# taz.de -- Krieg in Syrien: Keine Ruhe, kein Frieden
       
       > Am Samstag treffen sich Putin und Merkel. Der russische Präsident will
       > die Kanzlerin überzeugen, dass der Krieg in Syrien vorbei ist. Ist er
       > das?
       
 (IMG) Bild: Muss Idlib eine Offensive der Assad-Truppen fürchten? Blick auf den Uhrenturm in Idlib-Stadt (Juni 2017)
       
       „Der Krieg ist vorbei“, [1][titelte das US-Magazin] Foreign Policy
       kürzlich, „und Amerika hat verloren.“ Nicht nur Amerika, möchte man rufen,
       auch all jene Syrer, die sich ein anderes Syrien erhofft hatten, die auf
       die Straße gingen und später zu den Waffen griffen, um sich vom Joch der
       Assad-Diktatur zu befreien.
       
       Doch vielmehr noch lässt die Feststellung stutzen, der Krieg sei vorbei.
       Sind wir nach sieben Jahren Krieg und einer halben Million Toten jetzt am
       Ende der Tragödie angelangt? Ist das neue Syrien das alte Syrien, nur
       ethnisch, religiös und politisch homogener als zuvor? Steht jetzt der
       Wiederaufbau auf der Tagesordnung?
       
       Davon wird der russische Präsident Wladimir Putin Kanzlerin Angela Merkel
       zu überzeugen versuchen, [2][wenn er sie am Samstagabend auf Schloss
       Meseberg trifft]. Von Europa erhoffen sich die syrische Regierung und ihre
       Schutzmacht Russland vor allem noch eines: Geld. Der Krieg – so die
       Erzählung von Damaskus und Moskau – sei vorbei, jetzt sei die Zeit für den
       Wiederaufbau und die Rückkehr der Flüchtlinge. Werden die Europäer bereit
       sein zu zahlen, um die Rechten in ihren eigenen Ländern in Schach zu
       halten? Oder werden sie dabei bleiben, dass der Massenmörder Assad, der
       sich noch immer Präsident nennt, nicht einfach weitermachen kann?
       
       Mit tatkräftiger Hilfe Russlands und Irans haben Assads Truppen in den
       vergangenen Wochen [3][die Kontrolle über weite Teile Syriens]
       zurückgewonnen. Ausgerechnet in Daraa, wo im Frühjahr 2011 die ersten
       Kundgebungen begannen, hissten sie ihre Flagge, die alte schwarz-rot-weiße
       Nationalflagge. Jetzt kontrolliert das Regime, von wenigen Flecken
       abgesehen, wieder ganz Zentral- und Südsyrien.
       
       ## Kommt jetzt die „Mutter aller Schlachten“?
       
       Im Norden allerdings ist Assad von einem militärischen Sieg fast so weit
       entfernt wie von einer politischen Lösung. Und beides dürfte schwierig
       werden, schwieriger als im Süden, wo die Nachbarländer Assad und seine
       Verbündeten weitgehend machen ließen. Im Nordwesten kontrollieren Rebellen
       mit Idlib die letzte ihnen bleibende Provinz des Landes. Gleich angrenzend,
       im Norden der Provinz Aleppo, haben sich türkische Truppen festgesetzt. Und
       schließlich kontrollieren kurdische Kräfte die Gebiete östlich des
       Euphrats.
       
       „Der Zeitpunkt unseres Sieges ist nah“, schrieb Assad am Mittwoch in einem
       Brief anlässlich eines Militärjubiläums. Zuvor hatte er angekündigt, dass
       Idlib sein nächstes Ziel sein werde. Staatsmedien sprachen schon von der
       „Mutter aller Schlachten“.
       
       Eine Großoffensive auf die Provinz könnte katastrophale Folgen haben. Zwar
       ist Idlib ländlich geprägt, aber es leben in der Provinzen nach
       UN-Schätzungen immerhin 2,9 Millionen Menschen. Hunderttausende würden die
       Flucht ergreifen, darunter viele Binnenvertriebene, die in Idlib Zuflucht
       gesucht haben oder dorthin geschafft wurden. Seit Jahren karren die grünen
       Busse des Regimes Oppositionelle und ihre Familien dort hin. Evakuierung
       nennt die Regierung die Zwangsumsiedlung.
       
       Auch Tausende Kämpfer verschiedener Anti-Assad-Milizen harren in Idlib aus,
       darunter viele radikale Islamisten. Die Dschihadisten von Hai’at Tahrir
       al-Scham herrschen über weite Teile der Provinz. Sie dürften wild
       entschlossen sein, sich Assad in den Weg zu stellen.
       
       Sollte das Regime die Lage eskalieren, warnt UNICEF, wären auch
       Hunderttausende Kinder in Idlib gefährdet. „Viele der Kinder wurden
       gezwungen zu fliehen, einige bis zu sieben Mal“, schrieb das UN-Hilfswerk
       [4][in einem Statement]. „Die meisten leben nun in überfüllten Lagern und
       Unterkünften in ländlichen Gebieten.“ Bis zu 350.000 Kinder könnten das
       Dach über dem Kopf verlieren. Insgesamt sollen rund eine Million Kinder in
       Idlib leben.
       
       ## Wird Ankara eine Idlib-Offensive billigen?
       
       Doch wäre eine Großoffensive auf Idlib nicht nur eine humanitäre
       Katastrophe, sondern auch ein politischer Drahtseilakt. Nördlich von Idlib
       hält die Türkei einen mehr als 100 Kilometer breiten Streifen besetzt. In
       Idlib selbst soll sie nach Absprachen mit Iran und Russland für Ruhe sorgen
       und hat zu diesem Zweck zwölf Beobachtungsposten mitsamt Soldaten und
       Panzern errichtet. Schnell könnte aus einem Angriff auf Idlib ein
       kriegerischer Akt gegen die Türkei werden.
       
