# taz.de -- Koalitionsbildung in Berlin: Lebenserfahrung einfach wegzuwischen, ist falsch
> Die Mahnungen von Älteren aus SPD und CDU vor einem Bündnis mit der
> Linkspartei wurden gern belächelt, etwa als „Muppet-Show“. Das war und
> ist unfair.
(IMG) Bild: Wer Frank-Walter Steinmeier 2027 ins Bundespräsidialamt folgen will, muss mindestens 40 Jahre alt sein
Erst die zwei Dutzend frühere SPD-Landesvorsitzende, sozialdemokratische
Senatoren und Staatssekretäre. Dann der langjährige Grünen-Vordenker Ralf
Fücks, vormals ebenfalls Landesminister. Und schließlich die über 80 meist
prominenten Köpfe aus SPD, Grünen und CDU, die in ihrem [1][„Berliner
Appell für Verantwortung]“ vor einer von der Linkspartei angeführten
Landesregierung warnten.
Ihnen gemeinsam ist: Es sind vor allem Ehemalige und Ältere, die sich da zu
Wort meldeten. Jemand wie Noch-Bezirksbürgermeister Martin Hikel mit erst
40 Jahren ist in dieser Reihe eher die Ausnahme – wobei auch ihm 8
Amtsjahre im Neuköllner Rathaus reichlich Seniorität geben.
Gebracht hat es bislang nichts. Donnerstagmittag präsentierten Linkspartei,
Grüne und SPD [2][zwei Vereinbarungen zum Umgang mit Antisemitismus und
organisierter Kriminalität]. Von „Clan-Kriminalität“, um die es in den
Debatten der vergangenen drei Wochen ging und von der etwa Hikel explizit
spricht, ist nicht die Rede.
Nun ist es ja auch nicht so, dass eine Mahnung Anspruch darauf hat, nicht
nur gehört, sondern auch beherzigt zu werden – egal ob sie von Älteren oder
Jüngeren ausgeht. Wenn die aktuell in Berlin bei Grünen und SPD
Verantwortlichen zu dem Schluss kommen, die Dinge anders zu sehen, ist das
ihre freie Entscheidung.
## Auch Frauen beim „Berliner Appell“
Was hingegen in den vergangenen Wochen übel aufstoßen konnte, war der
Umgang mit denen, die diese Papiere unterzeichnet hatten. Von einer
„Muppet-Show“ war schon mal zu hören, auch in Journalistenkreisen, offenbar
in Anlehnung an zwei Puppen, die ältere Männer darstellen, die von einer
Loge aus das Geschehen kommentieren. Anderswo war zu hören, da seien
„Gerontokraten“ am Werk.
Wieso soll es ausgerechnet das Alter sein, das die Mahnung der Kritiker
abwertet? Was dort mitzuschwingen scheint: eine grundsätzliche Abneigung
gegen das Wirken alter weißer Männer. Dabei wandten sich durchaus auch
Frauen gegen ein Zusammengehen mit der Linkspartei. Im „Berliner Appell“
sind das etwa Marianne Birthler, die frühere Grünen-Landesministerin und
Ex-Chefin der Stasi-Unterlagen-Behörde, oder Ex-Bundesministerin Christine
Bergmann von der SPD.
Dinge gut beurteilen zu können, speist sich aus mehreren Quellen: profunder
Kenntnis aktueller Umstände, einem inneren Kompass – aber eben auch
Lebenserfahrung. Das soll nicht heißen, dass jeder Ältere vor Weisheit nur
so birst. Als Gegenbeispiel lässt sich anführen, dass nicht jeder
Alterspräsident eines Landtags – das zufällig älteste Mitglied, das die
konstituierende erste Sitzung leitet – einem Parlament zur Ehre gereicht
hat.
Grundsätzlich aber muss da etwas dran sein mit der Lebenserfahrung. Im
antiken Sparta schon bildete ein Ältestenrat, die Gerusia, eine von drei
Säulen des Staatswesens. Mindestens 60 Jahre musste alt sein, wer dort zum
Mitglied gewählt werden wollte. Anderswo gab und gibt es Dorf- oder
Stammesälteste.
## Wertschätzung im Grundgesetz
Wer Älteren so viel Macht zumisst, kann damit nicht auf Dauer ganz
schlechte Erfahrungen gemacht haben. Noch heute findet sich im Grundgesetz
eine Wertschätzung einer gewissen Lebenserfahrung. [3][Artikel 54 schreibt]
dort vor, dass Bundespräsident nur werden kann, wer „das vierzigste
Lebensjahr vollendet hat“. Das ist auch gut so – schon allein als Zeichen.
9 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://berlinerappell.de/
(DIR) [2] https://sogo.taz.de/SOGo/so/alberti/Mail/0/folderINBOX/320205/3/Berliner%20Vereinbarung%20zur%20Organisierten%20Kriminalit%C3%A4t.pdf
(DIR) [3] https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_54.html
## AUTOREN
(DIR) Stefan Alberti
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Wahlen in Berlin
(DIR) Rot-Grün-Rot
(DIR) Die Linke
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Koalitionsbildung in Berlin: Ein paar Abweichler könnte Kenia verkraften
Linkspartei, Grüne und SPD entscheiden in einem dritten Vorgespräch über
Sondierungen. Ein Kenia-Bündnis als Alternative hätte nur eine knappe
Mehrheit.
(DIR) Diskussion über mögliche Koalitionen: Der Druck auf die Grünen steigt
Ex-Senator Wesener hält ein Linksbündnis für alternativlos. Der langjährige
Parteivordenker Ralf Fücks hingegen warnt vor „politischem Dammbruch“.
(DIR) Vor dem Start von Sondierungen: Jetzt warnen Ex-SPD-Größen vor der Linkspartei
Frühere Senatoren und Parteichefs der SPD melden sich zu Wort. Eine
Koalition mit der Elif-Eralp-Partei halten sie für unvereinbar mit „roten
Linien sozialdemokratischer Werte“.