# taz.de -- Europaweite taz-Recherche: Die unheilige Allianz
       
       > Wie sich christliche FundamentalistInnen, radikale AbtreibungsgegnerInnen
       > und rechte Parteien verbünden, um an die Macht in Europa zu gelangen.
       
 (IMG) Bild: 22. Mai 2018: Im Palazzo Marino, dem Rathaus von Mailand, diskutiert der Stadtrat über eine Reform des Abtreibungsrechts, draußen protestieren AktivistInnen der Bewegung „Non una di meno“
       
       Verona/Berlin taz | 4. Oktober 2018. Im Palazzo Barbieri in Verona, der mit
       seinen neoklassischen Säulen an einen römischen Tempel erinnert, tagt der
       Stadtrat. Antrag 434 steht auf der Tagesordnung, „Zur Verhinderung von
       Abtreibung und zur Unterstützung der Mutterschaft“. Eingebracht hat ihn
       Alberto Zelger, Stadtrat der rechtsextremen Lega, die seit Juni gemeinsam
       mit der populistischen 5-Sterne-Bewegung das Land regiert. Dass
       Abtreibungen in Italien legalisiert wurden, ist auf den Tag genau 40 Jahre
       her.
       
       Von den Rängen des Saales aus verfolgen rund zwanzig Frauen die Sitzung.
       Sie tragen rote Umhänge und weiße Kopfbedeckungen. Es ist die Kluft der
       Frauen aus dem dystopischen Roman „Die Geschichte der Magd“ der kanadischen
       Schriftstellerin Margaret Atwood, der eine Zukunft zeigt, in der Frauen als
       Gebärmaschinen versklavt werden. Seit der Roman im letzten Jahr große
       Erfolge als Fernsehserie feierte, ist dieses Kostüm zum Symbol des Kampfes
       für Frauenrechte geworden, das von AktivistInnen weltweit getragen wird.
       
       Denn der Entscheidungsfreiheit von Frauen gegen ein Kind und für eine
       Abtreibung, hat nicht nur die italienische Lega den Kampf angesagt. Dies
       einzuschränken, ist ein Ziel der radikal rechten Parteien insgesamt. Und
       nicht nur das: Egal ob es um Mutterrolle oder Familienbild, um Sexual- oder
       Gleichstellungspolitik geht – [1][die Rechten verfolgen eine strikt
       antifeministische Agenda].
       
       Neben dem eigentlichen Ziel von mehr einheimischen, weißen Kindern steckt
       dahinter auch eine strategische Überlegung: Mit dem so genannten
       Lebensschutz werden [2][fundamentalistische christliche Gruppen an die
       Parteien gebunden]. Mit dem Angriff auf das, was beispielsweise die AfD
       gern „Gender-Gaga“ nennt, soll der Sprung ins konservativ-bürgerliche
       Milieu gelingen und die erreichen, die von den liberalisierten
       Christdemokraten enttäuscht sind: Die Bandbreite der gesellschaftlichen
       Gruppen, in denen WählerInnen gewonnen werden, wird größer.
       
       ## Angst, Abtreibungen vorzunehmen
       
       Mit ihren Protesten in Verona erregen die Aktivistinnen der Gruppe „Non una
       di meno“ („Nicht eine weniger“) Aufmerksamkeit in ganz Italien. Doch die
       Verabschiedung des Antrags im Stadtrat können sie nicht verhindern: Er wird
       mit 21 zu 6 Stimmen angenommen.
       
       Verona nennt sich nun offiziell „Stadt für das Leben“. Katholische
       Organisationen wie das Gemma Projekt, die Frauen daran hindern wollen, ihre
       Schwangerschaft abzubrechen, werden mit öffentlichen Geldern unterstützt.
       Zudem wird ein regionales Projekt ins Leben gerufen, das ungewollt
       schwangere Frauen ermutigt, die Kinder auszutragen und zur Adoption frei zu
       geben.
       
       Vor allem aber befürchten AktivistInnen und GynäkologInnen, dass die
       öffentlichen Krankenhäuser weiter unter Druck geraten, keine Abtreibungen
       mehr vorzunehmen. In Italien ist der Schwangerschaftsabbruch in den ersten
       drei Monaten erlaubt. Doch in vielen Gegenden des Landes weigern sich
       ÄrztInnen, Abtreibungen durchzuführen. Nach der jüngsten Studie des
       Gesundheitsministeriums sind es bereits 70 Prozent aller ÄrztInnen, in
       einigen Regionen mehr als 90 Prozent.
       
