# taz.de -- Whitney Biennale 2026 in New York: Und ein aufblasbarer Riesenclown
> Zaghaft und nur etwas politisch gibt sich die Whitney-Kunstbiennale in
> New York. Aber ist das nicht vielleicht gut in einem Zustand des
> „Permaweird“?
(IMG) Bild: Institutional-Ciritique-Star Andrea Fraser legt Babys aus Ton vor die Malereien ihrer Mutter Carmen de Monteflores
Als das New Yorker Whitney Museum vor 94 Jahren zum ersten Mal versuchte,
in einer Ausstellung einen Überblick darüber zu geben, was in dem
Augenblick amerikanische Kunst ausmachte, war dies ein freudvolles Projekt.
Kuratoren konnten noch Entdeckungen machen, Studios und Galerien besuchen
und schauen, was Künstler so treiben, die es noch nicht ins museale
Establishment geschafft hatten.
Die Aufgabe an die Whitney-Biennale hat sich im Grunde seither nicht
geändert. Die beiden Kuratoren der soeben eröffneten Ausgabe 2026, Marcella
Guerrero und Drew Sawyer, sind um die halbe Welt geflogen und haben mehr
als 300 Künstler, Duos und Kollektive besucht. Und doch ist ihr Job um
vieles komplizierter geworden, als er das vor einem knappen Jahrhundert
war.
Zum einen haben sie es mit einer Regierung der USA zu tun, die selbst eine
klare Vorstellung davon hat, wie „amerikanische“ Kunst zu sein hat.
Gefördert wird von Washington nur noch, was die Größe und den Glanz
Amerikas als vermeintliche Avantgarde der Menschheit repräsentiert. Ein
neuer Begriff der Entartung macht sich breit, [1][der beschränkte Geschmack
von Donald Trump] ist zur Leitlinie staatlicher Kulturpolitik erhoben
worden.
Zum anderen steht die Biennale spätestens seit Beginn der 90er Jahre
seitens der Kunstkritik wie des Publikums unter dem Druck, sich zu den
Ereignissen der Zeit zu positionieren. Die politische und gesellschaftliche
Gegenwart sollte kommentiert werden. Allerdings möglichst nicht wie bei der
Skandal-Biennale von 1993: zu plakativ oder zu didaktisch. Dabei kommt in
diesem Jahr erschwerend hinzu, dass man dem allgemeinen Gefühl, sich gerade
in einer tiefen Menschheitskrise zu befinden, kaum gerecht werden kann,
zumal es die Biennalen schon mindestens seit 9/11 begleitet.
## Ein Zustand des „Permaweird“
Der Krisengedanke selbst hat sich abgenutzt, auch wenn man in diesen Tagen
den Eindruck hat, dass es noch nie so schlimm war wie jetzt. Kurator Drew
Sawyer spricht von einem Zustand des „Permaweird“.
Guerrero und Sawyer haben versucht, sich bei ihrer Arbeit so gut es ging,
von allen diesen externen Druckfaktoren frei zu machen. Sie wollten sich,
wie beide versichern, bei ihrer Suche nach dem, was ihnen interessant
erscheint, von keinen vorgegebenen Begriffen leiten lassen. Sie wollten
nicht nach etwas Bestimmtem suchen – nach Kommentaren zum Trump-Regime
etwa, zu Klimawandel oder Postkolonialismus oder auch nur nach bestimmten
Medien, wie der viel gehypten KI.
Herausgekommen ist eine „Kohärenz der Inkohärenz“, wie Sawyer es ausdrückt.
Man könnte das, was da auf dem fünften und sechsten Stock des New Yorker
Renzo-Piano-Baus an der 14th Street zu sehen ist, deshalb auch böswillig
als beliebig bezeichnen. Doch es sind bei der diesjährigen Biennale wenn
auch keine übergreifenden Botschaften oder Begriffe, so doch zumindest
Stimmungen zu spüren.
Eine diese Stimmungen ist die der intimen Verbindung oder dessen, was
Guerrero etwas verquast als „gestational relationality“ beschreibt. Es ist
eine Konzentration – manche würden auch sagen ein Rückzug – auf
Beziehungen, zu anderen Menschen, zu anderen Lebewesen, zur Umwelt, in
einer Zeit, in der man den Verlust, ja vielleicht den Untergang als gegeben
akzeptiert hat.
## Andrea Fraser und ihre 92-jährige Mutter
Das berührendste Beispiel hierfür ist die Zusammenarbeit von Andrea Fraser
mit ihrer 92 Jahre alten Mutter Carmen de Monteflores. Fraser ist eine
prominente Vertreterin der Institutionskritik, sie sorgt schon seit 30
Jahren für Furore, wenn sie mit ihren Kunstprojekten das Museumswesen oder
den Kunstmarkt von innen parodiert – sei es mit ihren satirischen
Museumsführungen oder ihrem provokantesten Werk, bei dem ein Sammler sie
dafür bezahlte, mit ihr zu schlafen, um daraus eine Videoinstallation zu
machen.
