# taz.de -- Theater in Georgien: Die Kunst des Widerstandes
> Die prorussische Regierung Georgiens will das Theater auf Linie bringen.
> Schon wer einen nackten Po zeigt, wird der LGBTQ-Propaganda beschuldigt.
> Eine kleine Bühne wehrt sich.
(IMG) Bild: „Alles ist irgendwie instabil geworden, inklusive mir“, sagt Schauspielerin Gvimradze über die politische Lage in Georgien
Tbilissi Alles ist rot, gold und pompös. Das Bühnenbild des Theaters Haraki
soll an diesem Abend an die dunkle sowjetische Vergangenheit Georgiens
erinnern. Schauspielerin Sopiko Gvimradze steht in Karohemd und Lederjacke
vor dem leeren Saal und geht ein letztes Mal ihren Monolog durch. Das
Stück, das sie zusammen mit ihrer Crew in dem kleinen, [1][unabhängigen
Theater in Tbilissi aufführt], soll eine Abrechnung werden mit der
georgischen Regierung und wie sie Kultur für sich instrumentalisiert. Die
Regierungspartei Georgischer Traum hat sich vor etwas mehr als einem Jahr
[2][auch offiziell von dem Weg in die EU verabschiedet]. Das Ziel: näher an
Russland rücken. Das bekommt auch die Kulturszene durch repressive Gesetze
immer härter zu spüren. Deshalb liegt Anspannung in der Luft. Gvimradze
zeigt auf das leere Totenbett hinter sich: „Es ist eine Beerdigung“, sagt
sie, „du wirst dich totlachen.“
Das Stück heißt „Pathethic Monologue“. Bevor es losgeht, läuft Temo
Rekhviashvili nervös die Bühne ab und tackert alles fest, was die Illusion
vom perfekten autoritären System zunichte machen könnte: Vorhänge, einen
Teppich, selbst die roten Bezüge auf den Stühlen sind vor seinem Tacker
nicht sicher. Das Bühnenbild soll an die Propagandainszenierungen der
Sowjetunion erinnern. Ein Hinweis, den in Georgien jede:r sofort versteht.
Die Handlung: Ein alter, prominenter Theaterschauspieler wird zu Grabe
getragen, Weggefährten treten nacheinander ans Rednerpult und reden viel,
ohne etwas zu sagen. „Der Gestorbene, das soll Georgien sein“, sagt
Rekhviashvili, der sich das Stück ausgedacht hat. Der Subtext im Stück ist,
dass das Theater Teil des Problems ist und dass die Machthabenden
versuchen, es für prorussische Propaganda einzusetzen.
Das Theater Haraki ist noch relativ jung. Es befindet sich in einem alten,
umgebauten Weinkeller. 2019 gegründet, musste es während der Pandemie
direkt wieder schließen und konnte erst 2021 wieder öffnen. Es ist eine der
wenigen unabhängigen Bühnen Georgiens. Unabhängig heißt, dass es keine
staatlichen Subventionen bekommt und sich über die Ticketeinnahmen
finanziert. Regisseur Sandro Kalandadze und Autorin Mariam Megvinyte haben
es gegründet, um mit den Traditionen des georgischen Theaters zu brechen,
das normalerweise von Vorgaben durch den Staat und klaren Hierarchien
geprägt ist. Sie wollen frei sein vom Einfluss des Kulturministeriums und
selbst entscheiden, was hier auf der Bühne gespielt wird.
Ein wichtiges Instrument der Regierung ist das Kulturministerium. Mit
repressiven Gesetzen geht es gegen die Kunstfreiheit vor. Seit 2021 will
das Ministerium die Kultur- und Bildungsinstitutionen des Landes auf
Parteilinie bringen. Kino, Literatur, Musik, Universitäten. Nicht selten
unter dem Vorwand, Tradition und christliche Werte schützen zu wollen. Und
häufig ähneln die Gesetze russischen Pendants – so wurde auch [3][das
„Ausländische-Agenten-Gesetz“ gegen NGOs nach dem Vorbild des Putin-Regimes
eingeführt].
Im März 2025 wurde die Vergabe der Leitungen staatlicher Theater neu
geregelt. Zuvor war die Verantwortung auf zwei Personen aufgeteilt, eine
für den künstlerischen Bereich, eine für die Administration. Beide konnten
unabhängig voneinander Entscheidungen treffen. Die Regierung ließ
verlautbaren, dieses System sei veraltet und heutigen Anforderungen nicht
mehr gewachsen. Wer die staatlichen Theaterhäuser in Zukunft leitet, das
entscheidet aktuell allein Tinatin Rukhadze, Kulturministerin des Landes
seit Anfang 2025.
