# taz.de -- Report zu Superreichen in Deutschland: Sei kein Idiot!
       
       > Neue Zahlen zeigen, dass 5.000 Reiche ein Viertel des Vermögens besitzen.
       > Mit so selbstbezogenenen Menschen kann man aber keine Gesellschaft
       > machen.
       
 (IMG) Bild: Die ungefähr 5.000 Superreichen sind nicht nur superreich, sie sind auch superunerreichbar, nicht ansprechbar für meine Sorgen
       
       Auf dem Weg von der Kita in die Redaktion kam mir heute früh ein Mann
       entgegen, der Chips aus einer Tüte aß. Ich war schon an ihm vorbeigegangen,
       als ich auf sein zaghaftes Zeichen reagierte und stehenblieb. Der Mann war
       zerlumpt und schmutzig, ob er 50 oder 80 war, hätte ich nicht sagen können.
       
       Ich machte meine Tasche auf, kramte mein Portemonnaie hervor und gab ihm
       zwei Euro. Dann fragte er mich nach einer Zigarette und ich gab ihm zwei.
       Feuerzeug hatte er auch keines, da schenkte ich ihm meines, auch weil ich
       nicht in zu engen Kontakt mit ihm treten mochte.
       
       Er bedankte sich und ich wünschte ihm alles Gute. Später am Schreibtisch
       wollte ich meine Stulle aus der Tasche holen und kam dann darauf, dass ich
       sie wahrscheinlich verloren hatte, als ich meine Tasche durchkramte, nach
       Kleingeld, Feuerzeug und Zigaretten. Ich schreibe diesen Text also hungrig.
       
       ## Superreiche sind superunerreichbar
       
       Hungrig soll man bekanntlich nicht einkaufen gehen; und auch Forderungen zu
       stellen, die keine gesellschaftliche Basis haben, scheint mir sinnlos. Die
       circa 5.000 Superreichen etwa, die nach den neuen Zahlen des [1][Global
       Wealth Report] der Boston Consulting Group mehr als ein Viertel des
       Finanzvermögens in Deutschland besitzen, sind nicht nur superreich, sie
       sind auch superunerreichbar, nicht ansprechbar für meine Sorgen und schon
       gar nicht für die des Mannes heute Früh.
       
       Sie gehören nicht zu dieser Gesellschaft, sie streuen breiter und global,
       wie es im entsprechenden Räuberjargon heißt, in renditestärkere
       Anlageklassen wie Aktien oder Private Equity. Sie entziehen der
       Gesellschaft ihr ständig anschwellendes Vermögen, was nichts anderes
       bedeutet, als dass sie sich der Gesellschaft selbst entziehen. In den
       Worten eines griechischen Beobachters vor mehr als 2.000 Jahren: „Die
       Reichen werfen das Ihrige lieber ins Meer, als es den Armen zu geben.“
       
       Wenn sich also mit den Überreichen kein Staat machen lässt, dann muss sich
       der Rest Gedanken machen, wie er mit den tatsächlich rekrutierbaren Mitteln
       zurechtkommt, damit alle in Würde leben können; und zwar ohne im Geringsten
       Kompromisse einzugehen mit denjenigen, die auf noch mal ganz andere Weise
       die Gesellschaft zerstören wollen, indem sie nämlich Teile der Bevölkerung
       rassistisch ausgrenzen möchten und eine Art Sklavenhaltergesellschaft
       anstreben, die – wir sollten hoffnungsvolle Signale nie ignorieren – in
       Russland gerade auf ihren Totalzusammenbruch hinsteuert.
       
       ## Die Griechen nannten sie „Idioten“
       
       Wer wirklich in dieser Gesellschaft, in diesem Land lebt, wer Kinder
       großzieht und sich um die Alten und Kranken kümmert, steht vor der riesigen
       Herausforderung, [2][sich nicht abstumpfen zu lassen vom täglichen Mangel
       und Elend]. Diese Menschen treffen täglich Entscheidungen, im Beruf, in
       Engagement in Vereinen und sozialen Einrichtungen; und diese Entscheidungen
       sind oft unbequem, weil sie dem Privatleben Zeit entziehen, weil sie Opfer
       erfordern.
       
       Wenn wir nochmal zu den Griechen zurückgehen, die „Idiot“ nannten, wer sich
       als Privatperson versteht und sich für nichts engagiert als für sich
       selbst, dann sind die Reichen, die sich Entziehenden, ob sie sich nun
       Familienunternehmer nennen oder in Dubai herumlungern, die wahren
       „Idioten“, die nämlich nichts zur öffentlichen Sache beitragen oder
       jedenfalls weit entfernt von dem, was ihnen möglich wäre.
       
       „Sei kein Idiot“ ist als Slogan wahrscheinlich erst mal langweiliger als
       „Get rich or die trying“ oder sogar als irgendwelches Lambo-Gelalle. Und
       ich würde jetzt auch lieber in meine Stulle beißen. Aber am Ende war mein
       Anhalten, meine noch so geringe Zuwendung heute Morgen, das Beste, was
       dieser Tag gebracht haben wird. Die Superreichen haben nichts verdient
       außer unserer tiefen Verachtung. Aber klarkommen müssen wir ohne sie. Wie
       hieß das mal? „Wir schaffen das!“
       
       27 May 2026
       
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