# taz.de -- KI und Journalismus: Ein Monster namens Künstliche Intelligenz
> Medienschaffende schaufeln sich mit der Nutzung von KI selbst ein Grab.
> Rette, wer kann, kritisches Urteilsvermögen und Glaubwürdigkeit.
(IMG) Bild: ährend soziale Medien die Öffentlichkeit zersplitterten, beginnen KI-Systeme sie allmählich zu synthetisieren
Als Jürgen Habermas im Jahr 2022 noch einmal zur Feder griff, um über den
Zustand der Öffentlichkeit nachzudenken, tat er etwas Ungewöhnliches: Ein
Denker, der sein Lebenswerk längst geschrieben hatte, kehrt zu seinem
zentralen Thema zurück – als wolle er prüfen, ob die Grundlagen
demokratischer Öffentlichkeit noch tragen. Sein berühmtes Buch über den
„[1][Strukturwandel der Öffentlichkeit]“ erschien bereits 1962 und
beschrieb die Entstehung eines bürgerlichen Diskursraums, in dem private
Menschen über politische Fragen stritten.
60 Jahre später klingt dieser Ton verhaltener. In seinem Essay „[2][Ein
neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit]“ analysierte Habermas eine
Kommunikationsordnung, in der sich Öffentlichkeit in Plattformen,
Algorithmen und personalisierte Informationsströme auflöst – und damit jene
gemeinsame Aufmerksamkeit verliert, auf der demokratische Verständigung
einst beruhte. Ihn beunruhigten diese Phänomene in einer Zeit, in der
soziale Netzwerke noch als zunehmend toxisches Gefüge öffentlicher
Kommunikation galten.
Nur wenige Jahre später verschiebt sich seine Gegenwartsdiagnose erneut.
Denn inzwischen greift eine schillernde Technologie in diese
krisenanfällige Architektur ein: [3][die künstliche Intelligenz]. Während
soziale Medien die Öffentlichkeit zersplitterten, beginnen KI-Systeme sie
allmählich zu synthetisieren. Texte, Bilder und Antworten entstehen
zunehmend in maschinellen Dialogfenstern die Informationen verdichten und
rekombinieren.
Der Öffentlichkeitsbegriff, von dem Habermas ausging, beruhte bekanntlich
auf gemeinsamen Wirklichkeitszuschreibungen. Zeitungen, Rundfunk und später
auch digitale Medien bildeten dafür ein verlässliches Ordnungssystem, das
zumindest grundsätzlich nachvollziehbar blieb. Man konnte erkennen, wer
eine Information recherchiert hatte, wer für ihre Veröffentlichung
verantwortlich war und in welchem institutionellen Kontext sie steht.
## Intransparente Quelle
Genau diese Zuordnung beginnt in der KI-vermittelten Kommunikationsordnung
unkenntlich zu werden. Nachrichten erscheinen heute immer häufiger nicht
mehr als Artikel oder Sendung, sondern als Antwort in einem Chatfenster.
Diese Outputs wirken plausibel und vollständig, doch ihr Ursprung bleibt
intransparent. Meist bestehen sie aus Fragmenten journalistischer,
wissenschaftlicher oder politischer Inhalte, die von algorithmischen
Systemen neu zusammengepuzzelt werden.
Diese Verlagerung hat eine paradoxe Folge. Während Redaktionen generative
KI-Systeme einsetzen, verlieren sie gleichzeitig an Sichtbarkeit.
Reichweite entsteht immer seltener im Austausch zwischen Redaktion und
Publikum, sondern über Plattformen und KI-Interfaces. Gerade jene
journalistischen Leistungen, die Zeit, Präsenz und Präzision erfordern –
Recherche vor Ort oder investigative Arbeit –, geraten dadurch unter Druck.
Wie tief dieser Wandel inzwischen in den Redaktionsalltag hineinreicht,
zeigte ein Vorfall beim ZDF: In einem [4][Beitrag des „heute journals“]
wurden KI-generierte Bilder und falsch kontextualisiertes Material
verwendet – ohne Kennzeichnung. Die Redaktion entschuldigte sich, die
verantwortliche Korrespondentin wurde abgezogen. Der Vorgang wurde schnell
als „Medienpanne“ definiert, als handwerklicher Fehler, der durch strengere
Kontrollmechanismen künftig verhindert werden solle.
