# taz.de -- Abgeordnetenhauswahl am 20. September: Die doppelte Bürde des Stefan E.
> Auf Spitzenkandidat Evers lasten nicht nur die Hoffnungen seiner Berliner
> CDU. Das Wahlergebnis wird am Sonntag auch im Bundeskanzleramt mit
> Spannung erwartet.
(IMG) Bild: Wahlkampf: Stefan Evers im Kontakt mit zwei vom Wahlvolk bei einem Nachbarschaftstreffen im Fennpfuhlpark in Berlin-Lichtenberg
Er geht ja ohnehin ein bisschen gebeugt, den Kopf etwas vorstreckend. In
diesen Tagen aber ließe sich Stefan Evers’ Haltung auch sinnbildlich
deuten: Da trägt einer die Zukunft der Bundesregierung auf seinen
Schultern. Denn allenthalben ist zu lesen und zu hören: Wenn der Berliner
CDU-Spitzenkandidat bei der Abgeordnetenhauswahl am Sonntag nicht vorn
liegt und dadurch zeigt, dass die CDU noch Wahlen gewinnen kann, ist es
angeblich vorbei mit der Kanzlerschaft von Friedrich Merz.
Das kann schon eine Bürde sein. Umso mehr, weil Stefan Evers nicht
gedrängelt hat, statt des noch Noch-Regierenden Bürgermeisters Kai Wegner
CDU-Spitzenkandidat und auch dessen Nachfolger im Roten Rathaus zu werden.
Das galt schon, als er Ende April [1][zusätzlich zum Finanz- auch noch das
Kulturressort übernahm]. Danach hatte er nicht etwa gegriffen – das hatten
die CDU-Kreisvorsitzenden so entschieden und ihm auferlegt.
[2][Auf Wegners Ablösung hätte Evers durchaus drängen] können und das
gleich mehrfach, nicht bloß wegen dessen misslichen Verhaltens beim
Blackout im Januar. Das hätte manchen in der CDU durchaus gefallen, die ihm
deshalb auch fehlenden Biss attestierten. Aber Evers war und ist eben nicht
der Typ, der – wie in einem Goscinny-Comic über den Großwesir Isnogud –
jeden Morgen mit dem Gedanken aufsteht: „Ich will Kalif werden anstelle des
Kalifen!“
Dafür, dass er ungeplant in die Spitzenkandidatenrolle gekommen ist, die
seine Konkurrenz in den anderen Parteien bewusst ansteuerte oder deren
Strategen lang vorbereiteten, wirkt sein Wahlkampf überraschend stimmig.
Sein Auftreten bei Rederunden, bei Podiumsdiskussionen, im Parlament ist
getragen vom Habitus des Finanzsenators: Ich weiß, wovon ich rede, mit mir
gibt es keine Überraschungen. Ein Schreckgespenst von Extremisten im Roten
Rathaus zu zeichnen – darunter fällt für ihn auch die Linkspartei –, ist
das Bissigste, was von ihm in diesen Tagen zu hören ist.
## Früher ein Mann markiger Worte
Wobei Evers ja auch anders kann – oder zumindest konnte. 2017, damals noch
Generalsekretär der Berliner CDU und Oppositionspolitiker, schrieb [3][nach
einem Angriff auf Polizisten in der Rigaer Straße auf Facebook]: „Ich
hoffe, der Innensenator erwacht endlich aus seinem politischen Koma und
räuchert dieses Nest von Linksfaschisten mit allen Mitteln des Rechtsstaats
aus!“
Diese Worte liegen fast neun Jahre zurück, als Ende August der
Hauptausschuss – der wichtigste im Landesparlament – zum letzten Mal vor
der Wahl tagt. Auch Evers als Finanzsenator lobt wie zuvor mehrere
Abgeordnete die Zusammenarbeit in den vergangenen Jahren und fügt dann
hinzu: „Ansonsten würde ich mich nun verabschieden mit den Worten: Einer
muss vernünftig sein.“ Weil das die Rolle des Ausschusses in ganz
besonderer Weise beschreibe.
Nicht bloß seine engsten Mitarbeiter neben ihm auf der Regierungsbank
können sich da ein Lächeln nicht verkneifen. Denn Evers hat gerade en
passant seinen zentralen Wahlkampfslogan in den Ausschuss geschmuggelt.
Protest gibt es deshalb von der Opposition nicht – man kennt sich in diesem
Ausschuss und schätzt sich weitgehend, auch bei völlig konträren Haltungen.
Grünen-Haushälter André Schulze etwa [4][schenkte Evers 2023 einen
Aristoteles-Text zum Geburtstag]: „77 Tricks zur Steigerung der
Staatseinnahmen“ – im Reclam-Verlag für 3 Euro zu haben und somit nicht
unter Bestechungsverdacht.
Denn mit „Einer muss vernünftig sein“ ist Evers stadtweit auf
großformatigen Plakaten zu sehen, vor einem verschwommenen Brandenburger
Tor in die Ferne schauend mit einem Lächeln, das man fein, selbstsicher
oder überheblich nennen kann. Auch andere seiner Sprüche werden viel
diskutiert, doch keiner anderer wird so oft zitiert.
