# taz.de -- Nach den Wahlen in Serbien: Das große Aufatmen
> Serbiens unabhängige Kulturszene stand an der Seite der
> Studierendenbewegung gegen die Regierung. Mit deren Wahlsieg hofft sie
> nun auf echten Wandel.
(IMG) Bild: Ein Stuhl tanzt mit der Menge auf dem Trg Slavija: Requisiten vom historischen Wahltag werden einfach mitgenommen
Um 21.30 Uhr geht am Abend des 25. Oktober ein Tosen durch Belgrad.
Freudenschreie vor allem junger Stimmen und Feuerwerk würden selbst einen
Ahnungslosen [1][den Wahlsieg der Studierenden bei der vorgezogenen
Parlamentswahl erahnen] lassen. [2][Dann verkündet Aleksandar Vučić
unerwartet selbst seine Niederlage]. Bis 4 Uhr morgens ist die ganze Stadt
ein einziger Klangkörper: Autos hupen, Sektkorken knallen aus geöffneten
Autofenstern, Vuvuzelas dröhnen, Menschen schreien vor Begeisterung.
Überall lärmt und jubelt es, als würde die serbische Hauptstadt selbst
beben.
Laut der [3][unabhängigen Beobachtungsorganisation CRTA] kommt die
Studierendenliste auf 51,5 Prozent, die Regierungspartei SNS auf 40,4
Prozent. Der Abstand überrascht: Umfragen hatten die Studierenden zuvor bei
rund 40 Prozent gesehen. Die Ausgelassenheit ist überwältigend. Niemand,
den ich heute in der Nacht der Entscheidung frage, hätte einen so
überzeugenden Sieg für möglich gehalten.
Zu nächtlicher Stunde wird bereits aus dem Wahlspruch „Die Studierenden
siegen“ zu „Die Studierenden haben gesiegt“ im Volksmund. Aus dem geräumten
Ćacilend, in dem Pro-Vučić-Leute für ihr Dasein nachweisbar bezahlt wurden,
wird kurzerhand ein Selbstbedienungsladen der Geschichte: Die einen nehmen
einen Absperrzaun mit, die anderen eine Stange, wieder andere gleich die
Zeltplane. Auf der Slavija werden dann die Stühle der Ćacis über die Köpfe
gestemmt und tanzend davongetragen.
## Souvenirs für die serbische Protestgeschichte
Was gestern noch als Kulisse für Vučić’ Machtinszenierung diente, geht
heute als Souvenir in die serbische Protestgeschichte ein. Der landesweit
bekannte Straßenkünstler Pijanista hat bereits eine Idee, was aus den
„Artefakten“ werden soll: eine Kunstbiennale. An Material dürfte es in dem
an diesem Abend teils abgebrannten Ćacilend nicht mangeln.
Dabei beeindruckt der ohnehin überwältigende Sieg einer so neuen und
[4][von Studierenden geführten Liste] vor allem aufgrund seiner
basisdemokratischen Struktur, bei der jede bzw. jeder Student:in eine
Stimme im Plenum seiner Fakultät hat. Daneben gibt es die Große Versammlung
der Delegierten („Veliki sastanak delegata“) und die Serbische Versammlung
der Delegierten („Srpski sastanak delegata“), die Plenarstrukturen in den
Städten und landesweit. Die Studierenden gründeten keine Partei, sondern
formierten „nur“ eine Liste, die sie dann zur Wahl stellten.
Der bewusste Unterschied zur bisherigen Parteienpolitik, die hier gesucht
wurde, zeigt: Demokratie ist nicht allein Wahlverfahren, sondern
gemeinschaftliche Praxis. Hiervon konnte ich mich bei zahlreichen Besuchen
des Plenums der Philologischen Fakultät in der ersten Jahreshälfte 2025
überzeugen: Mit verschiedenen Handzeichen wurden unterschiedliche
Redebeiträge artikuliert, die Tagesordnung konsequent eingehalten,
Kompetenzen klar zugewiesen. Das Wahlprogramm der Studierenden zeugt auf
1.200 wissenschaftlich geprüften Seiten davon: Diese Bewegung weiß genau,
was sie tut.
