# taz.de -- Neuwahlen in Serbien: Sie lehren Vučić das Fürchten
       
       > In Serbien möchte Aleksandar Vučić Ministerpräsident werden. Doch eine
       > Studentenbewegung könnte ihm gefährlich werden – obwohl sie ohne
       > Studierende antritt.
       
 (IMG) Bild: Studierende aus Novi Sad marschieren am Dienstag nahe Inđija ins rund 60 Kilometer entfernte Belgrad
       
       Aus Westen, Norden und Osten strömen am Mittwochabend endlose Kolonnen von
       Studierenden nach Belgrad. Zu Fuß haben sie zuvor Hunderte Kilometer
       zurückgelegt. Es ist der Endspurt im Wahlkampf der Studentenliste, die bei
       der vorgezogenen Parlamentswahl am Sonntag gegen das Lager des langjährigen
       Präsidenten Aleksandar Vučić antritt.
       
       Die jungen Menschen erreichen die Stadt mit voller Energie und in der
       Hoffnung auf politischen Wandel. Tausende Belgrader begrüßen sie. Feuerwerk
       steigt in den Nachthimmel, Trommeln und Bläser sorgen für Musik. Die Menge
       tanzt und singt Lieder, in denen die Niederlage [1][von Vučić] beschworen
       wird. „Sieg, Sieg!“, hallt es durch die Straßen.
       
       Die Stimmung ist ausgelassen. Doch die Ungewissheit bleibt: Was geschieht
       in der Wahlnacht? Wird das Regime Gewalt provozieren?
       
       „Wir haben uns in den vergangenen zwei Jahren an alle möglichen
       Provokationen gewöhnt“, sagt Tara. Sie macht ihren Master an der Fakultät
       für Politikwissenschaften an der Universität Belgrad. Seit Beginn der
       Massenproteste ist sie in der Studentenbewegung aktiv. „Wir wissen, woher
       die Gefahren kommen und wie wir gewaltsamen Auseinandersetzungen aus dem
       Weg gehen können.“
       
       Wie die anderen jungen Menschen, die man darauf anspricht, ist auch sie vom
       Sieg der Studentenliste überzeugt. Doch was, wenn Vučić den Sieg für sich
       beansprucht? Tara lächelt nur.
       
       Auch Serbiens starker Mann tourt unermüdlich durchs Land. Die Kameras der
       gleichgeschalteten Fernsehsender sind stets dabei. Seit Jahresbeginn trat
       er fast 600-mal im TV auf. Seine zentrale Botschaft: Die Studenten seien
       getarnte Terroristen, die Serbien zerstören wollten. Das Land werde man
       ihnen keinesfalls überlassen; ihr einziges Ziel sei es, den Staat zu
       ruinieren. „Wir werden sie besiegen“, brüllt er jeden Tag auf Kundgebungen.
       
       Das Parlament hätte regulär erst Ende 2027 neu gewählt werden sollen. Doch
       nach fast zwei Jahren studentischer Massenproteste setzte Vučić vorgezogene
       Neuwahlen für den 25. Oktober an. Offiziell sollen sie die politische Krise
       beenden und klären, welchen Kurs das Land nehmen soll. Kritiker vermuten
       jedoch, Vučić wolle damit die Initiative zurückgewinnen und seine Macht
       nach den monatelangen Protesten neu festigen.
       
       Vučić verfolgt noch ein weiteres Ziel: Er will vom Präsidentenamt an die
       Spitze der Regierung wechseln. Seine zweite Amtszeit hätte im Frühjahr
       geendet, eine dritte Amtszeit als Präsident ist verfassungsrechtlich
       ausgeschlossen. [2][Ende September trat er bereits zurück]. Seine Serbische
       Fortschrittspartei (SNS) hat ihn inzwischen als Kandidaten für das Amt des
       Ministerpräsidenten nominiert.
       
       Während Vučić seine Macht nach den monatelangen Protesten festigen will,
       knüpft die Studentenbewegung an ihre bisherigen Erfolge an. Die Fußmärsche
       zum Abschluss der Wahlkampagne sollen bei den Wählern Erinnerungen an das
       Vorjahr wecken. Damals zogen Studentenkolonnen durch das Land und stießen
       vielerorts auf große Resonanz. Gerade in ländlichen Regionen, in denen
       Vučićs Partei traditionell stark ist, wurden sie von den Menschen mit
       Begeisterung empfangen. Viele fühlten sich von den lokalen Funktionären der
       regierenden Serbischen Fortschrittspartei unter Druck gesetzt. Nach Jahren
       der Einschüchterung bot sich ihnen ein ungewohntes Bild: junge Menschen,
       die offen auftraten, lachten und sich dem politischen Druck widersetzten.
       