       „Abtreibung ist kein Recht, es ist ein abscheuliches Verbrechen“,
       begründete der Lega-Stadtrat Alberto Zelger seinen Antrag. „Es bedeutet,
       ein Kind im Bauch der Mutter zu töten“. Eine Position, die er sich mit dem
       italienischen Familienminister Lorenzo Fontana teilt. Fontana, 38, ist
       Vize-Chef der Lega, Trauzeuge von Innenminister Matteo Salvini – und stammt
       aus Verona.
       
       ## Verbindung bis in Ministerien in Rom
       
       Die 250.000-Einwohnerstadt in Norditalien ist traditionell besonders eng
       mit der katholischen Kirche verbunden. Und mit dem Faschismus: Mussolini
       wählte die Stadt 1943 für die Neugründung seiner Partei, in den 1970er und
       1980er Jahren fühlten sich dort rechtsterroristische Gruppen wohl.
       
       Die Liga Veneta, eine Keimzelle der Lega, hatte stets enge Beziehungen
       sowohl zur extremen außerparlamentarischen Rechten als auch zu katholischen
       TraditionalistInnen. Es gibt ein Bild von einer „Demonstration für die
       Familie“ in Verona aus dem Jahr 2015, das diese Nähe sehr gut zeigt: Hinter
       dem Demobanner läuft der heutige Minister Fontana zusammen mit dem Gründer
       der katholischen Extremistenorganisation Christus Rex, die wiederum mit der
       neofaschistischen Forza Nuova verbunden ist.
       
       Kein Wunder also, dass sich ausgerechnet Verona an die Spitze eines
       Anti-Abtreibungskreuzzugs in ganz Italien stellt: Die Debatte um Abtreibung
       beschäftigt spätestens seit Oktober das ganze Land. Während tausende Frauen
       demonstrieren, kopierten rechte Politiker in Rom, Mailand oder Ferrara den
       Antrag aus Verona und versuchen nun, ihn in ihren Städten ebenfalls
       verabschieden zu lassen. Was in Verona funktioniert, lässt sich exportieren
       – zumindest dorthin, wo Rechte in Stadtparlamenten sitzen.
       
       ## Ein harmloser Familienkongress?
       
       Oder mit der Regierung in Rom. In seinem ersten Interview, nachdem er im
       Mai Familienminister wurde, sagte Lega-Mann Fontana, eines seiner
       Hauptanliegen sei, die Geburtenrate in Italien zu erhöhen und den Kampf
       gegen Schwangerschaftsabbrüche zu verstärken. „Ich bin katholisch, ich
       glaube, dass die natürliche Familie aus Vater, Mutter und Kindern besteht.“
       Er widmete dem Thema sogar ein ganzes Buch: „Die leere Wiege der
       Zivilisation. An den Ursprüngen der Krise“ wurde beim sogenannten „Festival
       des Lebens“ präsentiert, das im Februar in Verona statt fand und das die
       Stadtverwaltung finanziell förderte.
       
       Jetzt kommt die nächste Stufe: Ende März soll der „[3][World Congress of
       Families“] in Verona statt finden – und AbtreibungsgegnerInnen weltweit
       auffordern, in die Offensive zu gehen. Der World Congress of Families
       versteckt seine Agenda hinter einem harmlos klingenden Namen. Was sollte an
       Familien bedrohlich sein? Doch „Familie“, das bedeutet in diesem Fall: Die
       einzig wahre besteht aus Mann, Frau und möglichst vielen Kindern.
       Schwangerschaftsabbrüche? Teufelszeug. Die Frau, die auf ihr Recht am
       eigenen Körper verzichtet: Beim World Congress of Families ist sie das
       Ideal.
       
       Der jährlich stattfindende Kongress ist die weltweit wichtigste
       Veranstaltung religiöser Rechter und ultrakonservativer AntifeministInnen,
       die globale Speerspitze der VerteidigerInnen der „traditionellen Ehe und
       Familie“. Zum ersten Mal fand er 1997 statt, seitdem tourt er durch die
       Welt, um jeweils vor Ort Kontakte zu machen, Strategien zu entwickeln und
       sein Netzwerk auszudehnen. Veranstalter ist die „International Organisation
       for the Family“ mit Sitz im Bundesstaat Illinois, seinen Ursprung hat er in
       der US-amerikanischen religiösen Rechten.
       
