# taz.de -- Aktivist_innen über Intergeschlechtlichkeit: „Es gibt viele Arten, inter* zu sein“
       
       > Im Schwulen Museum in Berlin ist erstmals eine Ausstellung über
       > Intergeschlechtlichkeit zu sehen. Viel zu oft wird sie im „LGBTIQ“
       > ignoriert.
       
 (IMG) Bild: Sunil Gupta: Untitled #13, aus der Serie „The New Pre-Raphaelites“, 2008 (Ausschnitt)
       
       taz: LGBTIQ-Themen wurden in den letzten Jahren viel diskutiert – doch das
       I fällt dabei meist aus dem Blick. Wie kommt das, Ev Blaine Matthigack und
       Ins A Kromminga? 
       
       Ev Blaine Matthigack: Es ist immer noch so, dass die Medizin hauptsächlich
       die Autorität hat, das Thema Intergeschlechtlichkeit zu verhandeln. Das
       Thema Inter* hat in den letzten Jahren tatsächlich mehr gesellschaftliche
       Aufmerksamkeit bekommen, allerdings wird häufig über Inter* gesprochen
       anstatt mit ihnen.
       
       Das Schwule Museum in Berlin zeigt zum ersten Mal in seiner Geschichte eine
       Ausstellung, die dezidiert dem Thema Intergeschlechtlichkeit gewidmet ist
       und maßgeblich von inter* Personen gestaltet wurde. Was ist das Besondere
       an dieser Ausstellung? 
       
       Matthigack: Die Ausstellung ist ein Statement in die Gesellschaft und
       möchte Wissen vermitteln. Die Inter*-Community kommt hier selbst zu Wort.
       Es werden Perspektiven von Menschen gezeigt, die in verschieden
       Weltregionen Menschenrechtsarbeit machen. Nennen wir es einen
       aktivistischen Wissens- und Erfahrungsspeicher.
       
       Ins A Kromminga: Uns war es wichtig, eine Verbindungslinie aufzuzeigen mit
       denen, die vor uns da waren. Intergeschlechtlichkeit ist nichts Neues, es
       hat sie schon immer gegeben. Nur wie wir als Gesellschaft damit umgehen,
       hat sich in den letzten 60, 70 Jahren extrem verändert. In westlichen
       Ländern wurde der Zugriff der Medizin seit den 1950er Jahren so enorm, dass
       es eigentlich kaum noch Inter* gibt, die durch dieses Raster rutschen und
       nicht im Laufe ihres Lebens in irgendeiner Weise medikalisiert werden. Es
       geht also leider immer noch um Grundsatzfragen wie körperliche
       Unversehrtheit und Selbstbestimmung.
       
       Matthigack: In der Ausstellung werden Gewalterfahrungen in Bezug auf
       Medizin und Rechtsprechung thematisiert, sie werden aber künstlerisch
       transformiert. Die Ausstellung zeigt dabei auch, dass es eine starke
       Community gibt, die mittlerweile anfängt, sich in ihrem Inter*-Sein zu
       feiern.
       
       Das Begleitheft zur Ausstellung beschreibt Fotografie als ein gewaltvolles
       Instrument der Medizin. Inter* Körper wurden für einen medizinischen Blick
       exponiert, den Fotografierten wurde auf solchen Abbildungen sogar häufig
       ein schwarzer Balken über die Augen gelegt. 
       
       Kromminga: Es gab die Frage, ob wir noch mal direkteren Bezug nehmen auf
       solche historischen Abbildungen, die auch im Schwulen Museum im Archiv
       vorhanden sind. Da haben wir uns aber ganz klar dagegen entschieden. Auch,
       weil wir noch heute nicht an der Stelle sind, entpathologisiert zu sein.
       Wir haben noch nicht die Menschenrechte, die andere Menschen vielleicht
       erst mal so für sich in Anspruch nehmen können.
       