       Die Menschen versorgten die Studenten auf ihren Märschen mit Braten und
       Kuchen, boten ihnen eine Unterkunft. Es waren bewegende Szenen. In Serbien
       sprach man von einer Jugend, die wie aus dem Nichts auftauchte und Hoffnung
       brachte.
       
       Als die Studenten am Mittwochabend in Belgrad eintrafen, kehrte die
       Hoffnung von damals zurück. Für den folgenden Tag war die letzte große
       Kundgebung vor den Wahlen geplant. Sie fand auf dem zentralen Slavija-Platz
       statt. Dort waren am 15. März 2025 Hunderttausende dem Aufruf der Studenten
       gefolgt und gegen die Regierung auf die Straße gegangen. Es war eine der
       größten Demonstrationen in der Geschichte Serbiens.
       
       Ein Gegner aus dem Albtraum eines Autokraten 
       
       Serbiens Präsident Aleksandar Vučić, der das Land seit Jahren mit harter
       Hand regiert, hatte es mit der chronisch zerstrittenen bürgerlichen
       Opposition bisher leicht. Er schien unangreifbar.
       
       Seit mehr als einem Jahrzehnt hält er das Land in einem permanenten
       Wahlkampf und versetzt es immer wieder in einen politischen
       Ausnahmezustand. Das verschafft ihm einen dauerhaften Vorteil: Seit 2012
       haben die Serben sechsmal ein neues Parlament und dreimal einen Präsidenten
       gewählt. Hinzu kommen zahlreiche Kommunalwahlen.
       
       Dann stürzte am 1. November 2024 das Vordach des Bahnhofs in Novi Sad ein,
       16 Menschen starben. Die Studenten stellten eine einfache Frage: Wer trägt
       die Verantwortung? Als sie keine befriedigenden Antworten erhielten,
       beschlossen sie, selbst Druck zu machen.
       
       Mit einem Gegner wie der Studentenbewegung hat es Vučić bislang nicht zu
       tun gehabt. Sie hat keine öffentlich sichtbaren Anführer, die er gezielt
       unter Druck setzen oder auf seine Seite ziehen könnte. Die Bewegung vereint
       nach eigenen Angaben mehr als 200.000 junge Aktivisten. Sie organisieren
       sich dezentral, lassen sich bislang nicht einschüchtern und tragen ihren
       politischen Kampf mit einer Energie aus, die bisweilen an ein Fest
       erinnert.
       
       Als sich die Studentenbewegung schließlich zur Wahl anmeldete, zeigte sich,
       dass ihre Aktivitäten der vergangenen fast zwei Jahre längst den Charakter
       einer Wahlkampagne angenommen hatten. Nun musste sie diese nur noch in eine
       formelle Wahlkampagne überführen.
       
       Von Dorf zu Dorf, von Tür zu Tür 
       
       Finanziell ist die Studentenliste dem von Vučić geführten Wahlbündnis
       Vereintes Serbien weit unterlegen. Das gleicht sie mit einem intensiven
       Fußwahlkampf aus. Ihr Hauptziel: Nichtwähler überzeugen, am 25. Oktober zur
       Wahl zu gehen.
       
       Maja und Andrej, beide Studierende in Belgrad, gehen durch ein
       mehrstöckiges Gebäude im Block 22 im Stadtbezirk Novi Beograd. Sie drücken
       der Reihe nach die Knöpfe an der Gegensprechanlage, bis jemand öffnet. Nach
       Monaten im Wahlkampf wissen sie genau, was sie tun.
       