Ins Haraki sind heute hundert Menschen gekommen, es ist ausverkauft. Bevor
die Gäste reingelassen werden, bringen sich die Schauspieler:innen in
Position. Sogar sie tragen alle Rot. Ein rotes Kleid, einen roten
Trainingsanzug, rote Blumen, alles rot. Es soll wohl kein Zweifel daran
bestehen, dass man sich beim Agieren der neuen Regierung an die sowjetische
Herrschaft in Georgien erinnert fühlt.
Den ersten Akt eröffnet Sopiko Gvimradze in ihrer Rolle als moderne
Antigone. „Nicht einmal die Götter haben das über meine ganze Familie
gebracht, sondern die Institutionen, die im Namen der Götter zu uns
sprechen.“ Ein Satz aus einer griechischen Tragödie, der sich heute in
Georgien topaktuell anfühlt.
Denn wie schnell man in den Fokus der Regierungspartei geraten kann,
mussten die Schauspieler:innen und Mitarbeiter:innen [4][des Royal District
Theatres erleben.] Anfang 2025 führten sie das Stück „LIBERTÉ“ des
Regisseurs Data Tavadze auf. Dort [5][inszenierten die Theatermacher:innen
eine freizügige Szene]. Ein Mann in Ritterrüstung mit entblößtem Po, der
von verschiedenen sexuellen Praktiken erzählt. Nichts, was heute auf einer
Berliner Bühne noch für Aufsehen sorgen würde.
Ein kurzer Clip dieser Szene, der heimlich aus dem Publikum gefilmt wurde,
ging darauf tagelang durch die sozialen Medien und wurde stundenlang in
Dauerschleife von den staatlichen Fernsehsendern ausgestrahlt. Die
orthodoxe Kirche und die Regierungspartei sahen darin LGBTQ-Propaganda, mit
der man gegen georgische Gesetze verstoßen und vor allem religiöse Gefühle
verletzt habe. Das Theater machte deutlich, dass der Eintritt erst ab 18
war, auch deshalb ist die Verbreitung des Clips untersagt. In den Tagen
darauf mobilisierten russlandnahe Rechtsextreme und versammelten sich vor
dem Theater. Man forderte die sofortige Streichung aller Geldmittel durch
das Kultusministerium. Ein Patriarch der georgischen orthodoxen Kirche
drohte Direktor Tavadze mit der Forderung, er möge den „blasphemischen“
Aufführungen sofort Einhalt gebieten.
Vor den Folgen des Anti-LGBTQ-Gesetzes macht man sich auch im Haraki
Sorgen. Offiziell ist es, genau wie in Russland, ein Gesetz zum „Schutz der
Kinder und familiärer Werte“. In der Realität heißt es, dass jede
öffentliche Darstellung gleichgeschlechtlicher Liebe kriminalisiert wird –
auch ein Kuss auf der Theaterbühne. Es wäre also ein Hebel, mit dem man
auch die unabhängigen Theater drankriegen könnte.
## Eine Frage der Zeit?
„Wir warten immer noch, was passieren wird, wenn wir die rote Linie
überschreiten“, sagt Gvimradze vor der Aufführung über das Gesetz. Sie
denkt, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis sie Geldstrafen zahlen
müssen oder im schlimmsten Fall sogar verhaftet werden. „Kommt es darauf
an, wer im Publikum sitzt? Oder wer nicht im Publikum sitzt?“
Auf der Bühne liegt im Totenbett der berühmte Schauspieler. Um ihn herum
sind leere Stühle, auf die sich ein Gast nach dem anderen setzt und eine
kurze Trauerrede hält. Alles ist sehr komisch, fast albern. Der
offensichtlich noch lebende Gestorbene blinzelt immer wieder auf und
reagiert auf die Reden der Gäste seiner Beerdigung. Der Tote ist nicht
totzukriegen.