Man könnte solche Vorfälle – jüngst auch beim Spiegel oder im
[5][Ippen-Verlag] – als eine Serie unglücklicher Einzelfälle abtun. Doch
genau das wäre fatal. Sie markieren vielmehr den Beginn eines Musters, das
sich in den kommenden Monaten immer häufiger im Redaktionsalltag zeigen
dürfte. Denn sichtbar wird hier weniger ein technisches als ein kulturelles
Problem: Der Journalismus hat sich über Jahrzehnte daran gewöhnt,
technologische Umbrüche vor allem als Effizienzfragen zu behandeln.
## Die KI nutzt jeden Prompt
Neue Software, neue Plattformen, neue Distributionswege – all das wurde
meist als pragmatische Anverwandlung an eine sich transformierende
Medienökonomie interpretiert. Mit der KI funktioniert diese Methode nun
nicht mehr. Denn LLMs (Large Language Models für sehr lange Texte) sind
keine weitere Produktionsstufe in der Redaktionsroutine: Mit jedem Prompt
studieren KI-Sprachmodelle journalistische Texte, Interviewtranskripte,
Analysen, Kommentare oder Reportagen.
Sie lernen schleichend das Metier des Journalismus – und das mit einer
Akribie und Geschwindigkeit, die kein Mensch je erreichen könnte.
Ironischerweise beteiligt sich die Branche ganz freiwillig an diesem
Prozess. Journalisten, PR-Leute und Mediennutzer füttern KI-Systeme täglich
mit teils vertraulichen Fragen, Dokumenten und Texten. Jeder Prompt wird
Teil eines Trainingsprozesses, in dem die Maschinen lernen, wie
journalistische Argumentation funktioniert – und beginnen, journalistische
Denkweisen zu modellieren.
Der österreichische Publizist A. H. Kober sprach vor rund 100 Jahren von
der „Seele des Journalisten“ – jener gesunden Mischung aus Skepsis,
Erfahrung und Urteilskraft, die sich im Laufe eines Berufslebens bildet.
Genau diese Seele steht nun zur Disposition, wenn Recherche, Strukturierung
und Formulierung zunehmend automatisiert werden. Die Reaktion vieler
Medienhäuser darauf wirkt verblüffend unentschlossen.
Einerseits wird KI enthusiastisch als Produktionsbooster gefeiert,
andererseits rhetorisch verharmlost – als „Assistent“, „Sparringspartner“
oder „Tool“. Diese Beschwichtigungsrhetorik lässt eine Digitaltechnologie
harmlos erscheinen, deren strukturelle Folgen gerade für Öffentlichkeit und
Demokratie heute schon erheblich ist.
## Expertise wird wichtiger
Besonders sichtbar wird diese Zögerlichkeit im Umgang mit Big Tech. Denn
während Journalisten endlich darüber diskutieren, ob sie ihre Inhalte
weiterhin auf dysfunktionalen und süchtig machenden Plattformen wie Tiktok,
LinkedIn oder Instagram schaufeln sollten, etabliert sich mit der KI längst
die nächste Suchtschnittstelle: In der neuen Vertrauensökonomie entsteht
Bindung zunehmend dort, wo individuelle Chatverläufe generiert werden –
nicht mehr dort, wo redaktionelle Artikel oder Fernsehnachrichten
erscheinen.
Ein Blick auf die strategischen Debatten in den USA zeigt, wohin diese
Entwicklung führen könnte. Der Gründer [6][Jim VandeHei] des
US-Nachrichtenportals Axios formulierte das kürzlich ungewöhnlich offen: In
einer Welt voller KI-generierter Inhalte werde sich jener Journalismus
durchsetzen, den Maschinen nicht ersetzen können: Während KI den
Durchschnittsjournalismus zunehmend automatisiere, steige der Wert
derjenigen, die über Expertise, Quellenkenntnis und Glaubwürdigkeit
verfügten.
In dieser Stringenz führt das zu einer radikalen Zweiteilung des Marktes.
Auf der einen Seite entsteht eine unausweichliche Flut seelenloser Inhalte
– schnell produziert, billig, blutleer. Auf der anderen Seite bleibt ein
kleiner Kern journalistischer Arbeit übrig, der sich durch Exzellenz und
persönliche Autorität von der Masse abhebt. Für viele Medienhäuser bedeutet
das, sich einer unbequemen Wahrheit zu stellen: Die eigentliche Konkurrenz
für Journalismus ist nicht die generative KI. Es ist der mittelmäßige
Journalismus, den die Maschinen problemlos ersetzen können.
