# taz.de -- Avancen der Türkei: Erdoğans Krise ist Merkels Chance
       
       > Dass Meşale Tolu die Türkei verlassen darf, ist ein neuer Versuch von
       > Erdoğan, sich Deutschland wieder anzunähern – und eine Chance.
       
 (IMG) Bild: Sie ist frei, doch viele fehlen noch: Journalistin Mesale Tolu nach der Ausreisefreigabe
       
       ISTANBUL taz | So schnell kann es also gehen. Wie durch ein Wunder kommen
       die unterschiedlichsten türkischen Gerichte zu der Erkenntnis, dass
       entweder die U-Haft oder eine Ausreisesperre für bestimmte politische
       Gefangene nicht mehr nötig ist. Dabei gibt es nur eins, was die bis
       vergangene Woche in Edirne [1][festgehaltenen griechischen Soldaten],
       [2][den Amnesty-Sektionschef der Türkei, Taner Kılıç], und die deutsche
       Journalistin Meşale Tolu verbindet: Zwei europäische Länder – in diesem
       Fall Griechenland und Deutschland – haben ein großes Interesse daran, dass
       diese Menschen freigelassen werden beziehungsweise die Türkei verlassen
       dürfen.
       
       Man liegt deshalb wohl nicht ganz falsch mit der Annahme, dass die
       plötzlichen Einsichten der unabhängigen türkischen Justiz etwas damit zu
       tun haben, dass der große Führer des Landes sich angesichts des Streits mit
       dem anderen großen Führer jenseits des Atlantiks genötigt sieht, in Europa
       wieder gut Wetter zu machen.
       
       Hieß es noch vor wenigen Wochen, Deutschland sei ein Land voll von
       Rassisten, Islamophoben und ein sicherer Hafen für die Putschisten der
       Gülen-Sekte, preisen die regierungsnahen türkischen Zeitungen plötzlich die
       Weisheit von Kanzlerin Merkel. Vor gut einer Woche hatte sie mit Blick auf
       den Verfall der türkischen Lira gesagt, die deutsche Regierung habe ein
       großes Interesse an einer prosperierenden Türkei.
       
       Dabei war am letzten Freitag, als Meşale Tolu nach Angaben ihres
       Freundeskreises vom Gericht mitgeteilt bekommen hat, dass ihre
       Ausreisesperre aufgehoben wird, noch gar nicht bekannt, dass sich auch noch
       die SPD-Vorsitzende Andrea Nahles dazu bekennen würde, notfalls sogar Geld
       in die Hand zu nehmen, um die Türkei zu retten.
       
       ## „Operation Big Raushole“
       
       Wo Donald Trump gerade ankündigt, man werde die „falschen Freunde“ in der
       Türkei nun endgültig fertig machen, hören Erdoğan und seine Fans das
       natürlich gern. Also warum jetzt nicht die Gunst der Stunde nutzen und
       wirklich eine „Operation Big Raushole“ starten?
       
       Die Grünen und einige CDUler fordern nun, man dürfe erst über Hilfen für
       die Türkei nachdenken, wenn Erdoğan bereit ist, auf den Pfad der Demokratie
       zurückzukehren. Das ist zwar eine schöne Parole, aber was heißt das?
       
       Allahu Akbar wird sagen, er sei doch demokratisch gewählt und die
       Abschaffung der Gewaltenteilung sei durch ein Verfassungsreferendum
       legitimiert worden. Außerdem ist der Umbau der Türkei in einen
       Autokratenstaat bereits soweit fortgeschritten, dass es, selbst wenn jetzt
       die Opposition an die Regierung käme, schwer wäre, den Schalter wieder
       umzulegen.
       
       Deshalb sollte man lieber die Gelegenheit nutzen und konkrete, direkt
       umsetzbare Forderungen mit einer wie auch immer gearteten ökonomischen
       Unterstützung der Türkei verknüpfen. Warum sollte die unabhängige türkische
       Justiz nicht auch in den Fällen sieben weiterer Deutscher, die derzeit aus
       politischen Gründen festgehalten werden, zu der Erkenntnis kommen, dass
       diese Leute freigelassen werden müssen und ausreisen können? Und warum nur
       deutsche politische Gefangene?
       
       ## Keine Geiselnahmen mehr
       
       Was ist mit den türkischen Journalisten, die aus politischen Gründen im
       Knast sitzen?
       
       Was ist mit Enis Berberoğlu, dem CHP-Abgeordneten, dem vorgeworfen wird,
       dem Journalisten Can Dündar das Material über die Waffenlieferungen des
       türkischen Nachrichtendienstes MIT an die Islamisten in Syrien zugespielt
       zu haben?
       
       Was ist mit Osman Kavala, dem Friedensaktivisten und Mäzen für
       Minderheitenkulturen, der ebenfalls schon seit zehn Monaten im Knast sitzt?
       
       Um nur einige zu nennen.
       
       Bevor Erdoğan im September nach Berlin kommt, um Hilfe für seine marode
       Wirtschaft zu erbitten, sollten Merkel und Co deshalb unbedingt noch ein
       paar mehr Leute aus den türkischen Knästen holen. Sie sollten außerdem
       grundsätzlich klar machen, dass bei weiteren Geiselnahmen jede
       Unterstützung eingestellt wird. Das Ganze natürlich nicht öffentlich und
       mit großem Geschrei, sondern geräuschlos auf dem Weg der stillen
       Diplomatie. Nie war die Gelegenheit besser als jetzt.
       
       20 Aug 2018
       
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