       Doch die TeilnehmerInnen kommen, wie der Name schon sagt, aus aller Welt:
       Es sind religiöse Würdenträger, VertreterInnen privater Organisationen oder
       der Zivilgesellschaft und offizieller staatlicher Stellen, konservativer
       oder rechter. Denn parteipolitisch gibt sich der Kongress pragmatisch. „Wer
       unsere Werte vertritt, ist uns willkommen“, sagt der Präsident des
       Kongresses, Brian Brown, ein früherer Quäker, der zum Katholizismus
       konvertierte.
       
       ## Annäherung an Europa
       
       Spätestens seit 2017 sucht der Kongress offen die Nähe zu rechten
       Regierungen in Europa. Denn es gibt Schnittstellen, an denen Religiöse und
       Rechte dieselben Positionen vertreten, an denen Religion und Biopolitik
       Hand in Hand gehen: Keine Einwanderung, vor allem keine muslimische – um
       den christlichen Glauben nicht zu gefährden. Die Beschneidung der Rechte
       von LGBTI. Und der Zugriff auf den weiblichen Körper, um dem Land Kinder zu
       schenken und es wehrhaft zu machen.
       
       Der erste Ort, an dem die Nähe zwischen Kongress und europäischer Rechter
       offensichtlich wurde, war im Mai 2017 Budapest. Zwar fanden auch zuvor
       schon Kongresse in europäischen Städten statt. Doch nie zuvor war die
       Verflechtung zwischen Kongress und Regierung so eng wie in Ungarn.
       
       Denn die Stadt war nicht nur Gastgeber: Die rechte Fidesz-Regierung
       sponsorte den Kongress, das ungarische Sozialministerium organisierte ihn
       zusammen mit der IOF aus Illinois. MinisterInnen der Fidesz-Partei wie
       Katalin Novak und Zolton Balog waren RednerInnen, Präsident Viktor Orbán
       persönlich hielt die Eröffnungsrede.
       
       Orbán positionierte sich als Verteidiger christlicher Werte – und
       rechtfertigte so seine Politik gegen Flüchtlinge und MigrantInnen. Er
       beschwor ein Untergangsszenario: 2015, sagte Orbán, sei Europa „belagert“
       worden – von hunderttausenden illegalen MigrantInnen, die über die
       Balkanroute kamen. Nun, 2017, sei die Maschinerie, die diese Fluten in
       Bewegung gehalten haben, vorerst gestoppt: „Uns wurde ein wenig Zeit
       gegeben, unsere Politik zu reorganisieren.“ Sein Ziel, um das, wie er
       sagte, alte, schwache Europa gegen die jungen, starken Einwanderer stark zu
       machen: „So viele ungarische Kinder wie möglich.“
       
       ## Lächeln mit Matteo Salvini
       
       Nun also Verona, ein strategischer Coup für den Kongress. Zum ersten Mal
       wird er nun in Westeuropa Stattfinden, in einem Land, dessen Regierung
       gemeinsame Sache mit der globalen Lebensschutzbewegung macht.
       
       An dem Tag, als in Veronas Stadtparlament Frauen in roten Kutten
       demonstrieren, trifft sich Matteo Salvini in Rom mit dem
       Kongress-Präsidenten Brian Brown, und sichert die Unterstützung der
       italienischen Regierung zu. Gemeinsam lächeln sie in die Kamera und halten
       ein Schild mit dem neuen Logo des Kongresses in die Höhe, das stilisiert
       Mann und Frau zeigt. Der Mann blau, die Frau rot.
       
       Der Kongress und die dahinterstehende Organisation, sie wollen Einfluss auf
       Europa, nicht nur im Osten. Und spätestens seit Budapest zeigen rechte
       PolitikerInnen aus ganz Europa bei den Kongressen Präsenz.
       
       Da war, mehrfach, der Franzose Fabrice Sorlin, der 2007 als Kandidat für
       den Front National im südfranzösischen Pessac antrat. Zu jener Zeit war er
       auch Anführer von Dies Iræ, einer mittlerweile aufgelösten
       nationalistisch-katholischen Gruppe in Bordeaux. Heute lebt er in Moskau
       und ist Präsident der Alliance France-Europe Russie, einer Lobbygruppe
       französischer und russischer Rechter. Da war AfD-Spitzenfrau Beatrix von
       Storch, erzkonservative Katholikin und Bundestagsabgeordnete, die erst
       jüngst erklärte, Abtreibung sei „kein Menschenrecht“.
       
