# taz.de -- Buch von Esther Slevogt: Bergung eines verlorenen Schatzes
       
       > Es ist ein Buch über die aufregende Geschichte des Deutschen Theaters
       > Berlin, das viel über die Potenziale der Kunst erzählt.
       
 (IMG) Bild: Heiner Müller inmitten des Ensembles bei den Proben zur „Hamletmaschine“ im März 1990 am DT Berlin
       
       Vorhang auf: Die Bühne betritt eine neue bürgerliche Öffentlichkeit. Teil
       von ihr sind Künstler jüdischer Herkunft, die als Schauspieler, Autoren,
       Regisseure, Theatergründer und Mäzene wichtige Rollen übernehmen und so dem
       gesetzlichen Anspruch auf Gleichberechtigung und Partizipation Ausdruck
       geben.
       
       Dass diese Emanzipation wesentlich war für die Gründung des Deutschen
       Theaters in Berlin 1883 ist eine der vielen Geschichten, die Esther Slevogt
       in ihrem wunderbar erzählten und gut recherchierten Buch „Auf den Brettern
       der Welt. Das Deutsche Theater in Berlin“ herausarbeitet.
       
       Doch schon die Generation der Gründer erlebte antisemitische Anfeindungen
       und Verleumdungen.
       
       ## Inszenierungen, Kritiken, Kulturpolitik
       
       Esther Slevogt erzählt über das Haus, die Immobilie, die Ausstattung, die
       Inszenierungen, die Schauspieler:innen, das Publikum, die Kritiken, die
       Kulturpolitik. Die Theaterleiter sind ihre wichtigsten Protagonisten, unter
       ihnen Otto Brahm, Max Reinhardt, Wolfgang Langhoff, Dieter Mann.
       
       Dabei schafft sie es mit Blick auf den Spielplan, was auf der Bühne
       gespielt wurde stets in ein Verhältnis zur deutschen Geschichte, zu
       politischen und ideologischen Diskursen zu setzen. Das ist eine besondere
       Leistung ihres Buches.
       
       So eckte Otto Brahm, der mit Gerhart Hauptmann und Henrik Ibsen den
       Naturalismus und damit das Elend der Proletarier und den moralischen
       Verfall der gehobenen Klassen auf die Bühne brachte, bei den Konservativen
       im Kaiserreich an. [1][Max Reinhardt] setzte ab 1905 auf ästhetische
       Erfahrungen, die sich gegen Ideologien sperrten und dem Humanismus neuen
       Raum geben wollten. Er entdeckte die Stücke von Lenz und Büchner wieder und
       setzte damit dem militaristischen preußischen Geist etwas entgegen.
       
       ## Deutungsspielräume offen halten
       
       [2][Wolfgang Langhoff] versuchte im Kalten Krieg, die Deutungsspielräume
       offener zu halten, als die Partei es vorsah. Sein Haus, inzwischen
       Staatstheater der DDR, stand unter besonderer Beobachtung durch die SED und
       die Stasi, nicht zuletzt, weil weiter ein Teil des Publikums aus Westberlin
       kam, obwohl das Ostberliner Theater dort als „Volksverhetzer“ beschimpft
       und zum Boykott aufgerufen wurde.
       
       Dieser zermürbende und oft auch demütigende Kampf Langhoffs wird
       detailliert, aber auch voller Empathie für den Mann beschrieben, den seine
       Erfahrungen unter den Nazis trotz allem auf ein besseres Deutschland in der
       DDR hoffen ließen.
       
       Esther Slevogt ist selbst Theaterkritikerin (unter anderem für die taz) und
       hat das Deutsche Theater schon in den 1980er Jahren besucht, als sie als
       Studentin nach Westberlin gekommen war. Sie erzählt mit der Überzeugung von
       jemand, der einen verlorenen Schatz bergen will. Und es gelingt ihr
       anschaulich, der doch flüchtigen Kunst des Theaters ein Gesicht zu geben.
       
       ## Was der Name des Theaters sagt
       
       Das „Deutsche“ im Namen des Theaters verfolgt Slevogt auch mit Blick auf
       den Umgang mit den Autoren der deutschen Klassik. Sie klopft die
       historischen Inszenierungen und was von ihnen im Echo der Kritik und in
       anderen Archivmaterialien überliefert ist darauf ab, wie Kleist und Goethe
       etwa mit nationalistischen Gedanken in der Zeit des Nationalsozialismus
       aufgeladen wurden.
       
       Und wie sich die Regisseure in der jungen DDR um Lesarten kümmerten, die
       etwa Kapitalismuskritik und Emanzipationsverlangen sehen ließen. [3][Sie
       erzählt, dass Stücke wie „Dantons Tod“ von Büchner zur Auseinandersetzung
       mit dem Machterhalt ehemaliger Revolutionäre werden konnten, die keine
       Verbindung zu ihrem Volk mehr haben].
       
       Deshalb ist ihr Buch nicht nur eine kenntnisreiche Lektüre über dieses eine
       Haus, sondern auch über die Bedeutung, die Theater lange haben konnte. Man
       lernt das Theater, gerade in der Zeit der DDR, als Institution kennen, die
       mit vielen Widersprüchen umgehen musste und dafür sensible Instrumente
       entwickelte.
       
       ## Neue sozialistische Klassik
       
       Oft muss man staunen über das lange Ringen um Stücke und Inszenierungen,
       die etwa die Versuche des Intendanten Wolfgang Langhoff begleiteten, eine
       neue sozialistische Klassik zu schaffen, [4][mit Peter Hacks, Heiner Müller
       und dem Dramaturgen Heinar Kipphardt]. Sie recherchierten im Alltag,
       benannten Probleme, suchten nach Lösungen und wurden immer wieder von einer
       Parteilinie ausgebremst, der schon die Problemschilderung zu viel
       Abweichung von ihrer behaupteten sozialistischen Wirklichkeit war.
       
       26 Dec 2023
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
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