York deshalb besonders auf, weil die Konflikte hier einem
       gerade so nahe rücken, dass Kollwitz’ Realismus plötzlich nicht mehr als
       sentimental erschient.
       
       Die MoMA-Kuratoren betonen den großen Einfluss, den Käthe Kollwitz schon
       auf afroamerikanische Künstler aus der Mitte des 20. Jahrhunderts wie
       Elizabeth Catlett, Jacob Lawrence und Charles White hatte. Die hatten schon
       lange vor der jetzigen MoMA-Schau die aufreibende Kraft von Käthe Kollwitz
       entdeckt.
       
       Je mehr das weiße Mittelstandsamerika aus seinen Heile-Welt-Fantasien
       herausgerissen wird, desto besser versteht es nun auch die Schwere einer
       Käthe Kollwitz. Eine Schwere, die Amerika lange Zeit fremd war.
       
       19 Jun 2024
       
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