In der Pause erzählt eine ältere Frau, dass sie zum ersten Mal ins Haraki
kommt. Sie ist aufgeregt. Sie findet es ganz anders als die anderen Theater
in Georgien. Ein anderer Stil, viel freier würde man hier spielen,
flüsternd ergänzt sie: „Viel Talent.“ Vor allem eins hat so richtig
Eindruck hinterlassen: „Die roten Vorhänge, das assoziiere ich sofort mit
Kommunismus – und das in der heutigen Zeit“, sie schaut dabei etwas
besorgt. Sie selbst hat die Sowjetherrschaft erlebt. Sie kennt es, wenn
alle um einen herum Angst davor haben, Kritik zu üben und lieber still
bleiben. Bevor sie weiter ausholen kann, kommt das Zeichen, dass das Stück
weitergeht.
Es nehmen immer mehr Trauergäste Platz neben dem toten Theaterschauspieler.
Besonders gut kommt die Figur des Kulturministers an. In seinem Monolog
haut er eine Chiffre autoritärer Kulturpolitik nach der anderen raus.
„Diejenigen, die sich mir und meiner Regierung widersetzen, sind die echten
Konformisten!“ Seine Performance besteht darin, sich selbst zum echten und
wahren Widerstand gegen das Establishment zu verklären – eine Karikatur der
Reden georgischer Politiker:innen im Staatsfernsehen.
Er schießt weiter gegen die westlichen Werte: „Es ist trendy geworden, uns
zu kritisieren, attraktiv zu kleiden und sich zu pro-europäischen Werten zu
bekennen.“ Gefolgt von dem ultimativen Machtinstrument aller
Kulturpolitiker:innen: „Wir sollten die Mittel nur denen geben, die Talent
haben, finden Sie nicht auch?“ Die anderen Figuren rollen gelangweilt die
Augen. Diese Parolen kennt man in Georgien. Aus dem Publikum folgen
Buh-Rufe und Gelächter.
Nicht überall gehen die Stücke so glatt über die Bühne. Das zeigt etwa die
kurzfristige [6][Absage des Theaterstücks „DARK WEB“ am staatlichen Batumi
Drama Theatre]. Der neue Leiter des Hauses, Kote Mzhavia, der regelmäßig in
regierungsnahen Medien auftritt, stoppte die Premiere kurz vor der
Aufführung im Februar. Offiziell begründete er die Entscheidung damit, dass
das Stück neben der geplanten Auseinandersetzung mit Gewalt und Grausamkeit
in der digitalen Welt auch eine politische Botschaft enthalte. Politik, so
Mzhavia, gehöre nicht auf die Bühne des Batumi Drama Theatre. Man wolle ein
Ort für Kultur sein und sich aus politischen Fragen heraushalten. Im Netz
und von wenigen Stimmen aus der Kulturszene gab es Kritik an der
Entscheidung. Unter dem Statement des Theaters auf Facebook kommentierte
der georgische Autor Irakli Kakabadze: „Erschießt den Direktor! Schickt die
Schauspieler nach Sibirien! Ehre dem Führer! Lang lebe die Partei!“ Eine
sarkastische Abrechnung und ein deutlicher Vergleich mit der Sowjetzeit.
In Georgien zählte man 2024 insgesamt 54 Theater, von denen 46 vom Staat
finanziert werden. Wer bei jenen arbeitet und eine andere Meinung als die
Regierungspartei hat, muss Angst um seinen Job haben. Eine Schauspielerin
aus dem Rustaveli-Theater berichtet, niemand wage mehr, sich irgendwie
kritisch zu äußern. Sie will aus diesem Grund auch anonym bleiben und sagt:
„Es ist echt wie Nordkorea. Niemand vertraut noch irgendwem.“ Sie war die
Einzige, die auf die Anfrage nach der Situation am Rustaveli-Theater
geantwortet hat. Es herrscht ein Klima der Angst. Was auf den staatlich
finanzierten Bühnen aufgeführt wird, sind vor allem Stücke, die niemandem
wehtun. Das so wichtige Rustaveli-Theater ist zur politischen Schaubühne
der Regierungspartei geworden.
Dabei war genau das der Ort, von dem Gvimradze, als sie noch jung war,
immer geträumt hat – die Bühne des altehrwürdigen Rustaveli-Theaters. „Als
kleines Kind nahmen mich meine Eltern immer mit ins Rustaveli. Mit großen
Augen habe ich den Schauspieler:innen zugesehen und wollte immer Teil
dieser Welt sein“, sagt Gvimradze.
