# taz.de -- Untersuchungsausschuss zu Afghanistan: Das Desaster aufarbeiten
       
       > Grüne, FDP und Linke wollen den Bundeswehreinsatz aufklären. Ein
       > U-Ausschuss nach der Wahl ist fast sicher, der genaue Auftrag ist
       > strittig.
       
 (IMG) Bild: Die Evakuierungsmission ist vorbei; die Verteidigungsministerin in Taschkent, 27.08.2021
       
       Berlin taz | Einen letzten Versuch starten die Grünen – noch vor der Wahl
       am 26. September wollen sie den Bundestag über ein Löschmoratorium
       abstimmen lassen. Das Plenum soll die Regierung auffordern, alle Akten und
       Daten zum Thema Afghanistan zu sichern. Gemeint sind vor allem Unterlagen
       aus den letzten Monaten, in denen es [1][um den Abzug der Bundeswehr und
       die Rettung afghanischer Ortskräfte] geht. Die Ministerien sollen alle
       Mitarbeiter*innen in ihren Zuständigkeitsbereichen anweisen, bloß
       nichts zu löschen. Das Moratorium soll dabei helfen, das
       Afghanistan-Desaster in der Zukunft aufzuarbeiten.
       
       Ob etwas daraus wird? Am Mittwoch hatten die Grünen einen entsprechenden
       Antrag schon im Auswärtigen Ausschuss zur Abstimmung gestellt, dort waren
       sie gescheitert. Mit den Stimmen von SPD, Union und AfD wurde das
       Moratorium abgelehnt. Von einem „Schaufensterantrag“ sprach der
       CDU-Außenpolitiker Jürgen Hardt: Die „gesetzliche Grundlage in Deutschland,
       wie offizielle Stellen mit Akten umzugehen haben“, reiche völlig aus. Ein
       Sprecher des Auswärtigen Amts sagte am Freitag, in seinem Ministerium
       würden „keine Akten geschreddert und keine Mails vernichtet“.
       
       Den Grünen reichen solche Beteuerungen nicht aus. Der außenpolitische
       Sprecher Omid Nouripour sagte der taz, beim Thema Löschen könne man einer
       Regierung nicht vertrauen, die „die ganze Zeit nur damit beschäftigt war,
       die Zahl der Ortskräfte herunterzufrisieren, der bei der Warburg-Bank
       Unterlagen fehlen und der bei der Berateraffäre plötzlich Daten nicht mehr
       zur Verfügung standen“. Die Gesetzesgrundlage reiche nicht aus, zusätzlich
       müsse der „politische Wille bekundet“ werden.
       
       Vollkommen grundlos ist sein Misstrauen nicht. Zuletzt konnte das
       Verteidigungsministerium dem U-Ausschuss zur Berateraffäre [2][keine SMS
       der Ex-Ministerin Ursula von der Leyen vorlegen], weil deren Mobiltelefone
       auf den Werkzustand zurückgesetzt wurden.
       
       ## Auftrag umstritten
       
       Dass es auch zu Afghanistan einen Untersuchungsausschuss geben wird, ist
       nach dieser Woche sehr wahrscheinlich. In dieser Legislaturperiode wird
       daraus zwar nichts mehr, da die Arbeit solcher Ausschüsse Monate dauert.
       Grüne, FDP und Linke haben allerdings bereits angekündigt, im nächsten
       Bundestag einen U-Ausschuss einsetzen zu wollen. Für die Einsetzung reicht
       es aus, wenn ein Viertel aller Abgeordneten zustimmt – kein Problem also,
       sollte nicht noch eine Fraktion aus Rücksicht auf künftige
       Koalitionspartner einen Rückzieher machen.
       
       Einigen müssen sich die Fraktionen allerdings noch auf den genauen
       Untersuchungsauftrag. Am umfassendsten will ihn die Linksfraktion
       definieren. „Die Linke ist dafür, sowohl das Totalversagen der
       Bundesregierung in den vergangenen Monaten, insbesondere von Außenminister
       Maas und Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer, zu untersuchen, als
       auch den ganzen Einsatz“, sagte der Parlamentarische Geschäftsführer Jan
       Korte der taz. Ihm zufolge soll die Untersuchung schon bei der Frage
       ansetzen, warum Rot-Grün die Kriegsbeteiligung 2001 beschlossen hat und
       warum die Mandate seitdem Jahr für Jahr verlängert wurden.
       
       Die FDP will den Auftrag dagegen enger fassen. Fraktionsvize Alexander
       Lambsdorff sagte, der Ausschuss solle nur klären, „wie es dazu kommen
       konnte, dass der Abzug aus Afghanistan so unvorbereitet und chaotisch
       ablief“. Weitere Fragen soll dann ein anderes Gremium beantworten: „Darüber
       hinaus fordern wir in der nächsten Legislaturperiode eine
       Enquetekommission, die den Afghanistan-Einsatz insgesamt bewertet. Dass die
       Bundesregierung einer solchen Bewertung, wie es sie in USA längst gibt,
       bisher nicht zugestimmt hat, ist ein Fehler. Deutschland muss aus den
       Erfolgen und Misserfolgen der Afghanistan-Mission lernen – auch um unsere
       Soldatinnen und Soldaten in laufenden und zukünftigen Einsätzen bestmöglich
       zu schützen.“
       
       Eine solche Enquetekommission bestünde aus Abgeordneten und externen
       Sachverständigen. Auch den Grünen schwebt vor, dass sich der U-Ausschuss
       auf die letzten Monate konzentriert und die allgemeine Evaluation in einem
       Extra-Gremium stattfindet. Sie denken dabei aber eher an eine reine
       Expert*innen- als an eine gemischte Enquetekommission.
       
       ## Listen für die Taliban
       
       Was so oder so zumindest als Randaspekt Thema im Untersuchungsausschuss
       werden könnte: Die Frage, ob die Taliban Listen erhalten haben, auf denen
       die Namen von Mitarbeiter*innen deutscher Stellen in Afghanistan
       stehen. Das US-Magazin Politico berichtete am Freitag, das US-Militär habe
       den Taliban Listen mit Namen seiner eigenen Ortskräfte übergeben.
       
       Ziel sei es gewesen, dass die Personen durch Taliban-Checkpoints hindurch
       zum Kabuler Flughafen kommen. US-Abgeordnete befürchten nun, dass die
       Personen durch die Aktionen in Gefahr geraten seien, da die Taliban die
       Ortskräfte als Feinde ansehen. Deutsche Stellen hätten keine solchen Listen
       an die Taliban übergeben, sagte ein Sprecher des Außenministeriums in
       Berlin am Freitag. Ob die Namen deutscher Ortskräfte über die US-Armee an
       die Taliban gelangt sein könnten? Dafür gebe es „keinen Anhaltspunkt“.
       
       Noch fahrlässiger als die US-Amerikaner sind offenbar die britischen
       Behörden mit sensiblen Daten umgegangen. Die Times berichtet, dass in der
       britischen Botschaft in Kabul Listen mit Namen und Kontaktdaten lokaler
       Mitarbeiter*innen liegengeblieben seien. Auch diese Listen könnten nun
       in den Händen der Taliban sein.
       
       27 Aug 2021
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) Tobias Schulze
       
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