# taz.de -- Investigativjournalist über Sam Altman: „Auf Ungleichheit folgt Korruption“
> Ronan Farrow hat Sam Altman, Chef des KI-Konzerns OpenAI, ein Jahr lang
> begleitet. Sein Urteil: Der Mann hinter ChatGPT ist ein Meister der
> Täuschung.
(IMG) Bild: Sam Altman: Verspricht er zu viel zu schnell?
taz: Herr Farrow, Sie beschäftigen sich seit Jahren kritisch mit den
Tech-Bros im Silicon Valley, zuletzt mit OpenAI-Chef Sam Altman. Ein
früherer Geldgeber von OpenAI, Elon Musk, hat [1][kürzlich und vergeblich
versucht, Altman zu verklagen]. Sein Argument: OpenAI habe sich unter
Altman von einer gemeinnützigen Organisation zu einem milliardenschweren
Unternehmen gewandelt. Ist das so? Hat im KI-Bereich der Kommerz endgültig
gegen die Ethik gewonnen?
Ronan Farrow: Ich denke, Musks angestrebter Prozess macht vor allem eines
deutlich: Wir erleben gerade einen Moment der nationalen Selbstreflexion.
In dieser Geschichte gibt es keine offensichtlichen Held*innen. Sie können
meine Berichterstattung ansehen und selbst beurteilen, wie stichhaltig
Musks Behauptung ist, OpenAI habe sich von seiner ursprünglichen Mission –
der Priorisierung der technologischen Sicherheit – abgewandt. Doch auch
Grok, Musks eigene Technologie, wirft zahlreiche Sicherheitsfragen auf.
taz: Wenige Tage nach der Veröffentlichung [2][Ihrer Recherchen im New
Yorker] warf ein 20-jähriger Mann einen Molotowcocktail auf Sam Altmans
Wohnhaus. Altman bezeichnete Ihren Artikel in der Folge als
„aufwieglerisch“. Wie reagieren Sie darauf?
Farrow: Sam Altman hat sich später öffentlich entschuldigt und eingeräumt,
dass dies eine unglückliche Wortwahl war. Zudem ist anzumerken, dass die
Person, die die Flasche warf, bereits vor der Veröffentlichung meines
Artikels durch extremistische Äußerungen gegen KI aufgefallen war. Gewalt
ist keine Lösung. Ganz allgemein halte ich es für wichtig, sich vor Augen
zu führen, dass die Wut vieler Menschen auf KI-Firmen durchaus berechtigt
ist. Wenn man über „aufwieglerische“ Worte sprechen möchte, muss man gar
nicht weit blicken – ein Blick auf Altman selbst genügt. Er hat sein
Unternehmen auf einer apokalyptischen Rhetorik aufgebaut, indem er
behauptete, KI könne uns alle töten und dazu führen, dass unzählige
Menschen ihre Arbeitsplätze verlieren. Das ist eine Aussage, die Ängste
geschürt und ihm dabei geholfen hat, enorme finanzielle Mittel für den
Aufbau seines Unternehmens einzuwerben – doch er ist nicht der Einzige, der
solche Behauptungen aufstellt.
taz: Altman forderte vor dem US-Kongress eine Regulierung der KI, betrieb
jedoch gleichzeitig eine aggressive Lobbykampagne, die genau in die
entgegengesetzte Richtung zielte. Wie deuten Sie diesen Widerspruch?
Farrow: Altmans Glaubwürdigkeit war bereits ein zentrales Thema in dem
Rechtsstreit mit [3][Elon Musk]. Es bleibt jedem selbst überlassen, zu
beurteilen, ob diese Aussagen ein Ausdruck von Redlichkeit sind.
taz: Sie beschreiben Sam Altman als einen „People-Pleaser“ – jemanden, der
es allen recht machen will – sowie als eine Person mit einer „fast schon
soziopathischen Gleichgültigkeit gegenüber den Folgen von Täuschung“. Wie
könnte sich die Tatsache, dass ein solcher Mann hinter der Entwicklung
einflussreicher KI-Software steckt, auf den Durchschnittsbürger auswirken?