## Repressionen öffentlich gemacht
Als sich Serbiens Studierende gegen die Regierung erhoben, stand bald auch
[5][die Kulturszene an ihrer Seite]. Neben der Wissenschaft, deren
Professorinnen und Professoren die Besetzungen der Fakultäten monatelang
unterstützten, wurde sie zu einer wichtigen Verbündeten der
Protestbewegung. So werden die klaren Verse der Lyrikerin Radmila Petrović
vor allem von jungen Menschen begeistert gelesen. Längst gelten sie und der
unabhängige Verlag, den sie gegründet hat, als wichtige Stimme des
politischen Aufbruchs. „Das ist der Anfang vom Ende für die derzeitige
Regierung“, sagt Petrović Tage vor der Wahl zur taz. „Der Wandel ist nicht
mehr aufzuhalten.“ Auch Schauspielerinnen, Musikerinnen und Theaterleute
organisierten eigene Aktionen, schufen unabhängige Bühnen und machten
Repressionen öffentlich.
Ich treffe Virdžinija Đeković wenige Tage vor der Wahl in einem Belgrader
Café. Sie lehrt an der Fakultät für Dramatische Künste (FDU) – dort, [6][wo
die studentische Besetzungsbewegung im November 2024 ihren Anfang] nahm.
Nachdem regierungsnahe Angreifer Studierende attackiert hatten, die der
Opfer des Bahnhofseinsturzes von Novi Sad gedachten, solidarisierten sich
die Professor:innen mit ihnen. Innerhalb weniger Wochen wurden nahezu
alle staatlichen Fakultäten des Landes besetzt.
Dass ausgerechnet Studierende der Kunsthochschule den Anfang machten, ist
für Đeković kein Zufall: Kunst und Kultur machen gesellschaftliche
Konflikte sichtbar und eröffnen Räume, in denen Widerstand eine Form
findet.
## Eigene Strukturen des Widerstandes
Inzwischen hat sich dieser Widerstand auch eigene Strukturen geschaffen.
Die Unabhängige Kulturszene Serbiens (NKSS) vernetzt Kulturschaffende und
dokumentiert den politischen Druck, dem sie ausgesetzt sind. Die im Zuge
der Proteste neu gegründete Gemeinschaft der Kunst und Kultur (ZUK)
solidarisiert sich mit den Studierenden.
Das „Ne-Bitef“ etwa entstand Ende 2025 als Gegenmodell zum
traditionsreichen [7][Belgrader Theaterfestival Bitef], nachdem dessen
Leitung politisch motiviert ausgetauscht worden war. An die Stelle einer
zentralen Institution trat ein dezentrales Programm an zahlreichen
unabhängigen Spielorten.
Das sei im Übrigen, berichtet Đeković, eine klassische Form der
Einschüchterung. Die Leitung von Kulturinstitutionen werden bereits seit
einigen Jahre nicht mehr als Direktoren, sondern als „vorübergehender
Amtsinhaber“ eingestellt, wodurch sie jedes Jahr kündbar sind.
Auch andere Kulturprojekte suchen neue Wege. Das Musikfestival Exit, 2000
von Studierenden als Teil des Widerstands gegen Slobodan Milošević
gegründet, stellte sich öffentlich hinter die Protestbewegung. Nach Angaben
der Veranstalter geriet es daraufhin zunehmend unter politischen Druck und
verlor staatliche Fördermittel. 2026 fand das Festival erstmals in
Montenegro statt.
Mit der „Black List“ unterstützten sie die Wahl mit einem Festivalprogramm.