       Matthigack: Fotografie wurde dann später zu einem Mittel, auf diese
       Traditionen zu antworten. Eine der ersten Inter*-Aktivist_innen, Mani Bruce
       Mitchell, hat das Medium zum Beispiel für sich angewendet. Und zwar bereits
       in den 1990er Jahren, als das Thema überhaupt erst sichtbar wurde und bevor
       es auf einer Menschenrechtsebene bei den Vereinten Nationen diskutiert
       wurde. Da hat sie_er sich sehr stark mit der Fotoarbeit „Mani (I am not a
       monster)“ von Rebecca Swan platziert. Das ist eine ganz klare Ansage.
       
       Wie würden Sie den Platz von I in LGBTIQ beschreiben? 
       
       Kromminga: Der kleinste gemeinsame Nenner war immer, dass wir ähnliche
       Diskriminierungserfahrungen machen wie Schwule, Lesben, Trans* usw. Zum
       Beispiel was Pathologisierung angeht und die Normvorstellung, wie Körper zu
       sein haben. Das ist eng verflochten mit Vorstellungen von Geschlecht und
       Gender. Diese Binarität, die weiterhin in unserer Gesellschaft vorherrscht,
       hat sehr stark damit zu tun, wie mit inter* Menschen, mit inter* Kindern
       umgegangen wird.
       
       Wir müssten also viel grundsätzlicher über Geschlecht und Gender
       nachdenken? 
       
       Matthigack: Wir können auch beim Personenstandsgesetz noch weiter denken.
       Bei [1][OII Germany] setzen wir uns für die Abschaffung einer Registrierung
       des Geschlechtes ein.
       
       Kromminga: Diese Vorstellung, dass die körperliche Norm klar männlich und
       klar weiblich ist und dass sich alle später auch mit dem Geschlecht, das
       ihnen zugewiesen wurde, identifizieren, wird als selbstverständlich
       vorausgesetzt. Inter* fallen da schon auf der körperlichen Ebene raus und
       werden aufgrund dieser starren Wahrnehmung diskriminiert und in ihren
       Menschenrechten verletzt.
       
       Hinzu kommt Unwissen darüber, wie inter* Menschen sich selbst sehen. 
       
       Kromminga: Beim [2][Personenstandsgesetz] gab es oft diese verkürzte
       Wahrnehmung, „jetzt gibt es das dritte Geschlecht in Deutschland“. Diese
       Vorstellung von einem „Dritten Geschlecht“ ist aber eine Versimplifizierung
       und falsche Darstellung von dem, was Intergeschlechtlichkeit bedeutet. Das
       betrifft auch „divers“. Nach dem Motto, „dann sind alle Inter* jetzt
       ‚divers‘“. Im Leben vieler inter* Menschen ist das aber nicht so, viele
       finden sich da nicht wieder. Es gibt so viele unterschiedliche Arten,
       inter* zu sein. Natürlich sind nicht alle Inter* automatisch auch LGBTQ. Es
       gibt aber Inter*, die sich auch als queer definieren, als trans*, lesbisch
       oder schwul lebend.
       
       Die Kategorie „cis-gender“ wird oft benutzt, um Menschen zu bezeichnen,
       deren Genderidentität dem Geschlecht entspricht, das ihnen bei der Geburt
       zugewiesen wurde. Ist das auch eine Kategorie, die wir noch mal überdenken
       müssten? 
       
       Matthigack: Es gibt natürlich auch Inter*, die sich als Mann oder als Frau
       verstehen oder heterosexuell leben. Der Begriff „cis“ ist aber trotzdem für
       Inter* in Teilen wirklich nicht hilfreich.
       
       Kromminga: Es gibt ja häufig die Vorstellung, „cis ist erst mal
       privilegiert“. Inter* erleben das aber oft anders. Wenn eine inter* Person
       als Mann oder Frau lebt, könnte man sagen, dass diese Person auch
       Privilegien erlebt, wenn sie sich mit einem der üblichen Geschlechter
       identifiziert. In der Wahrnehmung des Außen wird das ja auch bestätigt oder
       unterstützt.
       
