# taz.de -- Eklat am Gedenktag: Die Polizei Halle ermittelt gegen Demonstrierende
> Die Blockade der jüdischen Studierendenunion in Halle hat ein Nachspiel:
> Die Polizei ermittelt, weil Landtagsvize Tillschneider (AfD) als „Nazi“
> beschimpft worden sei.
(IMG) Bild: Ist rechtsextrem, will aber nicht Nazi genannt werden: AfD-Tillschneider, von jüdischen Studierenden blockiert
Nach dem Eklat beim Gedenken an den rechtsterroristischen Anschlag in Halle
am vergangenen Freitag ermittelt nun die Polizei. Und zwar offenbar gegen
Menschen, die sich gegen die Anwesenheit des neu gewählten
Landtagsvizepräsidenten gewandt hatten – Hans-Thomas Tillschneider von der
AfD. Die Polizei hat Ermittlungen gegen „namentlich noch unbekannte
Personen“ im Zusammenhang mit der friedlichen Blockade gegen den
Rechtsextremisten bestätigt.
Es bestehe der Verdacht der Beleidigung, heißt es von der Polizei auf
taz-Anfrage: „Nach dem bisherigen Ermittlungsansatz besteht der Verdacht,
dass der Landtagsvizepräsident im Zusammenhang mit einer Menschenkette vor
dem Eingang der Synagoge als ‚Nazi‘ bezeichnet wurde.“ Gegenstand der noch
andauernden Ermittlungen sei, ob die vermeintliche Beleidigung überhaupt
gefallen ist und wenn ja, unter welchen konkreten Umständen.
Die Ermittlungen seien von Amts wegen aufgenommen worden. Das heißt:
Niemand hat Anzeige erstattet, die Polizei ermittelt von sich aus. Bekannt
gemacht hatte das zuerst Tillschneider selbst in einer Einlassung im
Landtag. Er gab an, keine Anzeige erstattet zu haben. Woher er exklusiv von
den Ermittlungen wusste, beantworteten bislang weder die Polizei noch
Tillschneider.
„Ich bin froh, in einem Rechtsstaat zu leben. Dazu gehört auch, dass die
Polizei Dinge prüft“, sagt Igor Matviyets, der selbst Teil der
Menschenkette war. Ob der Begriff „Nazi“ gefallen sei und von wem, dazu
könne er nichts sagen. Allerdings hoffe er, „dass unsere Menschenkette auch
andere Menschen inspiriert. Wir haben etwas vorgemacht und hoffen, dass
viele es nachmachen und im Kleinen Widerstand leisten werden“, sagt
Matviyets. „Sei es in Behörden, in Schule, wenn die AfD die Inklusion
abschafft oder wenn sie ihr unliebsame Studiengänge streicht.“
## Morddrohungen seit AfD-Pressemitteilung
Bisher besetze die AfD zwei sehr wichtige, aber vor allem repräsentative
Ämter. „Aber wir sehen, wie die politische Landnahme beginnt“, sagt
Matviyets. „Die AfD hat auf dem Briefpapier des Landtagspräsidiums das
antisemitische und rassistische Attentat zur Amoktat eines Verwirrten
umgedeutet. Sie hat damit alle Erkenntnisse über Bord geworfen, auf die
dieser Landtag sich überparteilich in seinem eigenen Untersuchungsausschuss
geeinigt hat.“ Damit drehe sie auch die von Überlebenden erkämpften
Fortschritte zurück. „Mit einer einzigen Pressemitteilung. Allein das
zeigt, wie wichtig solche Ämter für die Verbreitung des AfD-Weltbilds
sind“, so Matviyets.
Seit dieser Pressemitteilung habe er unzählige Morddrohungen erhalten, sagt
Ron Dekel, Präsident der Jüdischen Studierendenunion (JSUD). Er bringt das
explizit mit dem Text der Erklärung in Verbindung. „Die AfD hat darin von
‚linken Studierenden‘ gesprochen, statt unser Jüdischsein zu benennen. So
haben sie uns auch das Recht abgesprochen, dort zu stehen“, sagt Dekel.
„Ein Rechtsextremist ist somit verantwortlich dafür, dass Jüdinnen und
Juden Hass bis hin zu Morddrohungen ausgesetzt sind. Auch das hat eine
geschichtliche Kontinuität in Deutschland.“
Tillschneider war in der Vergangenheit mehrfach mit antisemitischen
Verschwörungserzählungen und Geschichtsrevisionismus aufgefallen. Das
Gedenken an die Shoah bezeichnete er immer wieder als „Schuldkult“. Auch
[1][behauptete er], dass unter anderem der Zentralrat der Juden den Islam
benutze, um in Deutschland multikulturelle Verhältnisse herbeizuführen, die
„deutsche Kultur zu schwächen“ und letztlich für „die Abschaffung unseres
Volkes“ zu sorgen. Auch der Terrorist von Halle verbreitete Ansichten zum
angeblichen „Bevölkerungsaustausch“.
Auf die Frage, ob es dann folgerichtig nicht von der Meinungsfreiheit
gedeckt sei, ein führendes Mitglied einer als gesichert rechtsextremen
Partei als „Nazi“ zu bezeichnen, heißt es aus der Polizei Halle: „Die
strafrechtliche Bewertung entsprechender Äußerungen obliegt den zuständigen
Strafverfolgungsbehörden und richtet sich nach den Umständen des jeweiligen
Einzelfalls.“ Der Jurist Bijan Moini [2][kommentierte auf Bluesky]: „Die
Einstellung des Ermittlungsverfahrens wird amtlich bestätigen, dass man den
Vizepräsidenten des Landtags von Sachsen-Anhalt einen Nazi nennen darf.“
Die Polizei erklärte zudem, Ziel der versammlungsbehördlichen und
polizeilichen Maßnahmen sei es gewesen, Tillschneider die Teilnahme an der
Gedenkveranstaltung zu ermöglichen. Mit dem Versammlungsleiter der
spontanen Menschenkette habe sie darüber „ein Kooperationsgespräch“
geführt. „Noch vor dessen Beendigung und vor dem geplanten Beginn der
Gedenkveranstaltung verließ der Landtagsvizepräsident den Ort.“
Tillschneider antwortete bislang nicht auf eine taz-Anfrage zum Geschehen.
15 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.youtube.com/watch?v=70dS-sGeN_w&t=35s
(DIR) [2] https://bsky.app/profile/bijanmoini.de/post/3mxumix3tfs2l
## AUTOREN
(DIR) Dinah Riese
(DIR) Gareth Joswig
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Antifa
(DIR) Antisemitismus
(DIR) Schwerpunkt AfD
(DIR) Rechtsextremismus
(DIR) Schwerpunkt Neonazis
(DIR) GNS
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Jüdische Studierendenunion über Halle: „Wir lassen unser Gedenken nicht kapern“
Beim Gedenken in Halle hat die JSUD dem AfD-Landtagsvizepräsidenten den
Zutritt verweigert. Man lasse sich nicht instrumentalisieren, sagt Ron
Dekel.
(DIR) Gedenkveranstaltung in Halle: Tillschneider muss draußen bleiben
Beim Gedenken an den Anschlag in Halle vor sieben Jahren wollte auch der
gewählte AfD-Landtagsvizepräsident teilnehmen. Die Veranstalter wehren
sich.
(DIR) Gedenken an Anschlag von Halle: Wo die Solidarität schwindet
Beim Gedenken in Halle thematisieren Überlebende des Anschlags ihre Ängste.
Es geht um die Wahl in Sachsen-Anhalt, den 7. Oktober und fehlenden
Zusammenhalt.