# taz.de -- Wahlen auf dem Balkan: Populisten sind schlecht für das Wachstum
       
       > Während in den liberal regierten Ländern Polen und Ungarn die Wirtschaft
       > in Fahrt gerät, kommen Bulgarien, Serbien und Rumänien unter die Räder.
       
 (IMG) Bild: Nicht überall in Osteuropa drehen sich noch die Kräne. Europas Osten spaltet sich wirtschaftlich. Populistische Staaten stürzen ab
       
       [1][Osteuropas Wirtschaftsmodell] als verlängerte Werkbank westlicher
       Industriekonzerne ist an sein Ende geraten. Investoren hatten in diesem
       Entwicklungszyklus ihre Fabriken in Länder Ost- und Mitteleuropas gestellt,
       völlig unabhängig von der politischen Ausrichtung dieser Standorte.
       
       In dem jetzt laufenden Zyklus der Hinwendung zu Produkten und
       Dienstleistungen mit höherer Wertschöpfung, starkem Privatkonsum und
       öffentlichen Investitionen hat das [2][Wiener Institut für internationale
       Wirtschaftsvergleiche (wiiw)] eine klare Schieflage festgestellt: Das von
       einer liberalen Koalition regierte Polen boomt weiter. Ungarn, das sich vom
       Joch des autoritären Herrschers Viktor Orbán befreit hat, zieht
       wirtschaftlich an. Populistisch regierte Länder indes leiden mittlerweile
       erheblich an Wirtschaftsschwäche.
       
       „Länder, die auf Technologie und mehr Produktivität setzen, etwa durch
       Automatisierung und Digitalisierung, haben auch weiterhin gute Chancen,
       wirtschaftlich zu reüssieren“, sagt Richard Grieveson, stellvertretender
       Direktor des wiiw und Hauptautor der Prognose in Richtung Polen.
       
       ## Vertrauensvorschuss für Ungarn
       
       Er verweist auf die polnische Hightechindustrie, die im vergangenen
       Jahrzehnt um rund 40 Prozent gewachsen sei. Für Polen rechnet das wiiw mit
       3,7 Prozent Anstieg des Bruttoinlandsprodukts in diesem Jahr – absoluter
       Rekord im Osten des Kontinents.
       
       Und auch [3][Ungarn], das im Frühjahr die autoritäre Herrschaft von
       Langzeitpremier [4][Viktor Orbán] abschütteln konnte, erlebe einen
       wirtschaftlichen Aufbruch und werde in diesem Jahr laut wiiw um 1,7 und
       2027 um 2,6 Prozent wachsen.
       
       Bemerkenswert sei „der große Vertrauensvorschuss von Investoren gegenüber
       der neuen Regierung von Premierminister Péter Magyar, der sich in der
       starken Aufwertung der Landeswährung Forint und den stark rückläufigen
       Renditen für Ungarns Staatsanleihen widerspiegelt“. So heißt es in einer
       aktuellen Mitteilung des Instituts.
       
       Die neue Regierung sei „mit der politischen Aufräumarbeit nach dem Sturz
       des Orbán-Regimes beschäftigt und konzentriert sich dabei auf die
       Verbesserung der Funktionsweise der Institutionen“.
       
       ## Populistische Politik in Zahlen ablesbar
       
       Dagegen sind die Folgen populistischer Politik in Tschechien, der Slowakei,
       [5][Bulgarien] und Rumänien beim Wirtschaftswachstum negativ ablesbar, wenn
       man in die Prognosen des wiiw für dieses und die kommenden zwei Jahre
       schaut. In Tschechien hat der Agrarmilliardär und rechtspopulistische
       Regierungschef Andrej Babiš am vorigen Wochenende mit seiner ANO-Partei
       sang- und klanglos alle 13 Versuche verloren, bei der regulären Nachwahl
       Senatorenposten zu besetzen.
       
       Babiš setzt unter dem Motto „Tschechien zuerst“ auf EU-Skeptizismus,
       kündigte ein Ende der Waffenlieferungen an die Ukraine an und plant eine
       Verschärfung der Einwanderungsgesetze. Seine rechtsgerichtete Koalition
       betreibt bewusst eine expansive Ausgabenpolitik. Die Konsolidierung der
       Staatsfinanzen hat laut Babiš explizit Nachrang gegenüber staatlichen
       Investitionen. Kohlekraftwerke werden gezielt länger in Betrieb gehalten.
       Die Energiepreise sollen so für die heimische Industrie und die Bürger
       künstlich stabil gehalten werden.
       
       Die bulgarische Regierung betont zwar formal die Mitgliedschaft in EU und
       Nato, gilt aber als ausgesprochen russlandfreundlich. Kritiker befürchten,
       Bulgarien könnte in Richtung eines autokratischen Kurses à la Viktor Orbán
       steuern. In Rumänien fordert die Allianz für die Union der Rumänen
       angesichts einbrechender Wachstumsprognosen eine radikale Abkehr vom
       bisherigen prowestlichen Kurs und auf massive staatliche Unterstützung für
       einheimische Unternehmen, die auch nicht privatisiert werden sollen.
       
       In Rumänien billigte das von Linkspopulisten beherrschte Parlament am
       Dienstag nach Monaten des politischen Stillstands die pro-europäische
       Regierung des parteilosen Diplomaten Luca Niculescu. Rumänien, die
       Slowakei, Tschechien und das ebenfalls populistisch regierte Bulgarien
       können im laufenden Jahr laut wiiw mit geringerem Wirtschaftswachstum
       rechnen als in 2025.
       
       „Rumänien befindet sich in einer Rezession“, bilanziert das wiiw.
       Haushaltskonsolidierung, die hohe Inflation und die schwache Kaufkraft
       würden den Konsum dämpfen. Die Inflation lasse zwar nach, gehöre aber
       weiterhin zu den höchsten in der EU. Als größte Probleme sieht das Institut
       „politische Unsicherheit und hohe Außenhandelsdefizite“.
       
       ## Serbien bleibt unter Vučić zurück
       
       Die populistische Politik hat in Rumänien und Bulgarien zu einem deutlichen
       Aufblähen der Staatsschulden geführt. Die EU-Kommission hat inzwischen
       Bulgarien ein aktives Verfahren wegen des übermäßigen Defizits auferlegt,
       das das Land zur Umsetzung eines formellen
       Haushaltskonsolidierungsprogramms verpflichtet.
       
       Auch beim [6][EU-Beitrittskandidaten Serbien] machen sich die Folgen
       populistischer Politik bemerkbar: Unter der [7][Serbischen]
       Fortschrittspartei (SNS) des Präsidenten Aleksandar Vučić, der sich am
       Sonntag zum Regierungschef wählen lassen will, wuchs die serbische
       Wirtschaft langsamer als im vorangegangenen Jahrzehnt und blieb hinter den
       meisten Ländern der Region zurück, so wiiw in [8][einer Analyse] im Vorfeld
       der Parlamentswahlen.
       
       Das durchschnittliche jährliche Wirtschaftswachstum Serbiens lag im
       Zeitraum 2012 bis 2025 bei 2,4 Prozent, verglichen mit 4,2 Prozent im
       Zeitraum 2001 bis 2011, so der Ökonom Branimir Jovanović in dem Bericht
       „Serbiens Wirtschaft unter Vučić: Weit entfernt von einem Wunder“. Auch die
       ausländischen Direktinvestitionen (FDI) blieben hinter dem früheren
       Zeitraum zurück.
       
       25 Oct 2026
       
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