Kaum eine Kunstform ist so eng verbunden mit der georgischen Identität wie
das Theater. Angeblich soll es schon im 3. Jahrhundert öffentliche
Aufführungen gegeben haben. Der Einfluss griechischer Siedler:innen und die
Urbanisierung georgischer Städte schafften neue Strukturen in Georgien.
Dazu gehörten auch öffentliche Plätze, auf denen gesungen und getanzt wurde
– alles in georgischer Sprache. Gerade in Zeiten von Besatzung und
Fremdherrschaft waren die georgischen Theaterstücke Zufluchtsort für die
Gesellschaft. Hier konnte man sich austauschen und die Machthaber:innen
kritisieren – ohne dass man so einfach verstanden wurde.
Das galt auch einmal für das Rustaveli-Theater in Tbilissi. Es wurde 1887
eröffnet, als Georgien Teil des Russischen Zarenreichs war. Selbst in
dieser Zeit war es ein Ort, um die georgische Sprache und Kultur zu
bewahren. In der kurzen Zeit der unabhängigen Demokratischen Republik
Georgien von 1918 bis 1921 blühte die Bühne auf, wurde zu einem wichtigen
Zentrum der georgischen Identität. Nach Jahrzehnten der Unterdrückung
entdeckten viele Georgier:innen hier ihre Kultur wieder und träumten von
einer sozialen Demokratie für alle.
Diese Entwicklung wurde 1921 mit dem Überfall der Roten Armee brutal
beendet. Georgien wurde von der Sowjetunion annektiert, und die Rolle des
Rustaveli-Theaters veränderte sich. Es ist die Zeit von Stalin, selbst
gebürtiger Georgier. Seine Idee war es, die Kulturinstitutionen der
eroberten Gebiete einzubinden, um die sowjetische Herrschaft zu
legitimieren. Die Losung hieß: „National in der Form, sozialistisch im
Inhalt.“ Sprachen, Kultur und Traditionen durften existieren – solange sie
die Herrschaft Stalins nicht infrage stellten.
Für das Theater hieß das, dass man zwar eigene Stücke in georgischer
Sprache aufführen durfte, aber gleichzeitig sehr vorsichtig sein musste.
Jede künstlerische Eigenständigkeit war verdächtig. Kulturelle Vielfalt war
nur als Fassade erlaubt. Wer nicht mitmachte, wurde erschossen. In der Zeit
des Großen Terrors sind in Georgien ab 1937 Tausende Menschen hingerichtet
worden. [7][Jüngere Quellen sprechen von mehr als 14.000 Menschen, die
exekutiert wurden]. Viele weitere verschwanden in den Lagern des
Gulag-Systems. Mahnendes Beispiel für diese Zeit ist der Tod von Sandro
Akhmeteli. 1937 wurde der georgische Theatermacher wegen des Verdachts der
Kritik an der Sowjetunion hingerichtet.
Als Direktor des Rustaveli-Theaters geriet Sandro Akhmeteli immer wieder
mit den Vorgaben des Sozialistischen Realismus in Konflikt. Er galt als
einer der innovativsten Regisseure der Sowjetunion – und wurde genau dafür
angegriffen: zu national, zu experimentell, schließlich
„konterrevolutionär“. Besonders sein Stück „In Tyrannos“ – also: „Gegen die
Tyrannei“ – gilt bis heute als Meisterwerk des Widerstands. Es ist eine
doppeldeutige Inszenierung über den Sturz eines anonymen Tyrannen.
In dieser Tradition sehen sich heute viele Theatermacher:innen Georgiens.
Als am 28. November 2024 die georgische Regierung den Weg in die EU
aussetzte, gingen Hunderttausende Menschen auf die Straße, unter ihnen
viele Theaterleute. Den Dezember über kam es immer wieder zu
Straßenschlachten. Barrikaden brannten, Wasserwerfer und Gummikugeln
schossen in die Menschenmengen. Die Polizei ging brutal gegen die
Protestierenden vor. [8][Eine Recherche der BBC legt nahe], dass es dabei
zum Einsatz eines chemischen Kampfstoffes kam, den man aus dem Ersten
Weltkrieg kennt. Auch Gvimradze war bei den Protesten, sie hatte wochenlang
Atembeschwerden, die sie sich nicht erklären konnte.
