# taz.de -- Proteste in Georgien: Der Wille nach Veränderung ist ungebrochen
> In Tblissi gehen am 26. Mai, dem Unabhängigkeitstag, rund 40.000 Menschen
> gegen die Regierung auf die Straße. Die antwortet mit Häme und Zynismus.
(IMG) Bild: Kundgebung am Dienstagabend auf der Rustaweli-Allee im Zentrum von Tbilissi
Rufe und Pfeifkonzerte branden vor dem Gebäude der Staatlichen Universität
in der georgischen Hauptstadt Tblissi auf. „Freiheit für Georgien“, „Wir
kämpfen bis zum Ende“, „Ruhm dem unabhängigen, starken Georgien“,
skandieren die Menschen, die sich mit georgischen und EU-Flaggen zu einem
Marsch versammeln. Die Kundgebung an diesem 26. Mai, dem Tag der
Unabhängigkeit Georgiens, ist für 19 Uhr geplant. Der Marsch soll eine
Stunde später beginnen. Der Universitätsgarten sowie die umliegenden
Straßen füllen sich mit Menschen.
Familien mit Kindern – manche sitzen auf den Schultern ihrer Väter und
schwenken Fahnen –, Ältere und Student*innen kommen in Gruppen – einige
haben sogar die alte, dreifarbige Fahne aus der Zeit der Ersten Republik
Georgien (1918–1921) dabei. „Kämpft weiter für die Unabhängigkeit“, „Das
Regime muss zurücktreten“, „Schluss mit der Ungerechtigkeit“ steht auf von
Hand gemalten Transparenten.
Bereits am Morgen hat die Polizei bei den Organisator*innen der
Demonstration ein Fahrzeug mit Lautsprechertechnik, Mikrofonen und
Bühnenequipment beschlagnahmt, sodass der Marsch spontan beginnt – ohne
Lautsprecherdurchsagen und klare Anweisungen.
„All diese Menschen hier sind wieder bereit, an unserer Seite zu stehen und
zu kämpfen“, sagt Tamuna Giorgadze. Sie geht bereits seit 545 Tagen täglich
gemeinsam mit einigen hundert Menschen auf die Straße. In den vergangenen
zwei Jahren wurde Tamuna dreimal bei Demonstrationen festgenommen, dennoch
gibt sie nicht auf.
## Logik der Macht
Sie freut sich, dass so viele gekommen sind, um gegen den „Georgischen
Traum“ zu demonstrieren. Die Partei ist seit 2012 an der Macht. Die Sorge,
dass immer weniger Georgier*innen ihren Unmut öffentlich ausdrücken,
ist längst ein fester Bestandteil der Kundgebungen. In einem autoritären
System, in dem nicht Rechtsstaatlichkeit, sondern die Logik der Macht
herrscht, ist die Anzahl der Protestierenden wichtig.
„Vielleicht sagen sie uns, was wir tun sollen oder was sie vorhaben“, sagt
Niko, ein 57-jähriger Mann. Wie viele andere mit dem Georgischen Traum
unzufriedene Bürger*innen erwartet auch er von der Opposition einen
konkreten Plan für einen Machtwechsel. Das Oppositionslager hingegen ist
zersplittert und durch Verhaftungen, Verfolgung und den Entzug finanzieller
Ressourcen deutlich geschwächt.
Etwa zwanzig Minuten nach dem Beginn des Marsches schließt sich aus einer
Seitenstraße ein Pick-up-Truck mit Lautsprechern an. Durch das Mikrofon
ertönt die Stimme eines jungen Aktivisten: „Ruhm Georgien! Hört ihr mich?“
Doch seine Worte werden vom Jubel der Menge übertönt, kurz darauf erklingt
Musik aus dem Auto. Der Pick-up-Truck wird an diesem Abend auch zur Bühne
für Politiker*innen, die vor dem Parlamentsgebäude der Menge für ihr
Vertrauen danken und erklären, Georgien verdiene etwas Besseres, das Regime
müsse verändert werden.
„Das georgische Volk enttäuscht mich nie. Ich bin sehr glücklich, denn
trotz aller Repressionen, Beleidigungen und Erniedrigungen stehen die
Menschen hier, die Gesellschaft ist nicht gebrochen“, sagt Tamar
Tschergoleischwili, Vorsitzende der Partei „Föderalisten“. Ihre Worte
werden mit Applaus quittiert.
## Eine neue Allianz
Fast zwei Monate lang haben sich neun Oppositionsparteien auf die heutige
Demonstration vorbereitet. Sie haben am 2. März 2026 eine Allianz
geschlossen und sich auf koordinierte Aktionen sowie einen Kampf bis zur
Durchführung neuer, fairer Wahlen verständigt.
Auch Lewan Tsutskiridse, Chef der neuen Partei „Platz der Freiheit“, tritt
auf. „Wir kämpfen für Unabhängigkeit, für Freiheit und für ein würdiges
Land. Deshalb ist es sehr wichtig, dass wir demokratische Parteien haben.
Demokratie und Freiheit brauchen mehr politische Beteiligung demokratischer
Bürger*innen. Ihr seht hier viele politische Parteien – schließt euch ihnen
an und stärkt jene Parteien, denen ihr am meisten vertraut“, sagt er.