       Assad müsste also fein säuberlich um die türkischen Truppen herumbomben
       oder aber einen Deal mit den Türken finden, dass sie sich aus Idlib
       zurückziehen. Und Russland hat einer Großoffensive kein grünes Licht
       gegeben. Moskau würde seine Beziehungen zur Türkei aufs Spiel setzen,
       sollte es eine Großoffensive billigen oder womöglich sogar aus der Luft
       unterstützen.
       
       „Jedwede Großoffensive gegen Idlib ist aus russischer Sicht vom Tisch“,
       schreibt Alexey Khlebnikov in einer [5][Analyse] für das Beiruter Carnegie
       Middle East Center, „andernfalls würde sich eine weitere Flüchtlingswelle
       in Richtung der türkischen Grenze in Bewegung setzen.“ Denn wohin sollten
       die Menschen fliehen, wenn nicht nach Norden? Zuerst in die türkische
       Besatzungszone, dann in die Türkei selbst, dann in die EU.
       
       ## Kontrolle heißt Macht
       
       Das will die Türkei vermeiden. Für sie bedeutet die Präsenz in Nordsyrien
       vor allem Verhandlungsmasse. Wie auch immer der Krieg ausgeht, Präsident
       Erdoğan wird in künftigen Verhandlungen ein mächtiges Wort mitzureden
       haben. Angela Merkel hat sich am Freitag bereits offen für den Vorschlag
       Erdoğans ausgesprochen, ein Treffen mit den Präsidenten Frankreichs,
       Russlands und der Türkei zum weiteren Vorgehen in Syrien zu vereinbaren.
       Selbst eine langfristige Präsenz oder gar Annexion des türkisch besetzten
       Teils ist nicht undenkbar. Vieles deutet darauf hin, dass Ankara bereit
       ist, das Annexionsszenario zumindest als Druckmittel einzusetzen.
       
       Vor den Behörden in der Zone weht die türkische Flagge; die Regierung in
       Ankara lässt Straßen reparieren, und die türkische Post hat Filialen in
       Nordsyrien eröffnet. Ab Herbst sollen Schulkinder auch Türkisch lernen.
       
       Unlängst schwärmte ein Bezirksbürgermeister der Stadt Aazaz von den Türken.
       „Für Sicherheit in Aazaz ist gesorgt“, [6][sagte er] dem Syrien-Blogger
       Aymenn Jawad al-Tamimi, „an den Kreisverkehren sind Tag und Nacht
       Patrouillen unterwegs, die Schulen werden renoviert.“
       
       Was die Menschen in der Region von diesem Szenario halten und ob das
       Nato-Land Türkei eine Annexion nach dem Vorbild der russischen
       Krim-Annexion international durchsetzen könnte, ist allerdings ungewiss.
       
       ## Kurden verhandeln mit Assad
       
       Druckmittel braucht die Türkei vor allem in Hinblick auf die Kurden, deren
       Status im künftigen Syrien offen ist. Seit Wochen verhandeln die
       kurdisch-dominierten Syrisch-Demokratischen Kräfte (SDF), die mit
       US-Unterstützung den IS vertrieben hatten, mit der Regierung in Damaskus.
       Die Kurden könnten sich bereit zeigen, nicht-kurdische Städte wie Rakka an
       das Assad-Regime zurückzugeben – im Tausch gegen weitreichende
       Autonomierechte für die selbstverwalteten Gebiete in Nordsyrien.
       
       Es werde über „Selbstverwaltung“ gesprochen, [7][sagte İlham Ahmed],
       Ko-Vorsitzende des einflussreichen Syrisch-Demokratischen Rats, des
       politischen Arms der SDF, dem russischen Propagandasender Russia Today. Die
       Frage sei, „inwiefern diese Verwaltung Teil eines Regierungssystems in
       Syrien sein kann“. Selbst die Möglichkeit, die kurdisch dominierten
       SDF-Truppen zu einem späteren Zeitpunkt in die syrische Armee zu
       integrieren, schloss Ahmed nicht aus.
       
       Ein mächtiger Quasi-Staat der Kurden an der Grenze zur Türkei aber wäre der
       Alptraum Ankaras. Mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln wird die
       türkische Regierung Damaskus drängen, diese nicht zu mächtig werden zu
       lassen. Wenn Assad die Kurden in Schach hält, so könnte der Deal aussehen,
       würde Ankara im Gegenzug das Land räumen.
       
       Was Syrien noch bevorsteht, darauf gab es am vergangenen Wochenende einen
       Vorgeschmack. Nach UN-Angaben wurden mindestens 134 Menschen getötet, als
       sich Aufständische im Nordwesten heftige Kämpfe mit Assads Truppen
       lieferten. Momentan sieht also alles danach aus, als würden Assad und seine
       Verbündeten zunächst versuchen, die Ränder Idlibs zurückzuerobern, ohne die
       Türkei mit einer Großoffensive zu verärgern.
       
       18 Aug 2018
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://foreignpolicy.com/2018/07/23/the-syrian-war-is-over-and-america-lost/
 (DIR) [2] /Treffen-in-Meseberg/!5528893
 (DIR) [3] /Krieg-in-Syrien/!5522071
 (DIR) [4] https://www.unicef.org/press-releases/unicef-fears-escalation-violence-idlib-syria-will-leave-350000-children-no-place-go
 (DIR) [5] http://carnegie-mec.org/diwan/76990
 (DIR) [6] http://www.aymennjawad.org/2018/08/interview-with-a-mukhtar-of-azaz
 (DIR) [7] https://www.youtube.com/watch?v=kLlFP5Vrt2k&t=
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jannis Hagmann
       
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