# taz.de -- Künstliche Intelligenz und Tech-Branche: „Gut genug“ reicht auch erstmal aus
       
       > Die Rechenleistung von KIs wächst schneller, als eine demokratische
       > Öffentlichkeit es verarbeiten kann. Was ist die Alternative zu
       > Tech-Imperialismus?
       
 (IMG) Bild: Auf einer Baustelle für das neue Cloud-Rechenzentren von Microsoft in NRW
       
       taz | Künstliche Intelligenz werde für die Wall Street zum
       Kalte-Füße-Thema, sagte diese Woche eine Expertin in diesem Feld, die
       US-Journalistin Karen Hao. Der Widerstand gegen KI wachse in großen Teilen
       der US-amerikanischen Gesellschaft, „das müssen die Investoren einpreisen“.
       Das deutsche Publikum möge bitte nicht den Vor-Ort-Protest gegen die
       gigantischen Rechenzentren unterschätzen, [1][die als Ressourcenfresser] in
       die Landschaft gesetzt würden. Die [2][Wut der College-Studierenden]
       darüber, dass KI ihnen die Berufsaussichten zerschreddert, erfasse
       meinungsführende Schichten.
       
       „Es wird ein Wahlkampfthema“, rief Hao fröhlich in den Berliner
       Vortragsraum, wo auch ich staunend-konzentriert ihrem
       Hochgeschwindigkeits-Englisch folgte. Sie meinte die US-Zwischenwahlen im
       November. „It is becoming a rallying cry“, es werde ein Schlachtruf draus,
       KI zu bekämpfen, jedenfalls in der Weise, wie sie der Welt von den
       US-Digital-Oligarchen übergestülpt werde. [3][„Imperialismus“ ist Haos
       Begriff] dafür.
       
       Von Heilsversprechen zu Todesstern, das ging schnell. Aber das ist das
       Problem an der ganzen KI-Diskussion: Die Rechenleistung von Open AI wächst
       schneller, als selbst eine Karen Hao schreiben und reden kann, und noch mal
       um einige Faktoren schneller, als eine demokratische Öffentlichkeit all
       dies verarbeiten könnte. Zusätzliche Strapazen erwachsen dabei schon aus
       der Sprache. Die Definitionen sind noch nicht vereinbart, die Metaphern
       sitzen noch nicht, die Namen sind noch unvertraut. Nicht umsonst beginnen
       viele Beiträge zur künstlichen Intelligenz mit der Frage, [4][ob wir es
       hier überhaupt mit „Intelligenz“] und „Künstlichkeit“ zu tun haben.
       
       Angesichts der Dringlichkeit des Problems, das die Tech-Imperialisten unter
       anderem für Demokratie, Frieden, Gerechtigkeit, Klima und Bewohnbarkeit des
       Planeten Erde aufwerfen, habe ich mich zuletzt aber weniger daran
       festgebissen, ob Chat GPT und Gemini „denken“ wie ein Mensch. Ich frage
       mich viel eher mit Karen Hao: Was ist die Alternative zu diesem
       Imperialismus?
       
       ## Schafft Europa ein eigenständiges Angebot, solange es noch möglich ist?
       
       Womöglich kennen Sie die Frage schon, aber sie ist leider noch nicht
       beantwortet: Schafft Europa ein eigenständiges Angebot, solange hier an den
       Universitäten noch frei geforscht werden kann? Und solange in den Zeitungen
       noch frei über frei gewählte Regierungen geschrieben werden kann?
       
       Ich für meinen Teil habe noch niemanden getroffen, der die Heidelberger KI
       Aleph Alpha verwendet. Selbst die wurde allerdings jüngst von einer
       kanadischen Firma geschluckt. Aber Kanada zählt jetzt ja irgendwie auch zu
       Europa.
       
       Neben ungefähr allen ExpertInnen denkt auch Karen Hao nicht, dass
       europäische Firmen im Größer-Schneller-Weiter-Wettlauf gegen die USA und
       China [5][noch einen Blumentopf gewännen]. Doch es sei in anderen Branchen
       gelungen, ethische, kontrollierte Marken zu etablieren, meinte Hao. Wobei
       ich mir nicht sicher bin, ob ihr Beispiel der Modeindustrie gut gewählt
       ist.
       
       Einen Vergleich mit der Pharmaindustrie, der mir diese Woche unterkam, fand
       ich hilfreicher. Was KI angehe, sei es vielleicht die Chance Europas, statt
       der überteuerten, glamourösen Originalpräparate günstige „Generika“ zu
       produzieren. Das sagte ein Bekannter, der sich dem Thema verschrieben hat.
       
       Sein Motto: „gut genug“. Das europäische KI-Angebot brauche nicht dem
       Optimierungswahn der USA folgen, sondern solle für die Mehrzahl im Alltag
       funktionieren. „Gut genug“, so lautet ein lange unterschätztes Glücksrezept
       – [6][fragen Sie Ihre Psychologin]!
       
       Das ist dann nicht unbedingt der Schlachtruf, um gegen die digitalen
       Imperialisten ([7][Maskulinum beabsichtigt]) anzustinken. Aber daran
       arbeiten wir sehr bald noch mal.
       
       23 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Keine-Oel--Gas--und-Waffenkonzerne/!6178335
 (DIR) [2] https://www.youtube.com/shorts/OV1e3ea9pQk
 (DIR) [3] https://www.zeit.de/kultur/2025-06/empire-of-ai-karen-hao-kuenstliche-intelligenz-technologie
 (DIR) [4] https://www.reclam.de/produktdetail/kuenstliche-intelligenz-und-der-neue-faschismus-9783150146668
 (DIR) [5] https://netzpolitik.org/2026/wettlauf-nach-unten-karen-hao-kritisiert-europaeischen-ki-kurs/
 (DIR) [6] https://www.nytimes.com/2026/05/12/opinion/decision-making-herbert-simon.html
 (DIR) [7] /Toxische-Bro-Kultur/!6046771
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ulrike Winkelmann
       
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