       Gleichzeitig bedeutet aber Inter* zu sein in dem Fall, dass man andere
       Punkte hat, wo man Diskriminierungen erlebt oder verletzt wird, wie z. B.
       durch medizinische Eingriffe, die nicht notwendig sind, oder bei der
       Gesundheitsversorgung, in der der eigene inter* Körper an unpassenden
       Standards gemessen und tatsächliche Bedarfe oft nicht berücksichtigt
       werden. Das ist also eine wichtige Frage von Intersektionalitäten.
       
       In Deutschland ist dieses Jahr das „Gesetz zum Schutz von Kindern mit
       Varianten der Geschlechtsentwicklung“ verabschiedet worden. 
       
       Matthigack: Das ist ein wichtiges Signal, dass intergeschlechtliche Kinder
       geschützt werden müssen vor nicht eingewilligten Eingriffen.
       
       Kromminga: Wir haben mehrere [3][Stellungnahmen] in diesem Prozess
       formuliert und hoffen, dass sich diese Sachen zumindest in Deutschland zum
       Positiven verändern. Aber wir haben da auch weiter große Bedenken, wie zum
       Beispiel bei der Zusammenstellung der angedachten Kommission, die weiter im
       klinischen Setting verbleibt und damit Entscheidungsprozesse von vornherein
       unter einen pathologisierenden Blickwinkel stellt.
       
       Beim Thema Operationen an Kindern horchen viele auf. Wie geht es eigentlich
       inter* Teenagern oder Erwachsenen? 
       
       Kromminga: Es wird tatsächlich nie wirklich geschaut, was ist denn mit den
       Leuten los, wenn sie dann einmal 18 oder 19 oder noch älter sind. Ich
       persönlich mache zum Beispiel seit 21 Jahren Inter*-Aktivismus, und als ich
       angefangen habe, wurden Leute geboren, denen ich heute als junge
       Inter*-Aktivist_innen begegne, weil sie die gleichen Verletzungen erlebt
       haben. Das macht einem schon zu schaffen, so als alte_r Herm.
       
       Matthigack: In der Kindheit gibt es einen entscheidenden Unterschied beim
       Aufwachsen. Andere Personen haben meist erst mal eine gewisse Zeitspanne,
       in der sie in einem nicht von außen in Frage gestellten Körper heranwachsen
       können. Bei inter* Kindern und Teenagern ist das nicht so.
       
       Kromminga: Die Medikalisierung, von der Inter* betroffen sind, hat
       Auswirkungen auf das ganze Leben. Wenn du dein Leben lang so wahrgenommen
       wirst und das erlebst, macht das natürlich etwas mit deinem
       Selbstverständnis, mit deinem Selbstbewusstsein. Es ist ganz schwierig für
       viele inter* Menschen, sich davon zu befreien und festzustellen, das ist
       nicht normal, was mir die letzten 20 Jahre passiert ist, und da stimmt was
       nicht mit dem Außen.
       
       Lange kamen inter* Figuren nur in Krankenhausserien vor. Quasi eine
       Bestätigung der Idee, dass Intergeschlechtlichkeit eine Krankheit sei. 
       
       Matthigack: Genau. Oder es gibt dieses mythologisierende Bild. In jeder
       Doku taucht z. B. die hermaphroditische Statue von Gian Lorenzo aus dem
       Louvre auf.
       
       Kromminga: Repräsentation ist ein entscheidendes Thema. Es gibt zu wenige
       kulturelle Produktionen, wo Inter* selber zu Wort kommen. In der Literatur
       tauchen zwar beispielsweise immer mehr inter* Figuren auf, häufig bleiben
       diese Figuren aber einfach nur Projektionsfläche von endogeschlechtlichen
       Menschen.
       
       3 Nov 2021
       
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