# taz.de -- Machokult im Silicon Valley: Druckwellen der Gegenwart
> Teile der KI-Programme fußen auf einer reaktionären Weltanschauung. Die
> führt dazu, dass Menschen entmenschlicht und zur Verfügungsmasse werden.
(IMG) Bild: Im Gaza-Krieg wird Menschenverachtung Militärstrategie: ein israelischer Luftangriff auf ein Haus in Gaza-Stadt
Wir leben in Zeiten einer gegenläufigen und doppelten Revolutionsbewegung:
Die eine Bewegung drängt nach hinten, es ist in vielem eine klassische
Gegenrevolution, die sich etwa in antifeministischem oder
frauenverachtendem Denken manifestiert oder in einer pauschal
anti-postkolonialen Form von Weltsicht. Die andere Bewegung drängt nach
vorne, sie wird durch die digitalen Technologien, einen entgrenzten
Kapitalismus und antidemokratische Visionen vorangetrieben. In beiden
Bewegungen steht die Frage, was der Mensch ist, im Zentrum.
Es ist, als historisches Subjekt, nicht immer leicht, diese Druckwellen
einer Gegenwart zu erfassen. Es ist nicht leicht, herauszuzoomen aus dem
Chaos und der Konfusion unserer Tage, der Ratlosigkeit und auch
Tatenlosigkeit unserer Politikerinnen und Politiker, jedenfalls die, die an
der Regierung sind. Aus dem Wirbel der Nachrichten über das nächste und das
nächste und das nächste KI-Modell, das „zu gefährlich“ sei, um es einfach
auf den Markt zu bringen. „Mythos“ heißt dieses Modell von Anthropic, und
die Verwirrung und die Verunsicherung, die die Kommunikation des Konzerns
begleitet, ist Teil der Strategie. Angst lässt den Börsenwert steigen.
In der Tech-Branche, so wie sie sich gegenwärtig strukturiert, wie sie
agiert, was sie tut, zeigt sich in vielem diese doppelte
Revolutionsbewegung an einem Ort: dem Silicon Valley. Es sind, auf eine
fast schon karikaturhafte Art und Weise, all die weißen Männer, die
Technologien vorstellen, die auf ihren in Vielem pathologischen
Persönlichkeiten aufbauen. Die Limitationen der Technologien, die
geschaffen werden, sind die Limitationen der Menschen, die sie bauen, und
nicht der Technologie selbst.
Der Männerkult von Silicon Valley haben gerade Quinn Slobodian und Ben
Tarnoff in ihrem Buch „Muskismus“ beschrieben, speziell die Verbindung von
Krisenrhetorik und Entmenschlichung: Elon Musk, stellvertretend für andere
Tech-Männer, bedient sich der Sprache der Krise und des Notstands, um eine
weniger menschliche Zukunft heraufzubeschwören – eine Zukunft, in der
Menschen aus dem Produktionsprozess verdrängt und über soziale Medien und
Spiele mit der Maschine verschmolzen werden. Es ist eine Weltanschauung, in
der der Technokrat König ist, der sich auf den Staat stützt, um die
Vorherrschaft zu erlangen, und in der nur wenige Auserwählte die Erlösung
verdienen.
Slobodian und Tarnoff zitieren auch den Philosophen Nick Bostrom, der in
der Vergangenheit durch rassistische Kommentare aufgefallen ist. Bostrom
spekuliert auch darüber, dass wir in Zukunft möglicherweise in einer
Simulation leben, die auf einem Großrechner läuft. Das würde bedeuten, dass
viele der Menschen um uns herum keine Menschen sind, so schreiben die
Autoren, sondern Computerprogramme: „Schattenmenschen“, Imitationen, denen
es an Innerlichkeit mangelt.
Wer aber von Schattenmenschen redet oder von NPCs – ein Begriff aus der
Gaming-Welt, Non-Player Character, die, wie Musk es formulierte, „sehr
begrenzte Firewalls“ haben und „sich daher leicht programmieren“ lassen –,
der hat einen Blick auf die Menschheit wie auf Technologie, der die
Verbindung von beidem zu Gunsten des Menschen nahezu ausschließt. Ein Teil
ist auch hier Rhetorik und Angeberei. Ein Teil ist aber die Grundlage einer
Weltanschauung, die dazu führt, dass Menschen entmenschlicht und zu
biologischer Verfügungsmasse degradiert werden.
