# taz.de -- Neues Deutsche-Welle-Projekt: Eine georgische Insel in Berlin
> Trotz Kürzungen startet die Deutsche Welle ein neues georgisches
> Programm. Angesichts der Entwicklungen im Land ist der Blick dorthin
> bitter nötig.
(IMG) Bild: Proteste gegen die autoritäre Regierung im Juni 2026 in Tbilisi
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer nimmt sich gemeinhin viel vor. Unlängst
äußerte er sich wieder einmal zur [1][Deutschen Welle] (DW), dem
Auslandsrundfunk der Bundesrepublik Deutschland. Die DW solle zu einer
kräftigen Stimme der Freiheit in einer zunehmend autokratisch werdenden
Welt werden, heißt es in einer Pressemitteilung des Bundesbeauftragten der
Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) vom 3. Juni 2026.
Der Mann hat Humor. Denn dieser hehre Anspruch soll mit 12 Millionen Euro
weniger als im Vorjahr umgesetzt werden. Die DW finanziert sich
ausschließlich aus dem Bundeshaushalt. Für 2026 stehen 415 Millionen Euro
zur Verfügung. Werden tarifbedingte Mehrkosten von knapp elf Millionen
hinzuaddiert, belaufen sich die Einsparungen auf 23 Millionen Euro.
Letztere sollen für 2026 jedoch teilweise ausgeglichen werden. Das bedeutet
nicht nur [2][das Aus für das Griechisch-Programm] und Abstriche bei den
journalistischen Angeboten in anderen Sprachen. Auch 160 Vollzeitstellen
stehen auf der Kippe.
Doch gerade in Zeiten klammer Kassen gilt offensichtlich die Devise: „Du
hast keine Chance, aber nutze sie!“ Und so gibt es aus dem DW-Medienhaus in
der Berliner Voltastraße auch positive Nachrichten zu vermelden.
Die DW erwartet Nachwuchs. Das Kind soll am 3. August 2026 auf die Welt
kommen. Dann geht ein Programm auf Georgisch an den Start. Der Newcomer ist
Teil eines EU-Förderprojektes im Rahmen der
„Informationsschutzschild-Initiative“, die freie Medien stärken und
gezielten Desinformationskampagnen etwas entgegensetzen will. Außer der DW
sind France Médias Monde (FMM) sowie der polnische Auslandssender TVP World
mit im Boot. Während FMM ein Programm auf Armenisch auf die Beine gestellt
hat – in Frankreich lebt eine große armenische Diaspora – nimmt TVP World
Aserbaidschan unter seine Fittiche. Die Fördersumme aus Brüssel für die
drei Programme beträgt insgesamt 11 Millionen Euro und das für einen
Zeitraum von 18 Monaten.
## Land nähert sich russischen Verhältnissen an
Alexandra von Nahmen, langjährige Mitarbeiterin bei der DW und dort seit
vergangenem Oktober Leiterin der Hauptabteilung Russia, Ukraine and Eastern
Europe, ist gespannt auf die neue Herausforderung. Die DW als deutsches
Medienunternehmen könne da eine Lücke schließen, die Nachfrage nach
Inhalten auf Georgisch sei enorm, die Gesellschaft und die Medienlandschaft
in Georgien seien stark polarisiert. „Das georgische Programm ist auch ein
Signal an die Georgier*innen: Ihr seid nicht vergessen“, sagt sie.
Den Blick nach Georgien zu richten, ist bitter nötig. Zwar ist die
Südkaukasusrepublik seit Dezember 2023 offiziell EU-Beitrittskandidat. Doch
unter der [3][Regierungspartei Georgischer Traum] nähert sich das Land
immer weiter russischen bzw. belarussischen Verhältnissen an. Seit den
umstrittenen Parlamentswahlen vom Oktober 2024 finden immer wieder Proteste
statt, gegen die Polizeikräfte teilweise mit äußerster Gewalt vorgehen.
