# taz.de -- Kochen lernen mit KI: Prompt schmeckt’s besser
       
       > Unser Autor will mit einem Chatbot kochen lernen. Der Vorteil: Er kann
       > die KI an seinem Geschmack ausrichten. Bald kennt sie auch seine
       > Schwächen.
       
 (IMG) Bild: Wie viel Wasser gehört in die Brühe? An solchen Punkten scheiterte unser Autor früher, jetzt fragt er den Chatbot
       
       Als ich schon weit über 30 war, gestand mir meine Mutter einmal, dass sie
       nie gerne gekocht hat. Sie habe es pflichtschuldig getan, damit ihre Kinder
       ordentlich essen, aber wirklich Spaß hatte sie daran nie.
       
       Damit ergab rückblickend vieles für mich plötzlich viel mehr Sinn. Warum
       ich so vertraut mit den [1][Katalogen von Tiefkühlkostlieferanten] war
       (okay, das mögen auch einfach die 90er gewesen sein). Warum ich mit dem
       Auszug von zu Hause plötzlich so viele Lebensmittel kennenlernte,
       Gemüsesorten und Gewürze, von denen ich noch nie gehört hatte. Und auch,
       warum mir Kochen nie richtig Freude bereitet hat. Kein Wunder, wenn Essen
       für mich vor allem Nahrungsaufnahme gewesen war.
       
       Aber gut, das sind vielleicht auch einfach küchenpsychologische Ausreden,
       um meiner eigenen Bequemlichkeit nicht ins Auge blicken zu müssen.
       Schließlich bin ich inzwischen über 40 und komme noch immer nicht über
       Nudeln mit Fertigsaucen oder Kochbeutelreis mit angebratenem (aber kaum
       gewürztem) Gemüse hinaus.
       
       Wo andere in der Küche einfach improvisieren können, fehlt mir jeglicher
       Zugang. Dabei hatte ich es über die Jahre immer wieder versucht. Doch
       selbst Kochbücher, die dem Titel nach auf Anfänger ausgerichtet waren,
       überforderten mich schon nach kurzer Zeit. Außerdem habe ich eine
       Partnerin, die hervorragend und meistens auch gerne kocht. Ich wurde also
       eher Profi im Tischdecken und Töpfeabspülen als im Sautieren von
       Champignons.
       
       ## Kinder und KI
       
       Vergangenes Jahr kamen dann zwei Umstände zusammen, die das ändern sollten.
       Erstens war ich regelmäßig mehrere Abende die Woche mit meinem Kind
       alleine, was nun wiederum mir die Verantwortung für ein ordentliches
       Abendessen übertrug. Und zweitens: die sich stetig verbessernden
       Fähigkeiten von k[2][ünstlicher Intelligenz].
       
       Ich hatte bereits gute Erfahrungen damit gemacht, Wissensaufgaben mit
       vielen oder fein ziselierten Variablen an eine KI auszulagern. Warum nicht
       auch hier?
       
       Eines Tages also schrieb ich einen knapp 900 Zeichen langen Prompt in die
       Eingabemaske des Chatbots meines Vertrauens, beginnend mit den Worten: „Ich
       möchte ab sofort zweimal die Woche für mich selbst kochen. Du bist mein
       persönlicher Koch-Coach und empfiehlst mir neue Gerichte, die ich probieren
       kann, die mich Stück für Stück besser im Kochen machen und mich neue Wege
       beschreiten und neue Dinge lernen lassen. Ich bin nicht doof und kann viele
       Basics, aber ich bin schlecht im Abschmecken und im Fachvokabular von
       Rezepten.“
       
       Über Chatbots hält sich hartnäckig die Ansicht, dass es magische Formeln
       oder perfekt auf den Punkt gebrachte Prompts braucht, um gute Ergebnisse zu
       erzielen. Meine Erfahrung ist eine andere: Möglichst genau beschreiben, was
       man erwartet, und danach Geduld haben, um das Ergebnis iterativ zu
       verbessern. Der Rest meines Prompts bestand deswegen aus präzisen Vorgaben
       für Zeit, Zutaten, bevorzugte Geschmacksrichtungen und der Art und Weise,
       wie ich die Rezepte gerne formuliert hätte.
       