       ## Erste Erfolge in EU-Parlamenten
       
       Da war ihr Cousin, Paul von Oldenburg, Lobbyist der ultrakonservativen
       katholischen Gruppe „Tradition, Familie und Privateigentum“. Dem Erfolg der
       Gruppe schrieb es Oldenburg zu, dass das p[4][olnische Parlament 2016 in
       erster Lesung für das komplette Verbot von Abtreibungen] stimmte. Und da
       waren Tobias Teuscher und seine Frau Maria Teuscher-Hildingsson – er
       Geschäftsführer der AfD-Gruppe innerhalb der ECR-Fraktion im
       Europaparlament, sie Generalsekretärin der Föderation der katholischen
       Familienverbände in Europa und Mitglied des antifeministischen,
       europaweiten Netzwerks Agenda Europe.
       
       Doch die ideologische und strategische Brücke zwischen rechtspopulistischen
       Parteien und religiösen AbtreibungsgegnerInnen, an der auf diesen
       Kongressen gearbeitet wird, reicht noch weiter: bis in die
       außerparlamentarische extreme Rechte.
       
       Auch das lässt sich in Verona beobachten. Die für ihre Schönheit bekannte
       Stadt ist in diesen Monaten der Ort, an dem katholischer Traditionalismus
       und radikale Rechte sich für den Weg an die Macht in Europa verbünden.
       
       Am vergangenen Freitag Abend fällt milder Regen auf die Stadt. Verona, so
       steht an diesem Tag in der lokalen Monopolzeitung L'Arena, sei im
       „Ausnahmezustand“: Die neofaschistische Partei „Forza Nuova“ will am
       Samstag einen Anti-Abtreibungskongress abhalten und anschließend zur „Arena
       di Verona“ marschieren, dem weltberühmten Amphitheater. Nachdem den
       NeofaschistInnen ihr Veranstaltungsort durch massive Proteste abhanden
       gekommen war, hat die Stadtregierung schnell und unbürokratisch eine
       Immobilie als Ersatz zur Verfügung gestellt: das etwas abgelegene, aber
       prestigeträchtige Stadttor Porta Palio.
       
       Dessen Saal füllt sich am Samstag Vormittag. Gut hundert Leute steigen die
       knarzenden Holztreppen hoch, zwei Drittel Männer, die Hälfte über sechzig,
       ein Dutzend Skins in schwarzen Bomberjacken. Einer davon, ein mittelalter
       Hüne, schaut während der Reden gern mal gelangweilt auf sein Handy. Auf dem
       Startbildschirm ist ein Hakenkreuz.
       
       ## Das Märchen: Ausrottung der weißen Rasse
       
       Zu den ZuhörerInnen, die nicht nur aus Italien, sondern auch aus anderen
       europäischen Ländern wie Polen und der Slowakei kommen, spricht unter
       anderem der Vorsitzende der Forza Nuova, Roberto Fiore. In den Reden wird
       deutlich, wie gut antifeministische Inhalte auch zu einem rechtsextremen
       Programm passen: Das Recht auf Abtreibung, die Homoehe und die
       „Genderideologie“ zusammen mit einer angeblich bewusst herbeigeführten
       „Masseneinwanderung“ aus Afrika – das sei ein Projekt, um die
       ItalienerInnen, die SlowakInnen, den Katholizismus, ja die weiße Rasse
       schlechthin auszurotten, heißt es hier.
       
       Doch der Ausnahmezustand bleibt aus: Der rechte und ultrakatholische
       Aufmarsch am Nachmittag besteht aus gerade mal gut 50 Menschen. Sie würden
       mit ihren Papst-und Marienbildern, den Anti-Abtreibungsslogans und den
       christlich-leiernden Gesängen im samstäglichen Trubel völlig untergehen,
       wäre nicht massiv Polizei vor Ort.
       
