# taz.de -- Am 15. Juni ist wieder Marzahn Pride: Regenbogen im braunen Kiez
       
       > Mit dem ersten Queer-Beirat Berlins ist der Bezirk Marzahn-Hellersdorf
       > Vorreiter bei queerpolitischen Belangen. Mehr Budget für Stellen und
       > Beratung.
       
 (IMG) Bild: Das war der 4. Marzahn Pride im letzten Jahr, die fünfte Ausgabe findet am 15. Juni 2024 statt
       
       Berlin taz | Das sind doch mal gute Nachrichten, die sich unter dem
       Tagesordnungspunkt 2 „Bericht aus dem Bezirksamt“ verstecken. Gordon Lemm
       (SPD) ist Gast auf der Sitzung des [1][Queer-Beirats Marzahn-Hellersdorf].
       Der Bezirksstadtrat für Jugend, Familie und Gesundheit (und ehemalige
       Bezirksbürgermeister) kann unter anderem verkünden, dass Vanessa Krah, die
       Queerbeauftragte des Bezirks, ab Anfang Januar nächsten Jahres personelle
       Unterstützung mit einer halben Stelle bekommt. Das 16-köpfige Gremium nimmt
       diese News wohlwollend auf.
       
       „Damit wären wir dann der personell bestausgestattete Bezirk, was das Thema
       Queer angeht“, sagt Lemm. Auch weil Krah – seit zwei Jahren [2][Beauftragte
       für „Queer, Städtepartnerschaften und freiwilliges Engagement“] – ihren Job
       als Queerbeauftragte demnächst zu 100 Prozent ausüben kann. Und nicht wie
       bisher nur zu 60 Prozent.
       
       Damit hat sie zum Beispiel mehr Zeit für den Queer-Beirat. Das ist ein vom
       Bezirksamt berufenes Gremium, das selbständig und unabhängig arbeitet. Auch
       hier war der Bezirk Vorreiter: Es handelte sich mit Gründung im März 2023
       um den ersten bezirklichen Beirat dieser Art in Berlin.
       
       Der Queer-Beirat versteht sich als überparteilich und vertritt die
       Interessen von LSBTIQ* im Bezirk und steht dem Bezirksamt beratend zur
       Seite. „Wir behandeln Themen, planen gemeinsam Veranstaltungen,
       koordinieren Termine, versuchen uns in die Geschicke von Bezirksamt und BVV
       einzumischen“, sagt Vanessa Krah. Und wenn dort etwas passiert, was dem
       Beirat nicht gefällt, kommt „ein böser Brief“ mit einer Stellungnahme.
       „Viel mehr als das gibt es dann auch nicht“, räumt Krah ein, „es gibt
       unsererseits keine Sanktionsmöglichkeiten.“
       
       ## Die Vielfalt der queeren Gemeinschaft
       
       Trotzdem ist Krah froh, dass es den Beirat „mit den wichtigsten queeren
       Akteur:innen des Bezirks und den verschiedenen Perspektiven“ gibt.
       Schließlich könne sie als einzelne Person ja nicht die gesamte Vielfalt der
       queeren Gemeinschaft abbilden. „Es ist eine der ersten Maßnahmen, die ich
       umsetzen konnte.“
       
       Im Beirat arbeiten queere Vertreter:innen von Vereinen und
       Organisationen wie Maneo oder [3][Lesben* Leben Familie (LesLeFam)], von
       LSU, SPD queer, LSVD, von Jugendfreizeiteinrichtungen und dem
       Stadtteilzentrum sowie engagierte Einzelpersonen zusammen. Außerdem kann
       jede Fraktion der BVV einen Gast entsenden – wenn auch ohne Stimmrecht.
       „Dieser Draht in die Fraktionen ist von Vorteil“, sagt Krah.
       
       „Seit Vanessa Krah im Amt ist, ist das Thema deutlich präsenter“, findet
       Bezirksstadtrat Gordon Lemm. Es geht ums Netzwerken und darum, Themen in
       die Öffentlichkeit zu bringen. Es geht darum, ein Bewusstsein dafür zu
       schaffen, dass es in Marzahn-Hellersdorf auch jenseits des Marzahn Prides
       eine Community gibt, die gesehen werden möchte, die Rechte einfordert.
       