Zwei Jahrzehnte lang dominierte der Trugschluss, Journalismus müsse auf
Social-Media-Plattformen erfolgreich performen, um junge Zielgruppen an
ihren digitalen Kontaktpunkten zu erreichen. Der Preis dieser
Anbiederungstaktik ist inzwischen offenkundig: Medienhäuser produzierten
unablässig Inhalte für Plattformen, deren Algorithmen permanenten
Narzissmus belohnen, während sie die publizistische Autorität systematisch
untergraben.
## Journalismus als Rohstofflieferant
Was lange als notwendige Anpassung in der Plattformökonomie galt, erscheint
im Rückblick eher wie kollektiver Selbstmord – oder zumindest wie ein
reichlich missglücktes Experiment der professionellen Selbstentstellung.
Während der Journalismus noch zaghaft versucht, seine Rolle zwischen
Influencertum und Creator-Economy auszubalancieren, verschiebt sich die
Konfliktlinie bereits weiter: Mit KI entsteht eine neue Ebene öffentlicher
Kommunikation.
Damit schiebt sich ein neuer Gatekeeper öffentlicher Kommunikation
dazwischen - und verschiebt damit auch die Verantwortungslücke weiter. Wenn
Inhalte zunehmend automatisiert vorbereitet, strukturiert und verbreitet
werden, stellt sich zwangsläufig die Frage: Wer entscheidet, welche Bilder
verwendet werden? Wer überprüft Quellen? Wer trägt die letzte
Verantwortung?
Die Antwort auf diese Fragen ist keine technische, sondern vielmehr eine
institutionelle. Kennzeichnungspflichten und Leitlinien sind wichtige
Schritte, greifen aber oft zu kurz: Viele Redaktionen berufen sich auf
realitätsferne KI-Kodizes, die zwar hübsch klingende Prinzipien
formulieren, ohne aber verbindlich zu klären, wie Verantwortung im
konkreten Produktionsprozess tatsächlich organisiert wird. Der Journalismus
steht damit vor einer Entscheidung, die größer ist als jede philosophische
KI-Debatte.
Er kann versuchen, KI-Technologie innerhalb bestehender Produktionsabläufe
einzubinden – und riskiert damit erneut, sich tiefer in die Logik der
Algorithmen zu verstricken. Oder er begreift generative KI als das, was
inzwischen aus ihr geworden ist: eine wirkmächtige Maschinerie der
Wirklichkeitsproduktion, die grundlegende Reformen institutioneller
Rechenschaft erzwingt – manche, wie der US-Politiker Bernie Sanders,
plädieren sogar für ein [7][Moratorium der globalen KI-Entwicklung].
Klar ist: Der Journalismus arbeitet an einer kommunikativen Architektur
mit, die immer besser darin wird, seine Denk- und Arbeitsweisen zu
imitieren. Das große Fressen beginnt also nicht erst dann, wenn ganze
Redaktionen demnächst aus Effizienzgründen verschwinden. Es beginnt viel
früher – nämlich in dem Moment, in dem die Leitplanken öffentlicher
Kommunikation ihre Konturen verlieren, weil die KI-Systeme aus
journalistischer Arbeit lernen, um sie anschließend ohne menschliche
Journalisten weiterzuführen.
Vermutlich wird Journalismus trotz dieser eigenwilligen Dynamik noch lange
seinen Job erledigen. Aber er ist dann nicht mehr die Referenzgröße
demokratischer Erwartungen der Bürger, sondern ein Residuum – eine
Rohstoffquelle unter vielen. Vielleicht besteht die Ironie dieser
Entwicklung darin, dass der Journalismus an einer Infrastruktur mitbaut,
die ihn am Ende selbst verschlingt. Nach Jahren digitaler Entfremdung wäre
dies der letzte Wandlungsakt eines Metiers, das lange glaubte, schrille
Selbstinszenierungen gegen kritisches Urteilsvermögen eintauschen zu
können.
10 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Nachruf-auf-Juergen-Habermas/!6088782
(DIR) [2] /Neues-Buch-von-Juergen-Habermas/!5878340
(DIR) [3] /Schwerpunkt-Kuenstliche-Intelligenz/!t5924174
(DIR) [4] /heute-journal-zu-ICE/!6155436
(DIR) [5] https://uebermedien.de/113415/ippen-medien-schreiben-mit-ki-guardian-reportage-ab/
(DIR) [6] /Nachrichtenseite-Politico-in-Europa/!5011742
(DIR) [7] /Moratorium-ueber-Umgang-mit-KI/!5925502
## AUTOREN
(DIR) Stephan Weichert
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