# taz.de -- Jüdische Studierendenunion über Halle: „Wir lassen unser Gedenken nicht kapern“
       
       > Beim Gedenken in Halle hat die JSUD dem AfD-Landtagsvizepräsidenten den
       > Zutritt verweigert. Man lasse sich nicht instrumentalisieren, sagt Ron
       > Dekel.
       
 (IMG) Bild: Vertreter der Jüdischen Studierendenunion Deutschlands stehen vor dem Eingang zur Synagoge in Halle (Saale)
       
       taz: Herr Dekel, Sie haben mit der Jüdischen Studierendenunion (JSUD) heute
       eine Menschenkette vor der Synagoge in Halle gebildet und den Eingang
       versperrt. Am Jahrestag des [1][rechtsterroristischen Anschlags] vor sieben
       Jahren. Warum? 
       
       Ron Dekel: Weil wir unser Gedenken nicht kapern lassen. Von überhaupt
       keinen Extremisten, und schon gar nicht von Rechtsextremisten, von denen in
       diesem Land derzeit die größte Gefahr für Jüdinnen und Juden ausgeht.
       Deswegen haben wir dem neu gewählten Vizepräsidenten des Landtags,
       Hans-Thomas Tillschneider von der AfD, klar zu verstehen gegeben: Er ist
       hier nicht erwünscht.
       
       taz: Mit Tillschneider und Tobias Rausch sind in dieser Woche erstmals in
       einem Bundesland zwei AfD-Politiker zum Landtagspräsidenten und dessen
       Stellvertreter gewählt worden. Muss man nicht damit rechnen, dass
       politische Repräsentanten bei Gedenkveranstaltungen erscheinen? 
       
       Dekel: Natürlich war damit zu rechnen, dass sie dieses Gedenken
       instrumentalisieren und sich einen „Koscher-Stempel“ holen. Aber den sind
       wir nicht bereit zu geben. Und deswegen haben junge Jüdinnen und Juden hier
       heute klar gemacht, dass wir nicht noch einmal Rechtsextremisten in unsere
       Synagogen hineinlassen werden.
       
       taz: Wie hat Tillschneider reagiert? 
       
       Dekel: Er hat sich selbst in die Opferrolle versetzt. Dabei war er es, der
       respektlos mit den wahren Opfern umgegangen ist, den Überlebenden und
       Hinterbliebenen dieses Anschlags. Eigentlich hätten diese zuerst die
       Synagoge betreten sollen, es war klar, dass Politiker, Medien, Gäste
       warten. Aber [2][Hans-Thomas Tillschneider] war offenbar der Meinung, dass
       das für ihn nicht gilt. Wir haben ihn wiederholt darauf hingewiesen, dass
       er das Gedenken und den Ablauf stört, dass die Überlebenden seinetwegen
       draußen stehen müssen. Dass man diese Menschen so nicht behandelt. Das war
       ihm offensichtlich egal.
       
       taz: Warum wollten Sie den Landtagsvizepräsidenten nicht hineinlassen? 
       
       Dekel: Niemand hat das Recht, uns und unser Gedenken zu
       instrumentalisieren. Schon gar kein Vertreter einer Partei, die den
       Anschlag von Halle als „Amoklauf“ verharmlost hat. Genau das sind die
       Menschen, die seit Jahren rechtsextreme Narrative verbreiten und so einem
       Anschlag wie dem von Halle überhaupt erst den Boden bereitet haben.
       Hans-Thomas Tillschneider wusste, dass er unerwünscht ist. Aber er hat sich
       diesen Raum trotzdem nehmen wollen – und ihn damit uns genommen.
       
       taz: Was meinen Sie damit? 
       
       Dekel: Ich wünschte, wir müssten dieses Interview nicht führen. Ich
       wünschte, wir hätten nicht dort vor dieser Synagoge stehen müssen. Ich
       wünschte, auch wir von der JSUD hätten drinnen im Innenhof Teil der
       Zeremonie sein können.
       
       taz: Was bedeutet die Wahl eines AfDlers zum Landtagspräsidenten? 
       
       Dekel: Es bedeutet, dass eine rechtsextreme Partei in Deutschland wieder
       das höchste politische Amt eines Bundeslands besetzt. Ich muss es ehrlich
       sagen: Das löst eine weitere Welle der Verunsicherung für Jüdinnen und
       Juden in diesem Land aus. Und davon gab es viele in den letzten Jahren. Den
       rechtsterroristischen Anschlag von Halle, [3][den 7. Oktober und der danach
       zunehmende Antisemitismus hierzulande], Brandanschläge auf Synagogen,
       internationale Gewaltaufrufe der Hamas, und weltweit immer wieder Anschläge
       an Feiertagen. Und ich nehme eine wachsende Gleichgültigkeit gegenüber
       Antisemitismus wahr.
       
       Taz: Spiegelt sich das auch in den Gedenkveranstaltungen? 
       
       Dekel: 2019 ist nicht lange her. Aber antisemitische Anschläge geraten in
       Vergessenheit. Man sieht es daran, wie viel weniger die Medien berichten,
       wie viel weniger Menschen zum Gedenken kommen. Die Mehrheitsgesellschaft
       muss verstehen: Es fängt mit Antisemitismus an – aber am Ende wacht man auf
       mit einer rechtsextremen Regierung. Und das könnte in diesem Bundesland
       passieren. Dagegen müssen wir uns wehren. Deswegen schützen wir unsere
       Synagogen. Wir lassen uns weder unsere Feier- noch unsere Gedenktage
       wegnehmen. Wir lassen uns dieses Land nicht wegnehmen. Nicht noch einmal.
       
       9 Oct 2026
       
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