Im Krieg in Gaza wurde diese Menschenverachtung Militärstrategie. Es waren
[1][KI-Programme], die „Gospel“ hießen oder „Lavender“. Beim
Überwachungstool „Where is Daddy?“ ging er darum, den Standort eines
möglichen Täters und damit Opfers zu verfolgen. Die KI-Logik veränderte
dabei die sogenannte „Kill Chain“, es wurden vor allem Häuser gezielt
angegriffen, in denen sich die verdächtige Person aufhielt – mit der Folge,
dass die Todeszahlen exponentiell anstiegen. Und, wie Recherchen des
Magazins +972 gezeigt haben, oft [2][ganze Familien ausgelöscht] wurden,
obwohl nur eine Person das Ziel war.
Die Rolle von Silicon Valley bei all dem ist sehr klar: Das israelische
Militär arbeitete mit Google, Meta, Microsoft an ihrem eigenen LLM, also
dem Sprachmodell, das hinter dieser Form von KI steckt. Der
[3][Palantir-CEO Alex Karp], der sein Produkt, die
KI-Schlachtfeld-Plattform „Maven“, vermarkten will, hat gerade ein Manifest
veröffentlicht, in dem er Krieg zur patriotischen Pflicht und zum
natürlichen Zustand der Welt erklärte. Die Stärkeren setzen sich gegen die
Schwächeren durch, es gibt höherwertige und minderwertige Kulturen – Karp
entwirft ein grausames Macho-Bild der Welt.
Es sind Männer, ausschließlich Männer, die diese Welt entwerfen, in der
Opfer wie in Gaza zuerst entmenschlicht und dann vernichtet werden. Es gibt
wieder lebenswertes und weniger lebenswertes Leben. Es gibt wieder braune
und weiße Menschen. Es gibt wieder eine Verbindung von Salonrassismus und
Massenmord. Die Geschlechterdifferenz erzeugt dabei eine eigene Dynamik,
die die Visionen ethisch entgrenzter Männer antreibt. Die Verachtung, mit
der sie formulieren, kann eigentlich nur als männlich benannt werden.
Alle Kulturen sind nicht gleich, sagt Alex Karp. Einige haben „Wunder
vollbracht“, andere haben sich als mittelmäßig erwiesen, „und schlimmer
noch: als rückschrittlich und schädlich“. So bauen sich Verachtung und
Vernichtung auf. Empathie, wie Elon Musk sagt, ist für Verlierer. Die
Revolution unserer Tage hat die Frage zum Gegenstand, was der Mensch ist
und was seine Würde.
1 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Psychische-Belastungen-und-KI/!6174656
(DIR) [2] /Der-Fall-Kilani/!6141488
(DIR) [3] /Thesen-des-Palantir-CEO-Alex-Karp-Geschaeftsmodell-Kontrolle/!6170381
## AUTOREN
(DIR) Georg Diez
## TAGS
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Schlagloch
(DIR) Palantir
(DIR) Schwerpunkt Künstliche Intelligenz
(DIR) Elon Musk
(DIR) Soziale Gerechtigkeit
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Schwerpunkt Künstliche Intelligenz
(DIR) Schwerpunkt Künstliche Intelligenz
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Big Tech
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) KI und Journalismus: Ein Monster namens Künstliche Intelligenz
Medienschaffende schaufeln sich mit der Nutzung von KI selbst ein Grab.
Rette, wer kann, kritisches Urteilsvermögen und Glaubwürdigkeit.
(DIR) Künstliche Intelligenz: Macht in falschen Händen
Die Aufholjagd bei Künstlicher Intelligenz in Europa droht, die Fehler des
Silicon Valleys zu wiederholen. Es braucht eine Alternative zu privaten
Akteuren.
(DIR) Software Palantir: Das Prinzip wird sich durchsetzen
Justizministerin Hubig hat der Software Palantir für Bundesbehörden eine
Absage erteilt. Das Innenministerium prüft dennoch eine ähnliche
Technologie.
(DIR) Konferenz gegen Tech-Konzerne: „Muss es wirklich künstliche Intelligenz sein?“
Julia Kloiber ist Mitgründerin des feministischen Tech-Kollektivs Superrr
Lab. Hier spricht sie über Macht, Mythen und Missverständnisse rund um KI.