Die Kulturschaffenden schufen im Oktober eine Bühne für jene, die nach
eigenen Angaben wegen ihrer kritischen Haltung Aufträge, Förderungen oder
Auftrittsmöglichkeiten verloren hatten.
Der Name verweist auf informelle „schwarze Listen“, von denen
Kunstschaffende seit Jahren berichten. Besonders seit 2018 und 2019 sei es
zunehmend schwieriger geworden, unabhängige Projekte staatlich fördern zu
lassen, erklärt Đeković. Die Listen sind nicht offiziell dokumentiert; ihre
Wirkung zeigt sich vielmehr darin, wer keine Einladung mehr erhält, keine
Räume nutzen kann oder bei Förderentscheidungen leer ausgeht.
## Kritischer Resonanzraum
Die Kultur reagiert darauf mit Selbstorganisation – oft ohne öffentliche
Unterstützung, ohne Honorare und mit improvisierter Technik. So fand das
traditionsreiche Filmfestival Niš dieses Jahr in Eigenorganisation, ohne
Honorare und mit organisierten Stromakkumulatoren unter freiem Himmel
statt. Es hatte trotzdem mehr Besucher:innen als das staatliche
Festival.
Virdžinija Đeković hat den ganzen Tag ehrenamtlich den fairen Ablauf der
Wahlen beobachtet. Trotzdem ist sie auch am historischen Abend noch auf den
Beinen. Vom Trg Republike, dem Platz der Republik, strömen die Menschen,
begleitet von hupenden Autos und Bikern, über die zentrale Straße Kralja
Milana, um erst zum Regierungssitz und anschließend weiter zum
Slavija-Platz zu gehen. „Es ist unglaublich. Ein großes Aufatmen.“
Als sie ein paar Tage vor der Wahl schmunzelnd von Vučić als bald
abgesetztem Präsidenten und dem Ende seiner Partei gesprochen hatte, hatte
ich Đeković’ Zuversicht mit Sympathie, aber auch mit Unglauben aufgenommen.
Jetzt muss ich mir eingestehen: Sie hatte recht behalten.
Doch Aleksandar Vučić, der nun in die Opposition wechselt, wird für
Störungen sorgen. Die vielen Direktor:innen, Bürgermeister:innen und
Entscheidungsträger:innen auf kommunaler und regionaler Ebene bleiben
als sein verlängerter Arm vorerst an der Macht.
Die eigentliche Herausforderung wird darin bestehen, die über Jahre
gewachsenen kriminell-autokratischen Strukturen aufzubrechen – und zu
verhindern, dass der politische Wechsel an alten Netzwerken scheitert. Doch
das wissen die Demonstrant:innen heute auf der Slavija, dem
traditionsreichen Protestort in Belgrads Stadtzentrum. Zu oft wurden sie
enttäuscht.
Doch nun nehmen sie die Sache selbst in die Hand. Die Studierenden haben
mit der Absetzung dieses in weiten Teilen korrupten Autokraten ein
Paradebeispiel für Demokratie praktiziert. Sie haben nicht nur einen
Wahlsieg errungen, sondern eine andere Form demokratischer Organisation
erprobt. Bis früh morgens wird hier heute gefeiert.
26 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.danas.rs/vesti/politika/izbori-2026-rezultati-glasanje-uzivo/
(DIR) [2] /Wahlsieg-der-Opposition/!6224976
(DIR) [3] https://crta.rs/preliminarni-podaci-ocenu-izbornog-dana-dacemo-sutra-na-konferenciji-za-medije-u-13-sati/
(DIR) [4] /Serbien-vor-der-Parlamentswahl/!6224678
(DIR) [5] /Das-Studentische-Kulturzentrum-Belgrad/!6106026
(DIR) [6] /Proteste-in-Serbien/!6051671
(DIR) [7] /Serbisches-Theaterfestival-unter-Druck/!6125253
## AUTOREN
(DIR) Philine Bickhardt
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