# taz.de -- Kulturpolitik in Berlin: „Jetzt entscheidet sich die Zukunft“
> Ab Montag geht es bei den Koalitionsverhandlungen auch um Kulturpolitik.
> Sabine Kroner vom Rat für die Künste Berlin über Geld und verlorenes
> Vertrauen.
(IMG) Bild: Kultur kostet, aber was gibt sie der Stadt?
taz: Frau Kroner, Linke, Grüne und SPD haben im Wahlkampf versprochen, die
Kultur zu stärken. Fürchten Sie trotzdem den nächsten Kahlschlag?
Sabine Kroner: Wir haben in den vergangenen Jahren schwerwiegende
Erfahrungen mit chaotischen Entscheidungen, Kürzungen und Streichungen
gemacht. Manche Dinge sind für immer verloren, wenn sie nicht jetzt
zurückgenommen werden. Und Einrichtungen, die bereits gekürzt wurden,
werden von der Verwaltung schon auf weitere Einschnitte vorbereitet. Dabei
haben alle drei Parteien versprochen, den Kulturhaushalt zu stärken. Wir
sind gespannt, was davon übrigbleibt.
taz: Die Linke hat vor den Wahlen angekündigt, den Kulturanteil am Haushalt
von 2,2 auf 2,5 Prozent zu erhöhen, später auf 3 Prozent. Wie finden Sie
es, dass im Sondierungspapier davon nichts mehr steht?
Kroner: Es gibt im gemeinsamen Sondierungspapier der drei Parteien nicht
einmal eine eigene Zwischenüberschrift für die Kultur. Da wird von jungen
Familien und der Kiezkantine gesprochen und plötzlich geht es um Kultur.
Auch von Prozentzahlen ist keine Rede. Entscheidend wird sein, welchen
finanziellen Rahmen die Haushälter den Fachgruppen für die
Koalitionsverhandlungen vorgeben. Daran werden wir erkennen, ob die
Wahlversprechen nur heiße Luft waren.
taz: Sie fordern ein [1][starkes Kulturressort]. Wie sehr hat das bisher
gefehlt?
Kroner: Wir hatten in den vergangenen drei Jahren drei Verantwortliche an
der Spitze des Kulturressorts, zuletzt hat der Finanzsenator die Kultur
mitverwaltet. Wir sind müde davon. Wir brauchen jemanden mit
kulturpolitischer Fachkompetenz, der sich diesem Ressort wirklich annimmt
und möglichst auch etwas von Kulturfinanzierung versteht. Jetzt könnten in
den Koalitionsverhandlungen Ressorts neu zugeschnitten werden.
taz: Der Rat für die Künste fordert einen Neuanfang. Was müsste sich
ändern?
Kroner: Die Kulturpolitik muss neu aufgestellt werden. Wir brauchen eine
Politik, die nicht nur fragt, was Kultur kostet, sondern versteht, was sie
der Stadt gibt – und was es Berlin kosten würde, seine Kultur zu verlieren.
Dazu gehört auch eine Verwaltung, die fachlich gut aufgestellt ist und mit
den aktuellen Krisen umgehen kann.
taz: Die [2][CDU-Fördergeldaffäre] hat das Vertrauen in die Berliner
Kulturpolitik beschädigt. Auf Bundesebene sorgt Wolfram Weimer mit seinem
autoritären Gebaren für Kontroversen. Und dann gibt es noch die
Kulturpolitik von ganz rechts in Sachsen-Anhalt. Wie besorgt sind Sie über
politische Einflussnahme?
Kroner: Wir brauchen dringend Transparenz und verlässliche
Förderbedingungen, einen wirksamen Schutz der Kunstfreiheit und vor
Angriffen radikaler und antidemokratischer Kräfte. Auch die
Kulturverwaltung hat unter den vergangenen Jahren stark gelitten. Und wir
brauchen eine Kulturpolitik, die sich diesen Herausforderungen tatsächlich
stellt. Deshalb ist die Frage so entscheidend, wer künftig das
Kulturressort übernimmt und welchen Stellenwert es in der Koalition
bekommt.
taz: Sie fordern einen Kulturgipfel und eine Agenda 2035. Wieso braucht
Berlin noch mehr Konzepte?
Kroner: Es geht nicht um Konzepte, sondern um eine gemeinsame Agenda und
Prioritäten für die Zukunft. Und wir brauchen wieder einen echten Dialog.
In den vergangenen Jahren hat es den kaum gegeben. Zwar wurde auf Gespräche
mit dem Regierenden Bürgermeister verwiesen, aber die fanden nur punktuell
statt. Trotzdem hieß es anschließend, die Entscheidungen seien Ergebnis
dieses Dialogs gewesen. Das stimmt nicht.
taz: Was soll ein Kulturgipfel ändern?
Kroner: Wir wollen gleich zu Beginn der Legislaturperiode mit der neuen
Hausleitung und der Verwaltung zusammenkommen und fragen: Wo stehen wir, wo
wollen wir hin? Daraus soll ein langfristiger Kulturentwicklungsplan
entstehen, auch gemeinsam mit Stadtentwicklung und Bildung. Wir wollen
unser Fachwissen einbringen und über einzelne Legislaturperioden
hinausdenken.
taz: Immerhin stehen [3][Museumssonntag], Jugendkulturkarte und
Kulturfördergesetz im Sondierungspapier. Ein Erfolg?