       Bei der Abschlusskundgebung mit Blick auf die Arena stehen vorn die
       Anzugträger, dahinter und in der sehr überschaubaren Zuschauermenge
       verteilt das inzwischen nur noch halbe Dutzend Bomberjacken. Als ihr
       Anführer Roberto Fiore spricht, steigern sie sich kurz zu „Fiore,
       Fiore“-Rufen, die nicht nur in ihrer Zweisilbigkeit an die alten „Duce,
       Duce“-Rufe, die „Führer“-Rufe für Mussolini, gemahnen. Kurze Zeit später
       ist der Spuk vorbei.
       
       Die Zivilgesellschaft in Verona hat all das nicht unwidersprochen gelassen.
       Nach dem Ende der FaschistInnenversammlung in der Porta Palio warten auf
       der anderen Seite des Flusses Alioscia Antinori und Andrea Nicolini beim
       Espresso in der „Osteria dei Preti“. Die Osteria im mulikulturellen
       Stadtteil Veronetta ist der Treffpunkt der Jugend und der Linken, abends
       ist sie voll, dann gibt es Livemusik.
       
       Die beiden Männer sind Mitglieder der „Assemblea 17 dicembre“, einem
       breiten Bündnis von linken Gruppen, die LGBT und MigrantInnen unterstützen.
       Am Nachmittag um vier hatten sich mehr als 400 Leute auf der Piazza Iseo
       hier im Viertel versammelt, um das Recht auf Abtreibung zu verteidigen und
       gegen eine Stadtverwaltung zu demonstrieren, die mit den FaschistInnen
       unter einer Decke stecke – deutlich mehr als die NeofaschistInnen auf der
       anderen Seite der Stadt.
       
       ## Die Christen haben das Geld
       
       Alles halb so wild also, in Verona, im Laboratorium der Rechten? Vorsicht,
       sagen Antinori und Nicolini. Viele „Kameraden“ hätten schlicht keine Lust
       gehabt, mit den langweilig-leiernden UltrakatholikInnen singend durch die
       Stadt zu wandern und seien gar nicht erst nach Verona gekommen.
       
       Fiore, der Forza Nuova-Anführer, der in Italien dafür bekannt ist, dass er
       bei aller ideologischen Radikalität immer zuerst auf Bereicherung aus ist,
       müsse gute Gründe gehabt haben, die Sache durchzuziehen: Geld und Einfluss
       ist es, was sich die NeofaschistInnen von der Allianz mit den
       UltrakatholikInnen erhoffen.
       
       Denn die Lebensschutzbewegung hat finanzstarke und einflussreiche
       Fürsprecher. Einige hundert Kilometer südlich von Verona, ganz in der Nähe
       von Rom inmitten einer idyllischen Berglandschaft, liegt die Abtei von
       Trisulti. Über Jahrhunderte lebten hier zurück gezogen Mönche. Nun
       beherbergt die Abtei einen rechtskatholischen Thinktank: Das Dignitatis
       Humanae Institute.
       
       Der italienische Staat hat das Klostergebäude an die rechte Denkfabrik
       vermietet, die gegen Abtreibung und „für den Schutz des Christentums“ aktiv
       ist. Gründer des spendenfinanzierten Instituts ist der Brite Benjamin
       Harnwell, eine Art Götz Kubitschek Italiens.
       
       Bis 2010 war der zum Katholizismus konvertierte Brite Harnwell Mitarbeiter
       des EU-Parlaments, schon dort machte er sich gegen Abtreibung stark. 2008
       gründete er das Dignitates Humanae Institute. Gegen dessen Vorsitzenden,
       den Italiener Luca Volonté, ermittelt die Staatsanwaltschaft Mailand, weil
       er in seiner Zeit im Europarat 2,7 Millionen Euro Bestechungsgeld
       angenommen haben soll. Das Geld nutzte er, wie das italienische
       Wochenmagazin L’Espresso jüngst herausfand, vor allem dazu, um weltweit
       reaktionäre katholische Vereine von „LebensschützerInnen“ zu unterstützen.
       Unter ihnen auch das Dignitates Humanae Institute.
       
       Das prominenteste Aushängeschild des Instituts: Stephen Bannon,
       [5][ehemaliger Berater von US-Präsident Donald Trump und Ex-Chef der
       rechtsextremen Propagandaseite Breitbart News], dessen Konterfei groß auf
       der Homepage prangt. „Harnwell ist der klügste Mann in Rom“, wird Bannon
       dort zitiert. Seit Jahren, sagt Harnwell, helfe Bannon dabei, das Institut
       aufzubauen, Spenden einzutreiben und ein Trainingsprogramm für
       katholisch-politische AktivistInnen zu entwerfen.
       