„Wir starten eine landesweite Kampagne unter dem Motto: ‚Georgien verdient
etwas Besseres‘. Diese Kampagne müssen wir mit neuen demokratischen Wahlen
beenden. Bidzina Iwanischwili (Gründer des „Georgischen Traums“, Anm. d.
Red.) sowie sein beschämendes, antigeorgisches Regime gehören auf den
Müllhaufen der Geschichte“, erklärt Nika Gwaramia, Chef der Partei
„Akhali“. Er hatte acht Monate im Gefängnis gesessen.
Die Politiker*innen der Opposition wenden sich auch an
US-Außenminister Marco Rubio, der an diesem 26. Mai der armenischen
Hauptstadt Jerewan einen Besuch abstattet. Es gehe darum, mit dieser
Demonstration in Tblissi ein Signal zu senden: dass in Georgien, dessen
strategische Zusammenarbeit mit den USA seit über einem Jahr wegen
demokratischer Rückschritte und eines antiwestlichen Kurses ausgesetzt ist,
Menschen auch weiterhin für die Unabhängigkeit und Freiheit ihres Landes
kämpften.
Die Regierung versucht, ihre Gegner*innen zu spalten und zu
marginalisieren. Von ihr kontrollierte Fernsehsender berichten nahezu
täglich, dass sich Bürger*innen nicht für Treffen mit
Oppositionspolitiker*innen interessierten. Selbst am Abend des
26. Mai, als sich auf der Rustaweli-Allee mindestens 40.000 Menschen
versammeln, behaupten sie, dass es nur mehrere hundert seien. [1][Es ist
die größte Kundgebung seit den Protesten am 4. Oktober 2025, am Vorabend
der Kommunalwahlen.]
## Auch die Kirche ist dabei
Doch nicht nur Kritiker*innen der Regierung sind an diesem Dienstag auf
der Straße. Am Morgen veranstaltet die Regierung auf dem Freiheitsplatz in
Tblissi eine Militärparade, an der auch [2][das neue Oberhaupt der
orthodoxen Kirche, Patriarch Schio III.,] teilnimmt. Der 57-Jährige wendet
sich an die Jugend und bittet sie, das Wesen der Freiheit richtig zu
verstehen, da es in der modernen Welt viele falsche Vorstellungen davon
gebe.
Den Versuch der Opposition, sowohl der eigenen Bevölkerung als auch der
internationalen Gemeinschaft die Botschaft zu vermitteln, dass noch immer
viele Menschen für Veränderungen kämpfen wollen, beantwortet die Regierung
mit Skepsis und Zynismus. Sie wirft ihren Gegner*innen vor, den
Nationalfeiertag politisch zu instrumentalisieren.
„Sollen sie die Demonstration nicht für den 25. Mai veranstalten, sie
behaupten doch, die Mehrheit unterstütze sie. Und dann wird ganz Georgien
sehen, was dabei herauskommt. Sie haben ihren eigenen Präsidenten, wählen
ihren eigenen Patriarchen, haben ihre eigene Souveränität, ihre eigenen
Botschafter und veranstalten jetzt sogar ihre eigene Parade. Vielleicht
sollten wir diesen Leuten ein paar Hektar Land geben und ihnen ihren
eigenen kleinen Staat einrichten, damit sie dort spielen und Georgien in
Ruhe lassen“, sagt Guram Matscharaschwili, Abgeordneter des Parlaments und
Mitglied von „Volkskraft“. Diese Partei ist ein Satellit des Georgischen
Traums.
## Instruktionen von außen
Von ähnlicher Qualität sind auch die Ausführungen von Giorgi Kakhiani,
seines Zeichens Vizevorsitzender des Parlaments. Politische Kräfte sollten
sich im Klaren sein, dass nationale Feiertage nicht für politische
Manipulationen missbraucht werden dürften. „Der Versuch, an einem solchen
Tag Demonstrationen zu organisieren, zeigt ihr wahres Gesicht und ihre
Schwäche. Sie versuchen, diese Stimmung auszunutzen, um den Eindruck zu
erwecken, sie hätten Unterstützung. Sie versuchen, ihre Wähler*innen zu
mobilisieren. Jeder ihrer Versuche, Unruhe im Land zu schüren, wird
erfolglos bleiben“, sagt er am Dienstag gegenüber Journalist*innen.
Vor dem Hintergrund dieser Aussagen verbreiten regierungsnahe TV-Sender
Informationen, wonach georgische Oppositionspolitiker*innen
Instruktionen und den Plan für die Demonstration am 26. Mai von außen
erhalten hätten – konkret von dem tschechischen Aktivisten und Experten für
gewaltfreien Protest Igor Blaževič.
Dieses Narrativ fügt sich nahtlos in die antiwestliche Rhetorik und Politik
des Georgischen Traums ein. Immer wieder werden Ermittlungen wegen
angeblicher Umsturzversuche eingeleitet, die nicht abgeschlossen werden.
Doch jedes Mal wird betont, dass „destruktive Kräfte“ in Georgien im
Auftrag anderer Staaten versuchen würden, einen Machtwechsel
herbeizuführen. „Ich brauche keine Hilfe von Blažević“, sagt die
Politikerin Tamar Tchergoleishvili. „Ich weiß, wie ich mit dem georgischen
Volk über seine Bedürfnisse sprechen kann.“
27 May 2026
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## AUTOREN
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