# taz.de -- Kulturpolitik in Berlin: Der Rückzug der Debatte aus dem Stadtraum
       
       > Am Ernst-Reuter-Platz zeigt sich: Weniger Kunst im öffentlichen Raum
       > bedeutet oft weniger unbequeme Fragen. Ist es politischer Wille?
       
 (IMG) Bild: Der Ernst-Reuter-Platz, leider ohne Kunst
       
       Nur über eine Art Geheimweg, den Ausgang „Mittelinsel“ der U-Bahn, ist der
       [1][Ernst-Reuter-Platz] in Charlottenburg überhaupt erreichbar. Kein
       Übergang, keine Ampel – die oder der Fußgänger*in taucht einfach auf,
       mitten im Verkehr. An diesem frühen Frühlingsnachmittag sind die
       Springbrunnen noch nicht in Betrieb, das Abstandsgrün liegt grau und
       erschöpft da, als habe der Winter es noch nicht freigegeben. „Gemütlich
       hier, was?“, schreit Martin Schönfeld gegen den Lärm an.
       
       Dass der Mitarbeiter des Büros für Kunst im öffentlichen Raum im
       Berufsverband Bildender Künstler*innen und Künstler in Berlin (bbk)
       ausgerechnet diesen Ort gewählt hat, um über die rigide Sparpolitik des
       schwarz-roten Senats zu sprechen, ist eine Setzung. Denn dies ist kein
       Platz, sondern ein überdimensionierter Kreisel. Autos schieben sich in
       endlosen Schleifen vorbei, mehrspurig, ununterbrochen. Es ist, als befände
       man sich im Nukleus einer Waschmaschine: alles in Bewegung, nichts, woran
       es sich festzuhalten lohnt.
       
       Und doch stehen um den Unort herum [2][Gebäude der Nachkriegsmoderne], die
       vom Wiederaufbau der Stadt erzählen – plastischer, als es jedes
       Geschichtsbuch könnte: das Osram-Haus, entstanden im frühen Wiederaufbau,
       noch ein wenig schüchtern hoffnungsvoll. Das Telefunken-Hochhaus, wenige
       Jahre später, schon sehr viel selbstbewusster. Und schließlich – Thema
       Sanierungsstau bei den Berliner Hochschulen – das
       [3][renovierungsbedürftige Architekturgebäude der Technischen Universität],
       das für eine eher abgespeckte Vorstellung von Planung und Ordnung steht.
       Heute wirken alle drei wie lose Fragmente eines Zusammenhangs, der sich
       längst aufgelöst hat.
       
       Hier, erklärt Martin Schönfeld, hätte man ansetzen können: nicht mit
       Verschönerung, sondern mit Irritation. Künstlerische Interventionen hätten
       den Platz lesbar machen können – als historisches Dokument, als offene
       Frage. Studierende hätten eingebunden werden müssen, Anwohner*innen den
       Ort bespielen können. Kunst hätte hier nicht dekoriert, sondern
       offengelegt: die Antiquiertheit des Raums, seine Dysfunktionalität, aber
       auch seine Möglichkeiten.
       
       ## Drastische Kürzungen im Etat
       
       Doch all das wird hier nicht stattfinden. Die [4][drastischen Kürzungen im
       Etat für Kunst im öffentlichen Raum] haben genau solche Projekte unmöglich
       gemacht. Ursprünglich betrug der jährliche Topf für Schönfelds Büro, das
       das Land Berlin seit fast 50 Jahren bei Kunst im öffentlichen Raum
       unterstützt, 375.000 Euro. Im Haushaltsplan 2026/27 wurde das [5][Projekt
       Draußenstadt], bei dem es ebenfalls um künstlerische Interventionen im
       öffentlichen Raum ging, beendet: Ein Verlust von 500.000 Euro. Der
       Haushaltstitel „Künstlerische Gestaltung im Stadtraum“ wurde um zwei
       Drittel gekürzt. Bleiben 125.000 Euro. „Das bedeutet nicht nur das
       weitgehende Aus für Kunst im öffentlichen Raum in Berlin“, so Schönfeld.
       „Es ist auch das Ende von Gelegenheiten, Stadt öffentlich zu verhandeln. Es
       ist ein Rückzug des Nachdenkens aus dem Stadtraum selbst.“
       
       Denn Kunst im öffentlichen Raum ist längst nicht mehr das, womit viele
       Stadtbewohner*innen aufgewachsen sind: Mit schweren Bronzeplastiken
       auf Sockeln, die öde Orte oft eher schmallippig bebildern. Sie richtet sich
       nicht mehr an ein distinguiertes Publikum, das abstrakte Kunst zu deuten
       weiß, sondern an alle, die sich zufällig im Raum befinden – egal, wie alt,
       reich und gebildet sie sind: Sie ermöglicht Teilhabe ohne Zugangshürden,
       stößt Debatten an, die weit über die Kunst hinaus gehen. Viele andere
       Städte wie etwa Wien oder München haben das offenbar besser verstanden –
       sie gaben dafür allein im Jahr 2023 900.000 beziehungsweise 800.000 Euro
       aus.
       
       Martin Schönfeld erklärt: Wenn diese Praxis verschwindet, wird sich die
       Kunst wieder mehr in Galerien und Institutionen zurückziehen, in „closed
       shops“, die für viele schwer zugänglich sind. Die Stadt verliert damit ein
       Instrument, das soziale, politische und ökologische Probleme sichtbar
       machen kann. Was verloren geht, lässt sich an Projekten ablesen, die noch
       möglich waren.
       
