# taz.de -- Verleihung des Axel-Springer-Awards: Peter Thiel, der Linkenversteher
       
       > Bei der Springer-Preisverleihung zeigt Investor Peter Thiel Verständnis
       > für den Wahlsieg der Linken in Berlin. Absurdes und Gruseliges liegen an
       > diesem Abend nah beieinander.
       
 (IMG) Bild: Milliardär Peter Thiel, hier am Donnerstag in Berlin
       
       Als der Tech-Milliardär Peter Thiel am Donnerstagabend in Berlin den
       [1][Axel-Springer-Award] verliehen bekam, zeigte er sich auf der Bühne
       verständnisvoll über den Wahlsieg der Linkspartei.
       
       Man müsse nachvollziehen, weshalb so viele gerade junge Leute in Berlin Die
       Linke gewählt haben, meinte Thiel. Wenn er sagen würde, er verstehe, wieso
       Menschen die AfD wählen, würde ihn jeder für einen AfD-Unterstützer halten.
       „Aber ich dachte, wenn ich sage, ich verstehe, wieso Menschen Die Linke
       wählen, dann würde mich niemand für einen Kommunistensympathisanten
       halten.“
       
       Thiel führte weiter aus, dass die Menschen sich wegen der Preise für
       Wohnungen und Mieten sorgten. Wenn niemand sonst darüber rede, würde Die
       Linke weiter gewinnen. Die Partei hätte aber auch keine Antworten, sagte
       Thiel, „und sie werden wahrscheinlich die Mieten in Berlin deckeln und die
       Stadt in einen Slum verwandeln“.
       
       Da der Axel-Springer-Preis ein „ideeller Preis“ ist, wurde Peter Thiel
       keine Trophäe überreicht. Stattdessen wurde der [2][rechtslibertäre
       Investor] mit Lobhudeleien überhäuft, die selbst für den Maßstab solcher
       Veranstaltungen unangenehm waren. Springer-Chef Mathias Döpfner nannte den
       in Frankfurt geborenen Thiel „den einflussreichsten Deutschen unserer Zeit“
       und „den besten Risikokapitalisten des 21. Jahrhunderts“.
       
       ## Springer-Thiel-Verbindungen
       
       Im Anschluss lief ein Video ab, das Thiels Leben nacherzählte: Bilder aus
       früheren Jahren, Videos aus Stock-Agenturen, dramatische Musik und eine
       Frauenstimme, die mit den Superlativen nicht mehr hinterherkommt:
       „Pionier“, „Architekt einer neuen Ära“, „Philosoph“. Ein Foto zeigt Thiel
       mit Trump, den der Investor bereits 2016 als einer der ersten reichen
       Spender unterstützte.
       
       Der Veranstaltungssaal im Axel-Springer-Haus ist an diesem Abend in
       blau-lila Licht getaucht. Auf den nicht allzu zahlreichen Plätzen sitzen
       viele ältere Herren in Anzügen. Unter diesen älteren Herren befinden sich
       nicht nur Thiel-Freunde, wie Palantir-Mitgründer Alex Karp, sondern auch
       Ex-Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt und ein etwas gelangweilt wirkender
       Markus Söder.
       
       Der Gastgeber Döpfner bezeichnete sein eigenes Haus treffenderweise als
       „das Epizentrum des Bösen, die rechte Verschwörung“ und als „Magnet der
       finsteren Kräfte“. Er ging kurz auf die über [3][200 Demonstranten vor dem
       Gebäude] ein, die in Anlehnung an den Tolkien-Fan Thiel teils als queere
       Gandalfs verkleidet kamen. „Vielleicht hätten wir Antisemiten, Islamisten
       und Clan-Chefs des organisierten Verbrechens hier haben sollen, dann wäre
       die Veranstaltung ohne Proteste abgelaufen. Das ist Berlin, meine Damen und
       Herren.“
       
       Döpfner selbst ist mit Thiel auch über familiäre Bande verbunden. So
       arbeitete sein Sohn Moritz einst im Family Office von Thiel. Als Döpfner
       junior sich selbstständig machte, bezuschusste Thiel dessen
       Risikokapitalfonds mit 50 Millionen US-Dollar. Beide investieren unter
       anderem in das deutsche Drohnen-Start-up Stark Defence.
       
       ## Richtung Abgrund
       
       Die Laudatio auf Thiel hielt [4][Bari Weiss]. Weiss machte sich von 2017 an
       einen Namen als „anti-woke“ Kolumnistin bei der New York Times. Vergangenes
       Jahr ernannte sie der Trump-Vertraute und Paramount-Chef David Ellison zur
       Chefredakteurin von CBS News, obwohl sie keine Erfahrung im Fernsehbereich
       hatte. Weiss sah sich selbst mal als linksliberale Zentristin. In Wahrheit
       aber fungiert sie eher als Scharnier zwischen dem Trump-Lager und der
       Mitte, die sie wiederum abgrenzt gegen systemkritische Positionen von
       links.
       