## Isoliert bei Bauplänen fürs Tempelhofer Feld
Eine Woche später wird Evers den Satz bei einer Podiumsdiskussion in
Charlottenburg vor mehreren Hundert Zuschauern wieder anbringen. Dort ist
seine CDU-Position beim Thema Randbebauung des Tempelhofer Felds isoliert.
Von Linkspartei bis AfD haben im Saal alle anderen im Parlament vertretenen
Fraktionen solchen Plänen wortwörtlich die Rote Karte gezeigt. „Da müssen
Sie wohl alleine bauen, Herr Evers“, witzelt der Moderator. „Einer muss
vernünftig sein“, kontert der CDU-Mann und sorgt für Lacher.
Auch im Abgeordnetenhaus baut Evers immer mal wieder Zitate ein. Die
Haushaltslage beschrieb er 2024 mit „Winter is Coming“, was in der Serie
„Game of Thrones“ für eine entbehrungsreiche Zeit von unabsehbarer Dauer
stand. Im ganzen Wahlkampf hat er nie verhehlt, dass er als Regierungschef
keine großen oder eigentliche gar keine Versprechungen machen kann –
jedenfalls keine, die Geld kosten. Von einem Haushaltsdefizit von 4,6
Milliarden Euro musste er jüngst [5][in seiner Rolle als Finanzsenator
berichten].
Auf die anstehenden drastischen Kürzungen im Landeshaushalt, um die ein
Regierungschef Evers genauso wenig herumkäme wie eine Regierende
Bürgermeisterin von der Linkspartei, hatte er schon mal mit einem Zitat von
Dietrich Bonhoeffer hinwegzutrösten versucht. „Es gibt ein erfülltes Leben
trotz vieler unerfüllter Wünsche“, [6][schloss Evers eine Rede im
Abgeordnetenhaus].
Ein Stimmen bringender Wahlkampf ist mit diesen Worten allerdings nicht zu
machen. Und so setzen Evers’ Ankündigungen und die der CDU auf
Verwaltungsmodernisierung, auf mehr Sauberkeit, konsequentere Umsetzung von
Regeln und mehr Videoüberwachung für ein Plus an Sicherheit. Und auf
konsequenteres Lesen-Schreiben-Rechnen-Lernen in der Grundschule – was die
CDU aber auch schon bei der vorigen Wahl versprochen hat.
## Über den echten Wahlsieg entscheiden Grüne und SPD
Sechs Tage vor der Wahl liegt die CDU in den jüngsten Umfragen [7][hinter
der Linkspartei und der Spitzenkandidatin Elif Eralp zurück], allerdings
nur 1 bis 2 Prozentpunkte. Zieht Evers noch vorbei, würde das definitiv
Friedrich Merz helfen, Bundeskanzler zu bleiben: Läge die CDU im
mehrheitlich linken Berlin vorn, würde das [8][die breite Kritik] dämpfen.
Für Evers aber könnte es ein reiner Achtungserfolg bleiben: Denn auch wenn
er tatsächlich nach Prozentpunkten Wahlsieger würde, macht ihn das noch
längst nicht zum Regierenden Bürgermeister. [9][Die Grünen und die SPD
werden darüber entscheiden können], wen sie – mit einer Kenia-Koalition
oder einem Linksbündnis – lieber ins Rote Rathaus bringen: Evers oder Eralp
von der Linkspartei.
Schafft es Evers, scheint auch das Comeback eines Mannes nicht
ausgeschlossen, der [10][zu Kai Wegners Amtszeit in der Berliner CDU
abgeschrieben] war. Mario Czaja, der frühere Sozialsenator und bis 2025
Bundestagsabgeordnete, taucht überraschend auf, als Evers vorige Woche
schräg gegenüber vom Hotel Adlon mit dem NRW-Ministerpräsidenten Hendrik
Wüst medienöffentlich eine Currywurst isst. Evers’ neuer
CDU-Generalsekretär habe ihn eingeladen, erzählt Czaja der taz, wirkt
bester Laune und hoch motiviert – und sagt zum Abschied: „Bis bald.“
16 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Finanzsenator-wird-auch-Kultursenator/!6175078
(DIR) [2] /Abgeordnetenhauswahl-in-Berlin/!6180423
(DIR) [3] /Berliner-CDU-im-Umfrage-Hoch/!5411261
(DIR) [4] https://www.parlament-berlin.de/ados/19/IIIPlen/protokoll/plen19-056-pp.pdf
(DIR) [5] https://www.berlin.de/rbmskzl/aktuelles/pressemitteilungen/2026/pressemitteilung.1709184.php
(DIR) [6] /Spardebatte-im-Berliner-Abgeordnetenhaus/!6012117
(DIR) [7] https://www.wahlrecht.de/umfragen/landtage/berlin.htm
(DIR) [8] /Bundeskanzler-Friedrich-Merz/!6211548
(DIR) [9] /Abgeordnetenhauswahl-am-20-September/!6209814
(DIR) [10] /Bundestagswahl-am-23-Februar/!6056240
## AUTOREN
(DIR) Stefan Alberti
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