       Eines der größten Projekte der Queerbeauftragten ist es, für eine
       Verbesserung der Beratungs- und Angebotsstruktur im Bezirk zu sorgen. „Wir
       haben bisher eigentlich fast gar keine professionellen Hilfsangebote für
       queere Menschen“, sagt Krah. Egal, ob zum Thema Outing, Regenbogenfamilie
       oder ältere queere Mitbürger:innen.
       
       ## Budget der Queerbeauftragten erhöht
       
       Trotz Kürzungen in vielen Bereichen wurde das Budget der Queerbeauftragten
       sogar erhöht: Waren es zu Beginn noch 20.000 Euro jährlich für Zuwendungen
       an Träger, sind es jetzt 50.000 Euro. Das liegt auch daran, dass es zum
       Zeitpunkt des Beschlusses über die Budgeterhöhung noch eine rot-rot-grüne
       Mehrheit in der BVV gab, erklärt Lemm. Mittlerweile ist der Bezirk von der
       CDU regiert.
       
       Mit dem Geld will Krah unter anderem eine Beratungsstelle für
       Regenbogenfamilien und queere Kinder und Jugendliche gründen. „Wir hoffen,
       noch in diesem Jahr einen Träger zu finden“, sagt sie. Die Beratungsstelle
       soll mit einem Büro an das Familienzentrum des DRK andocken.
       
       Zurück zur Sitzung des Queer-Beirats: In den gut zwei Stunden geht es unter
       anderem um die Veranstaltungen im Pride Sommer. Allein in der Pride Week im
       Vorfeld des Marzahn Prides am 15. Juni – dem Höhepunkt – finden gut ein
       Dutzend Veranstaltungen statt, die Krah der Runde vorstellt. Ein Ausflug
       mit Picknick in die bekannten „Gärten der Welt“ ist genauso dabei wie eine
       Lesung divers erzählter Kinderbücher und Workshops, Filmabende oder
       Fortbildungen für Führungskräfte im Bezirksamt.
       
       „Viele Einrichtungen machen mit“, sagt Krah. „Das zeigt, wie engagiert die
       queere Gemeinde ist, und dass das Thema angekommen ist.“ Es geht um
       Sichtbarkeit und Akzeptanz von queeren Lebensentwürfen – auch
       Marzahn-Hellersdorf ist ein „Ort der Vielfalt“.
       
       ## Damit die Zuständigkeiten klar sind
       
       In der Sitzung des Queer-Beirates geht es mitunter kleinteilig zu, damit
       die Zuständigkeiten klar sind, damit alle eingebunden werden: Welche Stände
       wird es beim Marzahn Pride geben, wo kommen die nötigen Finanzen her und
       wer kennt einen tollen Musikact, den man für das Bühnenprogramm anfragen
       könnte? Aus der Runde wirft jemand den Namen der Newcomerin Cloudy June in
       die Runde, weitere Tipps folgen …
       
       Kleine Überraschung: Der Marzahn Pride wird eine neue Route nehmen, es geht
       die lange Allee der Kosmonauten entlang „an einer Jugendeinrichtung und an
       einer russisch-orthodoxen Kirche vorbei. Das wird spannend“, sagt Christine
       Shneydin vom Verein Quarteera, der den Marzahn Pride organisiert.
       
       Auch Nora Heim ist Teil des Queer-Beirats. Die Aktivistin hat die
       [4][„Queere Begegnung“] erfunden, ein niedrigschwelliges Angebot für einen
       lockeren Austausch, und Unternehmungen aller Art in Marzahn-Hellersdorf –
       auf ehrenamtlicher Basis. „Ich will einen sicheren Raum bieten“, erklärt
       Heim. „Hier können sich queere Personen treffen, sei es zum Vernetzen, zum
       Probleme besprechen oder auch, um ihr eigenes Ding zu machen.“ Mal werden
       Filme geschaut, mal eine Veranstaltung besucht, einmal im Monat, immer an
       einem Samstag. Im Moment kommen im Schnitt zehn Leute, manchmal weniger,
       manchmal auch zwanzig, sagt Heim, die an der Alice-Salomon-Hochschule (ASH)
       Soziale Arbeit studiert und im Bezirk wohnt.
       