Kroner: Die ersten beiden sind populäre Maßnahmen. Aber sie müssen
finanziert werden. Allein die Jugendkulturkarte kostet vier Millionen Euro
im Jahr, und auch der Museumssonntag ist nicht umsonst. Die bloße Nennung
des Kulturfördergesetzes reicht nicht: Es muss als kulturpolitischer
Auftrag im Koalitionsvertrag verankert werden, damit das Parlament das
Gesetz erarbeitet und in Kraft setzt. Die fachliche Vorarbeit dafür haben
bereits 120 Akteurinnen der Kulturlandschaft in einem Zwischenergebnis
vorgelegt.
taz: Die Grünen versprachen vor den Wahlen mehr [4][Unterstützung für die
Freie Szene], die SPD faire Honorare. Was wird von diesen Versprechen
bleiben?
Kroner: Man darf die Freie Szene und die institutionell geförderten Häuser
nicht gegeneinander ausspielen. Die Freie Szene trägt maßgeblich dazu bei,
dass auch die großen Einrichtungen funktionieren.
taz: Wäre [5][angesichts steigender Kosten] nicht schon ein
gleichbleibender Kulturetat eine Kürzung?
Kroner: Natürlich. Aber auch 2,5 Prozent eines geschrumpften
Gesamthaushalts können weniger sein, als wir eigentlich brauchen.
Gleichzeitig wurden andere Bereiche ebenfalls massiv gekürzt. Wir können
nicht einfach das größte Stück vom Kuchen verlangen und die anderen leer
ausgehen lassen. Entscheidend ist: Die Kultur wurde in den vergangenen
Jahren überproportional gekürzt. Das ist es, womit Schluss sein muss.
taz: Eine Studie des [6][Instituts für Kulturelle Teilhabeforschung]
beziffert den wirtschaftlichen Rückfluss jedes Euro Kulturförderung auf
mehr als 3,50 Euro. Warum muss Kultur ihre Rentabilität beweisen?
Kroner: Ich fand die Studie sehr wertvoll. Wir wurden von Politikerinnen
und Politikern, die wenig mit Kultur zu tun haben, immer wieder gefragt:
Was bekommen wir für unser Geld? Da mussten wir teilweise selbst anfangen
zu rechnen. Aber ich verstehe auch ihren Punkt: Kultur ist eben auch eine
Säule der Demokratie.
taz: Sie sprechen von der Berlin Mondiale, die Sie leiten?
Kroner: Ja. Ende 2024 hat uns der Senat auf null gesetzt. Überlebt hat das
Netzwerk nur, weil wir Drittmittel wie Gelder aus der Lotto-Stiftung
einwerben konnten. Natürlich kann ich vorrechnen, welche Synergien wir in
Nachbarschaften schaffen, die kaum kulturelle Infrastruktur haben. Bei
kultureller Bildung und gesellschaftlicher Teilhabe fällt es mir schwer,
alles wirtschaftlich zu bewerten, da hierbei vor allem nicht materielle
Effekte erzielt werden – Effekte, die ein Leben lang wertvoll sein können.
taz: Der Rat fordert die Hälfte der Übernachtungssteuer für die Freie
Szene. Warum?
Kroner: Der Rat für die Künste hat die Idee der City Tax ursprünglich
mitentwickelt. Ein Teil der Einnahmen sollte zurück in die Kulturszene
fließen. Die Steuer bringt inzwischen mehr Geld ein, aber davon ist aus
unserer Sicht zu wenig bei der Kultur angekommen. Wir suchen nach
Möglichkeiten, den Kulturhaushalt zu stärken. Die Übernachtungssteuer wäre
dafür ein wichtiger Hebel.
taz: Die Linke hat 1.000 neue Arbeitsräume versprochen. Was davon steht
jetzt noch auf der Agenda?
Kroner: Der Ausbau des künstlerischen Arbeitsraumprogramms wurde durch
massive Kürzungen drastisch gestoppt. In den vergangenen drei Jahren sind
praktisch keine neuen Arbeitsräume entstanden, während bestehende verloren
gingen. Wir müssen das Programm unbedingt erhalten und wieder ausbauen.
Jetzt entscheidet sich die Zukunft der Kulturmetropole Berlin.
taz: Spielt das in den Koalitionsverhandlungen eine Rolle?
Kroner: Nach meinem Kenntnisstand wollen die Parteien das
Arbeitsraumprogramm als prioritären Punkt in die Verhandlungen einbringen.
Ob sie sich auf ein gemeinsames Vorgehen einigen, ist eine andere Frage.
Schließlich sitzt mit der SPD auch eine Partei am Tisch, die der bisherigen
Regierung angehörte. Umso wichtiger ist es, die Kulturziele jetzt zu
priorisieren, da aus dem letzten Koalitionsvertrag kaum eines umgesetzt
wurde.
taz: Die Kulturverbände bieten ihre Expertise an. Sitzen Sie bei den
Verhandlungen mit am Tisch?
Kroner: Wir können Papiere einreichen, Öffentlichkeit herstellen und
Gespräche führen. Aber bei den eigentlichen Verhandlungen sind wir nicht
dabei. Wir müssen darauf vertrauen, dass die Parteien unsere Forderungen
aufnehmen und für die Kultur kämpfen.
5 Nov 2026
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## AUTOREN
(DIR) Susanne Messmer
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