# taz.de -- Parlamentswahl in Serbien: Niederlage für Machthaber Vučić
> 14 Jahre lang bestimmte Aleksandar Vučić die Politik seines Landes im
> Alleingang – bis zur Studentenbewegung. Bricht für Serbien nun eine
> bessere Zukunft an?
(IMG) Bild: Die Menschen in Belgrad feiern, nachdem Vučić seine Niederlage bei den Parlamentswahlen eingestanden hat
dpa | Die [1][neue oppositionelle Studentenliste] hat die vorgezogene
Parlamentswahl in Serbien überraschend klar gewonnen.
[2][Langzeitmachthaber Aleksandar Vučić] räumte seine Niederlage ein. Damit
steht das Land vor einem Machtwechsel: Vučić hatte die serbische Politik
seit 2012 in wechselnden Funktionen quasi im Alleingang bestimmt und dabei
auf eine Anlehnung an Russland und China gesetzt, das Land entfernte sich
von Europa. Wer nun Regierungschef wird, ist trotz des fulminanten
Wahlsiegs der basisdemokratisch aufgebauten Studentenliste (SL) noch offen.
Die Abstimmung wurde weithin als Referendum über die Führung des Landes
unter Vučić und seiner Serbischen Fortschrittspartei (SNS) aufgefasst. Das
offizielle Wahlergebnis stand in der Nacht aus. Einer Prognose der
Wahlforschungsgruppe Cesid zufolge holte die [3][Oppositionsbewegung] mit
gut 52 Prozent der Stimmen die absolute Mehrheit, Vučić’ Partei kam auf gut
39 Prozent der Stimmen. Die Wahlbeteiligung erreichte demnach einen
Rekordwert von fast 70 Prozent.
In den Straßen und auf den Plätzen des ganzen Landes brach nach
Bekanntwerden der Ergebnisse scheinbar grenzenloser Jubel aus. In der
Hauptstadt Belgrad rasten Autokorsos hupend durch die Stadt, Feuerwerke
erhellten den nächtlichen Himmel. Auf dem zentralen Slavija-Platz feierten
zehntausende Menschen ausgelassen.
## Hoffen auf „zivilisierteres und besseres Serbien“
Mit ihrer Losung „Serbien oder die Mafia“ traf die Studentenliste einen
Nerv. In den 14 Jahren seiner Herrschaft hat Vučić das Land in eine
Autokratie verwandelt. Seine Propagandamedien verbreiteten Hass und Häme,
seine „Wahlmaschinerie“ setzte Bürger, die von staatlichen und kommunalen
Jobs abhängen, unter Druck, und parteinahe Schlägertrupps schüchterten
Kritiker ein. Doch die Mehrheit der Serben hatte schließlich die Korruption
und Günstlingswirtschaft der SNS satt – und zeigte Vučić die Rote Karte.
Der Listenführer der Studentenbewegung, Ilija Srdanović (56), erklärte in
der Wahlnacht, er sei stolz auf seine Mitbürgerinnen und Mitbürger, die dem
„Tyrannen“ Vučić ein deutliches Nein entgegengeschleudert hätten. Er zeigte
sich überzeugt: „Wir schreiten in ein zivilisierteres und besseres
Serbien.“
## Studierendenliste fast ohne Studierende
Bemerkenswert ist: Auf der Studentenliste stehen nahezu keine Studierenden.
Aufgestellt hat sie eine Bewegung, die auf Führungsgremien verzichtet und
ihre Entscheidungen in basisdemokratischen Versammlungen trifft. Die Liste
besteht vor allem aus Lehrkräften der Universitäten, aus Ärzten und
Künstlern. Ihr knappes Elf-Punkte-Programm verspricht die Wiederherstellung
von Rechtsstaat und Demokratie sowie die Verfolgung von Korruption und
Kriminalität.
Die Studentenbewegung entstand aus Protesten nach dem Einsturz des
Bahnhofsvordachs in der nordserbischen Stadt Novi Sad im November 2024, der
16 Menschen das Leben kostete. Kritiker führten das Unglück auf Korruption
und Schlamperei der Vučić-Regierung zurück. Die anschließenden Proteste der
Studentinnen und Studenten mobilisierten breite Schichten der serbischen
Bevölkerung und weckten in ihnen den Wunsch nach Veränderung.
Diese Hoffnung könnte sich nun erfüllen. Die Studierendenliste errang laut
den Cesid-Angaben 139 der 250 Parlamentsmandate, während Vučić’ SNS mit 104
Mandaten in die Opposition gehen muss. Hinzu kommen sieben Mandate für
Kleinparteien der ethnischen Minderheiten.