## Als die Polizei in den Club stürmte
Über 300 Menschen wurden während dieser Tage festgenommen. Aus Solidarität
rief die Theaterszene einen Streik aus. Insgesamt zehn Bühnen der Stadt
blieben leer. Die Theater wollten ein Zeichen setzen. Fast ein halbes Jahr
lang pausierte auch das Haraki. So lange hielten es die Schauspieler:innen
aus, auf Applaus und die Einnahmen zu verzichten. „Es war wirklich sehr
schwer, in dieser Zeit nicht zu spielen“, erinnert sich Gvimradze. Vieles
ging in ihnen vor, das eigentlich raus musste. Nach dieser Zeit wieder auf
die Bühne zu gehen, sei auch nicht so einfach gewesen. „Wir haben deshalb
eine ‚Unstoppable Performance’ gemacht.“ Vierzehn Stunden lang auf der
kleinen Bühne des Haraki. Alles, was sich aufgestaut hatte, brach hier
raus. „Die ganze Zeit haben wir die Kostüme gewechselt, ständig kamen neue
Figuren auf die Bühne.“ Für Gvimradze war es die Aufführung ihres Lebens.
Sie erzählt, wie sie Jahre zuvor erstmals das Vertrauen in den Staat
verlor. „Ich war 2018 im Club Bassiani und trank einen Cocktail, als die
Polizei reingestürmt ist und mir eine Waffe an den Kopf gehalten hat.“ Der
Club Bassiani spielt bis heute eine wichtige Rolle in der Protestbewegung.
Hier kam eine junge Generation von Georgier:innen zusammen, die
pro-europäisch waren und sich schon früh für eine liberale Drogenpolitik
einsetzten. Einen Spruch dieser Zeit findet man noch heute überall in
Tbilissi an den Häuserwänden gesprüht: „We dance together, we fight
togeher“ – „[9][Wir tanzen zusammen, wir kämpfen zusammen]“. Der
Polizeieinsatz war damals mit dem Drogenhandel im Club begründet worden –
ein Vorwand, sagen viele, die den Club gut kennen.
Nach dem Vorfall folgten Proteste, die das kleine Land am Schwarzen Meer
selten so gesehen hatte. Im Mai 2018 gingen Tausende junge Menschen auf die
Straße, um für mehr Freiheit zu demonstrieren. Mittendrin Gvimradze. Ihr
Blick auf die Politik und die Regierung in Georgien hat sich dadurch
verändert: „Da habe ich verstanden, dass sie eine eigene Vision davon
haben, wie meine Generation zu leben hat – christlich-orthodox,
traditionell und ohne dass wir selbst mitreden dürfen.“
„Während der Bassiani-Proteste musste ich viel an die Geschichten meiner
Großmutter denken“, sagt Gvimradze. Immer vor dem Einschlafen erzählte ihre
Großmutter ihr von einem kleinen, geheimnisvollen Café, das im Keller des
großen Rustaveli-Theaters war – das „Khimeroni“. In den 70ern, während der
Sowjetherrschaft, war Gvimradzes Oma dort Dauergast. Oben auf der Bühne,
vor Hunderten Gästen, wurden Stücke aufgeführt, die die Macht der
sowjetischen Herrscher sicherten – unten im Keller konnte man frei sein.
Das „Khimeroni“ wurde 1919 noch in der unabhängigen demokratischen Republik
Georgien gegründet. Hier überstanden Ideen der jungen demokratischen
Republik Georgien die Eroberung und Unterwerfung durch die Rote Armee. In
dem Café trafen sich gleichgesinnte Georgier:innen, um offen über Politik
zu reden und sich frei zu fühlen. Man trank, tanzte und sang zusammen – und
es gab eine kleine Bühne, auf der Theaterstücke aufgeführt wurden. Die
Wände und Decken waren bemalt mit Theaterfiguren, Masken, Porträts von
lebenden und toten Dichter:innen und Künstler:innen. Europäische Moderne
traf auf uralte georgische Kultur. „Es ist wahrscheinlich ein ähnlicher
Vibe wie heute die Clubs“, sagt Gvimradze. „Es war Club und Theater
gleichzeitig und dort muss es sehr, sehr wild zugegangen sein.“ Mit diesen
Geschichten im Kopf ist sie damals eingeschlafen und auch heute träumt sie
noch davon.