       Im [6][Hansaviertel] zum Beispiel. Dort entstand 2018 und 2019 mit
       „Nachbarn auf Zeit“ eine Intervention, die zunächst einfach verwirrte:
       Mitten in der Stadt wurde eine Schafsweide eingerichtet. Der Auftakt war
       eine Demonstration mit rund 200 Schafen, von anfänglich über 500 Menschen,
       denen sich immer mehr anschlossen, begleitet von [7][Schäfer Knut Kucznik]:
       vom Haus der Kulturen der Welt über Bellevue und den Großen Stern bis zum
       Hansaplatz.
       
       ## Ein Ort für Gespräche
       
       Im Anschluss blieben fünf Schafe für einen Monat im Hansaviertel. Die Wiese
       neben der Hansabibliothek wurde zur Weide mit Stall. Plötzlich entstand ein
       Ort, an dem Menschen stehen blieben, ins Gespräch kamen, Tiere fütterten,
       abends in den Stall trieben und morgens wieder ins Freie ließen, sich dafür
       absprechen und koordinieren mussten.
       
       Dabei knüpfte das Projekt auch an die Geschichte des Viertels an, das
       [8][im Rahmen der Interbau 1957] als „Stadt von morgen“ konzipiert worden
       war. Plötzlich ging es darum, wie diese „Stadt von morgen“ von heute aus
       konzipiert werden könnte – unter den Bedingungen des Klimawandels. Die
       Schafe gaben einen Impuls, gemeinsam darüber zu verhandeln.
       
       Weitere Projekte für Kunst im Stadtraum fanden in dezentralen,
       [9][städtebaulich problematischen Bezirken wie Marzahn und Hellersdorf]
       statt, aber auch in der Leipziger Straße, die streckenweise eher wie eine
       Autobahntrasse wirkt denn als innerstädtische Straße. Dass hier rund 6.500
       Menschen leben, versinkt im Smog und Lärm.
       
       Gerade diese Widersprüchlichkeit machte die Leipziger zum Ausgangspunkt für
       mehrere künstlerische Projekte. Den Auftakt bildete 2024 der
       [10][„Gertraudenhain“ des Künstlers Christof Zwiener] am Spittelmarkt. Auf
       einer stark belasteten Fläche von 150 Quadratmetern entstand ein
       sogenannter Tiny Forest – ein dichter, schnell wachsender Miniwald aus über
       450 Baum- und Strauchsetzlingen, angelegt nach den Methoden des Botanikers
       [11][Akira Miyawaki], der auf diese Weise in Japan und anderswo
       Industriegebiete, Böden neben Fabriken und Häfen, entlang von Straßen,
       Deichen und sogar um Kernkraftwerke herum aufgeforstet hat.
       
       ## Mehr als ein schicker Aufkleber
       
       Doch auch in der Leipziger Straße ging es nicht nur um Begrünung. Der
       Prozess selbst war Teil der Arbeit: Bodenanalysen, Grabungen, die
       Freilegung von Schichten, die Zusammenarbeit mit lokalen Initiativen und
       Werkstätten. Die Bäume wurden gemeinsam mit der Nachbarschaft gepflanzt.
       Ein Weg aus geborgenen Materialien durchzieht das kleine Wäldchen.
       
       Weitere Projekte entlang der Leipziger Straße – Installationen,
       Performances, Gesprächsformate – griffen diesen Ansatz auf. Sie verbanden
       künstlerische Praxis mit konkreten Orten und ihren Bewohnern – und machten
       klar, dass auch hier Kunst im öffentlichen Raum weit mehr sein kann als ein
       schicker Aufkleber.
       
       Die aktuellen Kürzungen treffen genau diese Praxis. Sie entziehen nicht nur
       einzelnen Projekten die Grundlage, sondern einer ganzen Arbeitsweise. Was
       bleibt, ist Verengung: Kunst wird wieder stärker an institutionelle Räume
       gebunden, unsinniger öffentlicher Raum sich selbst überlassen.
       
       Der umtoste Ernst-Reuter-Platz steht exemplarisch für diese Entwicklung.
       Und vielleicht ist genau das der eigentliche Punkt: Wenn es immer weniger
       Orte für Auseinandersetzung im Alltag einer Stadt wie Berlin gibt, findet
       sie auch immer weniger statt. Insofern wirkt der Ernst-Reuter-Platz nicht
       mehr nur wie ein Planungsfehler aus der Vergangenheit, sondern wie ein
       gegenwärtiges politisches Signal.
       
       Die Umwandlung solcher Orte in dritte Räume, an denen unbequeme Fragen
       gestellt werden können: Sie ist derzeit offenbar nicht gewollt.
       
       2 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [4] /Berliner-Kulturfoerderung/!6153274
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 (DIR) [8] /Internationale-Bauausstellung-in-Berlin/!6166257
 (DIR) [9] /Krise-des-Einzelhandels/!6070318
 (DIR) [10] /Gertraudenhain-in-Berlin-Mitte/!6001652
 (DIR) [11] /Baumpflanzaktion-fuer-besseres-Klima/!5846172
       
       ## AUTOREN
       
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