# taz.de -- Verelendung und Repression: Die offenen Wunden Berlins
> Berlin sei „over“ heißt es. Dabei ist alles noch da, die Not und die, die
> wegschauen. Aber wollen wir nicht versuchen, Menschen zu bleiben?
(IMG) Bild: Görlitzer Park: Es gibt nicht nur den Müll, es gibt auch diejenigen, die zwischen dem Müll auf den Straßen verelenden
Neulich ging ich eine Straße in Kreuzberg entlang und ein Auto fuhr an mir
vorbei. Darin saß eine Frau auf dem Beifahrersitz, um die 50, und aß eine
Süßigkeit. Direkt vor mir ließ sie das Fenster runter und die
Plastikverpackung durch den Schlitz fallen, wie ein Kuvert in einen
Briefkasten. Bloß dass da kein Briefkasten hinter der Autoscheibe war,
sondern die Stadt, in der wir beide wohnen.
Ich war traurig. Auch weil ich dachte, dass es Frauen in dem Alter besser
wissen. Wie kann man den Ort, an dem man lebt, so sehr hassen, fragte ich
mich. Oder hat ihr Berlin zu verstehen gegeben: Wir kümmern uns auch nicht
um diese Stadt, also mach ruhig. Berlin scheint in einer Wechselwirkung
angekommen zu sein, in der die Stadt immer dreckiger wird, und weil sie so
dreckig ist, Menschen, die hier leben, sie noch dreckiger machen.
Berlin ist halt schmutzig, sagen manche. Dabei blendet man aus, dass
Menschen in diesem Dreck leben. Es gibt nicht nur den Müll, es gibt auch
diejenigen, die zwischen dem Müll auf den Straßen verelenden. Und das ist
kein Schmutz, der zu beseitigen ist, das sind Menschen, die leiden und die
keine Hilfe bekommen, [1][während Zeitungskommentare darüber informieren,
dass Berlin "over" sei], weil zu dreckig. Es sind Menschen, die offene
Wunden haben, die halb tot auf den Gehwegen liegen, während Leute wie ich
an ihnen vorbeigehen, weil wir verlernt haben, uns zu kümmern angesichts
all des Leids. Auch weil es manchmal zu schlimm ist, hinzugucken.
Wegzuschauen, das sei ein egoistischer Reflex, sagt die französische
[2][Philosophin Simone Weil,] gerade wenn es darum gehe, sich malheur, dem
Leid, zu stellen. „Einem Menschen zuzuhören, dessen Seele durch Leid
verwundet ist, zerstört die eigene Seele“, schreibt Weil in „Die Person und
das Heilige“. Deshalb fänden Leidende kein Gehör. „Und sie selbst verlieren
allmählich die Kraft zu sprechen, weil sie spüren, dass ihnen niemand
wirklich zuhört.“ Dabei lägen Schönheit und Liebe genau darin, die
Leidenden wahrzunehmen und ihnen zuzuhören.
## Wir sind alle Nachbarn
Ich kenne manche Wohnungslose in meiner Nachbarschaft am Görli. Die Frau,
die seit etwa zwei Jahren hier ist und immer magerer und manischer wird,
weil sie den ganzen Tag Crack raucht. Sie muss in meinem Alter sein. Oder
N. aus Estland, der oft Wutanfälle hat, Glasflaschen schmeißt und
Ladenbesitzer nervt. Aber wenn man ihn ansieht, mit ihm spricht, dann
verschwindet die Wut und er lächelt durchweg. Ich kenne auch ein paar
Dealer, wie A., dessen Geldbeutel ich fand und der mir seinen Inhalt anbot,
als ich es zu der Geflüchtetenunterkunft brachte, in der er laut den
Dokumenten im Portemonnaie wohnte.
Wir sind alle Nachbarn. Dass das nicht immer leicht ist, dass sie manchmal
durchdrehen, und Spritzen und sonstiges hinterlassen, das versteht man.
Weil es kaum Orte für sie gibt. Weil sie von der Polizei schikaniert
werden, die der Situation schon lange nicht mehr gewachsen ist. Weil sie
nicht aus Spaß konsumieren. Weil sie oft niemanden haben. Weil auch sie
sich ein anderes Leben wünschen.
„Was soll ich machen?“, fragte ein Dealer in [3][einem
„Deutschlandfunk“-Beitrag] neulich. „Ich würde gerne arbeiten, auch für 500
Euro.“ Aber er darf nicht. Er deale, weil er nicht klauen will. Manche sind
illegal hier, manche haben Asyl – in beiden Fällen gibt es ein
Arbeitsverbot. Aber öffentliche Debatten enden in rassistischen
Abschiebefantasien: alles wegdeportieren, am besten auch diejenigen, die
bei den Dealern einkaufen und hier verelenden.
Vor kurzem bin ich umgezogen. Ein paar Straßen weg vom Görlitzer Park,
nicht weit, aber doch so, dass einiges anders wurde: keine Dealer mehr vorm
Haus, keine Crackrauchenden auf der Treppe, keine Exkremente vor der
Haustür. Der einzige Trost, den die Berliner Drogenpolitik nämlich geben
kann, ist, dass sich das Leid nicht direkt vor einem abspielt, dass sich
das Leid woanders hin verlagert. Dann schafft man es, ein bisschen länger
wegzugucken. Aber dass ernsthafte Maßnahmen ergriffen werden, um den
Menschen auf der Straße zu helfen, darauf sollte man nicht wetten.
Stattdessen bekamen wir einen [4][Zaun.] Wenn ich am Spreewaldplatz, direkt
neben dem Görli, vorbeigehe, sehe ich das Ergebnis. Seit der Görlitzer Park
nachts abgeschlossen ist, sitzen da Menschen, die in kleinen Camps
konsumieren, manche auch hinter der Barriere einer Baustelle, die einen
Teil des Platzes seit Jahren einnimmt. Sie liegen da, völlig fertig,
konsumieren jetzt nicht mehr zwischen den Büschen und den Bäumen im Park
nebenan, sondern vor unseren Augen, damit wir wegschauen können. Das ist
alles, was die Berliner Drogenpolitik ihnen geben konnte.
Ich denke an die Frau im Auto. Wenn man täglich sieht, dass Menschen hier
im Stich gelassen werden, dass sie vor sich hin vegetieren, schlicht, dass
sie nicht wie Menschen behandelt werden – wie soll man dann erwarten, dass
sich alle anderen auch noch wie Menschen verhalten? Etwas Menschsein stirbt
dann auch in uns.
23 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.google.com/url?q=https%3A//www.sueddeutsche.de/kultur/berlin-heruntergekommen-abgesang-touristen-dysfunktional-li.3447848?reduced%3Dtrue&sa=D&source=docs&ust=1776374537724154&usg=AOvVaw3UhCKDkfZDREZOE1xpzPrO
(DIR) [2] /Weder-Staat-noch-Nation/!232467&/
(DIR) [3] https://www.deutschlandfunk.de/gewalt-junkies-drogenhandel-verwahrlosung-in-berlin-und-hilflose-politik-102.html
(DIR) [4] /Sperrstunde-im-Goerlitzer-Park/!6165343
## AUTOREN
(DIR) Valérie Catil
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