Die Razzia im Bassiani, das brutale Auftreten der georgischen Polizei und
die Proteste haben in Gvimradzes Generation etwas Tiefgehendes verändert –
das bis heute anhält. Vom Staat enttäuscht, lernte hier eine ganze
Generation, dass man sich wehren kann und Protest etwas bringt. Denn in den
Jahren darauf wurde die Drogenpolitik deutlich gelockert, Marihuana-Konsum
wurde nicht mehr verfolgt, und auch die Polizei ging nicht mehr gegen
Raver:innen in den Clubs vor. Die Zivilgesellschaft Georgiens wurde
sichtbarer und fordernder – auch wenn die Veränderungen in der politischen
Realität eher gering waren. Bis es wieder völlig kippte und die junge
Generation erneut auf den Straßen bekämpft wurde.
Während der Proteste 2024/2025 zogen Gvimradze und das Ensemble vor das
Rustaveli-Theater, sie hissten ein riesiges Banner mit dem Schriftzug „In
Tyrannos“, dem Namen des Stücks des ermordeten Theaterdirektors Sandro
Akhmeteli. Und nach einer Aufführung von „Hamlet“ bat das Haraki-Theater
das Publikum, sie zu den Protesten zu begleiten. Das Ensemble – noch
komplett in Kostüm – wurde von der Polizei mit Tränengas empfangen.
Gvimradze sagt: „Für uns sind Theater und Protest keine Dinge, die man
voneinander trennen kann.“
Die Angst ist bis heute groß, dass sich Georgien in ein Land wie Russland
oder Belarus verwandeln könnte. Die ersten Monate ging Gvimradze noch jeden
Tag protestieren, um für eine Zukunft in Freiheit und in der EU zu kämpfen
– ohne Oligarchen, ohne Korruption. Mehr als 500 Tage, also fast eineinhalb
Jahre, dauern die Proteste nun an. Und blieben bislang folgenlos.
„Ein sehr enger Freund von mir, auch Schauspieler, ist jetzt wegen der
Proteste im Gefängnis“, sagt Gvimradze. „Wir haben immer zusammen
protestiert. Wir waren sehr laut, aber immer friedlich.“ [10][Es geht um
Andro Chichinadze], einen bekannten und beliebten Theaterschauspieler aus
Tbilissi. Im September 2025 wurde er zu zwei Jahren Haft verurteilt.
Vorgeworfen wird ihm „Organisation, Anführung, Teilnahme an und
öffentlicher Aufruf zu gewalttätigen Handlungen“. Gvimradze hat daran
erhebliche Zweifel: „Sie sagen, sie hätten Videobeweise“, erklärt sie und
meint mit „sie“ die Regierung, doch diese würden nichts von den Vorwürfen
belegen.
Die vergangenen Monate waren kräftezehrend für die gesamte Protestbewegung.
Und doch gehen einige Menschen weiter täglich auf die Straße. Gvimradze
inzwischen nicht mehr. „Alles ist irgendwie instabil geworden, inklusive
mir“, sagt sie über die aktuelle politische Lage in Georgien. „Es gibt
Tage, da will ich nicht mal mehr Schauspielerin sein.“ Es fällt ihr immer
schwerer zu erkennen, ob es noch Hoffnung gibt für Georgien. Gleichzeitig
ist diese Verzweiflung auch ihr Antrieb weiterzumachen. Es war immer ihr
großer Traum, auf der Bühne zu stehen und zu spielen.
Nach vier Stunden maximalem Körpereinsatz auf der Bühne und im
Zuschauerraum ist das Stück vorbei. Sogar die Zuschauer:innen haben
mitgespielt. Sie haben den fiktiven Kulturminister ausgebuht, über lustige
Szenen gelacht und sich flüsternd ausgetauscht.
Ob sie eigentlich Angst vor dem Kulturministerium hat? Darauf hat Gvimradze
eine klare Antwort: „Nein!“ Sie hat aufgehört, sich selbst infrage zu
stellen. Sie will Freiheit für ihr Land, für ihre Mitmenschen und das
georgische Theater.
Während das Publikum den Saal verlässt, singt aus den Lautsprechern Nick
Cave „Death Is not the End“. Auf der Bühne bleibt das leere Totenbett. Mit
den roten Vorhängen und dem vergoldeten Protz erinnert es an das Mausoleum
von Lenin in Moskau. Aber dieses hier ist leer.
Sopiko Gvimradze zieht ihre Jacke an und geht raus in die kalte Nacht.
Morgen geht es weiter mit der nächsten Aufführung. Gleiche Zeit, gleicher
Ort, gleiche Wut.
12 Apr 2026
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