       ## Erste Empfehlung: ein Klassiker
       
       Die KI empfahl mir als Erstes eine Pasta mit cremiger
       Zitronen-Knoblauch-Sauce. „Ein Klassiker, der dir hilft, verschiedene
       Aromen wie Säure, Würze und Cremigkeit auszubalancieren.“ Ich kochte und
       meldete direkt zurück: „Geschmeckt hat es ganz gut. Die Zubereitung war
       etwas stressig, weil ich mir nicht alles vorher zurechtgelegt hatte.“
       
       Und das ist der große Vorteil von KI gegenüber einem Kochbuch: Das nächste
       Rezept („Gemüse-Curry mit Kokosmilch und Reis“) war dann direkt so
       formuliert, dass ich alle Zutaten vorher vorbereiten konnte und nicht noch
       hektisch Knoblauch schnippeln musste, während die Nudeln bereits vor sich
       hin kochten. Zu den weiteren Rückmeldungen, die ich gab, gehörten: „Ich
       möchte nicht nur für ein Essen ein Glas Erdnussbutter kaufen!“, „Das war
       deutlich zu wenig Sauce“, „Ich habe wieder mal gemerkt, dass ich
       Tomaten-Sahne-Sauce nicht mag“. Auf alle meine Beschwerden wurde bisher
       prima eingegangen.
       
       Inzwischen kennt der Chatbot sogar meine Schwächen und erklärt mir bei
       jedem Gericht genau, wie ich beim Abschmecken in verschiedene Richtungen
       korrigieren kann: „Falls die Sauce zu sauer ist, eine Prise Zucker oder
       mehr Sahne, falls sie zu mild ist, etwas mehr Paprikapulver oder Salz,
       falls sie zu dick ist, mehr Nudelwasser.“ Und er markiert seine teachable
       moments: „Jetzt kommt ein Schlüssel-Learning: Nicht ständig rühren, 2–3
       Minuten liegen lassen ---> Röstaromen!“
       
       Natürlich weiß ich, dass man künstlicher Intelligenz nicht alles glauben
       darf, und dass Chatbots mitunter syntaktisch wunderbar sinnvoll klingende
       Sätze ausspucken, die inhaltlich gar nicht hinhauen. Beim Kochen ist mir
       das bisher aber nicht passiert. Oder es hat zufällig trotzdem geschmeckt.
       
       ## Die namenslosen Köchinnen
       
       Dank KI – und natürlich dank der Armee aus namenlosen Köchinnen und Köchen,
       von denen sich die KI ihr Wissen zusammengeklaubt hat – werde ich, wie
       verlangt, Schritt für Schritt durch meine persönliche Koch-Journey geführt,
       ganz ohne Fachbegriffe und mit sofortigen Infos zu den scheinbar dümmsten
       Fragen.
       
       Etwa „Wie stelle ich 100 ml Brühe her?“, als ein Rezept nach 100 ml Brühe
       verlangte. Klar, ich weiß, was Brühpulver ist und ich weiß, dass es in
       Wasser gehört – aber in welchem Verhältnis genau? Ich glaube: Wer bereits
       Expert*in ist, ahnt gar nicht, an welchen Punkten des Prozesses Trottel
       wie ich ins Straucheln kommen.
       
       Ein gutes Jahr ist seit dem ersten Prompt vergangen. Bin ich durch meine
       KI-befeuerte kulinarische Erweckungserfahrung zu einem Zauberer in der
       Küche geworden? Nein. Koche ich immerhin regelmäßig einfache, aber leckere
       Gerichte für mich selbst? Auch nein, was aber hauptsächlich daran liegt,
       dass meine Allein-Abende sich wieder reduziert haben.
       
       Zwei Effekte aber habe ich auf jeden Fall bemerkt: Erstens, dass bereits
       wenige Wiederholungen unter Aufsicht (in diesem Fall durch den Chatbot)
       dazu führen, dass ich Prozesse verstehen und verinnerlichen kann. Und
       zweitens und viel wichtiger: dass ich endlich die Angst verloren habe, mich
       am Kochen zu versuchen. Zu wissen, dass ich „jemanden“ habe, der urteilslos
       auf meine peinlichsten Wünsche und Fragen eingeht, gibt mir eine enorme
       Sicherheit.
       
       Und wo die Angst erst mal verschwunden ist, ist der Spaß nicht weit. Das
       ist die Wahrheit, auch wenn sie klingt wie ein von einer KI formulierter
       [3][Glückskekszettel].
       
       25 May 2026
       
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