Häufig kommt es zu Festnahmen und im Nachgang zu obskuren
Gerichtsverfahren. Davon sind auch Medienschaffende betroffen. Seit 2025
ist die Journalistin Msia Amaghlobeli, Gründerin der unabhängigen Portale
Batumelebi und Netgaseti, in Haft. Sie hatte eine zweijährige
Freiheitsstrafe erhalten, weil sie einen Polizisten geohrfeigt haben soll.
Vor über einer Woche wurde Vacho Sanaia, Moderator beim oppositionellen
Sender Formula TV, zu zwei Wochen Haft verurteilt. Grund dafür war ein
Facebook-Beitrag, in dem Sanaia ranghohe Vertreter des Georgischen Traums
beleidigt haben soll. Angestrengt hatte das Verfahren eine im Juni neu
gegründete Abteilung des Innenministeriums. Ihr Auftrag lautet: Kampf gegen
„beleidigende Kampagnen“ und „aggressive öffentliche Kommunikation“.
Anlässlich des diesjährigen Internationalen Tages der Pressefreiheit am 3.
Mai machten sechs Organisationen – darunter auch die Europäische
Journalisten-Föderation (EFJ) – in einer gemeinsamen Erklärung auf die
wachsende Bedrohung für unabhängigen Journalismus in Georgien aufmerksam.
Seit 2023 seien dort 319 Verletzungen der Pressefreiheit dokumentiert
worden, die 555 Journalisten und Medienorganisationen betroffen hätten.
„Damit zählt Georgien zu den Ländern mit dem rasantesten Rückgang der
Pressefreiheit in Europa“, heißt es darin.
## Kolleg*innen in Georgien nicht gefährden
Doch trotz wachsender Repressionen: Viele georgische Journalist*innen
wollen sich nicht einschüchtern lassen – genauso wenig wie diejenigen
Georgier*innen, die ihre Zukunft in Europa sehen. Vor allem für sie könnte
das georgische Programm der DW eine wichtige Alternative sein, um sich
anhand unabhängiger Nachrichten informieren und eine eigene Meinung bilden
zu können – und das aus unterschiedlichen Perspektiven.
Diesen Auftrag ins Werk setzen soll ein fünf- bis siebenköpfiges Team
georgischer Journalist*innen. Fast alle, die ihre Arbeit in Berlin bereits
aufgenommen haben, leben in Deutschland. Eine Person kommt aus Georgien, um
die Redaktion zu komplettieren. Den Anfang am 3. August macht Instagram,
später kommen auch noch Facebook und ein Youtube-Kanal hinzu.
Bei den Inhalten hofft von Nahmen auf Synergieeffekte mit dem armenischen
und aserbaidschanischen Programm, da habe man bereits mit der ukrainischen
Redaktion gute Erfahrungen gemacht. Es gebe viele Themen, die auch in
Georgien anschlussfähig seien. Eine Zuarbeit aus Georgien selbst sei
schwierig. Denn die Kolleg*innen dort nicht zu gefährden, sei oberstes
Gebot, so von Nahmen.
Auch der Leiter des Teams, Zura Karaulashvili, kann sich eine breite
Themenpalette vorstellen. Als Beispiele nennt er Geschichten über
Georgier*innen, die in Deutschland leben und unterschiedliche Hintergründe
haben – von Künstler*innen über Restaurantgründer*innen bis hin zu
anderen spannenden Persönlichkeiten, aber auch Kulturveranstaltungen oder
Politiker*inneninterviews. Ideen, so sagt er, gebe es viele. Derzeit laufen
die Vorbereitungen für den Sendestart auf Hochtouren. Auch Karaulashvili
muss sich, so scheint es, noch an seinen neuen Arbeitsplatz gewöhnen – an
diese kleine neue georgische Insel mitten in Berlin.
2 Aug 2026
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## AUTOREN
(DIR) Barbara Oertel
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