       Nach seiner Entlassung durch Trump im August 2017 kündigte Bannon an, „die
       globale Infrastruktur der globalen populistischen Bewegung“ werden zu
       wollen. Ein Ausgangspunkt für ihn ist dabei offenbar das Institut – und
       dessen Verbindungen zum World Congress of Families. Kürzlich hat er
       angekündigt, den ungarischen Präsidenten Viktor Orbán [6][im anstehenden
       EU-Wahlkampf „beraten“ zu wollen]. Gemeinsam wollen sie „konservatives
       Denken statt liberaler Werte“ verbreiten – und die europäische Rechte im
       neuen EU-Parlament einen.
       
       Davon träumen RechtspopulistInnen in vielen Ländern, in Deutschland zum
       Beispiel. Für AfD-Chef Jörg Meuthen, jüngst zum Spitzenkandidaten seiner
       Partei für die EU-Wahl nominiert, ist Orbán ein „natürlicher Verbündeter“.
       So nennt er auch Hans-Christian Strache, den österreichischen Vizekanzler
       von der FPÖ und Lega-Chef Salvini. „Wir streben natürlich eine Kooperation
       mit diesen Partnern an“, sagte Meuthen vor seiner Nominierung. Und schob
       nach: „Das geht.“
       
       ## Der (Alb-)Traum einer vereinigten Rechte
       
       Genau das will auch die Lega.
       
       In Verona wollen die Rechten das Totenglöckchen für die Europäische Union
       läuten, wie wir sie kennen. Denn neben dem Weltfamilienkongress im März
       soll hier noch eine Veranstaltung statt finden: Fontana hat verkündet, im
       „Februar, spätestens im März“ eine Konferenz aller „souveränistischen“
       Parteien Europas abzuhalten. „Souveränistisch“, das ist ein von der Lega
       bevorzugter Terminus für das ordinäre „nationalistisch“.
       
       Und er macht klar, wem man Macht nehmen will: Brüssel. Eingeladen fühlen
       dürften sich alle rechten Parteien Europas, vom französischen Rassemblement
       National, wie der Front National inzwischen heißt, über Orbáns Fidesz bis
       zur AfD. AfD-Chef Meuthen würde sich über eine Einladung freuen. Und wohl
       nach Verona reisen, wie er der taz sagte.
       
       Das Ziel dieser Souveränisten-Konferenz sei es, „gemeinsame Programmpunkte
       für die EU-Wahl“ zu erarbeiten, formulierte Fontana gegenüber dem Corriere
       della Sera eher vorsichtig – wissend, dass es für ein gemeinsames
       Wahlprogramm nie reichen wird. Denn die Differenzen zwischen den
       Rechtsparteien scheinen da, wo es um europäische Finanzpolitik geht,
       unüberbrückbar.
       
       Das hinderte Fontana jedoch nicht, schon mal zu zu verkünden, dass es ja
       dennoch einen gemeinsamen Kandidaten für die Nachfolge von
       Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker geben könnte. Im Auge hat er dabei
       seinen „Freund Matteo“: Salvini. Die Europäische Union stehe an einem
       „wichtigen, vielleicht historischen Wendepunkt“, sagte Fontana. Ziel der
       „Souveränisten“ sei nicht, die Union zu verlassen, sondern die europäischen
       Verträge zu verändern. Nach Jahrzehnten gebe es nun die Chance, eine Ära
       der Reformen einzuläuten.
       
       Autorinnen und Autoren: Michael Braun, Malene Gürgen, Patricia Hecht,
       Christian Jakob, Sabine am Orde und Ambros Waibel
       
       29 Nov 2018
       
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       Papst Franziskus spricht sich überraschend für gleichgeschlechtliche
       Partnerschaften aus. Diese sollten auch gesetzlich geschützt werden.
       
 (DIR) Anti-Abtreibungskundgebung in USA: „Beschützer“ Trump
       
       Bei einer Kundgebung des „March for Life“ gegen Abtreibung nahm zum ersten
       Mal ein US-Präsident teil. Jedes Kind sei eine „heilige Gabe Gottes“, sagte
       er.
       
 (DIR) Rassismus in Italien: Die Lehre des Balotelli
       
       Der italienische Fußballer Mario Balotelli hat ein Zeichen gegen Rassismus
       gesetzt. Jetzt wollen ihn plötzlich alle als Posterboy gegen Nazis.
       