       Spannend wurde Weiss’ Rede nur dort, wo sie ihren Huldigungsschwall kurz
       unterbrach, um einen kleinen Dissens zu Thiel anzudeuten – nämlich mit
       Blick auf die Presse und die „wichtige Rolle, die sie spielt bei der
       Bewahrung der liberalen Demokratie“ Sie selbst sehe die Presse als
       „essenziell“, als ihr „Lebenswerk“, und als „ein Instrument der Freiheit“.
       Was Thiel dagegen darüber denkt, führte sie nicht aus.
       
       Der selbst nutzte die Gelegenheit kurze Zeit später auf der Bühne für eine
       Klarstellung. Viele Medien seien mittlerweile „zu einer linken Hassfabrik
       verkommen“. Bari Weiss und Axel Springer seien dagegen die Nonkonformisten
       in einer „sehr einseitigen Medienlandschaft“.
       
       Es sind dann auch diese kleinen Momente, wo die [5][Fassade des genialen
       Investors] durchbrochen wurde und dahinter ein Mann zum Vorschein kam,
       dessen Geschäfte und dessen Denken die Menschheit womöglich näher Richtung
       Abgrund führen. Dass Thiel in einem Interview mit der New York Times vor
       Kurzem nicht sagen konnte, ob es überhaupt eine gute Sache wäre, wenn die
       Menschheit weiter existiert, versuchte Weiss zu einer humoristischen Pointe
       zu machen.
       
       Thiel ist wie viele seiner Silicon-Valley-Tech-Bro-Kollegen fasziniert von
       Apokalypseszenarien. Der technische Fortschritt muss allen existenziellen
       Risiken zum Trotz weiter vorangetrieben werden, und Kapitalismus und
       Innovation müssen vor der sozialistischen Gefahr geschützt werden. Mit
       seiner Überwachungssoftware Palantir hilft Thiel Regierungen weltweit, ihre
       Bevölkerungen zu kontrollieren, etwa durch [6][„predictive policing“.] Auch
       dient die Datenanalyse Militärs bei der Entwicklung KI-gestützter
       Zielerfassung und Drohnensteuerung.
       
       Es gab einen weiteren Punkt an diesem Abend, an dem diese Unheimlichkeit
       kurz aufblitzte – und zwar während einer Videobotschaft des früheren
       Schachweltmeisters und konservativen Putin-Kritikers Garry Kasparov. Er
       habe Thiel 2009 kennengelernt, sagte Kasparov, und die beiden hätten sich
       nach einem Gespräch entschieden, gemeinsam ein Buch zu schreiben. Doch
       obwohl sie in der Diagnose der Probleme übereinstimmen, hätten sich schnell
       politische Differenzen aufgetan.
       
       Thiels Lösungen „beinhalteten die radikalsten politischen Mittel, die
       selbst meinen eigenen Appetit für Risiko und Disruption übertrafen“, sagte
       Kasparov. „Um ehrlich zu sein, habe ich sogar gezögert, ob ich diese
       Botschaft überhaupt aufnehmen soll.“ Kasparov schloss mit einem etwas
       verzweifelt wirkenden Appell: „Wir, die Menschen (…) müssen uns erinnern,
       dass unsere Technologie den Menschen dienen muss.“ Die Technik sei neutral,
       doch die Menschen „werden immer das Monopol auf Gut und Böse haben“.
       
       Auch blendeten die Veranstalter eine Videobotschaft von Thiels
       Geschäftspartner Alex Karp ein – obwohl dieser im Saal in der ersten Reihe
       saß. In seinem Video für den „letzten Deutschen“ Peter Thiel zitierte Karp
       nicht nur Goethe, sondern auch Heinrich Heines „Wintermärchen“: „Ein neues
       Lied, ein besseres Lied, O Freunde, will ich euch dichten! Wir wollen hier
       auf Erden schon das Himmelreich errichten“.
       
       Karp bezog diese Zeilen auf den Schöpfergeist Thiels und pries ihn als
       Warner vor „den legitimen Gründen für illegitime Bewegungen, den
       Sozialismus in seiner heutigen Form“. Der Marx-Freund Heine hatte dagegen
       etwas anderes im Sinn. Er schrieb sein „Wintermärchen“ ganz im Geist des
       frühen utopischen Sozialismus.
       
       25 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.axelspringer.com/de/axel-springer-award
 (DIR) [2] /Peter-Thiel-in-Berlin/!6215576
 (DIR) [3] /Thiel-shall-not-pass/!6215427
 (DIR) [4] /Kampf-um-Pressefreiheit-in-USA/!6205617
 (DIR) [5] /Axel-Springer-Award-fuer-Peter-Thiel-Ganz-ohne-kritische-Distanz/!6197536
 (DIR) [6] /Palantir-in-Deutschland/!6078828
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Leon Holly
       
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