# taz.de -- Georgien und die EU: Dialog ja, Zugeständnisse nein
> Die Regierung will den Dialog mit Brüssel wiederaufnehmen. Diskutiert
> werden soll auch das umstrittene Gesetz über ausländische Agenten.
(IMG) Bild: Tbilissi, Georgien, 30. November 2024: Oppositionsproteste mit EU-Fahnen vor dem Parlamentsgebäude
„Wir sind bereit, den Dialog in jeder Form wiederaufzunehmen – auch über
das Gesetz, das zur Aussetzung der Gespräche geführt hat. Luxemburg hat
konstruktiv reagiert und wir hoffen auf Unterstützung bei den
EU-Mitgliedstaaten“, erklärte Nikoloz Samkharadze am Dienstag dieser Woche.
Der Abgeordnete der Regierungspartei Georgischer Traum leitet den
außenpolitischen Ausschuss im Parlament, das seit den Parlamentswahlen im
Oktober 2024 unter massiven Legitimitätsproblemen leidet. Jetzt nahm
Samkharadze an Gesprächen im luxemburgischen Parlament und Außenministerium
teil.
Kurz zuvor hatte der Georgische Traum mit weiteren repressiven Gesetzen
nachgelegt, darunter ein Äquivalent zum US-amerikanischen FARA-Gesetz und
dem Grants Act. Regierungsvertreter betonten stets, unbeliebte Gesetze
nicht zu überarbeiten. In der Praxis werden die Regeln zur Unterdrückung
von Opposition, Medien und NGOs zwar nur noch selten strikt durchgesetzt.
Ihre abschreckende Wirkung ist dennoch spürbar.
„Die Tür der EU ist nicht verschlossen. Wir können über jedes
verabschiedete Gesetz debattieren. Es geht nicht um Zugeständnisse, sondern
um einen Dialog“, sagte Irakli Cheishvili, ebenfalls Abgeordneter des
Georgischen Traums, am Mittwoch in Tbilissi.
## Scharfer Bericht
Die Avancen der georgischen Abgeordneten fallen in eine Zeit, in der
Brüssel über den Entzug der georgischen Visafreiheit debattiert. Am 17.
Juni verabschiedete das EU-Parlament mit großer Mehrheit einen scharfen
Bericht. Darin werden persönliche Sanktionen gegen den Oligarchen und
Gründer des Georgischen Traums Bidzina Iwanischwili sowie gegen Beamte
gefordert, die für Wahlbetrug, Demokratieabbau und die Verfolgung der
Opposition verantwortlich sind.
„Das Regime hat Angst. Sich nur auf Russland zu verlassen, bietet keine
Sicherheit mehr. Nach dem Wegfall des ungarischen Faktors befürchten sie
wirksame EU-Maßnahmen“, kommentierte Georgiens fünfte Präsidentin Salome
Surabischwili auf Facebook. Sie bezweifelt jedoch, dass die EU-Kommission
dafür schnell Zeit findet – derzeit gebe es andere Prioritäten, wie
beispielsweise die Ukraine-Hilfen.
„Sie verfolgen eine dezidiert antiwestliche Politik, wollen aber den
Eindruck erwecken, sich weiter zu integrieren. Das ist das Spiel von
Iwanischwili“, kritisiert Tamara Tschergoleischvili von der
Föderalistischen Partei. Annäherungen an den Westen seien unmöglich,
solange die Oligarchenpartei die Spielregeln nicht ändere: „Sie müssten
politische Gefangene freilassen und repressive Gesetze abschaffen. Doch
dann bricht ihre Macht zusammen – wie die Sowjetunion durch die
Perestroika.“
Die Beziehungen zur EU kriseln seit dem Beginn von Russlands Großangriff
auf die Ukraine. Der Georgische Traum hatte dem Westen vorgeworfen, das
Land in den Krieg hineinziehen und eine „zweite Front“ eröffnen zu wollen.
Trotz dieser Rhetorik, Desinformation und brutalen Gewalt gegen
Demonstrierende erhielt Georgien Ende 2023 den EU-Kandidatenstatus. Nach
massiv gefälschten Wahlen im Oktober 2024 kam es jedoch zu Massenprotesten.
Am 28. November 2024 setzte Premier Irakli Kobachidse den
EU-Integrationsprozess bis 2028 aus.
## Visafreiheit gestrichen
Die darauf folgenden Proteste wurden brutal niedergeschlagen. Die USA und
europäische Staaten verhängten Sanktionen, die Visafreiheit für georgische
Diplomaten wurde gestrichen. Durch ein repressives Gesetz nach Moskauer
Vorbild aus dem Jahr 2025 mussten zahlreiche NGOs schließen[1][. Aktuell
sitzen über 100 politische Gefangene in Haft, darunter Kunst- und
Medienschaffende.]
Am 18. Juni wurde bekannt, [2][dass sich der Gesundheitszustand der
inhaftierten Oppositionspolitikerin Elene Khoshtaria rapide verschlechtert
hat]. Die Vorsitzende der Partei „Zeit“ und vierfache Mutter sitzt seit
fast einem Jahr im Gefängnis – aus einem absurden Grund: Sie hatte mit
einem Filzstift auf ein Wahlplakat von Kakha Kaladze, Generalsekretär des
Georgischen Traums und Bürgermeister von Tbilissi, „Russischer Traum“
geschrieben. Trotz ihres kritischen Zustands unternimmt der Staat kaum
etwas, um ihr eine angemessene medizinische Behandlung zukommen zu lassen.
19 Jun 2026
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