       Zur ASH gibt es gute Kontakte, sagt die Queerbeauftragte Krah. Aus dem
       [5][Frauen- und Gleichstellungsbüro] ist jemand beim Queer-Beirat dabei.
       Und es gibt das Queer-Referat, mit dem sie in Kontakt sind. „Ein Problem
       ist, dass die meisten Studierenden nicht in Marzahn-Hellersdorf wohnen“,
       sagt Krah. Sie hat aber das Gefühl, dass sich das ändert: „Immer mehr
       Studierende siedeln sich im Bezirk an, weil die Mieten im Innenstadtring
       immer höher werden.“
       
       ## Bezirk lädt nicht zum Verweilen ein
       
       Nora Heim sieht noch ein weiteres Problem des Bezirks: „Es gibt keine
       entspannte Atmosphäre durch nette Cafés und dergleichen. Der Bezirk lädt
       nicht zum Verweilen ein.“ Ein weiteres Dilemma kommt hinzu: „Wie offen und
       frei können wir uns hier zeigen?“, fragt Heim und nennt ein simples
       Beispiel: Eine Regenbogenfahne aufhängen.
       
       „Macht man das mit einer kleinen oder einer großen Fahne? Je größer du das
       machst, um so mehr Angriffsfläche bietest du, um so verletzlicher machst du
       dich.“ Queere Treffpunkte sollen geschützte Räume sein. „Deshalb muss man
       überlegen, wie offen man so einen Treff in den Kiez hineinkommuniziert und
       zugleich, wie man sich schützt.“
       
       Was die Angreifbarkeit betrifft, blickt Bezirksstadtrat Gordon Lemm besorgt
       auf die Wahlen im kommenden Jahr. „Wir haben im Bezirk politische Kräfte,
       insbesondere die AfD, die die Arbeit der Queerbeauftragten fundamental
       kritisch begleitet“, sagt Lemm. „Die AfD ist sehr stark in
       Marzahn-Hellersdorf und es gibt Befürchtungen, dass sie bei den nächsten
       Wahlen zur stärksten Kraft werden könnte.“
       
       Nicht unbegründet: Bei der Europawahl holte die AfD hier 25,3 Prozent. „Es
       gibt immer mal wieder Anfeindungen, wo die Arbeit der Queerbeauftragten als
       Verschwendung von Steuergeldern oder als links-grün-versiffter Quatsch
       diskreditiert wird.“ Das müsse man im Blick haben, um die Akteur:innen
       zu schützen. „Das ist leider auch Teil der Wahrheit bei uns im Bezirk.“
       
       ## Mehr Geld für Öffentlichkeitsarbeit
       
       Der Queer-Beirat Marzahn-Hellersdorf will öffentlich mehr in Erscheinung
       treten. In ein bis zwei Monaten soll es ein Fallblatt geben, das das
       Gremium und seine Anliegen vorstellt. Auch eine Onlinepräsenz mit den Namen
       und Fotos aller Beiratsmitglieder:innen ist angedacht.
       
       Gefragt, was sich die Queerbeauftragte für die Zukunft wünschen würde,
       antwortete sie: „Einerseits mehr Finanzen für eine bessere Infrastruktur,
       andererseits fände ich es toll, mehr Geld für Öffentlichkeitsarbeit zu
       haben, denn dieser Aspekt fällt schnell hinten runter.“ Krah hat jährlich
       lediglich 1.000 Euro für Öffentlichkeitsarbeit zur Verfügung.
       
       Dabei würde sie gerne eine Plakatkampagne im Bezirk machen, mit der sie
       Menschen für das Thema sensibilisieren möchte. „Menschen, die nicht in
       meinem Einflussbereich leben, die ich nicht auf den queeren Veranstaltungen
       treffe, die jenseits meiner Blase leben.“ Und so eine Kampagne könnte ja
       theoretisch auch eine berlinweite Kampagne sein. „Ohne Moralkeule, dafür
       mit Witz.“
       
       14 Jun 2024
       
       ## LINKS
       
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