Jetzt, im fünften Stock des Whitney Museum, denkt die nunmehr 60-jährige
Fraser über ihre Mutter nach und darüber, dass diese ihre eigene
Künstlerkarriere aufgegeben hat, um die ihrer Tochter zu ermöglichen. Dabei
war Carmen de Flores mit ihrer großformatigen Pop-Art-Malerei überaus
produktiv, obwohl sie fünf Kinder großzuziehen hatte. Für die Biennale
treten nun de Flores’ Figuren in signalhaften, flächigen Farben [2][Frasers
schutzlosen, nackten Säuglingen aus Ton gegenüber]. Die thematisieren ein
urmenschliches Bedürfnis nach Geborgenheit und Wärme.
Ein anderes Stück, das Verletzlichkeit und Bedürftigkeit zeigt, ist die
erste Installation überhaupt in dieser Ausstellung. Man stolpert bei
Betreten der Whitney-Biennale buchstäblich in die vielen kleinen farbigen
Schneemann-artigen Figuren hinein, die da auf dem Boden liegen. Drumherum
hängen fantastische Zeichnungen an der Wand. Das Ganze ist eine Hommage von
Emilie Louise Gossiaux an ihren Blindenhund. Nach einem schweren
Fahrradunfall in Brooklyn hatte sie [3][ihr Augenlicht verloren], was sie
jedoch nicht daran hinderte, als visuelle Künstlerin weiterzuarbeiten. Ganz
zart sind ihre kleinteiligen Zeichnungen vom Hund, sich selbst, den
Spielzeugen des Hunds und Londoner Straßen.
Die Fotografien von Mao Ishikawa stechen durch ihre Intimität hervor. Es
sind Bilder einer besonderen Begegnung: Schwarze amerikanische GIs, die in
den 70er Jahren zur US-Besatzungsmacht ihrer Heimatinsel Okinawa gehörten,
treffen auf japanische Bar-Mädchen. Beide Seiten wirken furchtsam und
verloren, scheinen aber auch vorsichtig Vertrauen zueinander zu finden.
## Eine neue Sensibilität
Diese neue Form von Sensibilität ist freilich nur eine der vielen
Stimmungen, auf die Guerrero und Sawyer bei ihren Streifzügen durch die
Kunstwelt von Donald Trumps Amerika stießen. Eine andere ist eine explizit
politische. Allerdings [4][achteten die Kuratoren bei den Arbeiten einer
politischen Kunst darauf], dass sie möglichst nicht polemisch ist und nicht
nur kognitiv was bietet, sondern auch affektiv.
Heraus ragt zweifelsohne die Videoarbeit „Until we became fire and fire us“
vom Duo [5][Basel Abbas und Ruanne Abou-Rahme]. Darin begeben sich die
beiden, die in New York und in Ramallah arbeiten, auf eine Reise durch eine
Traumwelt von Fahrten voller Wehmut und Erinnerungen durch ein Land, das es
nicht mehr gibt. Es ist ein Werk voller Trauer und Schmerz, ohne Anklage.
Mit der Arbeit von Abbas/Abou-Rahme und anderen Werken von LGBTQ- und
indigenen Künstlern machen die Kuratoren klar, dass sich ihre
Whitney-Biennale nicht Trumps neuer Kulturpolitik zu beugen gedenkt und
auch sonst auf politische Sensibilitäten nur begrenzt Rücksicht nimmt. Das
ist ein Statement, erst im vergangenen Jahr setzte das Whitney Museum nach
Protesten eine propalästinensische Performance ab.
Politisch ist auch die Videoinstallation „Cultus“ von Zach Blas über die
problematische Vergötterung der KI im Silicon Valley. Und ein aufblasbarer
Riesenclown von Pat Oleszko mit dem Namen „Blowhard“. Der stand in den
90ern schon einmal auf der Plaza des World Trade Center und spielt heute
unumwunden auf Donald Trump an.
## Es bleibt eine gewisse Ratlosigkeit
Man muss wohl dankbar sein, dass Guerrero und Sawyer es, was die politische
Kunst angeht, bei diesen Stücken belassen haben. Am Ende ist die
Konstruktion der „Kohärenz in der Inkohärenz“ gelungen. Der Gedanke, dass
die amerikanische Kunst derzeit, ja vielleicht sogar die Gegenwartskunst
überhaupt, keine klare Antwort auf unsere Zeiten gibt, ist sicher richtig.
Und den Eindruck zu vermeiden, es gäbe eine, ist ehrlich. Was bleibt, ist
dennoch eine gewisse Ratlosigkeit.
Der Optimismus sei ein Banner, schreibt der palästinensische Künstler Samia
Halaby im Katalog, dem er folgen will. Das spricht schon von einem gewissen
Stoizismus und genau das scheint auch der Modus der diesjährigen
Whitney-Biennale zu sein. Man macht weiter – irgendwie. Was soll man sonst
tun?
8 Mar 2026
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