## Ministerpräsidentenfrage noch offen
Obwohl Srdanović (56), ein angesehener Kardiologe aus Novi Sad, die
Studentenliste anführte, gilt er nach dem Wahlsieg der SL nicht automatisch
als Anwärter für das Ministerpräsidentenamt. Die Bewegung hat sich bislang
in Personalfragen hinsichtlich einer künftigen Regierung nicht festgelegt.
Vučić wiederum war Ende September von seinem Amt als Staatspräsident
zurückgetreten, um im Falle eines Wahlerfolgs seiner Partei Regierungschef
zu werden. Sein Präsidentenmandat wäre im Mai nächsten Jahres ausgelaufen,
und nach zwei Amtszeiten kann er für diese Position nicht mehr kandidieren.
Doch mit seinen taktischen Schachzügen hat sich der 56-Jährige
verspekuliert – ihm bleibt nur noch das undankbare Geschäft des
Oppositionsführers.
## Ärger mit der EU, Kuscheln mit dem Kreml
Serbien, ein Land mit aktuell rund 6,5 Millionen Einwohnern, hat bereits
seit 2012 den Status als EU-Beitrittskandidat und begann 2014 unter Vučić
offizielle Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union. Der Kurs der
bisherigen serbischen Führung ließ den Beitrittsprozess zuletzt aber
weitgehend stagnieren. Gründe waren unter anderem der Rückbau der
Demokratie, die Einschränkung der Medienfreiheit und Vučić’ Festhalten an
engen Kontakten mit Moskau.
Als einziges europäisches Land außer Belarus übernahm Serbien nicht die
Sanktionen der EU gegen Russland, als Kremlchef Wladimir Putin die Ukraine
2022 militärisch angreifen ließ. Russische Agenten und Influencer können
sich in Serbien nahezu frei bewegen – offenbar auch auf dem Weg zu
Sabotageaktionen in EU-Ländern wie Deutschland. Die Propagandamedien der
Vučić-Regierung machten die EU schlecht und stellten Russland und China in
rosigem Licht dar.
## EU sieht Chance auf Neuanfang
Spitzenvertreter der EU gratulierten der Studentenliste zum Wahlsieg und
stellten ihr eine enge Zusammenarbeit in Aussicht. „Wir sind bereit,
Reformen in den Bereichen Rechtsstaatlichkeit, Medienfreiheit,
Korruptionsbekämpfung und Stärkung demokratischer Institutionen zu
unterstützen und gemeinsam daran zu arbeiten, Serbiens Weg in die
Europäische Union voranzubringen“, schrieben EU-Kommissionspräsidentin
Ursula von der Leyen und Ratspräsident António Costa in einer gemeinsamen
Erklärung auf der Plattform X.
Die für Erweiterungspolitik zuständige EU-Kommissarin Marta Kos erklärte,
nach fast zwei Jahren der Proteste für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit
sowie gegen Korruption hätten sich die Menschen in Serbien in historisch
großer Zahl an der Wahl beteiligt. „Die Tür zur EU steht offen, und wir
sind bereit, diesen Weg gemeinsam weiterzugehen“, verkündete sie.
## Grüße vom Autokraten-Bezwinger aus Ungarn
Die Studentenbewegung äußerte sich bisher nur selten zum außenpolitischen
Kurs, den sie im Falle eines Machtwechsels einschlagen würde. Listenführer
Srdanović sagte der montenegrinischen Tageszeitung Vijesti, erst müssten
sich die Bürger Serbiens von Vučić’ „Mafia-Staat“ befreien. Wenn es wieder
Rechtsstaatlichkeit und freie Medien gebe, werde man eine ehrliche und
offene Debatte über die strategischen Ziele der künftigen Außenpolitik
führen können.
Als einer der ersten Gratulanten äußerte sich Péter Magyar, der
Ministerpräsident des EU-Nachbarlandes Ungarn. Sein fulminanter Wahlsieg im
April hatte die 16-jährige Herrschaft des Rechtspopulisten Viktor Orbán
beendet, eines engen politischen Verbündeten von Vučić. Ungarn werde die
Studentenliste unterstützen, schrieb Magyar auf seiner Facebook-Seite.
Seine Gratulation kommt nicht von ungefähr: Tatsächlich erfüllte die Wende
in Budapest die Protestbewegung in Serbien, wie dort immer wieder zu hören
war, mit Ermutigung und Inspiration.
26 Oct 2026
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