Farrow: Abgesehen vom Risiko massiver Verwerfungen auf dem Arbeitsmarkt
sprechen wir hier über autonome Kriegsführung, die Entwicklung chemischer
Waffen, Wahlmanipulation und Deepfakes, die unser grundlegendes
Realitätsverständnis bedrohen. Die Frage nach der Ehrlichkeit des
Marktführers ist daher von entscheidender Bedeutung. Wie sehr können
Investor*innen und Steuerzahler*innen in den USA – die Rüstungsaufträge an
KI-Unternehmen subventionieren – den Zusicherungen der führenden Köpfe
dieser Technologie vertrauen? Es besteht ein erhebliches wirtschaftliches
Risiko. Zahlreiche Expert*innen warnen davor, dass Altman zu viel und zu
schnell verspricht und widersprüchliche Vereinbarungen trifft, ohne dabei
tatsächliche Gewinne zu erwirtschaften. Sollte diese Blase platzen, würden
die Folgen nicht nur OpenAI treffen; sie könnten die gesamte Wirtschaft
destabilisieren.
taz: Sam Altman selbst hat davor gewarnt, dass eine Wirtschaftsblase rund
um KI bald platzen könnte. Glaubt er, dass seine eigenen Finanzen betroffen
sein werden?
Farrow: Es ist schwer nachzuvollziehen, was Altman wirklich glaubt. Seine
Prognosen schwanken stark zwischen alarmistischen und utopischen Szenarien.
Angesichts realer Umbrüche auf dem Arbeitsmarkt wirken seine Lösungen oft
oberflächlich; er argumentiert häufig, dass jeder mithilfe großer
Sprachmodelle über die OpenAI Foundation ein eigenes Start-up gründen
könne. Fragt man jedoch seriöse Ökonom*innen, ob die Nutzung von ChatGPT
durchschnittliche Arbeiter*innen auf magische Weise in erfolgreiche
Tech-Unternehmer*innen verwandeln kann – oder ob dies eine sinnvolle Lösung
für Millionen verlorener Arbeitsplätze darstellt –, wird er den Kopf
schütteln.
taz: Altman preist KI als Heilstechnologie an, warnt aber zugleich vor
einem apokalyptischen Risiko, sollte China das Rennen um die Allgemeine
künstliche Intelligenz gewinnen – also KI erschaffen, die die menschliche
Intelligenz übertrifft. Befindet sich diese Technologie denn [4][bei der
US-Regierung in den „richtigen Händen“?]
Farrow: Allgemeine künstliche Intelligenz bietet zwar immense Vorteile für
Medizin und Klimaforschung, doch ihre Entwickler*innen sind sich einig,
dass wir auf ihre zerstörerischen Risiken nicht vorbereitet sind. Auch wenn
die Unterschiede zwischen der US-amerikanischen und der chinesischen
Vormachtstellung diskussionswürdig sind, zeigen meine Recherchen, dass die
„China-Bedrohung“ in Washington häufig instrumentalisiert wird, um wichtige
Regulierungen zu verzögern und ein unkontrolliertes Vorgehen ohne jegliche
Schutzmechanismen zu rechtfertigen. Sam Altman warnt seit Langem vor einer
unmittelbar bevorstehenden chinesischen Vorherrschaft, doch viele
Expert*innen und Beamt*innen weisen darauf hin, dass China weitgehend auf
US-amerikanische Daten angewiesen ist und die Bedrohung weit weniger
greifbar ist, als er annimmt.
taz: Können institutionelle und demokratische Mechanismen die Macht von
Tech-Milliardären denn überhaupt noch eindämmen?
Farrow: In meinen Recherchen zu Elon Musk weise ich darauf hin, dass
Historiker seine beinahe überstaatliche Macht als ahistorisch betrachten;
sie unterscheidet sich von der Macht etwa der Rockefellers. Diese
Superreichen waren in vielerlei Hinsicht skrupellose Akteure, agierten aber
dennoch innerhalb eines Gesellschaftsvertrags, der sie verpflichtete, etwas
zurückzugeben und Infrastruktur zu schaffen. Heute sind die Milliardäre des
Silicon Valley den Regierungen gegenüber kaum noch rechenschaftspflichtig
und können nach ihren eigenen Regeln leben. Betrachtet man den historischen
Kreislauf der Vermögensungleichheit, zeigt sich ein Muster: Auf extreme
Ungleichheit folgt Korruption. Im Wesentlichen ist dies der Kreislauf, der
zur Oligarchie führt und Demokratien aushöhlt.
31 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Musk-verliert-gegen-OpenAI/!6180167
(DIR) [2] https://www.newyorker.com/magazine/2026/04/13/sam-altman-may-control-our-future-can-he-be-trusted
(DIR) [3] /Boersengang-von-SpaceX/!6180796
(DIR) [4] /Macht-der-Tech-Konzerne/!6178322
## AUTOREN
(DIR) Jose David Escobar Franco
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