 (DIR) Matteo Salvinis Erfolg in Italien: Postfaschistische Flirts
       
       Italiens Innenminister Salvini ist nur deshalb so erfolgreich, weil seine
       rassistische Politik auf sehr fruchtbaren Boden fällt. Berlusconi sei Dank.
       
 (DIR) Vatikan-Argumente zur „Gendertheorie“: Neue Römische Kriege
       
       Die katholische Kirche hat ein Dokument zur „Gendertheorie“ veröffentlicht.
       Doch selbst für den Vatikan sind die Inhalte rückschrittlich.
       
 (DIR) Weltbevölkerungsbericht der UN: Verheerende Kluft bei Geburtenzahlen
       
       Der Bericht der Vereinten Nationen offenbart einen fatalen Kreislauf.
       Familienplanung und Armut bedingen einander – in beide Richtungen.
       
 (DIR) Ultrakonservativer Kongress in Italien: Für Gott, Staat und Familie
       
       In Verona findet das weltweit größte Treffen radikaler Abtreibungsgegner
       statt. Gegen den World Congress of Families formiert sich Protest.
       
 (DIR) Bibliothekare in der Zwickmühle: Rechte drängen ins Regal
       
       Die öffentlichen Bibliotheken haben ein Problem: Wie sollen sie mit der
       wachsenden Zahl von rechten Büchern umgehen?
       
 (DIR) Ehemaliger Trump-Chefstratege Bannon: Total Loser
       
       Der Ex-Breitbart-Chef Steve Bannon wollte einst Europa aufmischen. Passiert
       ist bislang ziemlich wenig.
       
 (DIR) Kommentar Rechte Intellektuelle: Heroismus mit Wurstplatte
       
       Wir haben ein Faszinationsproblem mit den Neurechten: Ihr heldenhafter
       Habitus ist nichts weiter als eine Pose, auf die keiner reinfallen sollte.
       
 (DIR) Konservative AntifeministInnen in Italien: Der Kampf für die „natürliche Familie“
       
       Die Regierung in Rom hält die Schirmherrschaft, wenn sich der
       ultrakonservative „World Congress of Families“ trifft. Dagegen regt sich
       Widerstand.
       
 (DIR) Priesterin über katholische Traditionen: „Bei mir wirkt die Priesterweihe“
       
       Judith Gigl wollte nicht auf den Vatikan warten und hat sich zur Priesterin
       weihen lassen. Nun ist sie exkommuniziert – und guter Dinge.
       
 (DIR) Was ist konservativ?: Talent zur Anpassung
       
       Kommt das Konservative wieder? Rechte und gemäßigte Christdemokraten
       reklamieren den Begriff für sich. Auf der Suche nach einem Lebensgefühl.
       
 (DIR) Frauenrechte in Italien: Schenkt dem Vaterland ein Kind
       
       Nicht nur im Haushaltsstreit sollte die EU skeptisch auf Italien schauen.
       Europaweit mühsam errungene Zivil- und Frauenrechte werden zurückgedreht.
       
 (DIR) „Werbeverbot“ für Abtreibungen: Paragraf 219a belastet die GroKo
       
       Die FDP will per Antrag im Bundestag den Paragrafen 219a zu Fall bringen.
       Doch mit den Stimmen der SPD ist derzeit kaum zu rechnen.
       
 (DIR) Abtreibungsgesetz in Norwegen: „Weg von meiner Gebärmutter!“
       
       Tausende NorwegerInnen demonstrieren für das 40 Jahre alte liberale
       Abtreibungsrecht. Es droht zum Opfer der Koalitionsverhandlungen zu werden.
       
 (DIR) Urteil des Europäischen Gerichtshofes: Abtreibungsgegner verliert vor Gericht
       
       Klaus Günter Annen verglich einen Forscher mit KZ-Ärzten und wurde
       verurteilt. Das Urteil ist dem EuGH zufolge kein Verstoß gegen
       Meinungsfreiheit.
       
 (DIR) Mahnwachen von „LebensschützerInnen“: Mahnen, wachen, hetzen
       
       AbtreibungsgegnerInnen versuchen, schwangere Frauen vor Beratungsstellen
       einzuschüchtern. Ihre Aktionen werden immer aggressiver.