# taz.de -- Serbien vor den Wahlen: Freundliche Hilfe vom großen Bruder
       
       > Eine neue russisch-serbische Partei tritt bei den Wahlen in Serbien an.
       > Die „Phantomliste“ könnte für Ex-Staatschef Vučić zum Zünglein an der
       > Waage werden.
       
 (IMG) Bild: Vor der Wahl: Aleksandar Vučić während einer Kundgebung der regierenden Serbischen Fortschrittspartei (SNS)
       
       „Die gegenwärtige Führung Serbiens, der ehemalige Staatspräsident und
       hoffentlich künftige Premierminister Aleksandar Vučić, verfolgt eine
       zurückhaltende Politik und zeigt den Wunsch nach einer Zusammenarbeit mit
       Russland“, erklärte unlängst Kremlchef Wladimir Putin. Man begrüße das in
       Moskau und werde sich revanchieren.
       
       So machte der russische Präsident deutlich, auf wen er bei den vorgezogenen
       Parlamentswahlen am 25. Oktober in Serbien setzt. Er setzt auf den Mann,
       der sich trotz Drucks der EU und der USA weigerte, gegen Russland
       Sanktionen zu verhängen.
       
       [1][Fast zehn Jahre lang war Vučić Staatspräsident. Ende September trat er
       zurück, um als Kandidat für das Amt des Ministerpräsidenten die
       Wahlkampagne seiner Serbischen Fortschrittspartei (SNS) anführen zu
       können]. Die Unterstützung des russischen Präsidenten kommt ihm gelegen,
       denn die meisten Serben schwärmen von Putin.
       
       Zudem läuft die Wahlkampagne [2][für den serbischen Autokraten] nicht so
       gut, wie er sich das erhofft hatte. Zum ersten Mal seit 14 Jahren ist seine
       Herrschaft ernsthaft bedroht. Die erst Ende Mai als Bürgerbund gegründete
       Studentenliste führt sogar in einigen Meinungsumfragen. Da könnte es auf
       jedes Mandat im Parlament ankommen, auch das von Parteien nationaler
       Minderheiten.
       
       ## Andere Ambitionen
       
       Von 18 Parteien, die an den Wahlen teilnehmen, haben 9 diesen Status. Zwei
       davon sind russisch. Zumindest geben sie sich so aus. Neu ist die am 9.
       August gegründete Partei der russisch-serbischen Einigkeit (SRSJ). Ihr
       Gesicht ist Rade Savić (44), Eigentümer eines Cafés in der nordöstlichen
       Stadt Smederevo und Europa- und Weltmeister im Powerlifting unter der Obhut
       des Global Powerlifting Committee.
       
       Savić hat auch andere Ambitionen. Er habe an der serbischen Fakultät für
       Sport und Sportunterricht studieren wollen, erzählte er, doch dann habe ihm
       der Dekan einen Job als Trainer-Consultant angeboten. „So wurde ich an
       einem Tag Student und Fachmitarbeiter“, sagte er.
       
       Warum er jetzt in die politische Arena steigt, erklärte er nicht. Dafür
       aber, wofür er steht: für eine noch engere Bindung an Russland in jeder
       Hinsicht, den Kampf für Kosovo als Bestandteil Serbiens, für traditionelle
       Familienwerte, eine Stärkung der serbischen nationalen Identität sowie des
       orthodoxen Glaubens.
       
       Sein Wahlslogan: Russen und Serben – Brüder für immer. Die SRSJ setzt sich
       ausdrücklich dafür ein, dass Serbien die Beitrittsverhandlungen mit der EU
       abbricht und sich den Brics-Staaten anschließt. Laut einer Volkszählung von
       2022 haben sich 10.486 serbische Staatsbürger als Russen bezeichnet. Ihre
       Anzahl hat sich in den vergangenen elf Jahren verdreifacht, doch sie
       stellen immer noch nur 0,16 Prozent der Gesamtbevölkerung.
       
       ## Keine Drei-Prozent-Hürde
       
       Minderheitenparteien in Serbien müssen nicht die Drei-Prozent-Sperrklausel
       überwinden, um ins Parlament einzuziehen. Doch dort sind Sitze nicht
       automatisch garantiert. Es gilt das komplizierte D’Hondt-Verfahren: bei der
       Mandatsverteilung werden Quotienten um 35 Prozent erhöht, um den Einzug ins
       Parlament zu erleichtern.
       
       Es ist nichts Neues, dass in Serbien russische Parteien unmittelbar vor
       Wahlen gegründet werden. Wahlbeobachter reden von „Phantomlisten“ –
       praktisch vom Regime auf die Beine gestellten politischen Organisationen.
       Sie sollen entweder für Verwirrung sorgen, rechts gesinnter Opposition
       Stimmen wegnehmen oder, sollte es darauf ankommen, zum Zünglein an der
       Waage werden.
       
       So wurde unmittelbar vor den Kommunalwahlen im vergangenen März im
       zentralserbischen Kruševac die Partei der russisch-serbischen Patrioten
       gegründet – 2025 die Serbisch-russische Front. Bei den Kommunalwahlen in
       der politisch und wirtschaftlich bedeutenden Stadt Niš im Süden Serbiens
       gewann die Russische Partei 2024 ein Mandat im Stadtparlament.
       
       Das reichte gerade dafür, dass Vućić’ SNS an der Macht bleiben konnte.
       Russische Parteien in Serbien werden grundsätzlich weder von Russen
       gegründet, noch haben sie irgendwas mit Russen in Serbien zu tun. Trotzdem
       wird es Putin freuen, dass es sie gibt.
       
       9 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Vor-Parlamentswahl-in-Serbien/!6216944
 (DIR) [2] /!s=Serbien&Autor=Andrej+Ivanji/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Andrej Ivanji
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Serbien
 (DIR) Parlamentswahl
 (DIR) Aleksandar Vucic
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Proteste in Serbien: Sie lassen sich nicht mehr erschüttern
       
       Die Proteste in Serbien, die vor allem von Studenten getragen werden,
       reißen nicht ab. Staatschef Vučić lässt paramilitärische Sondereinheiten
       aufmarschieren.
       
 (DIR) Demonstrationen in Serbien: Die Autokratie wackelt
       
       Seit über sechs Monaten gehen in Serbien Tausende auf die Straße. Beim
       Erfinden neuer Proteststrategien sind sie äußerst kreativ.
       
 (DIR) Studierendenproteste in Serbien: Wissen will Macht
       
       Die serbischen Studierendendemos stoßen im Land auf breite Zustimmung. Eine
       atmosphärische Spurensuche in Belgrad nach dem großen Protest vom 15. März.