# taz.de -- Serbien vor der Parlamentswahl: „Die Angst hat die Seite gewechselt“
       
       > Die Liste der Studenten hat erstmals Chancen, die Herrschaft von
       > Ex-Präsident Aleksandar Vučić ins Wanken zu bringen. Sie ist auf alles
       > vorbereitet.
       
 (IMG) Bild: Noch voller Hoffnung: die Bewegung „Studentenliste“ in Belgrad am 22. 10. 2026
       
       Für die Studentenliste war es der Höhepunkt der Wahlkampagne vor den
       Parlamentswahlen am kommenden Sonntag: Über 150.000 Menschen haben sich am
       Donnerstag im Zentrum der serbischen Hauptstadt Belgrad versammelt. Es
       herrschte Siegesstimmung. Die gewaltige Menschenmasse war eine Botschaft an
       das „korrupte“ Regime: Schaut, wie viele wir sind, und wie entschlossen,
       unsere Wahlstimmen zu verteidigen.
       
       „Vierzehn Jahre mogeln und schummeln sie und fälschten alle Wahlen. Sie
       haben Menschen gezwungen, für die regierenden Parteien zu stimmen, Leute im
       öffentlichen Dienst erpresst genauso wie unsere Professoren. Jetzt reicht
       es“, sagt Anja, eine 23-jährige Studentin der Politikwissenschaft in
       Belgrad.
       
       Ähnliches hört man nicht nur in Belgrad, sondern in ganz Serbien. Dieser
       Optimismus ist realistisch. Die meisten Meinungsumfragen sehen die
       Studenten vor der Liste Vereintes Serbien, die Aleksandar Vučić anführt.
       [1][Der ehemalige Staatspräsident war Ende September zurückgetreten, um für
       das Amt des Ministerpräsidenten kandidieren zu können].
       
       „Die Angst hat die Seite gewechselt“, heißt es. Das sieht man tatsächlich
       überall. Rund 170 Firmen stellten sich hinter die Studenten. Bisher war es
       unvorstellbar, dass Leute mit einem privaten Business offen die Opposition
       unterstützen oder in regimekritischen Medien warben. Sofort schickte man
       ihnen die Finanz- oder Feuerwehrinspektion vorbei, um sie zu bestrafen.
       
       ## Tief gespaltene Gesellschaft
       
       Lehrer, Ärzte oder Beamte wurden gefeuert, weil sie die Studentenproteste
       unterstützten. Bürger, die im öffentlichen Dienst beschäftigt sind, wagten
       es nicht zu protestieren. Das hat sich geändert. Die serbische Gesellschaft
       ist tief gespalten. Und beide Lager sehen im Sieg der jeweils anderen Seite
       den Untergang Serbiens.
       
       Für die Studenten ist es unvorstellbar nicht zu siegen. Das Regime kann
       sich nicht vorstellen zu verlieren. [2][Es scheute bisher auch nicht davor
       zurück, Schlägertrupps anzuheuern, zusammengestellt aus Kriminellen. Sie
       wurden bei Wahlen oder Massenprotesten eingesetzt – wo immer sie gebraucht
       wurden, um Bürger einzuschüchtern. Studentinnen und Studenten,
       Wahlbeobachter, lokale Aktivisten und Journalisten wurden regelmäßig
       verprügelt.]
       
       Doch im Gegensatz zu den etablierten Oppositionsparteien hat sich die
       Studentenbewegung auch dafür gewappnet. Gemeinsam mit Bürgerräten, die auf
       Initiative der Studenten im ganzen Land gegründet worden sind, verfügen sie
       über „mobile Teams“, die schnell vor Ort sein können, wenn die Lage
       eskaliert.
       
       Es sind lauter erwachsene Männer, die sich zur Verfügung gestellt haben.
       Auch ein Anwalt ist dabei, der früher boxte und krasse Motorräder fährt.
       Zudem haben die Studenten, was bisher auch nicht der Fall war, Vertreter in
       den Kommissionen aller 8.210 Wahllokale.
       
       ## Furcht vor Gewalt
       
       Die meisten Beobachter vor Ort befürchten Gewaltausbrüche in der Wahlnacht
       oder schon vor Schließung der Wahllokale, wenn die regierenden Parteien
       merken, dass es nicht gut für sie läuft. Deshalb appellierten rund 170
       pensionierte und aktive Mitglieder der Polizei und der Sicherheitsdienste
       schriftlich an ihre Kollegen, in dieser „tiefen politischen Krise“ der
       Verfassung, dem Gesetz und ihrem Dienst treu zu bleiben, denn: „Kein
       politisches Interesse, kein Befehl der Vorgesetzten und kein Druck der
       Regierung können als Ausrede dienen, um das Gesetz zu brechen.“
       
       Den Aufruf haben auch der ehemalige Polizeidirektor, der Ex-Chef des
       serbischen Sicherheitsdienstes BIA und der pensionierte Kommandant der
       Antiterror-Sondereinheit SAJ unterschrieben. Aleksandar Vučić hingegen gibt
       sich siegessicher. Unermüdlich zog er durch Serbien, brach Weltrekorde in
       Anwesenheit gleichgeschalteter Medien und ließ seine Wähler wissen: Die
       Studentenliste sei eine terroristische Organisation, die Serbien im Auftrag
       finsterer Mächte – vor allem der Kroaten – ruinieren wolle.
       
       Seine durch und durch hierarchisch organisierte Serbische
       Fortschrittspartei (SNS) hat rund 700.000 Mitglieder, die sich bisher als
       sehr diszipliniert erwiesen haben. Eine Meinungsumfrage, auf die sich Vučić
       stützt, attestiert ihm einen Vorsprung von 7 Prozentpunkten. Unmittelbar
       vor den Wahlen lobte Russlands Präsident Wladimir Putin den ehemaligen
       Staatschef und wünschte ihm gutes Gelingen.
       
       24 Oct 2026
       
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 (DIR) Andrej Ivanji
       
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