       Ein Ehepaar in Bademänteln öffnet die Tür, es ist Sonntagmorgen. Der Mann
       will eigentlich hören, was die Studenten zu sagen haben, doch sie stellen
       die Fragen: „Was ist für Sie das größte lokale Problem?“ Und dann: „Was
       sehen Sie als das größte Problem im Land?“ Das Paar antwortet unisono: „Die
       Korruption!“
       
       Andrej erklärt später, das sei die mit Abstand die häufigste Antwort. Schon
       an der nächsten Tür, im Stockwerk darunter, sagt eine Frau dasselbe. In der
       nächsten Wohnung: ebenso. Der Slogan der Studentenliste lautet nicht
       zufällig: „Entweder Serbien oder die Mafia.“
       
       Allein in Belgrader Wohnblöcken suchen zahlreiche Studententeams Tausende
       Haushalte auf. Rund 150 Studenten schaffen es, wöchentlich mehr als 7.000
       Wohnungen zu besuchen. Diese Zahl steigt, je näher die Wahlen rücken.
       
       Noch etwas könnte den Wahlausgang entscheiden: Keine serbische
       Oppositionspartei stellte je so viele ausgebildete Wahlbeobachter wie die
       Studentenliste. Sie decken fast alle 8.392 Wahllokale im Land ab. In
       Serbien sind über 6,4 Millionen Menschen wahlberechtigt.
       
       Diese vorgezogenen Parlamentswahlen, die in einer angespannten, gespaltenen
       Gesellschaft stattfinden, beobachten internationale Stellen wie die
       parlamentarische Versammlung der OSZE und die heimische Beobachtermission
       CRTA. Auch Gruppen aus [3][Russland], den USA und Aserbaidschan sind
       vertreten.
       
       Der Name „Studentenliste – Studenten siegen“ täuscht, denn unter den
       Kandidaten für die 250 Parlamentssitze findet sich kein einziger Student.
       Es sind Menschen mit erfolgreicher beruflicher Laufbahn, die meisten der
       Öffentlichkeit unbekannt. Kein Berufspolitiker ist darunter. Ein weiteres
       Kriterium: Sie haben sich durch zivilgesellschaftliches Engagement in ihrem
       Wohnort einen Namen gemacht. Die Liste entstand in einem langen,
       komplizierten Verfahren, bei dem studentische Vertretungen ein Vetorecht
       hatte.
       
       Einer der Ausgewählten ist Slobodan Bubnjević, Physiker, Schriftsteller und
       Wissenschaftsjournalist. „Es ist natürlich eine große Ehre, Teil einer
       solchen historischen Liste zu sein, aber wie die meisten Kandidaten erfüllt
       mich die Politik mit Abscheu und ich möchte die Aufgabe, für die mich die
       Studierenden vorgeschlagen haben, so schnell wie möglich hinter mich
       bringen und zu dem Buch, an dem ich arbeite, sowie zu meinem normalen Leben
       zurückkehren“, sagt er.
       
       Inzwischen fühlt er sich den jungen Menschen verpflichtet, die ihm
       vertrauen: „Unser Land ist von einem illegalen Regime besetzt, dem sich ein
       freier Bürger einfach widersetzen muss. Und ich bin dabei, eben weil die
       Aufgabe so schwierig ist“, sagt er.
       
       Was er nicht sagt: Die Studentenliste ist eine Organisation ohne sichtbare
       Anführer, in der Erwachsene den Studenten Rechenschaft ablegen müssen. Es
       ist ein neues, politisch waghalsiges Experiment.
       
       Angst vor Gewaltausbruch 
       
       Viele politische Beobachter in Serbien gehen davon aus, dass es in der
       Wahlnacht zu Gewaltausbrüchen kommen könnte. „Wenn das nur gut geht“, hört
       man dieser Tage besorgte Menschen sagen, wo immer man hingeht.
       
       Vertreter des Regimes bezeichnen die Studentenliste als aus dem feindlichen
       Ausland finanzierte Terrororganisation, die Vučićs Sieg nicht akzeptieren
       wolle. Sie nennen sie „Verräter“, „Vergewaltiger“, „Antiserben“.
       
       Auf der anderen Seite glaubt man, Vučić werde unter keinen Umständen eine
       Niederlage anerkennen. Seit er an der Macht ist, manipuliert er Wahlen,
       schaltet Medien gleich, missbraucht öffentliche Ressourcen und staatliche
       Institutionen für Parteizwecke. Polizei und Sicherheitsdienste schützen
       nicht Recht und Ordnung, sondern das Regime.
       
       Journalisten empfehlen sich, vor den Parlamentswahlen Schutzhelme und
       Gasmasken zu besorgen. Als ginge es am Sonntag an die Front.
       
       23 Oct 2026
       
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